Huch – was war das denn? Morgens kurz nach drei schon ein Scheinwerferkegel im Gesicht? Keine Panik: Es ist nur der Mond, der zur Unzeit sein gleißendes Licht über dem Lac Dufresne erstrahlen lässt.
Die Woche im Blockhaus geht heute zu Ende – ein Traum!
Tagsüber hochsommerliche Temperaturen, nachts kühles Schlafwetter bei offenem Fenster. Dem Indian Summer beim Blühen zuzuschauen ist ein Naturerlebnis, das sich nur schwer beschreiben lässt.
„Die Bäume sehen aus, als hättet Ihr sie angemalt“, schreibt mein Kumpel Joerg beim Anblick der Blog-Fotos. Das habe jemand anders für uns gemacht, antworte ich ihm, sie heißt „Madame Nature“. Joerg so: „Die Dame hat ‘nen geilen Pinselstrich!“
Zweimal sind wir während dieser Woche mit dem Boot über den See geschippert. Einmal, um mit dem Auto für Lebensmittel- und Getränkenachschub im 16 Kilometer entfernten Ste. Agathe zu sorgen.
Beim zweiten mal für eine Tagestour durch den wunderschönen Nationalpark „Mont Tremblant“ zum gleichnamigen Städtchen. Entschuldigung, aber die Wurstplatte mit Sauerkraut (und Salat !!!) musste sein. Da lacht sich selbst der Elch auf dem Fahrrad schlapp – siehe Foto.
Der Besuch in der Brauereigaststätte war übrgens nur mit Impfnachweis möglich. Das hat etwas Beruhigendes an sich.
Die Woche in Bildern. Zum Vergrößern einfach anklicken:
Mit Medienschaffenden ist es wie mit Köchen. Sie experimentieren gerne mal mit neuen Formaten, bzw. Rezepten. Da mal ein Blog, dort ein neues Chat-Tool, ein Video-Kanal, ein eBook. Oder auch ein Podcast. Dass ich mein Podcast-Experiment „DEINE STORY – MEINE STIMME“ nach nur sechs Episoden eingestellt habe, hat mehrere Gründe.
Die Idee, fand ich, war nicht schlecht: Anderer Leute Geschichten mundgerecht umtexten, sie dann aufnehmen und schließlich als Podcast-Episoden in die Welt hinaus blasen.
Ein überschaubarer Aufwand, könnte man meinen. War es aber nicht.
An guten Geschichten aus aller Welt fehlte es nicht. Ich habe jede einzelne von ihnen gelesen. Diese aber so umzutexten, dass sie nicht nur den eigenen Ansprüchen genügen, sondern auch denen der AutorInnen – das war der Spagat, den ich nicht mehr stemmen konnte.
Natürlich hat jeder, der eine Geschichte erlebt, konkrete Vorstellungen davon, wie so eine Story erzählt werden soll. Und da gingen die Meinungen manchmal auseinander. War ein Autor detailverliebt und meinte, auch das letzte Komma müsse noch grammatikalisch begründet werden, ging es mir eher um die Story und deren Unterhaltungsfaktor.
Mit guten Geschichten ist es wie mit einem Sandwich: Die untere Scheibe Brot ist die Grundlage, auf der die Story basiert. Dazwischen kommt leckeres Füllmaterial in Form von schmackhaften Fakten, szenischen Schilderungen und markigen Zitaten. Dann Deckel drauf, um die Geschichte zusammen zu halten, damit das Publikum beim Zuhören ja nicht den Appetit verliert.
Doch die Podcast-Praxis sah anders aus. Vor allem am Füllmaterial schieden sich oft die Geister. Ich wollte meine Hörerinnen nicht mit unnötigen Fakten langweilen, sie aber auch nicht mit narrativen Kunstformen überfordern.
Es wurde kompliziert.
Dazu kam: So einen Podcast zu produzieren, erfordert nicht nur ungemein viel Zeit, sondern auch technisches Knowhow und die dazugehörigen Tools.
Von allem habe ich ein bisschen, aber eben nicht mehr genug. Seit meiner aktiven Zeit als analog arbeitender Hörfunk-Reporter gab es eine digitale Revolution. Aufnahme-Software zu testen, sie zu kaufen und dann zu installieren, ist eine Sache. Sie dann aber auch zu verstehen und zielführend anzuwenden, eine andere.
