Die schlechteste Luft der Welt

Die 3600 Athletinnen aus aller Welt waren startklar. Doch eine Stunde vor dem Anpfiff kam der Abpfiff: Der „Half Ironman“ im Bergdorf Mont-Tremblant, zwei Autostunden nördlich von Montreal, wurde abgesagt. 1.9 km Schwimmen, 90 km Radfahren und 21.1 km Laufen? Nicht unter diesen Bedingungen, entschied die zuständige Behörde.

Abgeblasen wurde, neben vielen kleineren Events, auch der „Junioren“-Teil des Triathlons in Montreal. Auch an ihm nehmen jährlich Hunderte aus aller Welt teil. Viele tausend Zuschauer fiebern mit.

Grund für die Stornierungen ist der Waldbrand-Smog aus dem Norden von Quebec, der jetzt auch den Süden der Provinz mit einem gefährlichen Mantel bedeckt. Am schlimmsten betroffen ist die Millionenstadt Montreal. Dort wurden heute die weltweit schlechtesten Luftwerte gemessen.

Wo ist meine Stadt geblieben? Ein Blick aus dem Wohnzimmerfenster führt in eine graue Suppe. Keine glitzernden Wolkenkratzer, kein frisches Grün aus der Parkanlage vor unserem Gebäude. Kaum Menschen auf der Straße. Dort, wo sonst Tausende Jogger, Radfahrer und – auf dem Lachine-Kanal – Kajakfahrer unterwegs sind, herrscht fast Totenstille.

SCHLAGZEILE IN „LA PRESSE“: Schlechteste Luft der Welt.

Die Waldbrände, die uns heute den Rekord der „schlechtesten Luftwerte der Welt“ eingebrockt haben, toben seit Wochen im Norden der Provinz Quebec. Mehr als 6000 Menschen mussten bereits ihre Häuser verlassen. In der vergangenen Nacht wurden die 7500 Bewohner der Ortschaft Chibougamau in Alarmbereitschaft versetzt. Auch dort droht eine Komplett-Evakuierung.

Die schlimmsten Waldbrände seit Menschengedenken sind auf eine Hitzewele mit ungewöhnlich hohen Temperaturen zurückzuführen.

Wer immer noch Zweifel am Klimawandel hat, sollte sich die Fernsehbilder von verzweifelten Menschen ansehen, die buchstäblich bei Nacht und Nebel ihre Häuser verlassen müssen.

Dinner mit Tapas und „Valentina“

Wenn Peter und Laurette einladen, sind zwei Dinge schon mal geklärt: Gepflegtes Essen und beste Unterhaltung. Gestern war es wieder so weit: Die knapp zweistündige Fahrt von Montreal nach Sherbrooke in den „Eastern Townships“ bildete den Auftakt zu einem wunderbaren Tag bei langjährigen Freunden.

Zu Feiern gab es einiges: Offizieller Sommeranfang. Längster Tag des Jahres. Eröffnung der Balkon-Saison. Und meinen Roman „Tapas, Vino Valentina“, den Peter als einer der Ersten gelesen hatte.

Dass es zum Nachtisch mallorquinischen Mandelkuchen geben würde, hatte ich bereits vermutet. Dass er sein selbstgebackenes Œuvre auf der eigens gedruckten Speisekarte dann aber „Valentina“ taufte, rührte mich dann doch. Ein Gedicht als Ode an den Roman.

Unter dem Titel „TAPAS, TOWNSHIPS, TRAVIATA“ servierte der Opernfreund Dr. Peter Bernath eine rauschende Menüfolge, die in gedruckter Form nur ansatzweise dem wahren Genuss der erlesenen Speisen gerecht wird:

Scharfe Shrimps

Räucherlachs

GeschmortOs

Knoblauchkartoffeln

„Dreifaltiger Aufschnitt“ mit Lachsschinken, Kassler und Chorizo

Eine „Kleine Käserei“

Das Ganze mit Peters selbstgebackenem Brot

Zum Dessert wurde der oben gepriesene Mallorquinische Mandelkuchen „Valentina“ gereicht.

