Fast wie im Film

Weg da, Tom Cruise! Platz machen, George Clooney! Warm anziehen, Gérard Depardieu! Es gibt Konkurrenz. Sie wohnt im Montrealer Stadtteil St. Henri und wird demnächst im nicht ganz taufrischen Alter von 63 Jahren erstmals vor der Kamera stehen. Die Konkurrenz bin ich. Oder so ähnlich.

Moment bitte, meine Agentin!“ macht sich gut, wenn man das Mittagessen mit Freunden mal kurz für einen Handy-Anruf unterbrechen muss. Danach gibt’s keine Zweifel mehr: Die Rolle, für die ich neulich gecastet worden bin, ist mein. Warum sich der Regisseur ausgerechnet für ein Radiogesicht entschieden hat, dessen einziger Bühnenauftritt 55 Jahre zurück liegt (stummer Fliegenpilz im Ummendorfer „Adler“-Saal), bleibt sein Geheimnis. Der Mann wird schon wissen, was er (sich damit an-) tut.

Der Spaßfaktor ist höher als die Gage

Gedreht wird Ende Oktober. Für meine Szenen werden Schauspieler und Crew eine Woche lang in einem Landhaus in den Bergen nördlich von Montreal leben und arbeiten, der Rest wird an anderen Locations gedreht. Ich stelle mir das vor wie im Schullandheim, nur mit besserem Catering. Die Gage wird zwar nicht ganz so hoch sein wie der Spaßfaktor. Aber Hilary Swank hat für ihre erste Filmrolle in „Boys don’t cry“ auch nur 3000 Dollar kassiert. Und hinterher gab’s einen Oscar.

Lampenfieber? Und wie! Am meisten beschäftigt mich im Moment die Frage: Wie um Himmels willen soll ich einen Text auswendig lernen, wenn ich es nicht einmal schaffe, mir die Handynummer meiner Frau zu merken? Auf der Suche nach der Antwort gibt es glücklicherweise in der eigenen Familie einen Menschen, der bereits Filmerfahrung hat. „Warten bis ganz zum Schluss„, meint der Sohn, „und dann voll Power Texte pauken„. Die Technik gefällt mir.

Vorsicht beim Text auswendig lernen!

Durchaus praktikable Tipps für fast learning gibt’s auch von Tante Google: „Text aufnehmen und bei jeder Gelegenheit abspielen lassen. Im Bad, im Bus, im Auto„. Aber Vorsicht, warnt das Internet: Laut nachsprechen sei nur in „einer dafür geeigneten Umgebung“ zu empfehlen. „Sie könnten sonst in peinliche Situationen geraten„.

Der Tipp ist gut. Zumal meine Filmpartnerin eine starke junge Frau sein wird, die bei einem älteren Herrn schon mal schwach wird. Ein lautstark geprobtes „Ich bin verrückt nach Dir!“ in der U-Bahn könnte leicht zu Verwicklungen führen.

Mein allererstes Casting

Ich denke, das war’s dann mit meiner Schauspielerkarriere. Wenn dich der Regisseur beim Casting ständig für etwas lobt, was in der Rollenausschreibung gar nicht gefragt war – in meinem Fall „your spectacular voice“ -, dann ist das schon mal verdächtig. Wenn er außer zur Stimme aber kein Wort über deine schauspielerischen Leistungen verliert, ist das Urteil quasi gesprochen. Klappe die letzte, also. Trotzdem war mein erstes Casting eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Cool, aber nicht zu cool. Selbstbewusst, aber nicht eitel. Europäisch, gerne auch mit Akzent – so hatte sich der Regisseur meinen Auftritt gewünscht. Cool bleiben ist leichter gesagt als getan, wenn du verschwitzt bis unter die Achselhöhlen bei 34 Grad aus der Métro kommst und dich nach einem Kilometer Fußmarsch zum Proberaum im 4. Stock eines Theaters in einem dampfenden Backsteingebäude hochkämpfst. Drei Männer unterschiedlichen Alters und eine sehr junge, sehr hübsche Frau warten schon vor der Tür. Jetzt bloß kein Smalltalk. Und überhaupt: Geredet wird ab jetzt nur noch für Geld.

Als Fliegenpilz im „Adlersaal“ von Ummendorf

„Come on in“, meldet sich pünktlich der Regisseur bei den Kandidaten. Ich bin heute der einzige, der für die Rolle des alternden Schwerenöters Theodore vorspricht, die anderen sollen für unterschiedliche Charaktere gecastet werden. Meine Rolle ist eine Hauptrolle. Das kann nicht gutgehen. Meinen bisher größten, weil einzigen Bühnenauftritt hatte ich im „Adlersaal“ in Ummendorf. Das war vor ziemlich genau 58 Jahren. Damals durfte ich vor lokalem Publikum einen gepunkteten Fliegenpilz spielen. Stummfilm also.

