Montréal: Wir sind angekommen!

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An Tagen wie diesen fällt es nicht schwer, sich nach fünf Monaten Mallorca wieder in Montréal heimisch zu fühlen.

Mallorca hat das Meer und die Berge. Aber Montréal immerhin den Sankt-Lorenz-Strom und den Mont-Royal.

Beim Blick von der 50 Meter hohen Jacques-Cartier-Brücke in die Tiefe des Flusses fühlt es sich an, als würde Old Man River an diesem Formel-Eins-Wochenende eigens für die angereisten Touristen aus aller Welt noch einen Zahn zulegen.

Hochsommerliche Temperaturen. Freundliche Menschen. Schrille Charaktere. Eine begnadete Skyline. Und immer dabei dieses berühmte Montrealer Je ne sais quoi.

„Ich hatte keine Ahnung“, sagt der erst vor drei Monaten zugewanderte Belgier bei einer zufälligen Begegnung auf der Casino-Brücke, „dass Montréal dieses internationale Flair einer Weltstadt-Metropole hat“. Jetzt weiss er es.

Wenn dann am Ende der 16 Kilometer langen Stadtwanderung noch ein zauberhaftes Essen bei der Stamm-Vietnamesin auf einen wartet, darf der Tag getrost unter der Rubrik „angekommen!“ abgehakt werden.

Ein paar Takte „Montréal zu Fuß“ finden Sie beim Anklicken der Bildergalerie.

Tag drei nach dem Aufprall

IMG_6814Dritter Tag nach der Rückkehr aus dem Winterdomizil auf Mallorca: Geht so. Keiner hat sich gemeldet, der die Wolken wegschieben möchte. Und die Batterie im Türöffner des Autos hat auch schlapp gemacht.

Dafür meldet sich die Alarmanlage. Sie glaubt im Ernst, es hätte einer den Versuch gemacht, den Wagen zu klauen. Meinen Wagen! Lassen sich eigentlich heutzutage keine Autotüren mehr mit dem Schlüssel öffnen, ohne gleich ein Heulen und Zetern auf dem Parkplatz beim Supermarkt zu entfachen? Wie peinlich!

Peinlich ist es auch, anschließend im Drogeriemarkt aufzutauchen, vermeintlich mit der Musterbatterie für den Türöffner in der Hand. Nur um an der Kasse festzustellen: Die Hand ist leer. Die Batterie hat irgendwo auf dem Parkplatz ihre letzte Ruhe gefunden.

Der begossene Pudel will unverrichteter Dinge wieder abziehen, doch die junge Verkäuferin hat ein Herz für vergessliche Snowbirds. „Atmen Sie jetzt einfach mal ganz tief durch … sooooo …“, sagt sie, und atmet ganz tief durch. „Dann werden wir die richtige Batterie schon finden“.

Und hat sie auch prompt gefunden. Nur um am nächsten Tag beim Kleenex-Kauf frech-süffisant zu fragen, ob heute alles in Ordnung sei. Die Gnade der Jugend.

Und sonst? Waren Behördengänge angesagt, bei denen natürlich das wichtigste Dokument fehlte. Wurde unmittelbar vor mir ein nagelneuer Lexus von einem Lkw zerlegt. War die Waschanlage meines Herzens geschlossen, weil kurz zuvor ein Kompressor explodiert war.

Und Allan von der Autowerkstatt um die Ecke freute sich wie ein Schneekönig, dass ich über einen Autodiebstahl Bescheid weiss, der sich im Februar auf seinem Hof ereignet hatte.

Der Schaden? „Nicht der Rede wert, zahlt die Versicherung“. Aber: „Hey Boys, Herby hier hat in Spanien davon gelesen. IN SPANIEN!!! Wie cool ist das denn?“ Und, ja, Allan weiss, dass es das Internet gibt. Er hatte es in der Aufregung um dieses globale Event einfach vergessen.

Und jetzt: Steuersachen erledigen. Vorher aber noch Batterien und Papierrolle in der Rechenmaschine austauschen.

Und in drei Stunden gibt’s ein Wiedersehen mit einem alten Freund. Nach fünf Monaten! Im Museums-Café.

Der Nachmittag ist auch schon gebongt: Fernseh-Fußball mit dem Nachbar. Mit Wein und Fisch in der Salzkruste. Madrid wird’s schon richten.

 

Glücklich im alten Leben zurück

Was für ein Geschenk! Die vergangenen fünf Monate durften wir die Leichtigkeit des Mittelmeers verspüren, während hier in Montréal Eis, Schnee und Hochwasser das Leben lähmten. Jetzt ist aber auch gut: Wir sind wieder da!