Aus Gründen der Verkehrssicherheit (Achtung, Rückreise!) gab es ausnahmsweise weder Vino noch Sangria. Dafür sorgte das „Mineralwasser Château La Pompe“ an diesem heißen Sommernachmittag für die willkommene Erfrischung.

Zum kulinarischen Teil des Nachmittags gab es, wie immer bei Peter und Laurette, Gespräche, die sich um Filme, Opern, Bücher, Weine und Reisen drehten. Aber auch um das richtige Leben und um Alters-Perspektiven und Möglichkeiten, die letzten Jahre möglichst sinnvoll und sorgenfrei zu verbringen. Immerhin hat die dreiköpfige Tischgesellschaft zusammen um die 240 Jahre auf dem Buckel.

Wer mehr über meinen Freund Peter wissen möchte: >> HIER << gibt es einen eigenen Blogpost über ihn.

Von einer Insel zur anderen

Dass Montreal eine Insel im Sankt-Lorenz-Strom ist, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Dass es aber im Sankt-Lorenz-Strom noch eine Reihe von anderen Inseln gibt, deren Namen man noch nie gehört hat, ist zumindest erwähnenswert.

Um den Ort Boucherville herum, gut 30 Kilometer östlich von Montreal, gibt es eine Ansammlung von mehreren kleineren und einer großen Insel. Eine davon ist ein Naturschutzpark. Dahin hat mich die heutige Tour mit dem eBike geführt.

Der Auftakt ist spektakulär: Vom Alten Hafen aus geht es mit der Fähre 30 Minuten lang in Richtung Osten. Links tut sich die Skyline von Montreal auf, mit dem Frachthafen und im Hintergrund dem Olympiastadion. Rechts dann der Vergnügungspark La Ronde, kleine Dörfer und Cottages am Ufer entlang.

Nach der Ankunft in dem Ort Boucherville heißt es umsteigen in eine andere Fähre. Jetzt geht es 15 Minuten lang auf die gleichnamige Insel.

Der Naturschutzpark ist als Vogelparadies bekannt. Außerdem gibt es mehrere Campingplätze, einen ziemlich naturbelassenen Golfplatz, Sportplätze und kilometerlange Wanderpfade und Fahrradwege.

Wild ist anders, aber es ist ein schönes Stück Natur, das sich vor den Toren der Millionenstadt auftut.

Die Fähre von Montreal nach Boucherville ist übrigens in erster Linie für Berufspendler gedacht. Freizeitradler wie ich sind eher selten anzutreffen. Grund genug für den Kapitän (Alexis, Mitte) und den Bootsmann (Johan, links) des Schiffes, sich mit dem eBiker in Pose zu stellen.

Formel Eins im Waldbrand-Nebel

Wo ist meine schöne Stadt geblieben? Der stahlblaue Himmel, die schillernden Wolkenkratzer mit dem Adirondacks-Gebirge in der Ferne? Wo sind die glitzernden Metallbrücken, die Besucher willkommen heißen? Nicht einmal der Sankt-Lorenz-Strom in seinem mächtigen Flussbett ist mehr von der Aussichtsplattform des „Mont Royal“ zu sehen.

Ausgerechnet jetzt, da Hunderttausende nach Montreal gereist sind, um dem Formel-Eins-Rennen am Sonntag beizuwohnen, ist die Stadt meines Herzens im Dunstschleier der Waldbrände versunken, die noch immer im Norden der Provinz Quebec toben.

Ich muss zugeben: Es erfüllt mich jedes Jahr mit Stolz, wenn die Welt nach Montreal blickt und mit den Formel-Eins-Piloten auf der spektakulären Rennstrecke von Île Notre-Dame fiebert.

Montreal ist eine tolle Stadt, die alles zu bieten hat, was die Besucher aus aller Welt suchen.

Erst heute gab es in der „Montreal Gazette“ wieder eine Reportage über den Formel-Eins-Zirkus mit all seinen Facetten: Den Partys, den coolen Straßencafés, dem ausgelassenen Nachtleben und den feinen Restaurants.

