Ein Bär in der Großstadt

Heute kommt unsere Bärengeschichte nicht aus den Wäldern Kanadas, sondern aus Downtown Vancouver. Dort haben beherzte Wildhüter jetzt einen fetten Schwarzbär aus einem Müllauto gerettet. Der Kerl war unbemerkt in den Container geklettert. Erst als der Müllkutscher vor dem Entladen noch kurz seinen Truck inspizierte, wurde der Brummer entdeckt.

Eigentlich klar: So ein Bär will ja auch mal was von der Stadt sehen. Und weil es auch in Kanada keinen Bärenbus gibt, muss er eben kucken, wie er weiter kommt. Eine Stadt-Wanderung wäre zu gefährlich. Nicht für die Passanten. Eher für den Bär. Kanadische Polizisten fackeln meistens nicht lange, wenn sie so ein Tier in der Nähe von Wohnsiedlungen sehen. Unser Müllbär hatte Glück.

Als der Trucker die Polizei rief, brachte die gleich ein paar Wildhüter mit. Die störten den Bären mal kurz beim Büffet. Dann betäubten sie ihn mit einem gezielten Schuss – und ab ging’s in den Käfig.

Inzwischen hatten sich an der Ecke Camie und West Georgia Street jede Menge Schaulustige versammelt. Sie klatschten den Wildhütern für den Bärendienst Beifall. Solche Fotomotive gibt’s auch in Kanada nicht jeden Tag.

So richtig kann so ein Stadtbär seine Freiheit allerdings nicht genießen. Im Container war er gekommen. Im Käfig ließ er Vancouver wieder hinter sich. 120 Kilometer nördlich, in der Gegend von Squamish, wurde der Müllbär später in der freien Wildnis ausgesetzt. Wildbiologen sind sich fast sicher: Der Bär war nicht zum letzten mal in der großen Stadt. Jetzt, da er das Kalte Büfett im Container verschmeckt hat.

Ein Kamerateam von CTV hat die Bären-Episode gefilmt. Vor dem Video gibt es ein paar Sekunden Werbung.

Tolles Land. Schreckliche Politik.

Herzloser Harper: Aislin in der heutigen "Gazette"

Es gab Zeiten, da war Kanada für mich das coolste Land der Welt: Eine fortschrittliche Einwanderungspolitik. Ein weltbekannter Umweltguru namens David Suzuki, der schon von global warming sprach, als viele von uns noch gar nicht wussten, wie man das schreibt. Und ein Premierminister namens Pierre Elliot Trudeau, dessen Frau nach einem Bankett in Havanna kurz mal auf Fidel Castros Tisch tanzte.  Und jetzt? Ein Regierungschef namens Stephen Harper, der, wenn er nicht gerade bei Walmart shoppt, Umweltbestimmungen aushebelt und Waffengesetze lockert. Der Zuschüsse für Kulturprogramme kastriert und am liebsten den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen würde. Zu links für den Rechten aus Alberta.

So ein Kasperlkabinett haben wir hier nicht verdient. „Schon der Zeitpunkt des Kioto-Austritts Kanadas – nur 48 Stunden nach dem Ende der Konferenz von Durban – ist eine Provokation“, schreibt die Süddeutsche Zeitung heute.

Ein Schutzzaun für fünfeinhalb Millionen Dollar

Es ist mir peinlich, wenn ich sehe, wie ein reiches Land wie Kanada seinen eigenen Bürgern gegenüber so tut, als nage man am Hungertuch. Kaputte Straßen, Brücken die wegen Sicherheitsmängeln gesperrt werden müssen. Eine marode Infrastruktur, monatelange Wartezeiten auf lebenswichtige Operationen und Krankenhäuser die nach Lazarett aussehen. Kuckt die Welt aber dann mal zu, wie  letztes Jahr beim G20-Gipfel in Toronto, dann wird geklotzt. Und wenn es nur mit einem drei Meter hohen Zaun ist, damit den Politikern ja keiner auf die Finger kucken kann. Der Zaun allein hat übrigens 5.5 Millionen Dollar gekostet.