Fünf Monate sind eine lange Zeit. In fünf Monaten sterben gute Freunde, trennen sich liebe Menschen, werden Brücken gesprengt und Hochhäuser gebaut, wechseln Leute Job, Haarfarbe, Wohnung und Auto. Fünf Monate Abwesenheit sind zu lange, um hinterher zu tun, als sei alles beim Alten geblieben.

„Fremdelst du noch“?, fragte SIE gerade mal eine Stunde nach der Rückkehr von Mallorca nach Montréal. „Ja“, musste ich kleinlaut zugeben. „Wo ist eigentlich die Butterdose“.

Die Butterdose zu finden, stellte sich als die kleinere Aufgabe heraus. Die großen Fische waren: Kein Internetanschluss, neue Hausverwaltung, kein Handyplan mehr und der Akku beim drahtlosen Telefon ist auch leer. Wie also den Internetprovider anrufen? Wie gut, dass der Sohn ein geladenes Handy hat.

Muss eigentlich die Hausärztin ausgerechnet jetzt in Pension gehen, während wir nicht da sind? Und überhaupt: Warum geht dieses verdammte Kofferschloss nicht auf?

Reisen bildet, stimmt. Aber es nervt auch. Und der Weg ist schon lange nicht mehr das Ziel. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da war ich so angefixt vom Kerosingestank, dass ich die ersten Minuten im Flugzeug regelrecht zelebrierte. Das Privileg, einer der wenigen Vielflieger in meinem Freundes- und Bekanntenkreis zu sein, musste gefeiert werden. Das war vor 40 Jahren.

Heute? Fliegt doch jeder irgendwie von Flensburg nach Timbuktu und lässt seinen Koffer längst nicht mehr nur in Berlin stehen, sondern auch in Barcelona oder Anchorage. Oder dort, wo All-Inklusive-Vacations angeboten werden.

Sich mit dem Bord-Entertainment im Flieger vertraut zu machen, ist inzwischen ein Kinderspiel, auch wenn das bei jeder Airline anders funktioniert. Sich dann aber als alter Digitalhase von dem jungen Spund auf dem Vordersitz sagen zu lassen: „Das ist ein Touch-Screen und kein Push-Screen!“, nur weil der sich beim Kanalwechsel zu heftig gedrückt fühlt, tut weh.

Achtung, Opa erzählt dir gleich was vom Krieg: „Danke, ich bin schon mal geflogen“. Die Reise kann ja heiter werden.

Wurde sie zwar nicht so richtig, aber angekommen sind wir trotzdem. Vor allem weitgehend gesund, diesmal auch ohne bleibende Hörschäden.

Und mit der Erkenntnis, dass fünf Monate Abwesenheit zu lang sind, um so zu tun, als bliebe immer alles beim Alten.

 

Zum Abschied geht’s in die Luft

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Dieses Video existiert nicht

Unser neunter Mallorca-Winter ist Geschichte. Nach fünf Monaten am Mittelmeer geht es zurück ins heimische Kanada. Mit einem Abschied, wie Sie ihn vermutlich noch nie erlebt haben.

Ein Freund hat von unserer Dachterrasse in der Calle San Miguel aus seine Drohne in den strahlenden Mallorca-Himmel geschickt. Herausgekommen ist dieses spektakuläre Video, das Palma noch einmal in seiner ganzen Schönheit zeigt. Lehnen Sie sich zurück und heben Sie mit uns ab.

Mallorca17 fing mit einer Schlechtwetterphase im Januar an, die viel Regen, Wind und Temperaturschwankungen brachte. Zur Belohnung wurde uns eine selten schöne Mandelblüte geschenkt, die sich wochenlang wie ein Teppich über die Hügel und Täler legte.

Und natürlich gab es auch diesmal wieder traumhafte Wanderungen, die uns in fast jeden Winkel der Insel führten. Fünf Monate ohne Auto, nur mit Bus, Bahn und zu Fuß. Geht doch!

Und dann: Wunderbare Begegnungen mit Menschen, die mir neu in mein Leben gespült wurden, oder die ich schon seit Jahren und Jahrzehnten kenne. Zwei Kurzbesuche in Deutschland waren dabei, jeder von ihnen mit der Erkenntnis: Es geht doch nichts über Familie und Freunde.

Palma im Frühling war dann laut, zum Bersten voll mit Touristen und zum Schluss noch heiß, wie wir die Insel nie zuvor erlebt hatten. Was uns nicht davon abhalten wird, wieder zu kommen. Eine bessere Alternative zu diesem herrlichen Flecken Erde muss mir erst einmal jemand zeigen.