Auch die Bürokratie, die mit so einem Podcast einhergeht, kann ganz schön nerven. Wo finde ich die passende lizenzfreie Musik? Wer macht mir einen griffigen Djingle, für den ich nicht bei jedem Abspielen bezahlen muss? Immerhin war das Logo-Design nicht nur hübsch, sondern auch kostenlos. Es stammt übrigens von Cassian. Danke!
Das Schöne in meiner Lebensphase ist: Man muss sich nichts mehr beweisen. Weder sich selbst, noch anderen. Also wollte ich mir bei allem Interesse für neue Internetformate den Frust nicht mehr antun, mehr Zeit mit Tutorials zu verbringen als mit der eigentlichen Produktion.
Dazu kam mein Augenleiden, das mich immer wieder ausgebremst hat. Dies alles führte schließlich dazu, dass ich irgendwann sagte: Tschüss, Podcast! War schön, dich kennenzulernen. Aber so richtige Freunde sind wir nie geworden.
Den Story-Gebern, die mir die ersten Episoden ermöglicht haben, möchte ich an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön sagen. Auch den unerwartet vielen Hörerinnen und Hörern, die mir auf Spotify, Anchor, Google, Apple und anderen Plattformen gefolgt sind, danke ich.
Ebenso den PodcasterInnen Louisa,Nora und Rüdiger, die mich anfangs unter ihre Fittiche genommen haben. Vor ihrer Arbeit habe ich jetzt noch mehr Respekt als zuvor. Podcaster verdienen unsere Unterstützung.
Die gute Nachricht ist: Während mein Podcast gerade mal sechs Monate überlebt hat, haben die BLOGHAUSGESCHICHTEN soeben ihren zehnten Geburtstag gefeiert.
Und wer weiss: Vielleicht gibt es ja auch künftig wieder „irgendetwas mit Medien“, das ich unbedingt wieder ausprobieren möchte.
Mehr als ein Jahr ist es her, dass ich zum letzten mal im Blockhaus am Lac Dufresne war. Augenleiden, Covid, OP-Termine, Schonzeiten – all das hat es mir unmöglich gemacht, die geliebte Cottage wiederzusehen.
Lore war schon ein paarmal alleine hier, ohne mich. Aber jetzt ist es wieder soweit. Und es fühlt sich seltsam schön an. Man könnte auch sagen: ganz schön seltsam.
Ganz langsam tastet sich der Indian Summer vor. Die Nächte frisch bis kühl, die Tage angenehm warm. Jetzt ja nicht übermütig werden und noch einen Sprung ins Wasser wagen! Das würde ein 72jähriger Körper möglicherweise nicht verzeihen.
Aber auch ohne Schwimmübungen kommt keine Langeweile auf. Mit dem Ruderboot (mit Batterie-Hilfsmotor für alle Fälle) den Kumpel in der anderen Seebucht aufsuchen, den lauthals am stahlblauen Himmel fliegenden Kanadagänsen ein „Tschüss, bis nächstes Jahr!“ zurufen, den „Brown-eyed Susans“ sagen, wie schön sie noch immer blühen – all das gehört zum überschaubaren Tagespensum des Blockhausbesitzers.
Am See sind wir so gut wie allein. Nach dem „Labour Day Weekend“ verziehen sich die meisten Kanadier wieder in ihre Wohnungen und Häuser in den Städten und Dörfern. Und auch wir machen uns schon bald wieder auf den Weg nach Montreal.
Schön ist es hier oben, zwei Stunden nördlich von der Stadt meines Herzens, sehr schön sogar. Man könnte glatt noch bleiben. Wären da nicht schon wieder diese Rentner-Verpflichtungen in der großen Stadt.
Aber wir kommen wieder. Und bis zum nächsten mal wird es nicht wieder ein Jahr dauern.
Ein Sikh mit Turban, eine afro-amerikanische Jüdin, ein charme-offensiver Quebecer Separatist – daneben wirken Justin Trudeau und sein konservativer Herausforderer Erin O’Toole so bieder wie Olaf Scholz und Armin Laschet. Am 20. September wird in Kanada gewählt. Schon wieder. Denn erst vor knapp zwei Jahren hatte die Liberale Partei unter Justin Trudeau eine Minderheitsregierung gewonnen.
Doch das war dem einstigen Sunnyboy nicht genug. Der amtierende Premierminister wollte es noch einmal wissen. Nun peilt er mit vorgezogenen Neuwahlen die absolute Mehrheit in Ottawa an. Doch der Schuss könnte leicht nach hinten losgehen.