Jean Chrétien

Der ehemalige Premierminister Jean Chrétien bringt es heute auf den Punkt. In einer Weihnachtsbotschaft an seine politischen Freunde warnt er: „Was kommt als nächstes? Nimmt Mr. Harper den Schwulen wieder das Recht zu heiraten? Oder Schwangeren das Recht der Abtreibung? Sind wir wieder dabei, die Todesstrafe einzuführen?“

Die Karawane der Ewiggestrigen zieht vorbei

Jean Chrétien ist ein Liberaler und seine Befürchtungen sind nicht unbegründet. Was die stockkonservative Harper-Regierung in Ottawa fabriziert, macht mir Angst. Es ist, wie wenn man eine Karawane von Ewiggestrigen auf dem Weg ins Mittelalter an sich vorbeiziehen sieht. Wobei das mit dem Vorbeiziehen wörtlich zu nehmen ist. Denn die Konservativen haben im Parlament die absolute Mehrheit. Was also von den Harper-Leuten erst einmal ausgeheckt wurde, ist quasi schon Gesetz. Debattiert wird im Unterhaus lediglich der Form halber. Die sozialdemokratische Opposition macht sich rein optisch gut. Bewegen kann sie absolut nichts. Die Grünen haben es gerade mal mit einer einzigen Abgeordneten ins Parlament geschafft.

Stephen Harper

Sich zu einer konservativen Politik zu bekennen, ist eine Sache. Sich jedoch wegen der öffentlichen Wahrnehmung als fortschrittlich zu gerieren, in Wirklichkeit aber hinterwäldlerischer zu sein als Rübezahl, ist nicht nur unehrlich. Es ist auch in höchstem Maße staatsschädlich. Schon fordert der Grünen-Energieexperte Hans-Josef Fell einen Boykott kanadischen Erdöls. Die konservative Regierung unter Stephen Harper vergrault sich durch ihre antiquierte Pro-Co2-Politik vielleicht nicht unbedingt die Investoren. Gut möglich, dass sogar das Gegenteil der Fall ist. Sie versaut es sich aber vor allem mit jungen ErstwählerInnen, die sich nach einem zaghaften Versuch, Politik zu schnuppern, desillusioniert wieder zurückziehen werden. So hatten sie nämlich nicht gewettet.

Die Konservativen verkriechen sich in ihren Höhlen

Dabei hätte es auch nicht geholfen, am Wahltag das Kleingedruckte zu lesen. Das gab es nämlich nicht. Im Wahlkampf gab sich die Harper-Regierung noch als einigermaßen fortschrittlich und umweltfreundlich aus. Als die absolute Mehrheit dann unter Dach und Fach war, konnten sich die Konservativen wieder in ihren Höhlen verkriechen.

Stimmt: Jedes Land hat die Regierung, die es verdient. Nur: Mit so einer Regierung hatten wohl die wenigsten derer gerechnet, die im Frühjahr für den Harper-Clan stimmten. Diese Augenwischerei muss, wenn schon nicht bestraft, dann zumindest abgestraft werden. Leider sind es bis zur nächsten Wahl noch mehr als drei Jahre. Ein Jammer!

Fremdschämen für Kanada

foto: yukonbay

Es gibt Zeiten, da bin ich richtig stolz darauf, Kanadier zu sein. In den letzten Tagen schäme ich mich allerdings ein bisschen für mein Land. Kanada hat sich beim Gipfel in Durban nämlich wie ein Umweltschwein benommen. Während der Rest der Welt unserem Planeten neue Lebensgeister einzuhauchen versucht, schlägt sich Kanada auf die Seite der Dreckschleudern. Und steigt aus dem Kioto-Protokoll aus.