Diese Mischung aus französischem Savoir Vivre und American Way of Life fasziniert wohl nicht nur mich seit Jahrzehnten. Immer wieder taucht diese Beschreibung in Gesprächen mit Besuchern auf.

In der „Gazette“ wird heute ein US-Amerikaner zitiert, der seit 20 Jahren kein Formel-Eins-Rennen in Montreal ausgelassen hat. Er habe schon F1-Events in Monaco und vielen anderen Teilen der Welt gesehen. Montreal toppe sie alle. Nicht nur wegen der ziemlich spektakulären Rennstrecke, sondern vor allem wegen der einzigartigen Stimmung, die am F1-Wochenende in der Stadt herrscht.

STOPP auf dem Mont Royal: Smog über der City

Und jetzt also eine fette Dunstglocke. Nicht nur das: Das Thermometer zeigt gerade mal 16 Grad und es regnet. Dabei war es, ich schwöre es, noch bis gestern heiß hier.

Ob kühle Temperaturen und Waldbrand-Smog die Stimmung der Partygäste beeinträchtigen wird? Ich bezweifle es. Regen sorgt für Spannung auf der Piste. Und den Rest trinkt man sich einfach schön.

Sage nicht ich, sondern sagt ein Kerl, den ich an der Kasse im Supermarkt getroffen habe. Aus Pennsylvania/USA sei er angereist, um das Rennen zu sehen – zusammen mit seinen vier Kumpels. Jeder von ihnen schleppte eine 24er-Kiste Bier aus dem Laden.

„Wir feiern schon mal vor“, rief er mir zum Abschied zu. „Kommst du mit?“

Nein danke. Benebelt muss ich das Wochenende im Nebel dann doch nicht erleben.

Kosmopolit auf zwei Rädern

Wenn einem mit Mitte 70 noch neue Freunde ins Leben gespült werden, ist das wie ein Sechser im Lotto. Bei mir sind es gleich zwei Lottogewinne. Da ist zum einen „Dr. Marc“, ein Kinderkardiologe, von dem hier schon ein paarmal die Rede war. Und da ist Chris. Ihn möchte ich der geneigten Blog-Leserschaft heute vorstellen.

Chris heißt eigentlich Christopher Neal und ist das, was man im politischen Spektrum einen bodenständigen Linken nennen würde. Politik und Chris gehören zusammen wie Rouladen und Spätzle. Untzertrennlich und auch in hohen Dosen noch gut genießbar.

Schon unser erstes Treffen vor ziemlich genau einem Jahr stand ganz im Zeichen der Politik. Wir nahmen beide an einer Demonstration teil, in der es um die Rechte der Anglokanadier in der frankokanadischen Provinz Quebec ging. Keiner hievte sein Plakat höher in die Luft als Chris, von der Statur her alles andere als ein Riese.

Als der Rest der Protestgesellschaft längst eingepackt hatte, diskutierten Chris und ich noch lange weiter. Erst auf dem Platz, dann in einer nahe gelegenen Kneipe. Ein junges Paar setze sich an den Nebentisch. Mexikaner, wie sich herausstellte. Chris parlierte in fließendem Spanisch mit ihnen und hatte damit bei mir schon dreimal gepunktet:

1) Protest, wenn es um die Beschneidung von Rechten geht.

2) Bier, wenn es um eine anständige Diskussionskultur geht.

3) Ein offenes Gespräch mit Menschen aus einer anderen Kultur.

TREFFPUNKT DEMO: Chris mit Protestplakat.

Als Chris mir im Laufe des Abends bei diversen Bieren dann noch erzählte, dass seine Mutter aus Waiblingen bei Stuttgart stammt, wo ich fünf wunderbare Jahre verbracht habe, war klar: Wir haben uns gefunden, ohne gesucht zu haben.

Wie wenig ich an diesem Abend trotz allem noch über meine neue Bekanntschaft wusste, stellte sich erst im Laufe der Wochen und Monate heraus. Chris gehört nämlich nicht zu denen, die ein virtuelles Sprachrohr (wie zum Beispiel einen Blog) brauchen, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie tun es im Gespräch – ganz uneitel, eher zurückhaltend, pointiert und in dieser seltenen Kombination äußerst beeindruckend.

