„Cheapy Tuesday“ im Vorstadt-Kino

Wir lieben Kino! Im Winter kann es passieren, dass wir uns zweimal pro Woche einen Film ansehen. Im Sommer bleibt es meistens bei einem Kino-Abend. Manchmal lassen wir auch eine Woche ausfallen, aber das kommt eher selten vor. Am liebsten sehen Lore und ich Québecker Filme. Es sind meistens keine schönen, ästhetisch wertvollen Filme. Dafür sind sie schräg und kommen aus dem prallen Leben. „Bon Cop. Bad Cop“ ist so ein Film. Er erzählt die Geschichte einer, in Deutschland würde man sagen, „multikulturellen“ Polizistenbesetzung. Weil die Leiche just an der Grenze zwischen den Provinzen Québec und Ontario gefunden wurde, können sich die Cops nicht darauf einigen, in wessen Hoheitsgebiet nun die Ermittlungen fallen. Also machen sich zwei Beamte aus je einer Provinz gemeinsam an den Fall. Der eine Bulle kommt aus Québec, der andere aus der Nachbarprovinz Ontario. Québec und Ontario haben ein sehr spezielles Verhältnis zueinander, das macht die Ermittlungen nicht einfacher. In Québec regiert die Lebenslust, in Ontario das Geld. Es macht einfach mehr Spaß, in einem Montréaler Straßencafé ein gepflegtes Glas Weißwein zu trinken als irgend einen Schlonzdrink in Hawkesbury aus dem Pappbecher. Egal.

Dienstag ist bei uns „Cheapy Tuesday Movie Night„. Kinobesuche kosten dienstags nur $ 5.99 $ statt $ 12.25. Mehr Unterhaltung für weniger Geld geht nicht. Da geht dann auch nicht gleich die Welt zugrunde, wenn der Film nicht immer ganz großes Kino ist. „Not even a rental„, sagt unser Freund Doug zu solchen Schinken, die man am besten schnell wieder vergisst.. Es lohnt sich nicht einmal, sie im Videostore auszuleihen. Gestern war wieder „Cheapy Tuesday„, Zeit für Lore und mich, uns auf den Weg ins „Colisée Kirkland“ zu machen. Das ist ein Vorstadtkino, das auf den ersten Blick tatsächlich etwas von einem Amphitheater hat. Eine riesige Beton-Auster mit zwölf prächtig ausgestatteten Kinosälen und einem großen Spielbereich. Hier wird geflippert und geballert, es werden virtuelle Autorennen gewonnen und verloren. Vor allem aber wird viel Geld ausgegeben. Und weil die Preise dienstags erschwinglich sind, stapeln sich entsprechend viele Teenager vor dem Kino, im Spielbereich, an den Fastfood-Kiosken und natürlich in den Kinosälen selbst.

„THE HELP“: Schluchzen erlaubt

Gestern haben wir „The Help“ gesehen. Es ist ein brandneuer Film mit Emma Stone in der Hauptrolle. Der Film spielt in den sechziger Jahren im super rassistischen Mississippi, dauert zweieinhalb Stunden und hat wunderschöne Momente. Aber er bringt inhaltlich nichts, das man nicht schon irgendwo anders gesehen hätte. Eine Mischung aus „Vom Winde verweht“ und „Driving Miss Daisy“. Schwarz-Weiß in Farbe, alles wunderbar gedreht und mit einer tollen Besetzung. Aber von der Story her nichts Atemberaubendes. Ein schöner „Tearjerker„, bei dem viel geschluchzt wurde. Ist ja auch klar, wenn unmittelbar vor einem auf der Leinwand solche Ungerechtigkeiten passieren. Aber bei einem Eintrittspreis von $ 5.99 kann man sich schließlich auch noch ein paar Tempotaschentücher zum Popcorn leisten. Gestern hat es sich also auf jeden Fall gelohnt, den Film zu sehen. Vor etwa drei Wochen dagegen überhaupt nicht. Da haben wir uns „Bad teacher“ angesehen. Bad? Bader geht’s gar nicht. Nicht nur dass Cameron Diaz eine Katastrophe war. Nach dem Ende des Films hat der eigentliche Ärger erst richtig begonnen.