Stolz bin ich auf Kanada meistens, wenn die USA sich politisch wieder einmal dermaßen daneben benehmen, dass Kanada eigentlich nur besser dastehen kann. Nehmen wir den Irak-Krieg: Ottawa war dagegen und hat den Amis die kalte Schulter gezeigt: Keine kanadische Rakete wurde abgefeuert. Ich hätte pausenlos die kanadische Flagge schwenken können.

Harper am Zügel der Wirtschaft - Foto: dapd

Umgekehrt könnte ich die Regierung in Ottawa zurzeit genauso pausenlos an die Wand nageln. Wer Bilder von verzweifelten Eisbären sieht, die unter den Tatzen keinen Halt mehr haben, weil ihnen das Softeis wegschmilzt, muss sich fragen, ob den Politikern eigentlich das Hirn eingefroren ist. Selbst China wundert sich über die Haltung Kanadas, und das will etwas heißen.

Auf den Punkt gebracht: Kanada steigt aus dem Kioto-Protokoll aus. Damit weigert es sich, den Ausstoß des klimaschädlichen Treibhausgases Kohlendioxid gesetzlich zu begrenzen. Dabei hat es 2010 den höchsten CO2-Anstieg gegeben, der je verzeichnet wurde.

Und was macht Kanada? Genehmigt noch kurz vor dem Umweltgipfel in Durban ein neues Teersand-Projekt im Norden der Provinz Alberta. Selbst Leute, die hinter dem Projekt stehen, räumen ein: Jährlich werden eineinhalb Millionen Tonnen Treibhausgase in die Luft gejagt. Das entspricht dem Dreck von 270 000 Autos.

Wenn ich den kanadischen Umweltminister Peter Kent jetzt sehe, wie er ohne einen Hauch von Selbstzweifel in Durban sein sauberes Kanada verkauft, könnte ich schreien. Vor allem aber habe ich einmal mehr Zweifel an der Integrität nicht nur von Politikern, sondern auch von Journalisten.

Umweltminister Kent - Foto: TheStar

Mr. Kent war nämlich, ehe er von der konservativen Regierung ins Parlament berufen wurde, eines der bekanntesten kanadischen Fernsehgesichter. Stets tief besorgt über die umweltpolitischen Fehlleistungen in Ottawa. So jedenfalls hat er sich im Fernsehen verkauft. Bei diesem Mann hatte auch ich jahrelang das Gefühl: Der tickt wie du. Bei dem ist mein politisches Geiwssen gut aufgehoben. Doch kaum hatte er seinen Studiohocker geräumt und seine Familienfotos auf dem Ministerschreibtisch aufgebaut, war es damit vorbei. Plötzlich schlägt sein Herz für die Politik seines stockkonservativen Premierministers Stephen Harper. Und verteidigt Dreckschleuder-Projekte, die eigentlich jedem Kanadier die Schamesröte ins Gesicht treiben müssten.

Cool, Canada. So macht man sich Freunde.

Wir schalten um zum Testbild

 

Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen zu Hause ist. Aber mein Tag könnte 25 Stunden haben und trotzdem hätte ich das Gefühl, nicht einen Bruchteil dessen gesehen und gelesen zu haben, was ich mir eigentlich vorgenommen hatte. Dass mein Leben so aufregend verläuft, hat vor allem mit dem Internet zu tun. Kein Sendeschluss. Kein Programmbeginn. Und immer was zu gucken. Mit dem Testbild im Fernsehen hatte alles angefangen.

Als ich ein Kind war, bin ich oft ins Haus der Geschwister Klasen gegangen, die in meiner Straße wohnten. Zwei ältere Damen, nie verheiratet, sehr kultiviert und auch nicht ganz arm. Sie hatten etwas, was die meisten in Ummendorf zu jener Zeit noch nicht hatten: einen Fernseher. Einen sperrigen Kasten mit einer düsteren Glasscheibe, die sich leicht konisch und etwas bedrohlich in Richtung Wohnzimmer wölbte. Das war der Bildschirm.

