Auf Second-Hand Shopping-Tour

ALT, HISTORISCH und für mehrere Generationen: Wenn Tradition auf modernes Design stößt.

Wer schon einmal ein leeres Haus eingerichtet hat, weiss, wovon ich rede: Es ist nicht nur stilistisch herausfordernd und geschmacklich schwierig sondern dazuhin noch teuer. All dies unter einen Hut zu bringen – daran arbeiten wir gerade.

Es ist eher ein Häusle als ein Haus, das es zu dekorieren gilt, Teil eines historischen Gehöfts auf dem Land, mit dem sich der Sohn einen Traum erfüllt hat. Ein Farmhaus als Mehr-Generationen-Objekt, fast 200 Jahre alt, wie wir’s schon immer haben wollten für den Spätherbst unseres Lebens. Renoviert vom Scheitel bis zur Sohle – so schön, dass es auf der Webseite des Denkmalschutzbehörde der Privinz Quebec einen bebilderten Eintrag gibt. Geschichte stösst auf modernes Design.

Man legt eine Liste an: Was muss? Was kann? Was könnte? IKEA geht immer, hat aber den Nachteil, dass es einen hohen Wiedererkennungswert hat. Vernünftige Massenware. Also geht’s auf Flohmärkte und in Antik-Shops, zu Händlern und Liebhabern von schönen Sachen.

Die Zauberformel heißt: Geschmackvoll und alt. Passend zum Rest.

All das findet man zum Beispiel auf “Facebook Marketplace”. Es ist ein Online-Shop für Kitsch und Design, alt und neu, Hippes und Schönes. Teuer und Antik. Ob ein Kopfkissen, Designerschuhe oder Porsche mit Sonderausstattung – nichts, das es auf dieser Plattform nicht gibt.

Gut ein Dutzend Mal haben wir dort inzwischen zugeschlagen. Von Käseschachteln, die jetzt als Nachttische dienen, bis zu Fußhockern, die hier “Poufs” heißen und manchmal aussehen, als kämen sie wirklich aus dem Pariser Boudoir.

“Macht nichts”, sagt die Frau an meiner Seite. Wichtig sei, dass Material und Form stimmen. Den bunten Überzug zu ändern sei kein Hexenwerk. Das tut sie dann auch mit der Hingabe der Raumausstatterin, die das Polsterhandwerk nie erlernt hat, aber gut im Zuhören ist.

Lore sucht aus, restauriert, bemalt, schleift ab, überzieht oder sägt auch mal die Beine eines Tisches aber, der im Internet noch aussah, als wäre er für unser Häusle gemacht worden. Dass er sich in Wirklichkeit aber als „Gelsenkirchener Barock“ herausstellt, der besser zu Hempels Sofa passt als zu uns, konnte keiner ahnen.

DAS HÄUSLE beim Haus: Schön, alt und gemütlich.

Die Arbeitsteilung ist klar: Lore sucht die Fundstücke im Internet aus, ich hole sie ab. Das kann logistisch eine Herausforderung sein, denn ein Kleinwagen ist nun mal kein Möbeltransporter. Bisher ist alles gut gegangen. Lampen, Tische, Poufs und nochmal Lampen – für alles war noch ein Plätzchen frei.

Abhol-Touren wie diese sind der Traum eines jeden Voyeurs. Wie leben Menschen eigentlich, die einen gebrauchten, aber hochwertigen und wunderschönen Tisch für 15 Dollar verkaufen? Oder einen Pouf in Pink? Sie leben oft ganz anders, als man sich das vorstellt.

Um einen Beistelltisch abzuholen, der im Netz für 12 Dollar angeboten wurde, musste ich ans andere Ende der Stadt fahren, gut 40 Kilometer hin und zurück.

Bin ich hier richtig, oder hat sich das Navi geirrt? Ich bin richtig. Aus einer Villa am Wasser, gut und gerne drei Millionen wert, kommt eine Dame, die sich über die Frage “Prosecco oder Champagner?” vermutlich nicht den Kopf zerbrechen muss.

Aus einer anderen Villa im Nobelviertel Westmount hole ich für zehn Dollar ein bildschönes Tischlämpchen ab. Im Vorort Pierrefonds warten für ein paar Taler hübsche Hutschachteln auf mich. Und in Cartierville trägt mir ein freundlicher Zwei-Meter-Feuerwehrmann mit Muckis bis zum Hals eine richtig tolle Stehlampe ins Auto. 

Was fehlt noch? Ein bisschen Küche fehlt noch. Einbauküche geht gar nicht. Aber Holzbretter kaufen, sägen, hobeln, verschrauben, versiegeln – das geht. Lore macht es mit Hingabe und Liebe zum Detail. Wozu hat man schließlich jahrelang Kunst und Design studiert?

Schade eigentlich, dass meine Shoppingtouren jetzt immer weniger werden. Ich vermisse den verschämten Blick in fremde Wohnzimmer, den leisen Gang durch schlecht beleuchtete Flure oder gut riechende Garderoben, die schon jetzt nach Second Hand aussehen.

Am meisten vermisse ich jedoch die Schwätzchen, die zu jeder Abhol-Aktion gehören. Fazit nach zwölf Second-Hand-Touren, die mich in den vergangenen Tagen und Wochen kreuz und quer durch Montreal geführt haben: Bei keinem der Deals hatte ich auch nur annähernd das Gefühl, es handle sich um einen Not-Verkauf, weil es um die Butter aufs Brot geht. Im Gegenteil. Alle, mit denen ich ins Geschäft gekommen bin, leben in guten Wohnlagen und teilweise richtig schönen Häusern.

Warum dann also Rares für ganz wenig Bares verscherbeln? Ein paar Antworten:

„Weil’s Spaß macht“

„Das Geld teilen sich unsere Kids, die das Zeugs ins Internet gestellt haben“

„Wir brauchen Platz!‘

„Neue Ehe, neues Heim“

Die beste Antwort war die:

„Warum wegwerfen, wenn’s auch mit Recyceln geht?“