Achtung! Vorstadt-Detektive im Einsatz

Ohnehin schon mächtig enttäuscht von diesem unnötigen Hollywoodschinken, entdeckten wir nach der Rückkehr zum Auto einen Strafzettel. Der klebte nicht etwa an der Windschutzscheibe unseres kleinen Smart-Cabrios, sondern lag IM Auto, AUF dem Fahrersitz. Irgendwelche Vorstadtbullen hatten an diesem Abend wohl nichts Besseres zu tun, als sich an die Türen der Autos auf dem Kinoparkplatz zu machen. War eine Tür versehentlich nicht abgeschlossen, wie bei uns, gab’s ein Ticket. Angeblich will man damit potenziellen Autodieben den Wind aus den Segeln nehmen. Ich empfinde die Art und Weise, wie und vor allem wo der Strafzettel deponiert wurde – in meinen vier Autowänden! – als eine ungeheuerliche Verletzung meiner Privatsphäre. Und erst richtig in Rage sind wir gekommen, als wir den Betrag auf dem Strafzettel lasen: 52 Dollar. Das sind mehr als acht Cheapy-Tuesday-Kinobesuche. HELP!!

Immer dieser Freizeitstress!

Lassen Sie uns doch mal kurz übers Wetter reden. Oder noch besser: über den Sommer.

Schnee im Oktober

Wie ist er denn so bei Ihnen? Frisch, sagen Sie? Verregnet? Achwas, das tut mir aber leid. Heizen mussten Sie auch schon, erzählt mir meine Schwester im Allgäu. Ist ja nicht möglich! Es ist doch erst Mitte August. So ein Gespräch wäre mit vielen Kanadiern geradezu lachhaft. Hier gehen die Menschen einfach davon aus, dass es meistens arschkalt und das Wetter lausig ist. Und wenn dann mal eine Hitzewelle eintritt wie in den letzten Wochen, dann ist das schlicht ein Irrtum der Natur, ein Intermezzo, das natürlich jeder gerne hinnimmt.

Ein kanadischer Nachbar vom See: „We are Winter People“

Aber im Grunde genommen sind die meisten Kanadier „Winter People“, wie unser Hüttennachbar am See immer sagt. Einmal sei er im Winter in Florida gewesen, erzählte uns Monsieur Bertrand vor ein paar Tagen. „Das war ganz schrecklich„. Ein richtiger Kanadier steht zu seinem Wetter und bucht bereits im Hochsommer die Trainingszeiten für die Eishockey-Saison im Winter. Ich kenne Leute, die stellen den Wecker auf drei Uhr morgens und treffen sich eine Stunde später in irgend einer gottverlassenen Eishockeyhalle, in die mich keine zehn Pferde hinbringen würden. Nicht einmal im Sommer. Ich konnte nie verstehen, dass ein Chansonnier wie der Québecker Gilles Vigneault ungestraft ein Lied singen durfte, dessen Titel mich schon frieren lässt: „Mon pays, ce n’est pas un pays, c’est l’hiver. Sein Land sei eigentlich gar kein Land, sondern der Winter. Auch nach mehr als 30 Jahren Kanada tickt meine innere Uhr immer noch süddeutsch. Im Dezember erwarte ich warme Weihnachten mit Glühwein auf der Terrasse. Im Februar Schneeglöckchen, im März ein geöffnetes Straßencafé. Schneien darf es gerne im Januar. Frühestens. Und auch bitte nicht so viel. Denn sonst schaffen es ja die Schneeglöckchen nicht bis zum Februar. Träumen darf man ja wohl. Vor allem wenn es in der Nacht wieder einen Meter Neuschnee hingeworfen hat und das Thermometer minus 30 Grad zeigt. Celsius!

Ein Tag ohne Handschuhe ist ein guter Tag

Temperaturen wie diese sind unanständig und ein Anschlag auf meinen ganz persönlichen Thermostat. Doof nur, dass ich für so einen rigiden Wetterrhythmus im falschen Land lebe. Doof auch, dass uns die Drohung eines bevorstehenden gnadenlosen Winters jedes Jahr aufs Neue in einen regelrechten Freizeitstress versetzt. Dabei sind wir schon echt bescheiden geworden. Jeder Tag ohne Parka, Handschuhe und Schneestiefel ist ein guter Tag. Okay, ganz so schlimm ist es nicht. Aber Sie wissen, was ich meine. Der Sommer läuft hier in Montréal in zeitlich vorbestimmten Bahnen ab, im Festivaltakt gewissermaßen. Dem Formel-Eins-Rennen im Juni folgen: das Jazzfestival, das Fringefestival, das französische Komikerfestival, das englische Komikerfestival, das Lichterfestival, das Kochfestival, das karibische Festival, das Bierfestival, die afrikanischen Nächte … undsoweiter. Ende August kündigt sich in Montréal noch das Weltfilmfestival an. Dann kommt das Tote-Hosen-Festival: der Winter. Zwar kann es während des Indian Summer im September und Oktober noch wunderschöne, warme Tage geben. Aber der Canadian Summer verabschiedet sich Ende August.