Christopher Neal im Schnelldurchgang:

Ende 60. Gebürtiger Montrealer. Verheiratet mit Mayra Zeledon Neal, einer nicaraguanischen Diplomatin. Zwei Kinder, mehrfacher Großvater, dabei fit wie ein Turnschuh. Kosmopolit mit einer Medienkarriere, die ihn vom rasenden Südamerika-Korrespondenten bis hin zur Weltbank nach Washington führte. Dazwischen Stationen bei NGOs und als Entwicklungshelfer. Wo soziales Engagement gefragt wird, war – und ist – Chris nie weit weg.

So Respekt einflößend auch seine Zeit bei der Weltbank gewesen sein mag, für mich ist Chris in erster Linie ein kluger, belesener Abenteurer, ein Storyteller und – wie auch Dr. Marc – ein wunderbarer Wegbegleiter auf meinen zahlreichen eBike-Touren.

So sehr wir uns auch Mühe geben, möglichst Vieles voneinander zu erfahren, so langsam schreiten wir in unseren Gedanken-Erkundungen voran. So habe ich erst vor ein paar Tagen eher beiläufig erfahren, dass Chris in jungen Jahren um die Welt gereist ist.

Nicht im Business-Abteil, wie es beim Sohn einer blaublütigen Mutter und eines erfolgreichen, promovierten Vaters durchaus denkbar wäre. Chris hat stets die Holzklasse gewählt, ist aber zwischendurch trotzdem aufs hohe Ross gestiegen. Wie damals, als er sich in Afghanistan ein Pferd besorgte, um wochenlang durch unwägbares Gelände zu reiten. Oder zu jener Zeit, als er monatelang durch Nepal wanderte und sich irgendwann vorübergehend in Indien niederließ. Oder durch Griechenland trampte und dabei einen jungen Franzosen kennenlernte, den er erst neulich wieder in Paris besuchte.

Aber mehr als all seine Reisen um die Welt hat Chris seine Zeit in Lateinamerika geprägt. Er war als freiberuflicher Korrespondent für englisch- und französischsprachige Zeitungen, Magazine und auch fürs Radio dorthin gegangen.

Er hat iüber die Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld während ihres Besuchs in Paraguay berichtet, Reportagen über Wahlen in Bolivien und ein Erdbeben in Chile geschrieben und auch über einen politischen Prozess in Argentinien. Pinochets Diktatur in Chile packte den Reporter Christopher Neal nicht weniger als diverse Revolutionen, die es in Lateinamerika immer irgendwo gibt.

ON TOUR MIT HELM

Kein Wunder, dass sich der Journalist von einem anderen Reporter anstecken ließ.

Der US-Amerikaner Carleton Beals faszinierte Chris so sehr, dass er ein viel beachtetes Buch über ihn geschrieben hat. Lob gab es dafür nicht nur von der Quebecer Schrifttseller-Vereinigung, sondern auch von dem angesehenen Politik-Magazin „Foreign Affairs“ und von „Revista“, einer Publikation der Harvard University.

Mag der Rest der Welt meinen Freund mit Lorbeeren für seine akademische und schriftstellerische Arbeit zuschütten – für mich ist Christopher Neal vor allem eines: Ein toller Sparring-Partner, wenn es ums Geschichten erzählen geht. Und ein rundherum klasse Typ – ncht nur auf dem Fahrrad.

Willkommen in meinem kleinen Leben!

KOCHEN, LEBEN, LERNEN, LESEN: Chris mit seiner Frau Mayra Zeledon Neal.

Buchveröffentlichung von Christopher Neal

DER AUTOR UND SEIN WERK: Christopher Neal mit „The Rebel Scribe“

The Rebel Scribe: Carleton Beals and the Progressive Challenge to U.S. Policy in Latin America.

Zu bestellen, wo es gute Bücher gibt.

Zum Beispiel >> HIER <<