Der Regisseur ist Anfang dreißig, blitzweisse Zähne, dunkle Augen, pechschwarzes Haar, sehr schlank, sehr freundlich, verbindlich, sympathisch und empathisch, wenn’s um seinen Film geht. „Eure Rolle kennt ihr ja“, sagt Mr. Clooney, „den Text habt ihr auswendig gelernt. Also dann mal los.“

Ein Radiogesicht macht keinen Filmschauspieler

Entschuldigung, Herr Lehrer, aber ich kann meinen Text nicht auswendig. Er ist mir nämlich erst reichlich spät zugeleitet worden. Und damit hier keine Missverständnisse aufkommen, sag ich’s lieber gleich: Ich habe noch nie in einem Film mitgespielt, stand noch nie auf einer richtigen Bühne und habe alles in allem doch eher ein Radiogesicht. Gelächter im Saal. Das Eis ist gebrochen. Das mit dem Radiogesicht passt ganz gut in die Rollenbeschreibung. Hübsch müsse mein Charakter nicht sein, hieß es da, aber charismatisch, neugierig auf mehr Leben und forever young. Könnte passen.

Nach einer Stunde ist alles vorbei. Der empathische Regisseur packt die Kamera weg, die er selbst geführt hat – Achtung, low budget! – wünscht uns einen schönen Abend und bedankt sich, dass wir mit so viel Enthusiasmus bei der Sache waren.

„Zu schön für diesen Film“

Bei der gemeinsamen Aufzugfahrt mit den Castingkollegen dann wieder das inzwischen schon bekannte Ritual: „Tolle Stimme“, sagt einer der Schauspieler, „sensationell“, die Schauspielerin. Trost spricht mir später auch die Frau an meiner Seite: zu: „Wenn du die Rolle nicht bekommst“, sagt Lore, „dann bestimmt deshalb, weil du einfach zu gut aussiehst“.

Warum sind denn alle nur so verdammt nett zu mir? Vielleicht weil ihnen klar geworden ist, dass ich heute Abend gleich zweimal zu einem Casting angetreten bin. Zum ersten und zum letzten Mal.

Spaß und eine Handvoll Dollar

Soll ich – oder soll ich nicht? Eine Agentin hat sich gemeldet. Es geht um eine Filmrolle. Die Frau hatte mich vor Jahren mal als Sprecher unter Vertrag genommen. Dokumentarfilme, Werbespots. Stimmen eben. Im vorigen Jahr durfte ich einen finnischen Weihnachtsmann synchronisieren. Was macht man nicht alles für ein bisschen Spaß und eine Handvoll Dollar.

Filmschauspieler war ich noch nie. Dieses Privileg blieb bisher Cassian vorbehalten. Der Gedanke, es jetzt, mit 63, dem Sohn nachzumachen, ist gewöhnungsbedürftig. Aber er hat was. Reich und berühmt werde ich nicht werden, das steht fest. Aber der Thrill, vor der Kamera zu stehen, ist für einen, der sein Leben hinterm Mikrofon verbracht hat, nicht zu leugnen.

Pariser Gentleman verguckt sich in Schauspielerin

Es ist eine Low-Budget-Produktion, um die es geht. Warum der junge Regisseur ausgerechnet an meinem Gesicht, an meiner Stimme, Gefallen gefunden hat, bleibt sein Geheimnis. Beides präsentiert die Agentin auf ihrer Website. Einen Pariser Gentleman will der Regisseur besetzen, Typ Bohemien. Der verguckt sich in eine junge Schauspielerin, die in seiner Straße einen Film dreht.

„Hübsch ist er nicht, aber interessant“

Theodore, so heißt der Kerl, für dessen Rolle ich vorsprechen soll, ist Anfang 60 und „im Herzen jung geblieben“. Könnte passen. Zwanzig Drehtage sind für den Film angesetzt. „Hübsch ist Theodore nicht“, heißt es in der Rollenbeschreibung, „aber interessant“. Toll. Sollte ich also die Rolle bekommen, würden sie mich nicht etwa wegen meiner blauen Augen nehmen. Wie ich daher komme, ist ihnen wichtiger. Schwerenöter. Womanizer. Doch nicht etwa Dirty Old Man?

Noch ist es nicht so weit mit dem Rollenspiel. Zwei andere Männer sind noch im Rennen. Ich kenne sie nicht, bin aber gespannt, wie so ein Typ aussieht der „nicht hübsch, aber interessant“ ist. Die eigene Wahrnehmung ist ja doch manchmal ein wenig daneben.

Mit 63 nochmal den Marktwert testen

Nervös? Ein bisschen schon. Und überhaupt: Muss ich mir so ein Casting denn antun? In meinem Alter und „bei deiner Figur“, wie Maggy bei solchen Gelegenheiten immer spöttelt. Nein, muss ich nicht. Aber die Neugier hat gesiegt und ich habe zugesagt. Kann ja nicht schaden, mit 63 noch einmal den Marktwert zu testen. Und sei es nur in einer Low-Budget-Produktion als nicht sehr hübscher Mann.