Jedes Jahr dasselbe: Ja nichts verpassen!

Die Hektik, die der Wettlauf mit den Jahreszeiten mit sich bringt – ja nichts verpassen! – kann vermutlich nur jemand nachvollziehen, der schon mehrere kanadische Winter erlebt, erbibbert, ereist hat. Kein Open-Air-Festival mehr, keine überfüllten Straßencafés, keine Mädels mehr in knappen Röcken, keine Jungs mit Sixpacks. Zum Feiern geht der Kanadier jetzt in den Keller, in seinen „family room„. Dort lässt sich die Eiszeit am besten mit Freunden und Familie aushalten. Anzeichen dafür, dass viele Kanadier den Winter gar nicht erwarten können, begegnen mir jetzt immer häufiger an Autos, Fahrrädern und sogar Motorbooten. Es sind die Wimpel der Eishockeymannschaft, die es auch in der neuen Saison wieder anzufeuern gilt („Go Habs, Go!“). Übrigens: Im Moment ist es noch herrlich warm hier und durchs offene Bürofenster weht der wunderbare Geruch von frisch gemähtem Gras. Die Sonne scheint, der Himmel ist strahlend blau, die Nachbarkinder planschen im Swimmingpool. Morgen soll es wieder 30 Grad geben. Wie war das nochmal mit Ihrem Sommer? Sie heizen schon? Kleiner Tipp: Wie wär’s mit Kanada?

Wassernot: Willkommen in der Wüste!

Verbotsschild: Nicht schießen!

Schon in der Schule habe ich gelernt: Kanada hat die größten Süßwasservorräte der Welt. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Mit fast 23tausend Kubikmetern Wasservolumen enthalten allein schon die Großen Seen am kanadisch-amerikanischen Grenzgebiet gut 22 Prozent des Frischwasserbestandes der Welt. Umso mehr überrascht es, dass hier dauernd von „Wasserknappheit“ die Rede ist. Ich vermute mal, das hat weniger mit den Ressourcen zu tun und mehr mit der Verwaltung und Verteilung des Wassers. Mit der Administration also. Das erste, das Besucher zurzeit sehen, wenn sie auf unseren kleinen Ort in der Nähe von Montréal zufahren, ist ein mannshohes Schild: „Gießen bis auf weiteres verboten!“ Es sieht gefährlich aus und zeigt eine Hand am Drücker. Bei Strafandrohung dürfen also Rasenflächen nicht mehr gewässert und Blumen nicht mehr gegossen werden. Zumindest nicht, wenn das Wasser aus dem Schlauch und nicht aus der Kanne kommt. Für uns ist das echt doof. Ausgerechnet jetzt, da unser Haus zum Verkauf steht und immer wieder Interessenten vorbeikommen, um sich das gute Stück anzusehen, sieht unser sonst so gepflegter Wimbledon-Rasen aus, als hätte eine Horde von Wildschweinen darauf Rugby gespielt. Braun und voller Löcher. Das Gras schreit förmlich nach Wasser. Nur: Die Gemeindeverwaltung hat uns den Hahn abgedreht. Dass die Swimmingpools in der Nachbarschaft trotzdem immer bis zum Anschlag gefüllt sind und das Wasserverbot für sie offensichtlich nicht gilt, sei hier fast neidfrei und lediglich am Rande erwähnt. GRRRRHHHHH! Es gibt hier übrigens keine Wasseruhren. Das heißt, der Wasserverbauch wird nicht individuell abgelesen, sondern als Fixtarif mit der Haussteuer abgerechnet. Noch Fragen?

Sandstürme und Schlaglöcher so groß wie Liechtenstein

Unsere Dorfstraße: Kein Wasser, viel Staub.