Die Wahl sei unnötig wie ein Kropf, tönt es selbst aus sonst Trudeau-freundlichen Reihen. Millionen Wahlberechtigte ohne Not mitten in einer Pandemie an die Urnen zu zitieren, gehöre sich nicht.
Und überhaupt gebe es schwerwiegendere Probleme zu lösen als um jeden Preis nach der Mehrheit zu streben. Zumal es die konservative Opposition dem liberalen Trudeau relativ leicht gemacht hatte, die ersten beiden Jahre als Minderheitsregierung zu überstehen.
Die wichtigsten Gesetze brachte Justin Trudeau mithilfe der weitgehend kooperativen Konservativen geschmeidig durch. Warum also die zwanghafte Ambition, um jeden Preis die Mehrheit zu gewinnen?
Eine richtige Antwort darauf blieb Justin Trudeau bisher schuldig. Sein Argument, die Bevölkerung habe ein Recht darauf zu wissen, wie es mit den Covid-Folgen weitergehe, klingt wenig überzeugend.
Aber das mit den richtigen Antworten ist ohnehin so eine Sache im kanadischen Wahlkampf. Bei den diversen TV-Debatten wimmelte es von Phrasen wie: „Wir haben einen Plan!“. Wie diese Pläne aussehen könnten, darüber darf spekuliert werden. Konkretes blieben alle SpitzenkandidatInnen weitgehend schuldig.
Im Moment liefern sich Justin Trudeau und der Konservative O’Tool ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Gut möglich, dass es sogar einen Regierungswechsel gibt. Damit hätte sich Trudeau dann selbst ins Bein geschossen.
Und so sieht das politische Spektrum aus:
Anders als In Deutschland haben hier weder radikale Links- noch Rechtsparteien eine Chance, in der Regierung mitzumischen.
Jagmeet Singh vertritt einen Wahlkreis in British Columbia und gehört dem linken sozialdemokratischen Flügel der NDP an.
Erin O’Toole sitzt seit neun Jahren für die Progressiv-Konservativen im Parlament.
Der Liberale Justin Trudeau, Sohn des früheren Premierministers Pierre Eliott Trudeau, mag zwar der Charismatischste aller Spitzenkandidaten sein, so richtig will es dem Posterboy der Selfie-Generation diesmal nicht gelingen, die Massen zu bewegen.
Yves-François Blanchet vertritt mit seinem Bloc Québecois in Ottawa zwar sehr publikumswirksam die Interessen der Frankokanadier. Eine echte Chance, die Regierung zu bilden, hat er jedoch nicht.
Und dann wäre da noch eine Newcomerin auf der politischen Bühne: Die 48jährige Annamie Paul aus Toronto will den kanadischen Grünen Flügel verleihen. Im Moment sieht es allerdings eher danach aus, als würde sie nicht einmal einen Parlamentssitz für sich selbst erzielen. Der Funke zwischen ihr und dem Rest Kanadas will einfach nicht überspringen.
Gleich zwei Wahlkämpfe im Blick zu behalten, kostet Zeit, zumal die Debatten hier in Kanada in den beiden Landessprachen Englisch und Französisch über die Bühne gehen, mit Simultan-Übersetzungen in mehreren Ureinwohner-Sprachen.
An Zeit fehlt es dem Rentner nicht. Dann schon eher an der Toleranz, all die Worthülsen auszuhalten, die man sich im Laufe einer Kampagne anhören muss.
Wobei wir bei den Gemeinsamkeiten zwischen deutschen und kanadischen Politikern wären.
Gute Menschen, schlechte Menschen. Und mittendrin ein Hund namens Max. Max ist der Hund von Cassians Freundin Michelle. Das liebste Tier – nach unserer Bella natürlich -, das der Hundehimmel je auf diese Erde geschickt hat.
Der Tag hatte, wie die meisten Tage in meinem Leben, mit einer ausgedehnten Stadtwanderung begonnen. Über den Mont-Royal mit seinen verwunschenen Ecken und wunderbaren Aussichten. Danach Mittagessen beim Portugiesen und Cappuccino bei der immerzu lächelnden Taiwanesin an der Rue Prince-Arthur.
Schön war’s, aber auch ein bisschen anstrengend. Zehn Kilometer zu Fuß in der Großstadthitze packt auch ein Camino-Wanderer mit seinen 72 Jahren nicht mehr einfach so weg. Zeit, um nach Hause zu gehen.