Adios Mallorca. Bonjour Montréal. Life is beautiful 💚

 

 

 

Palma: Das große Bar-Sterben

Bar Cristal innen

Bald Vergangenheit: Die „Bar Cristal“ an der Plaça España.    Foto: Martin Mueller

Mit Alfonso fing es an. Damals, vor drei Jahren, schob ich die Schließung seiner „Bar Borne“ einfach noch auf doofes Timing. Dass unsere Stammbar an der Plaça de la Reina dicht machte, war blöd. Aber so was passiert halt mal. Inzwischen bin ich ein bisschen weiser, wenn es um Mallorca geht: In Palma hat ein Barsterben eingesetzt. Und ich mittendrin.

Nach der Schließung der „Bar Borne“ ging ich dorthin, wo auch tausend andere jeden Tag hingehen, in die „Bar Bosch“, nur einen Steinwurf von Alfonso entfernt. Aber „zum Bosch“ gehen viele – und ich brauchte wieder eine Bar für mich.

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Die „Bar 1916“, ebenfalls an der Plaça España

Ich hatte Glück. Die „Bar 1916“ war genau das Richtige. Ein alteingesessenesEtablissement an der Plaça España, mittiger geht nicht in Palma. Der Cortado schmeckt auch dort vorzüglich und ist mir einmal mehr nach Bier, Wein oder einem Bocadillo, servieren die fixen Jungs und Mädels vom „1916“ immer genau das Richtige. Nie ohne ein paar Oliven dazu oder ein Häufchen Nüsse. Und immer ein herzliches „Hola!„, ein Händedruck und ein ¿qué tal?‘ Meistens alles zusammen.

Javi, der Kellner, versteht viel von Fußball, Megan, die Barfrau, von der Welt. Menschen mit gelebten Leben. Hier war ich richtig.

Kaum ein Tag, an dem ich mich nicht über Javis „Barcos“ unterhielt oder mit Megan über ihre Heimat Bolivien plapperte. Life is good im 1916.

Und jetzt der Hammer: Die „Bar 1916“ macht dicht. Nach genau 91 Jahren. Elf davon stand Megan hinterm Tresen. Eine Katastrophe! ich hatte wieder einmal aufs falsche Pferd gesetzt.

Die Antwort auf die Frage: „Wie kann eine über 90 Jahre alte, gut gehende Bar einfach zumachen“?  erinnert mich an das, was mir damals schon Alfonso erzählt hatte:

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Alfonsos „Bar Borne“ an der Plaça de la Reina

Die Pachtverträge waren noch während der Franco-Zeit geschlossen worden, alle einheitlich und zu ganz zivilen Preisen. Jetzt laufen die Fristen ab und kein Barbesitzer in Palma oder sonst wo ist bereit, das Zehnfache dessen zu bezahlen, was noch unter Franco galt. So viele Cortados kann eine noch so gut gehende Bar an der Plaça España nicht verkaufen, dass sich der Betrieb noch lohnen würde.

Also sterben die schönen Cafés und Bars in Palma nach und nach den langsamen Bartod. Das traditonsreiche „Café Lirico“ genauso wie das „1916“ und die unmittelbar daneben operierende Traditionsbar „Cristal“. Und auch die wohl älteste Café-Bar in Palma, das Forn des Teatre“ hat neulich die letzte Ensaïmada serviert.

Schlimm genug, dass die wunderschönen Bars mit ihren Messing-Türgriffen und den Jugendstil-Kronleuchtern nach und nach schließen. Der eigentliche Skandal ist das, was aus ihnen wird.

Das „Lirico“ steht leer und wartet noch auf seine neue Bestimmung. Alfonsos „Bar Borne“ ist jetzt, zusammen mit der unmittelbar daneben liegenden Kneipe, eine edle Tapasbar.

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Geschlossen: „Café Lirico“ © Alle Fotos: Bopp

Und das „1916“ und die Nachbarbar „Cristal“? Aus der einen wird ein Klamottenladen, den anderen hat ein Handy-Anbieter im Visier.

Und Megan, die vor elf Jahren aus Bolivien gekommen war und nie einen anderen Job hatte als Barfrau im „1916“, wird künftig in irgendeinem Büro arbeiten. Die Aufnahmeprüfung für einen „International Business“-Kurs hat sie heute bestanden.

Alfonso, der erste Barkeeper, mit dem wir uns vor vielen Mallorca-Jahren angefreundet hatten, arbeitet heute in einer leckeren Konditorei.

Der Besitzer der „Bar Bosch“ dagegen macht keinerlei Anstalten, seinen Laden dicht zu machen. Warum auch? Sie gilt als die populärste Bar auf der gesamten Insel.