Überhaupt kommen mir kanadische Bürokraten manchmal vor wie Regisseure von einem anderen Stern. Die Straße, die zu unserem Haus führt, ist nicht geteert, eine unbefestigte Dorfstraße also. Das wäre nicht weiter schlimm, denn wir wussten ja beim Hauskauf, worauf wir uns einlassen (auch wenn uns schon seit 20 Jahren versprochen wird, die Straße zu teeren). Was mich wirklich zur Weißglut bringt, ist der Zustand dieser unbefestigten Straße. Man wird ja bescheiden mit der Zeit. Aber Schlaglöcher so groß wie Liechtenstein gehören verboten. Sie machen nicht nur die Stoßdämpfer an unserem armen Smart kaputt, sondern auch meine Nerven. Und sind es nicht das Bewässerungsverbot und die Schlaglöcher, dann ist es der Staub, der uns die Sicht vernebelt.

Danke, Gemeindeverwaltung!

Ganz besonders schlimm wurde es nach der Trockenperiode der letzten Wochen. Jedes Mal, wenn ein Auto durch unser Wohngebiet fährt, sieht es aus wie nach einem Sandsturm in der Sahara. Anrufe, Mails, Briefe, persönliche Gespräche – all das beeindruckt die Gemeindeverwaltung nicht wirklich. Warum auch? Das Rathaus liegt an einer fein geteerten Straße. Und die Blumenrabatte davor kommen mir immer frisch gewässert vor.

Blockhüttenzauber am Lac Dufresne

Wer in den vergangenen drei Tagen versucht hat, uns anzurufen, anzumailen oder gar in unserem Haus zu besuchen, hat Pech gehabt. Wir waren im Busch. Vor 15 Jahren haben wir uns einen Uralt-Kanadatraum erfüllt: Ein eigenes Blockhaus, direkt am See. Es liegt ca. zwei Autostunden nördlich von Montréal, in den Bergen der Laurentians.

Genau genommen ist es kein richtiges Blockhaus. „Log cabins“ sind mit vollständigen, runden Stämmen gemacht. Unser Häuschen gilt bei Kanadiern als „Half log„, das heißt, es sind zum Bau nur jeweils die oberen und unteren Bretter eines Stammes verwendet worden. Das Häuschen hat eine Küche, zwei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und eine Art überdachte Terrasse, die den Blick direkt auf den Lac Dufresne freigibt. Hier verbringen wir viele Wochenenden, aber auch ganze Wochen, wenn es die Zeit erlaubt.

Das Leben in der Hütte unterschiedet sich in vielen Dingen von dem zu Hause. Es gibt keine Autozufahrt zur cabin. Die letzte Strecke vom Auto zum Haus legen wir zu Fuß durch einen steilen und felsigen Bergwald zurück. Freunde von uns, die auf der anderen Seeseite eine Hütte haben, wählen den etwas bequemeren Weg. Sie stellen ihren Wagen am Ufer ab und paddeln mit dem Kanu über den See. Unser Blockhaus verfügt zwar über Strom. Aber es gibt kein fließendes Wasser, kein Telefon, kein Fernsehen und auch kein Internet. (UPDATE: Das hat sich inzwischen geändert. Neuerdings geht’s übers Handy ans Netz). Für einen Webjunkie nicht ganz einfach. Natürlich gibt es keine Dusche und auch kein WC. Dafür ein schnuckeliges „Outhouse„, ein Plumpsklo also.

Hier werden Sitzungen abgehalten

Motorboote werden von den Anwohnern nicht gerne gesehen. Die meisten Hüttenbewohner verzichten deshalb darauf und bewegen sich im Kanu, im Ruder- oder im Tretboot voran. Immer häufiger sind jetzt auch umweltfreundliche und absolut geräuschlose Elektromotoren zu sehen. Ein Hüttenbewohner strampelt manchmal mit einem Wasserfahrrad über den See. Es sieht aus wie ein herkömmliches Rad, hat aber zwei pontonartige Kufen, auf denen dieses seltsam anmutende Gerät schwimmt. Wenn ich daran denke, dass ein gewisser Mr. Geary die Hütte damals mit eigenen Händen gebaut hat, wird mein Respekt für diesen Kanadier grenzenlos. Jede Schraube, jeden Nagel, jedes Kilo Teer musste dieser inzwischen leider verstorbene Mann über den See rudern. Wir haben die Cottage damals von Mr. Gearys Familie gekauft, weil ihnen der Weg dorthin zu beschwerlich geworden war. Außerdem hatten die Geary-Kinder einfach kein Interesse mehr an der Hütte, weil sie in den Westen Kanadas gezogen sind.