Kurz vor der Wohnung dann die Textnachricht von Cassian: „IN MICHELLES APARTMENT IST EINGEBROCHEN WORDEN. MAX IST VERSCHWUNDEN!“
Der Gedanke daran, dass am hellichten Nachmitag in eine Wohnung eingebrochen worden sein soll, war abscheulich genug. Dass seither aber auch noch ein Hund wie vom Erdboden verschuckt war, ein Tier, das auch uns lieb geworden ist, war kaum auszuhalten. Wer je im Leben ein Haustier besessen hat, weiss, wovon ich rede.
Jetzt begann eine beispiellose Großfahndung.
Im Auto und zu Fuß suchte, wie es schien, die halbe Stadt nach Max. In Westmount und St. Henri, in Pointe St. Charles und Griffintown. Facebook und Instagram strengten sich an, Max zu finden – ohne Erfolg.
Flyers wurden gedruckt und aufgehängt und an völlig unbekannte Menschen verteilt, Dutzende von ihnen. Und alle versprachen sie, nach Max Ausschau zu halten. Und hielten ganz offensichtlich Wort.
Max, der liebe, sonst so häusliche Max, wurde zum Phantom. Und die Vier-Millionenstadt zum Heuhaufen, in dem es eine Stecknadel zu suchen galt.
Er sei an der Uni-Klinik, weit draußen im Westen, gesehen worden, hieß es. Dann wieder auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt bei uns in der Nähe. Auch über die Bahnschienen an der Rue St. Ambroise war er wohl gerannt.
Und dann ein freundlicher Mann mit der Horrornachricht: „Tut mir leid, Ihr Hund ist vorhin von einem Auto angefahren worden“.
Entsetzlicher geht’s nun wirklich nicht. Aber das war zum Glück nur die halbe Wahrheit.
Die ganze Wahrheit war: Max hatte versucht, die Atwater Avenue zu überqueren, eine bei Tag und Nacht vielbefahrene, vierspurige Fahrbahn, die an der Markthalle vorbeiführt. Zwei Autos mussten scharf abbremsen und streiften sich dabei wohl auch ein ganz kleines bisschen, während Max unverletzt in Richtung Altstadt weiterrannte.
Zweimal habe ich ihn gesehen, jeweils nur für ein paar Sekunden. Und weg war er.
Eine junge Frau hatte ihn von ihrem Balkon in St. Henri aus entdeckt, kam zur Haustür heraus gerannt, als sie mich mit den Plakaten in der Hand sah, nur um mir zu sagen: „Hier war er eben noch, ich schwöre, er ist eben um diese Ecke gerannt.“
Und dann der Mann, um die fünfzig, nicht ganz schlank wie ich, spurtete eine Straße nach der anderen ab. Von Ost nach West, von Süd nach Nord – ohne Erfolg.
„Du suchst einen Schäferhund?“, fragte mich eine ältere Frau mit Pudel nach gut zwei Stunden. „Er ist gerade an mir vorbei in Richtung Alt-Montreal gelaufen“.
Das Netzwerk funktionierte – und immer wieder klingelte das Handy, kam eine SMS oder lief ein Passant auf mich zu, der den Flyer gelesen hatte.
Cassian war, wie ich, zu Fuß unterwegs, Lore im Auto, Michelle joggend, ganz viele Leute, denen ich die Flyers unter die Nase gehalten hatte – alle suchten sie jetzt nach dem lieben, inzwischen bestmmt total verängstigten Max. Dank der zahlreichen Augenzeugenberichte konnten wir jetzt zumindest die Stadtteile eingrenzen, in denen sich unser Sorgenkind aufhalten muss.
Und dann, die Sonne war gerade am Untergehen und es wurde langsam Nacht, Michelles Entwarnung per SMS: „Wir haben ihn!‘
Max war in die Hände seines Frauchens gelaufen. Buchstäblich. Irgendwo zwischen Markthalle und dem Alten Hafen. Einige Kilometer weit weg von der geplünderten Wohnung.
Fast 17 Kilometer zeigte mein Streckenzähler auf dem Handy inzwischen an. Erschöpfung machte sich breit. Aber der beste noch lebende Hund der Welt ist wieder da! Und unsere Bella, wäre sie nicht schon vor Jahren über die Regenbogenbrücke gegangen, wäre stolz auf uns gewesen.
Danke, ihr guten Menschen da draußen, wer immer ihr auch seid. Ohne euch hätte es an diesem verrückten 9/11-Samstag kein Happy End gegeben,