Ein Regenbogen zu Heiligabend

Ein Regenbogen am Horizont – und das kurz vor Heiligabend: Was soll da schon schiefgehen? Cassian hat dieses Naturspektakel auf unserem Weg zur Farm mit seinem iPhone festgehalten. „Ich musste unwillkürlich an den Stern von Bethlehem denken, als ich das Bild sah“, schreibt mir eben unsere Freundin Christa aus Winnipeg. Ob Bethlehem, Biberach oder St-Bernard-de-Lacolle, wo das Foto entstanden ist:

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern der BLOGHAUSGESCHICHTEN ein freundliches, fröhliches und gesundes Weihnachtsfest.

Herbert, Lore und Cassian

FROHE WEIHNACHTEN – MERRY CHRISTMAS – JOYEUX NOËL – FELIZ NAVIDAD

Kleiner Umweg zum Traumberuf

Er trug Anzug und Krawatte und aus seiner Brusttasche ragte jeden Tag ein andersfarbiges Einstecktuch. Ich trug einen grauen Arbeitsmantel, in dessen Brusttasche sich ein Kugelschreiber und eine Pinzette befanden. Mit dem Kugelschreiber füllte ich abends den Stundenzettel aus, die Pinzette brauchte ich manchmal, um winzige Bleibuchstaben aus dem Setzkasten zu fischen, um mit ihnen im Winkelhagen ein Wort zu formen. Er war um die 60 und Chefredakteur, ich war Teenager und Schriftsetzerlehrling. Ich wollte werden wie er.

Chefredakteur bin ich nie geworden, dafür etwas viel Schöneres, Aufregenderes: Auslandskorrespondent. Ich wette, das wäre der Herr mt den farbigen Einstecktüchern auch gerne geworden.

Der Reihe nach.

Schon als Teenager stand für mich fest: Ich will Reporter werden. Einen Plan B gab es nie, allenfalls einen Plan P: Pilot wäre auch nicht schlecht gewesen. Aber Reporter war besser. Da konnte man schreiben, fragen, fotografieren, reisen, spannende Menschen kennenlernen. Das beste von allem: Man konnte mit all dem sogar noch Geld verdienen.

Als Pilot braucht man gute Augen. Die hatte ich nie. Dafür ein gutes Gespür für Geschichten. Mein Freund Jörg hat übrigens beides. Er ist der Mann mit den beiden Traumberufen.

Ich war zu jung, um zu studieren, als ich den Drang empfand, Journalist zu werden. Vielleicht war ich auch zu dumm. Jedenfalls habe ich nie ein Studienfach an einer Universität belegt, so wie es die meisten meiner späteren Kollegen taten. Dass es mir trotzdem vergönnt war, Jahre später einen Saal voller Redaktionsleiter im Onlinejournalismus zu unterrichten, war eine Kombination von Glück und Timing. Zur richtigen Zeit die richtigen Menschen kennenzulernen, ist eine Gnade, die man nicht studieren kann.

Ich solle doch etwas “Berufsverwandtes” machen, bis ich alt genug für einen Ausbildungsplatz als Redakteur sei. So jedenfalls sah es der Chefredakteur der “Schwäbischen Zeitung” in Leutkirch im Allgäu, den ich mir als Berufsberater ausgesucht hatte.

Was denn so als “beufsverwandt” gelte, wollte ich wissen? “Naja“, sagte der kluge Herr Zodel, “Drucker vielleicht. Oder Papiermeister oder auch Klischograf.” Mir wurde schlecht bei dem Gedanken, den ganzen Tag Papier sortieren zu müssen oder Sterbebilder für die Angehörigen von Toten drucken zu müssen.

“Schriftsetzer wäre auch nicht schlecht”, sagte Herr Zodel schließlich. “Schriftsteller?”. “Nein”, lachte der Mann mit dem wunderschönen Vornamen Chrysostomus schallend. “Schriftsetzer, nicht Schriftsteller!”.

Ich begriff gar nichts. Ich wollte Schriftsteller werden – oder zumindest so etwas ähnliches -, und sollte vorher Schriftsetzer lernen? 

Machen wir’s kurz: Ich habe eine komplette Lehre als Schriftsetzer absolviert, auf den Tag genau drei Jahre lang. Habe Kinoplakate und pharmazeutische Packungsprospekte druckreif gesetzt, Todesanzeigen fürs Gemeindeblättle und auch Artikel, die von Redakteuren geschrieben worden waren, die ich nur selten zu Gesicht bekam.

Bis auf den Herrn mit den farbigen Einstecktüchern. Der war Leiter der Lokalredaktion in Biberach, wo ich meine Schriftsetzerausbildung absolviert habe. Ihm musste ich die gesetzten Texte vorlegen, ehe sie in Druck gingen.