Meistens war es Antonie Klasen, die Ältere der Beiden, die es sich mit mir im Wohnzimmer nett machte. Sie setzte sich neben mich aufs Sofa und strickte oder las ein Buch. Vor uns standen ein Teller Kekse und eine Tasse mit Kakao. Dann machte Fräulein Klasen feierlich den Fernseher an. Bis sich die Röhre erwärmt hatte und der Fernseher sendebereit war, verging manchmal eine Minute oder mehr. Erhellte sich der Bildschirm dann endlich, war der Nachmittag gerettet.

© telegraphuk

Dabei gab es zu jener Zeit noch kein Nachmittagsprogramm. Erst Punkt 17 Uhr verkündete die Fernsehansagerin mit der hochgesteckten Frisur, was der Abend so bringen würde. Doof nur, dass ich um 17 Uhr zu Hause sein musste. Nur manchmal, ganz selten, schaffte ich es, bis 17:05 zu bleiben. Länger ging nicht, sonst hätte es Ärger gegeben. Aber auch vor 17 Uhr war es ein erhebendes Gefühl, im Kreise kultivierter Damen fernsehen zu dürfen. Es war nämlich nicht so, dass der Schwarz-Weiß-Bildschirm bis zum Auftritt der blonden Ansagerin schwarz geblieben wäre. Es gab ja schließlich das Testbild. Viele Striche in allen Schattierungen, ein paar kleine Kreise und ein großer um das Ganze herum. Und viele Buchstaben und Zahlen, die ich nicht entziffern konnte. Sah ein bisschen aus wie die QR-Codes für Smartphones.

Mein Nachmittags-Vergnügen: Testbild live vom Übelhorn

So saßen wir manchmal stundenlang, die Fräuleins und ich. Sie strickten. Ich kuckte das Testbild des Bayerischen Rundfunks. Es kam vom Sender Grünten, auf dem Gipfel des Übelhorns. Wo das Übelhorn liegt und warum der Sender Grünten hieß, war mir wurscht. Was zählte, war: Über diese Holzkiste mit der Glasscheibe hatte ich Kontakt zu einer Welt, die mir bis dahin verschlossen war.

Als ich längst in Kanada lebte und schon sehr früh das Internet in unser Haus holte, gab es ein Déjà-vu. Auch jetzt konnte ich stundenlang vor dem unförmigen Schwarzweiß-Monitor sitzen und mir Bilder auf einigen spärlich bestückten Seiten anschauen.

Im Schneckentempo über die Datenautobahn

Auf der „Datenautobahn“ gab es damals noch eine ziemlich fiese Geschwindigkeitsbegrenzung. Die lag bei 56 kbit/s. So viel schaffte das Schneckenmodem gerade noch. Eine Verbindung war nur über Telefon möglich. Bis sich eine Seite aufgebaut hatte, verging, wie damals beim Schwarzweiß-Fernseher der Fräuleins Klasen, eine Minute und mehr. Auch wenn im Internet die Langsamkeit neu erfunden wurde, war auch jetzt wieder dieses prickelnde Gefühl da, einen Draht zur Welt da draußen gelegt zu haben.

Die Faszination des Internets ist geblieben. Auch heute noch kann ich mich stundenlang auf Seiten verlieren, die ich zufällig angeklickt habe. Neulich bin ich auf der Homepage eines afrikanischen Fernsehsenders gelandet. Ehe die Sicht auf den Seiteninhalt frei wurde, ritt erst einmal ein Prinz auf einem Elefanten seelenruhig von rechts nach links über den Monitor. Und anschließend noch einmal von links nach rechts. Dann öffnete sich ein virtueller Vorhang. Das nenne ich Stil. Oder eine karibische Homepage, auf der lustige Affen einen richtigen Zirkus veranstalten, ehe es zum Radioprogramm geht. Total exotisch auch die Homepage des nordkoreanischen Staatsrundfunks. Ich liebe solche Seiten.

Sie kennen doch bestimmt auch jede Menge davon. Schicken Sie mir den Link? Danke. Ich klicke mich derweil durch die neue Homepage der sozialistisch-sandinistischen Minderheitsimmigranten in Antarktika.

