Mein Freund Peter. Der Große!

Ein Mensch … der mit seinen fast 82 Jahren nicht nur Eugen Roth zitiert sondern auch die Königsliste der Pharaonen auswendig kennt und wahrscheinlich sogar Goethes Schuhgröße, genießt allein schon deshalb meinen Respekt, weil es mein Ummendorfer Spätzleshirn nicht einmal mehr schafft, sich endlich Lores Handynummer zu merken. Mein Freund Peter bekommt das alles auf die Reihe – und noch viel, viel mehr.

Zum Beispiel einen zweistündigen Vortrag über seine Heimatstadt Berlin zu halten. Nicht nur mal so mit links, sondern fundiert, unterhaltsam, empathisch, ernst, lustig und lehrreich – mit vielen dramaturgischen Spitzen, die manchen Theaterregisseur beeindrucken würden.

Es war ein Vortrag für die Geschichtsbücher. Denn, Stand heute, könnte es gut Peters letzter Vortrag gewesen sein. Nicht weil er aufhören muss, sondern es so will. Der Kluge bestimmt selbst, wann Schluss ist.

So richtig abnehmen mag man ihm das vage angekündigte Ende allerdings nicht. Wenn man sieht, wie dieser brillante Storyteller die Menschen auch an diesem sonnigen Spätherbsttag wieder in seinen Bann zieht, wünscht man sich so etwas wie Unendlichkeit.

Da es kein Vortrag war wie jeder andere, haben Marc und ich unserem gemeinsamen Freund Peter im 120 Kilometer entfernten Drummondville einen Überraschungsbesuch abgestattet. Zwei alte weisse Männer besuchen einen alten, weisen Mann bei der Arbeit.

Gut 120 Menschen sind an diesem Nachmittag in den Gemeindesaal der Église St-Pierre gekommen, um Dr. Peter Bernath zuzuhören – durchweg Männer und Frauen im sehr reifen Alter. Sie gehören einer Einrichtung an, die sich sehr charmant L’Université du troisième âge nennt. Die Universität des dritten Altersabschnitts. Man könnte auch Senioren-Universität sagen.

Peter unterhält, belehrt und begeistert „Studierende“ dieser Fortbildungseinrichtung in alen Teilen der Provinz Québec schon seit vielen Jahren. Dabei ist allein schon die Bandbreite seines Themenangebots beeindruckend. 

Von Goethe über die Osterinsel bis zum Pharaonenkönig Tutanchamun – nichts ist meinem Freund fremd. Mit der Hingabe des Wissenschaftlers und der Akribie des Investigativ-Journalisten recherchiert er seine Themen, um sie später mit dem Unterhaltungstalent des Fernsehmoderators vorzutragen.

Auf Französisch analysiert er mit seinem fast 82jährigen Lausbubenlächeln gleich zum Auftakt seines Vortrags den Kernsatz der berühmten Kennedy-Rede vom  26. Juni 1963: 

Laut Peter heißt “Ich bin ein Berliner” genau genommen nichts anderes als “Ich bin ein Berliner Pfannkuchen”. Da der US-Präsident jedoch seine Solidarität mit den Bewohnern der geteilten Stadt ausdrücken wollte, wäre “Ich bin Berliner” (ohne Artikel) grammatikalisch korrekt gewesen. 

Aber wer schert sich schon fast sechs Jahrzehnte nach diesem historischen Ereignis um semantische Kleinigkeiten wie diese? Peter schert sich drum! Und gibt sein Spitzbubenwissen augenzwinkernd weiter.

Peters charmanten Rhetorik-Künsten ist es zu verdanken, dass eine haarspalterische Sprach-Analyse wie diese nicht besserwisserisch klingt. Es ist schlicht und einfach ein weiterer Unterhaltungs-Baustein eines ohnehin schon unterhaltsamen Nachmittags.

Unser Überraschungsbesuch in Drummondville scheint meinem Freund gefallen zu haben. Soeben trudelt eine eMail ein. Wenn Peter in die Tasten greift, bleibt es erwartungsgemäß nicht beim “Danke fürs Kommen”. Da wird Peter zum Poet und kommentiert in theatralischer Manier:

“Mir war, als hätte ich die Hauptrolle im Troubadour gesungen”.

À propos Oper: Auch die ist meinem multitalentierten Freund nicht fremd:

EIN BERLINER doziert an der Université du troisième âge in Drummondville
BESUCH DER WEISSEN MÄNNER: Herbert, Peter und Marc