Den Namen des Herrn habe ich vergessen, aber an sein Büro erinnere ich mich noch genau. Es hatte ein Fenster zum Marktplatz hinaus, wo mittwochs Obst, Wurst, Räucherfisch, Käse und Gemüse verkauft wurden. Direkt vor diesem Fenster stand ein dunkelbrauner Bürostuhl, der eher an einen Thron erinnerte. Dort also domizilierte der Leiter der Lokalredaktion.

Unsere Kommunikation verlief nicht unfreundlich, aber wortkarg. Er war der Schreiber, ich sein Setzer. Er hatte das Einstecktüchlein, ich die Pinzette. Er war das, was ich werden wollte. Er musste in seinem Leben vermutlich nie auf “etwas Berufsverwandtes” zurückgreifen, ehe er den Beruf des Redakteurs erlernen konnte.

Er war mein stiller Held. Und wusste es vermutlich bis zu seinem Lebensende nicht.

Hin und wieder, wenn die Redaktionsstube leer war und der Thron verwaist, setzte ich mich für ein paar Sekunden in den dunklen Stuhl, den Zeitungsartikel in der Hand, den ich zwar gesetzt, aber nicht geschrieben hatte. Mein Blick führte durchs Fenster auf den Marktplatz, über den Gigelberg, am Weissen Turm vorbei, über die Stadtgrenze hinaus. Und ich träumte von anderen Städten, von anderen Ländern, von anderen Menschen und fremden Sprachen. 

Ich träumte davon, Journalist im Ausland zu werden.

Ich bin es geworden. Genau drei Jahre nach Beginn meiner Schriftsetzerlehre trat ein verwegener, mutiger, wunderbar unkonventioneller Redaktionsleiter namens Richard Retter in mein Leben. Er war der Mann, der mir mein neues, aufregendes Dasein als Journalist ermöglichte. Ich durfte unter seiner Anleitung ein Redaktions-Volontariat in Waiblingen bei Stuttgart absolvieren. Nach zwei Jahren konnte ich mich Redakteur nennen.

Der Rest ist Geschichte. Aus dem Lokalredakteur wurde der Reporter. Aus dem Reporter der Korrespondent. Aus dem Korrespondent mit Tausenden von Live-Beiträgen im Radio ein, wie ich hoffe, angesehener Kollege, dem man zutraute, Journalistinnen und Journalisten namhafter ARD-Sender und Medienschulen das kreative Schreiben im Internet beizubringen.

Chrysostomus Zodel starb zu früh, und hat nie erfahren, dass ich seinen Ratschlag von der “berufsverwandten” Ausbildung genau so befolgt hatte wie von ihm vorgeschlagen. Der wortkarge Herr mit dem Einstecktüchlein in Biberach hätte sich vermutlich für den Rest der Laufbahn des Schriftsetzerlehrlings gar nicht interessiert. 

Nur Richard Retter durfte die Früchte seiner mutigen Entscheidung noch genießen. Ein paarmal besuchte er uns hier in Kanada. Als er vor einigen Jahren mit 80 gestorben ist, hatte ich einen Mentor und Freund verloren. 

In einer ruhigen Minute, während wir im Wintergarten unserer Hauses in Hudson saßen und Rotwein tranken, lüftete Richard Retter ein Geheimnis, das längst keines mehr war.

“Dir ist schon klar, Herbert”, sagte er und blickte versonnen in sein Glas, “heute hättest du mit deiner berufsverwandten Lehre ohne Uni-Abschluss gar keine Chance mehr, Journalist zu werden”.

Schon klar, Chef. Aber gestern war gestern und heute ist heute.

Eine Universität habe ich übrigens doch noch besucht. Nicht als Student sondern als Dozent. Das Internationale Journalismus Zentrum der Donau-Universität Krems bei Wien engagierte mich für mehrere Lehrgänge, um angehende OnlinejournalistInnen auszubilden.

Vorne Holland, hinten die Schweiz

LANDLEBEN IN DER MONTÉRÉGIE: Vorne Flachland, dahinter die Berge.

Seit knapp einer Woche verbringen wir unsere Zeit in einem 200 Jahre alten Bauernhaus im Süden von Quebec, unweit der amerikanischen Grenze. Die Farm selbst wird nicht mehr bewirtschaftet. Aber sie ruft Erinnerungen an meine Kindheit wach.

Meine Mutter stammte aus einem Dorf namens Dietenwengen, irgendwo zwischen Ulm und Bodensee. Es gab dort ein Dutzend Bauern, einen Krämerladen mit Käserei und Milchsammelstelle, eine Gastwirtschaft mit Kegelbahn, eine Kirche und die örtliche Möbelschreinerei. Die gehörte meinem Großvater, der wiederum von einem Bauernhof abstammte. 