August im Norden Kanadas: Es riecht nach Herbst

Der nächste Tante-Emma-Laden ist zwölf Kilometer entfernt. Lebensmittel und Trinkwasser bringen wir mit. Kochwasser entnehmen wir dem See. Brot wird selbst gebacken. Den Müll schleppen wir im Rucksack wieder zum Auto zurück. Alles sehr anstrengend, aber auch sehr befriedigend. Um diese Jahreszeit sind die Nächte im Norden schon ganz schön kühl. Tagsüber steigt das Thermometer aber noch bis in die 20er-Zone. An einem Abend kamen kanadische Freunde vom anderen Seeufer im Kanu angepaddelt. Wir haben zusammen gegessen und getrunken. Und weil plötzlich ein frischer Wind aufzog, haben wir zum ersten Mal seit dem vorigen Winter den Holzofen angemacht. Ein Glück, dass ich nachmittags schon Holz gehackt hatte – übrigens eine herrliche Art, sich körperlich zu betätigen. So schön dies alles klingen mag, so traurig ist es auch. Old Man Winter droht uns auf Schritt und Tritt mit seinem baldigen Besuch.

Kolibris: Tropische Vögel in der kanadischen Wildnis

Ein Seenachbar, der ständig am Lac Dufresne wohnt, erzählte uns, er habe noch nie so viele Bären gesehen wie in diesem Jahr. Das hat kurioserweise damit zu tun, dass es so viele Beeren gibt wie schon lange nicht mehr. Bären lieben Beeren. Und wenn der Bär hungrig ist und langsam schon mal für den Winterschlaf vorfuttert, verliert er seine Scheu und kommt, wenn es sein muss, auch ganz nahe an die bewohnten Hütten heran. Wir haben bisher noch keinen Bären zu Gesicht bekommen, dafür aber ein aufgeregtes, wildes Huhn, ein Häschen, eine Entenfamilie, einen Nerz, jede Menge Fische (die wir aber nicht fangen) und drei „Loons“. Das sind kanadische Seetaucher, deren unvergleichlichen Lock- und Angstruf jeder kennt, der schon mal in der kanadischen Wildnis unterwegs war. Dass es bei uns sogar Kolibris gibt – siehe Video weiter unten -, fasziniert mich jedes Jahr aufs Neue. Ich dachte immer, diese Vögel seien nur in den Tropen anzutreffen.

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Die Story vom Sauerzehcocktail

Bisschen gruselig: Sourtoe-Certificate

In unserem Gäste-Bad hing jahrelang eine Urkunde, die unsere Besucher regelmäßig schaudern ließ. Irgendwann nahm ich das gerahmte Dokument ab und hängte es in meinem Büro wieder auf. Jetzt ekelten sich die Gäste eben, wenn sie mich im Büro besuchten. Ehrlich gesagt habe ich lange Zeit nicht mehr daran gedacht, wie ich zu der Urkunde gekommen war. Aber vor ein paar Tagen hat mir eine tolle Kollegin aus Deutschland erzählt, dass sie für eine Gold-Reportage im Yukon gewesen sei. Von einem etwaigen Besuch in der „River Rat Bar“ von Dawson City hat sie jedoch nichts erwähnt. Das fand ich etwas schade. Deshalb soll die Story, die hinter der Urkunde steckt, hier noch einmal erzählt werden.

Es gibt Geschichten, die sollte man sich nicht zum Frühstück erzählen. Auch nicht zum Mittagessen. Und gleich gar nicht zum Abendbrot, wenn sich alle auf Schweinebraten und Spätzle freuen und du fängst plötzlich an vom Sauerzehcocktail. Es gibt Geschichten, die sollte man sich eigentlich gar nicht erzählen. Dazu gehört die Geschichte vom Sauerzehcocktail. Doch weil der Sauerzehcocktail im Laufe der Jahre viele unterhaltsame Tischgespräche geliefert und sogar für gute Einkünfte in der Korrespondenten-Kasse gesorgt hat, darf die Story hier noch einmal zu Ehren kommen.