Die Geschichte des Testbilds – Süddeutsche Zeitung vom 12. Juli 2020

Die Cowboys vom Umlach-Valley

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Ich bin 1949 in Ummendorf geboren, in der Tiefe Oberschwabens. Ich könnte nicht behaupten, dass hier die Post abging. Eine tolle Kindheit hatte ich trotzdem. Hier poste ich ab und zu Erinnerungen an meine Bengel-Zeit.

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Die Cowboys vom Umlach-Valley

Es war die Zeit als „Fury“ über Schwarzweiß-Bildschirme galoppierte und „Lassie“ Leben rettete. Als Wyatt Earp für Recht und Ordnung sorgte und Joey Cartwright auf der „Bonanza“-Ranch so breit wurde, dass mancher um seinen Schwarzweißfernseher fürchten musste. Meine Helden hießen Jimmy, Billy und Casey. Und alle durften sie schießen, nur ich nicht. Sie schwangen sich auf ihr Pferd und ritten über die Prärie. Ich schwang mich auf mein Fahrrad und fuhr den Riedweg entlang in Richtung Kiesgrube. Meine Prärie war das Umlach-Tal. An der Biegung des Baches lieferte ich mir wilde Gefechte mit Joey, Jimmy, Bill und Casey. Weit und breit kein Wyatt Earp.

Wenn der Riedweg nur mir gehörte und mich keiner sah, formte ich meine Hand zu einem Revolver und schoss auf alles, was sich bewegte. Mehrfach kaltblütig erschossen habe ich Herrn Fessler von gegenüber. Er hatte es nämlich für notwendig gefunden, meine Eltern darüber in Kenntnis zu setzen, dass er mich auf frischer Tat mit dem Moped meines Bruders ertappt hatte. Dafür musste Herr Fessler jetzt büßen.

Auch Frau Scheible starb im Kugelhagel. Leider, aber ich konnte nicht anders. Sie hatte mich verpetzt, nachdem ich in ihrem Lädele einen Kaugummi eingesackt hatte. Ich vermeide bewusst das Wort stehlen, denn zu einem Diebstahl gehört unrechtes Handeln. Ich habe vielleicht falsch gedacht, aber richtig gehandelt. Am Tag zuvor hatte mir Frau Scheible nämlich einen zweiten Kaugummi vorenthalten, obwohl auf der Verpackung des Ersten ganz klar stand: „Bei Endziffer 7 gewinnt der Käufer einen Kaugummi.“ Die Endziffer war bei mir dummerweise unleserlich. Aber ich bin bis heute davon überzeugt, dass es eine 7 war. So gesehen stand mir auch der zweite Kaufgummi zu. Und weil mir Frau Scheible diesen verweigerte, besorgte ich mir ihn eben anderweitig. Und wurde dabei ertappt.

Meine Eltern waren trotz der Scheible-Schelte nicht weiter beunruhigt. Sie wussten, dass sie keinen Dieb großgezogen hatten.

Mit der Zeit wurden die Schießereien auf dem Fahrrad langweilig. Aber der Gedanke, auf dem Rücken eines Pferdes über Wiesen und Felder zu reiten, ließ mich nicht los. Manchmal machte ich nach der Schule einen kleinen Umweg und stattete dem Hufschmied einen Besuch ab. Wenn er die glühenden Eisen auf den Huf brannte, zischte es und das Pferd tat mir leid. „Stell dich nicht so an“, sagte der Schmied dann, „der Gaul spürt doch gar nix!“

Wenn der Schmied guter Dinge war, setzte er mich auf den Pferderücken, nahm den Gaul an die Leine und ließ ihn auf dem staubigen Hof eine Runde mit mir drehen.

Ein Pferd, das wär’s gewesen. Aber eine Kuh tut’s auch.

Kühe gab es in meinem Dorf jede Menge. Die kleinen Bauern hielten sich nur zwei oder drei für die eigene Milchproduktion. Große Landwirte wie der Schanzenbauer hatten bis zu 50 Kühe.

