Fahrrad-Klau: Jede Stunde eins

MIT DER FRÄSE KEIN PROBLEM: In Montreal wird jede Stunde ein Rad geklaut. © RCMP

Auch Tage nachdem mein geliebtes eBike aus der Tiefgarage gestohlen wurde, zweifach angekettet und trotz Wegfahrsperre, plagt mich noch immer der Gedanke: Wer macht sowas? Eben meldet sich ein Freund aus Mallorca mit genau dieser Frage: “Was macht das eigentlich mit einem?” Die kurze Antwort: “Es macht tatsächlich etwas mit einem”. 

Bestohlen oder ausgeraubt zu werden, hat etwas Unwirkliches, Gemeines, Schreckliches. Man fühlt sich nackt und in seiner Privatsphäre verletzt und ungerecht behandelt. Man ist bitter und bitter enttäuscht. Und man fühlt sich seiner Sicherheit beraubt, in der man sich so lange gewogen hatte. Passiert das jetzt immer wieder? War es nur Pech? Wie gehe ich künftig damit um?

Fragen über Fragen …

Vielleicht ist es falsch, sein eigenes Wertesystem an Anderen zu messen – Motto: “Ich würde sowas natürlich nie tun!”. Aber wir kennen ja den Dieb nicht, seine Motive, seine sozialen und gesellschaftlichen Hintergründe.

Ganz ehrlich? In dem Moment, da mir mein Lieblingsspielzeug gestohlen wird, ist mir das alles ziemlich schnuppe. 

Irgendjemand hat mir aus meinem privaten Umfeld, das ich bis dahin als sicher erachtet hatte, mein Eigentum geklaut – und das tut weh. Knapp 3000 Dollar zahlt man schliesslich auch nicht gerade aus der Portokaste.

Unser Hausmeister Bilal, erfahren mit Diebstählen in unserem und anderen Gebäuden, in denen er schon gearbeitet hat, meinte: Besonders bitter sei, dass Diebe hochwertige Gegenstände wie mein eBike dann oft für ein paar Dollar verticken. Das reicht für den nächsten Schuss, den nächsten Rausch, den nächsten Kick.

Der junge Polizist, der zehn Minuten nach meinem Anruf bei mir in der Wohnung saß – fast surreal mit schussicherer Weste und Pistole im Halfter -, erzählte mir, dass im Sommer in Montreal fast jede Stunde ein Fahrrad gestohlen wird.

Ein hochhwertigeres Schloss muss her. Also nichts wie zum Fahrradhändler an der Ecke. Der hat routinemässig mit Diebstählen zu tun. Doch der macht mir wenig Hoffnung. 

In Montreal gelte als Faustregel: Zehn Prozent des Kaufpreises für das Fahrrad sollte in Schlösser investiert werden. Wie bitte? Bei mir wäre das ein Fahrradschloss für 300 Dollar! Der Verkäufer zeigt mir ein Kettenschloss für 800 Dollar.

“Und was macht das 800-Dollar-Schloss wenn’s drauf ankommt?”, will ich von dem Händler wissen. 

“Ganz ehrlich?”, sagt der, “im besten Fall hält es einen potenziellen Dieb davon ab, es überhaupt zu versuchen. Oft bringt die Luxuskette aber gar nichts. Mit ihren hochwertigen Tools, vermutlich geklaut, schneiden erfahrene Diebe mit Elektrofräsen selbst durch solche Kettenschlösser wie Butter.

Ich habe mich für die 32-Dollar-Version entschieden und werde versuchen, das neue eBike künftig einfach nicht mehr aus den Augen zu lassen.

Aber was ist, wenn ich auf dem Heimweg am Supermarkt vorbeifahre und mir plötzlich einfällt, dass ich dringend Linsen für das Spätzle-Gericht am Abend brauche?

Das ist mir vor zwei Tagen passiert. Ich kette also mein neues Rädle mit meinem 32-Dollar-Schlössle an den Fahrradständer und bin schon im Begriff, den Laden zu betreten. Da durchfährt es mich wie ein Blitz: Was, wenn mir zwei Tage nach dem Neukauf schon wieder mein Rad geklaut wird? Das halte ich nicht aus.

Vor dem Supermarkt macht sich seit Jahren ein Obdachloser breit. Manuel heisst er, man kennt sich beim Vornamen. Verratzter Kerl, arm wie Kirchenmaus. Aber aus seinen getrübten Augen blickt ein guter Mensch.

Ich also rüber zu ihm. “Manuel, kannst du für ein paar Minuten auf mein Fahrrad aufpassen?” Klar doch. Keine Frage doch, gerne doch. Ich drücke ihm einen Fünfer in die Hand. Seine trüben Augen strahlen.

“Du weisst ja”, sagt er, “ich sitze immer hier. Stets gerne zu Diensten. So lange Manuel ein Auge darauf hält, ist dein Rad sicher”.

Ich also rein in den Supermarkt. Hinter der großen Glasscheibe bleibe ich stehen und schaue nach draußen. Sicher ist sicher. Manuel hat Besuch bekommen, unterhält sich angeregt mit einer Frau. Wenn sie sich bewegt, bewegt sich auch sein Kopf. Er schielt an ihr vorbei, links, rechts, lässt seinen Blick nicht von meinem Rad.

Härtetest bestanden. Ich kann also auch mit Fahrrad weiterhin angstfrei im Supermarkt meines Vertrauens einkaufen. 

Die Linsen kosteten übrigens $ 1.99. Der Wachmann 5 Dollar. Egal. Wenn einem etwas lieb ist, darf es auch mal teuer sein.

Das gestohlene eBike ist mir übrigens von der Versicherung bis auf den letzten Cent ersetzt worden. Nach drei Tagen war die Kohle auf dem Konto.

Fahrraddiebstahl? Pah! Alles Routine.