Als Schreinermeister drechselte “Opa Gaibler” nicht nur kunstvolle Treppengeländer, Kleiderschränke und Kinderbetten. Er galt in unserer Familie auch als der “Meister des Worts”. 

Kein runder Geburtstag, für den mein Opa nicht ein Gedicht schrieb, keine Goldene Hochzeit, die er nicht mit einem literarischen Essay umrahmte.

Opas Gedichte waren legendär. Dass ich viele von ihnen vortragen musste, fand ich nicht so toll. Aber wer will seinem Großvater schon widersprechen?

Opa Gaibler war also der Dichter und Denker in meiner Familie. Ob ich ohne ihn je Journalist geworden wäre? Wer weiss. Mit Sicherheit hat er mir vorgemacht, wie “Geschichten erzählen” geht. Wäre mein Opa noch am Leben, würde man ihn einen guten “Storyteller” nennen.

Die Sommer- und Herbstferien verbrachten wir Kinder meistens in Dietenwengen. Wir durften mit dem Traktor über die Äcker fahren, den Feldarbeitern das Vesper mit einem Krug Apfelmost bringen. Den Waldarbeitern sahen wir beim Holzfällen zu, der Tierarzt begrüßte uns mit Handschlag und der Metzger jagte uns Angst ein, wenn er mal wieder vor unseren entsetzten Kinderaugen ein Schwein mit dem Bolzenschießer erlegte. 

Abends, wenn die Kühe gemolken waren, mussten wir die vollen Milchkannen aus Blech auf einem Leiterwagen zur Sammelstelle schleppen. Und da wir schon am „Lädele“ waren, besorgten wir uns auch gleich “a Guatsle” oder “en Kautzge”. Bonbons und Kaugummi gab es meistens umsonst. Die Krämersfrau hatte ein Herz für Kinder.

An all das wurde ich gestern erinnert, als ich eine mehrstündge Spazierfahrt durch die prärieartige Gegend machte, die sich “Montérégie” nennt. 

Die Landschaft lässt sich am besten so beschreiben: Vorne Holland, dahinter die Schweiz. Die topfebenen Wiesen und Felder gehen fast nahtlos in die spektakulären Berge der “Adirondacks” über. Dort, im US-Bundesstaat New-York, wurden 1980 die Olympischen Winterspiele ausgetragen.

Hier, wo ich mich im Moment aufhalte, leben die Menschen fast ausschließlich von der Viehzucht und dem Getreideanbau. Aber es gibt auch riesige Apfel-Plantagen, sogar Wein wird hier geerntet. Großflächige Ländereien schmiegen sich an die Berg-Kulisse. „Märklin-Eisenbahn“, kommentierte mein Freund Frank, als er uns vorige Woche auf der Farm besuchte.

Eine Käserei gibt es auch hier, sie gehört einem Schweizer namens Fritz Kaiser und gewinnt mit ihren Produkten internationale Preise am laufenden Band.

Die meisten der Quebecer Farmer betreiben ihre Wiesen und Felder schon seit Generationen in dieser Gegend. Aber in den letzten drei, vier Jahrzehnten haben sich immer mehr Großbauern aus Österreich, Belgien, Frankreich, Holland, Deutschland und der Schweiz niedergelassen. In der Heimat war das Land knapp geworden, also wanderte man nach Kanada aus.

„WIE DIE MÄRKLIN-EISENBAHN!“ (Mein Freund Frank über de Farm)

Man erkennt sie an den Flaggen, die auf den riesigen Getreidesilos wehen, die höher sind als der Ummendorfer Kirchturm. Auf die Herkunft der Farmer lassen aber auch die Namen schließen, die kunstvoll auf Schilder gemalt sind, die am Eingang zum Hof stehen. In dem Dorf Lacolle, unweit der Farm, auf der wir gerade sind, gibt es einen Metzger namens Stefan Frick. Er stammt aus dem Schwarzwald und hat sich mit hervorragenden Produkten einen Namen weit über die Grenzen hinaus gemacht. 

Wobei “Grenzen” hier durchaus wörtlich gemeint ist. Bis zu den US-Bundesstaaten New-York und Vermont ist es von hier aus nur ein Katzensprung. Nicht nur wegen des für sie günstigen Wechselkurses stürmen die Amerikaner zurzeit massenweise die US-kanadische Grenze.

Unsere Ferien auf dem Bauernhof neigen sich dem Ende zu. Schade zwar, aber nicht weiter schlimm, denn wir können jederzeit wiederkommen. Die Farm ist jetzt im Familienbesitz.

OPA GAIBLER (rechts) Schreinermeister und „Meister des Worts“. Soweit bekannt, war mein Großvater Besitzer des ersten (und lange Zeit einzigen) Autos in Dietenwengen.
LANDLEBEN IN DIETENWENGEN: Kühe, Krämerladen und Käserei.