Es begann an der Mündung des Klondike River

Die Geschichte des Sauerzehcocktails  ist eine jener Geschichten, die es nur in Kanada geben kann. Denn nur hier, wo die Winter lang und die Tage kurz sind, scheinen Menschen die Begabung zu besitzen, spielerisch mit einem menschlichen Körperteil umzugehen, das schon seit hundert Jahren tot ist.  Der Tatort ist eine kleine Bar in der Goldgräbersiedlung Dawson, nicht weit von der Mündung des Klondike Rivers in den Yukon. Dorthin waren während des größten Goldrausches (1896-1898) in Nordamerika Zigtausende von Abenteuersuchenden geströmt. Der Flusskapitän Dick Stevenson verdiente sein Geld damit, Männer, die bis von Kalifornien in den Norden Kanadas gereist waren, vom Ausgangspunkt Dawson City im Yukon aus zu den Goldminen am Klondike River zu schippern.

Der Goldrausch vom Klondike brachte das Beste im Menschen zum Vorschein, aber auch das Hässlichste, Gemeinste, Schrecklichste. Als die Schürfer dem Fels- und Sandgestein an der Grenze zu Alaska auch noch den allerletzten Nugget abgerungen hatten, waren sagenhafte 12,5 Millionen Unzen gehoben. Genug, um Dutzende von Lkw-Container mit purem Gold zu füllen.  Manche der Männer wurden als Goldgräber unbeschreiblich reich. Andere, wie zum Beispiel der Abenteuer-Schriftsteller Jack London, wurden weltberühmt. Wieder andere wurden körperlich krank oder einfach verrückt.  Käpt’n Stevenson passt in keine der oben genannten Kategorien. Ihm war schlicht und einfach langweilig geworden.

Braun und klitschig: Der Autor beim Zehtest

Nachdem er Tausende von Golddiggern durch das Flussgewirr des kanadischen Yukon-Territoriums geschifft hatte, gab es nach dem Ende des gold rush nicht mehr viel für ihn zu tun. Also baute er sich ein Blockhaus in dem Ort Dawson und vermietete die Zimmer im oberen Stockwerk an freizügige Damen, die sich von freigiebigen Herren für ihre Liebesdienste bezahlen ließen. „Whorehouses“ hießen diese Etablissements in Dawson ganz unverblümt. Bei den Damen, die in den Bordells arbeiteten, handelte es sich um meist junge Frauen, die den Abenteurern hinterher gereist waren, in der Hoffnung, auf ihre Art den Goldrausch ein wenig mitträumen zu dürfen. Die Rechnung ging auf. Viele der Huren wurden so reich wie die Goldgräber selbst. Seither hat der Begriff „golddigger“ in der englischen Sprache eine doppelsinnige Bedeutung. Mit „golddigger“ sind nicht nur die Schürfer selbst gemeint, sondern auch die Frauen, die sich am Reichtum älterer Männer laben, ohne eine Gegenleistung dafür zu erbringen. Sieht man einmal von gelegentlichen Leibesübungen ab.

Besuch in der „River Rat Bar“

Im Erdgeschoss des Holzhauses, das sich Kapitän Stevenson gebaut hatte, befindet sich heute wie damals die „River Rat Bar“. Weil ein Flusskapitän nicht nur gut navigieren können muss, sondern auch erste Hilfe leistet, wenn es die Situation erfordert, diente die Bar gelegentlich als Notfallstation. Manche der Hilfesuchenden hatten sich beim Goldschürfen verletzt, andere beim Trinken zu viel zugemutet, wieder andere Erfrierungen zugezogen. Im Yukon sinken die Temperaturen schon mal auf minus 45 Grad.

Einer von denen, die mit Erfrierungen Hilfe in der „River Rat Bar“ gesucht hatten, war ein namenloser Trunkenbold, der nicht einmal in der Lage war, den Whisky zu bezahlen, mit dem der Käpt’n den erfrorenen Zeh des Mannes desinfizierte. Ehe er ihn schließlich amputierte. Den Zeh legte Mister Stevenson in ein Marmeladeglas mit hochprozentigem Alkohol ein. Damit war die Konservierung des guten Stückes garantiert. Im Laufe der Jahre schrumpelte der Zeh zu einem hässlichen, sehnigen Fleischbrocken zusammen. Allenfalls der Nagel erinnert heute noch daran, dass es sich tatsächlich einmal um den großen Zeh eines männlichen Wesen gehandelt haben muss.