Den ganzen Sommer über mussten die Kühe morgens auf die Weide geführt und abends, rechtzeitig zum Melken, wieder ins Tal getrieben werden. Und weil sich die Bauern oft die Kosten für teure Elektrozäune an den Hängen sparen wollten, heuerten sie Schulbuben an, die während der großen Ferien ihre Viehherde bewachten. So kam es, dass ich Cowboy wurde.

Je größer der Bauer, je höher fiel der Hirtenlohn aus. Wer am Ende eines Sommers 50 Mark bekam, war reich. Manche Jungs aus der Schule wurden zum Dank für ihre Dienste im Herbst von der Bäuerin zum Erntedankessen eingeladen. Es gab selbst gebackenes Brot und Honig aus der eigenen Imkerei. Wer Glück hatte, durfte nach dem Essen ein Stück Käse und einen Laib Bauernbrot mit nach Hause nehmen, manchmal auch eine luftgetrocknete Blutwurst oder ein Stück Schinken aus der Räucherkammer. Oft gab es ein Stück Butter dazu, das die Magd im Fass angerührt hatte.

Ich hatte Glück. Mein Bauer war zwar nicht der größte im Dorf, aber derjenige mit dem größten Herz. Wenn es plötzlich kalt wurde und in Strömen regnete, kam er oft mit dem Traktor auf der Weide angetuckert und brachte eine Milchkanne voll heißer Suppe. Die löffelte er dann mit mir zusammen unter einem Sonnenschirm aus, den er gegen den Regen mitgebracht hatte.

Das Leben des Cowboys im oberschwäbischen Voralpengebiet kann einsam sein. Die Kühe waren in der Regel so faul oder auch diszipliniert, dass ein Eingreifen nur selten nötig wurde. Meist kamen sie nach einem kurzen Ausreißversuch von ganz alleine wieder zu ihrer Herde zurück. Der Auf- und Abtrieb morgens und abends war Routine. Ganz so aufregend wie das Leben auf der „Bonanza“-Ranch war mein Leben beim Fesslinger-Bauer nicht.

Zum Glück gab es in der Nähe meiner Weide das Jordanbad. Das ist ein Sanatorium, in dem knochenlahme Städter ihre Glieder nach dem Vorbild des bayerischen Priesters Sebastian Kneipp so lange in Wassertröge eintauchen, bis Wochen später der Schmerz nachlässt oder der Kurgast gar als geheilt entlassen werden kann.

Die Sanatoriums-Besucher aus allen Teilen Deutschlands waren bei den meisten Ummendorfern gerne gesehen. Sie kehrten in den lokalen Wirtschaften ein, ließen üppig Trinkgeld liegen und waren meist guter Dinge. Schließlich waren sie ja im Urlaub. Hin und wieder war von einem „Kurschatten“ die Rede, den sich vor allem männliche Kurgäste zulegten, wenn sie Langeweile hatten. Darüber schwieg man in Ummendorf oder erzählte sich davon höchstens hinter der hohlen Hand.

Die meisten der knochenlahmen Kurgäste, die ihre Heilung im Jordanbad suchten, kamen aus dem Ruhrgebiet und sprachen nach der Schrift, was auf Ummendorferisch so viel heißt wie: sie können Hochdeutsch. Dies wiederum ist den meisten Ummendorfern schon deshalb suspekt, weil sie es selber nicht können. Für den gemächlichen Oberschwaben, für den ein „Sodele“ oder „Jetzetle“ schon als abendfüllendes Programm gilt, klingt ein schneidiges „Wattdenn-wattdenn“ nicht nur fremd, sondern geradezu aufschneiderisch. Und aufschneiden – das geht gar nicht im Laugenbrezelland.

Ich liebte die Zugereisten. Ihrem – für meine Ohren – gepflegten Hochdeutsch zuzuhören, wenn sie an meiner Herde vorbeizogen, war jedes Mal wie ein kleiner Urlaub nach Neukirchen-Vluyn, Duisburg oder Recklinghausen. Und wie schnell die alle reden konnten! Ich fragte mich oft, wie träge sich in deren Ohren wohl mein Spätzlesschwäbisch anhören musste.