Ein verschrumpelter Zeh im Whiskyglas

Der in Whisky eingelegte Zeh wurde zur Legende. Für Männer, die sich im Yukon etwas beweisen wollten, gehörte es fortan zur verdammten Pflicht und Schuldigkeit, ein Glas Whisky zu trinken, in denen der verschrumpelte Zeh schwamm. Der Sauerzehcocktail war geboren. Die Idee mit dem eingelegten Zeh brachte dem Flusskapitän so viel Geld ein, dass er sich einen angenehmen Altersruhestand gönnen konnte.

Nach dem Tod von Mister Stevenson setzte ein entfernter Verwandter, ebenfalls Kapitän, den Brauch mit dem Sauerzehcocktail fort. Heute sind es fast nur noch Touristen (und gelegentlich auch Journalisten), die den Whisky nicht „on the rocks“ trinken, sondern „on the toe“.  Am Ritual selbst hat sich seit den Stevenson-Tagen nichts geändert: Nur wer es geschafft hat, sich ein Glas Whisky hinter die Binde zu kippen und den verdorrten Zeh mindestens fünf Sekunden im Mund zu belassen, ehe er ausgespuckt werden darf, bekommt als Beweis für diese zweifelhaften Mutprobe eine Urkunde ausgehändigt.

Meine Urkunde trägt das Datum vom 7. September 2004. An diesem Tag, übrigens dem 65. Geburtstag meiner Schwester Irmtraud, führt mich der Weg in die „River Rat Bar“ in Dawson. Es ist ein regnerischer Abend, die bissige Luft riecht nach frühem Winter. Der unbefestigte Schotterweg, der durch den 1200-Einwohner-Ort Dawson City führt, ist aufgeweicht. Die Bar ist brechend voll. Auf einer kleinen Holzbühne in der Ecke spielt eine Country & Western- Band. Auf dem Tresen steht ein großes Glas mit eingelegten Eiern, daneben ein Fass mit sauren Rollmöpsen. Um mich herum gut gelaunte Menschen: Einheimische, ausgelassene Touristen und ein paar kreischende Frauen, die sich allein schon beim Anblick des berühmten Marmeladeglases ekeln.

Ich bin hierher gekommen, um mir den Sauerzehcocktail anzutun. „Are you ready?“, will der Barmann wissen. Das Gekreische in der Kneipe wird lauter. „Are you ready?“, fragt der Brummbär jetzt noch einmal, diesmal mit erhobener Stimme. Klar doch. Hatte ich eine andere Wahl? Jetzt, da ich dem legendären Marmeladeglas mit dem abgestorbenen Zeh näher gekommen bin als die meister der Hörer und Leser, denen ich darüber berichtet hatte, gab es kein Zurück mehr.

Ex oder langsam? Ich entscheide mich für den schnellen Tod

„Her damit“, rufe ich dem Barkeeper zu. „Und hinterher gleich noch einen Extraschnaps, um den Ekel wegzuspülen.“ Der Barbesitzer setzt sich die Kapitänsmütze auf, die angeblich schon Dick Stevenson getragen haben soll. Dann greift er mit Mittelfinger und Daumen in den Marmeladetopf, holt vorsichtig, aber nicht sehr angeekelt die gelblich-bräunliche Zehe heraus und lässt sie in ein leeres Glas fallen. Ein Schuss Whisky drüber – und es kann losgehen. „Schluckweise oder ex?“, will der Barkeeper wissen.  Ich entscheide mich für den schnellen Tod.

Geschafft: Ex und hopp und eklig

Das Gefühl, fünf Sekunden lang den vergilbten, verschrumpelten Zeh eines Goldgräbers im Mund zu haben, den ich nicht einmal kannte, ist unbeschreiblich ekelhaft. Aber auch aufregend. Es schmeckt nach Essig und Salz, nach Zucker und Jod, nach Schnee und Eis. Und auch ein bisschen nach Menschenfleisch.  Oder bilde ich mir das nur ein?  Vor allem aber schmeckt der Sourtoe-Cocktail nach Abenteuer. Da fallen einem Schleppesel ein, die Zelte und Kochgeschirr der Goldgräber transportieren, Campfeuer und gebratene Grizzlytatzen, aber auch kalifornische Girls, die es allen Männern recht machen wollen. Und viel, viel Gold.  Weniger aufregend ist die Gewissheit, nicht der Erste gewesen zu sein, der dieses Stück Menschenfleisch in seinem Mund gehabt hat. Meine Urkunde trägt die Nummer 14 376