„He, Kurzer, stell dich mal neben die Kuh!“, rief mir einer der Schnellsprecher irgendwann zu und zückte auch schon die Kamera. Der Mann trug kurze Hosen, braune Socken und Sandalen. Ich hatte wie immer meine kurze Lederhose an, aber keinen Tirolerhut, wie es der Fotograf gerne gehabt hätte. „Neben die Kuh? Mach ich gern“, sagte ich, „aber nur für ein Zehnerle.“ Das war’s: Zehn Pfennig für ein Foto mit Kuh und Kind – eine Geschäftsidee war geboren. Warum ich darauf nicht schon viel früher gekommen bin, ist mir bis heute ein Rätsel. Schließlich brauchte ich dringend Geld für ein neues Fahrrad.

Das Geschäft florierte. Meistens gab es statt einem Zehnerle 50 Pfennig. Und als ich dann auch noch anbot, mich nicht nur stehend neben einer Kuh, sondern in gewagter Pose sogar auf dem Rücken des Tieres fotografieren zu lassen, rollte der Rubel erst recht. Für eine Mark war jeder dabei, der später dem Kumpel in Grevenbroich oder Mettmann Urlaubsfotos von einem schwäbischen Cowboy vorführen wollte. Elsa war die einzige Kuh, die das mit sich machen ließ. Sie war etwas fußlahm und sehr geduldig.

Die Idee mit dem Hirtenbub, der sich für ein Honorar fotografieren ließ, hatte sich in Ummendorfer Cowboykreisen schnell herumgesprochen. Und wie das so ist mit Geschäftsideen: Sie werden gerne kopiert. Ein Hirtenjunge nach dem anderen stellte jetzt ein Schild auf die Wiese: „Roland reitet für eins fünfzig!“ oder auch „Otto und Elsa für nur zwei Mark!“ Auch ich bot meine Dienste nicht unbescheiden an. „Cowboy Herby für eine Handvoll Dollars“.

Hochmut kommt vor dem Fall.

Es war ein Sonntag und in der Ferne klingelten die Kirchturmglocken. Die Kurgäste vom Jordanbad kamen in Scharen und strahlten heute noch zufriedener als sonst. Elsa ließ sich wie immer geduldig von mir reiten. Weil ich von Papa wusste, dass man investieren muss, um am Ball zu bleiben, versuchte ich mein Geschäftsmodell ständig zu verbessern. Inzwischen hatte ich mir aus einem Strick und aus den beiden Holzgriffen der Tragtaschen, die das Modehaus Kolesch seinen Kunden mitgab, ein Paar selbstgemachte Steigbügel zugelegt. Alles deutete auf einen perfekten Tag hin. Bis plötzlich Papa und Mama vor mir standen.

Auf ihrem Sonntagsspaziergang hatten sie einen kleinen Abstecher zu mir gemacht. Sie waren fassungslos. Von meiner Modelling-Karriere hatten sie bis zu diesem Tag keinen Schimmer gehabt. Es wäre mir peinlich gewesen, ihnen zu erzählen, dass ich mich gegen Geld auf dem Rücken einer fußlahmen Kuh von fußlahmen Ruhrpottlern abfotografieren lasse. Sowas macht man nicht in Ummendorf. Erst recht nicht, wenn man der Sohn des Malermeisters ist, der es in der Handwerker-Innung zu etwas gebracht hatte und allein schon deshalb von seiner Kundschaft sehr genau beobachtet wird.

Papa sprach bei meinem Anblick von „einer Schande“ und davon, dass die Leute ja denken könnten, wir hätten es nötig, unser Kind zum Betteln zu schicken. Mama tat vor allem die Kuh leid. Und für mich ging der lukrativste Sommer meiner kurzen Cowboy-Karriere zu Ende.