Ein Artikel im „Mallorca Magazin“ von DOMINIK SAROTA

Und hier noch als PDF zum Vergrößern:


Seit der Pandemie ist ja viel von „Home-Office“ und „Working Remotely“ die Rede. Menschen, die nichts anderes kannten als ihren Schreibtisch in einem Großraumbüro, mussten/durften/sollten plötzlich zu Hause bleiben, um ihre Arbeit zu verrichten.
Ob das immer so toll ist, wie es sich anhört, darüber streiten sich die Geister. Ich habe als Freiberufler ein Leben lang „Home-Office“ gemacht und kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, das Büro von 9 bis 5 mit irgendjemandem zu teilen.
Die Vorteile der Heimarbeit liegen klar auf der Hand: Du bestimmst weitgehend deinen Arbeitsalltag selbst. Das erfordert viel Disziplin – vor allem im Sommer, wenn der Strand oder der Swimmingpool nur ein paar Meter vom Schreibtisch entfernt locken.
Der große Nachteil des Arbeitens von zu Hause: Es fehlt ein soziales, berufliches Umfeld, mit dem du dich austauschen kannst. Auf Zuruf mal kurz eine Frage beantwortet zu bekommen, habe ich oft vermisst.
Ob es ein Vor- oder Nachteil ist, dass dein Arbeitsplatz fünf Meter Luftlinie vom stets gut gefüllten Kühlschrank ist, muss jeder für sich entscheiden. Ich hätte mir vermutlich manches Pfund Hüftgold ersparen können, hätte ich bei jedem Hungeranfall in die Kantine rennen müssen.
So richtig darüber nachgedacht, was es mit diesem „Working Remotely“ auf sich hat, hatte ich ehrlich gesagt noch gar nie, weil es halt schon immer ein Stück Normalität bei uns war. Bis eben die Pandemie kam und viele meiner ehemaligen KollegInnen plötzlich mit dem oben beschriebenen Kühlschrank-Problem konfrontiert wurden. Es war Lore, die neulich mal feststellte: „Eigentlich waren wir mit dem ganzen Home-Officing ganz schön früh dran“.
Konfliktsituationen für den „Heimarbeiter“ entstanden oft dann, wenn wir Freunde oder Kollegen zu Besuch hatten, bei denen es auch um Mitternacht noch ein Fläschchen sein durfte. Nicht alle haben das Prinzip „Arbeiten von zu Hause“ verstanden. Beim Aufstehen am nächsten Morgen unterscheidet sich der Heimarbeiter nur unwesentlich vom Bürogänger.
Nur weil der Schreibtisch nicht in einem Wolkenkratzer steht, sondern in einem kuschelig eingerichteten Büro daheim, bedeutet noch lange nicht, dass die Arbeit ruht, wenn dir der Kumpel beim Home Officing über die Schultern schaut und fragt, was man denn heute so gemeinsam unternehmen könnte. Das waren die nervigsten Momente meiner Haus-Arbeit.
Dass „Home Officing“ nicht immer bedeuten muss, dass man sein Büro tatsächlich in sein Haus verlegt hat, zeigt die Fotogalerie weiter unten. Geschrieben und gesendet wurden im Garten, im klirrend kalten Blockhaus am See, in der Ferienwohnung in Palma oder sonstwo oder auch in irgendwelchen Hotelzimmern.
Eine bizarre Begegnung gab es vor vielen Jahren mit einer Nachbarin. Sie hatte mich beobachtet, wie ich mal auf dem Balkon, mal im Garten und hin und wieder auch bei geöffnetem Wohnzimmerfenster in meine – damals noch – Schreibmaschine hämmerte. Sie hatte auf einen Spion getippt, wie sie mir später verriet. Bis sie sich eines Tages ein Herz fasste und wissen wollte, was ich eigentlich so mache den ganzen Tag. „Arbeiten, schreiben, recherchieren, fürs Radio senden“, anwortete ich wahrheitsgemàß.
Einen Job, wo man den lieben, langen Tag daheim bleiben kann, hätte sie auch gerne, lautete ihre Antwort damals. Wer weiss, vielleicht hat sie ihn ja während der Pandemie endlich bekommen, ihren Traumjob.
Mein liebstes Bild zum Thema „Fern-Arbeit“ ist das Acryl-Gemälde, das Lore vor vielen Jahren am Strand von Delaware in den USA gemalt hat. Wer bei Meeresrauschen in einem Pinienwald seiner Arbeit nachgehen darf, weiß, was Glück bedeutet.











Über Maggy Akerblom zu schreiben, ohne ein Lächeln auf den Lippen zu haben, ist fast nicht möglich. Maggy ist heute früh im Alter von 83 Jahren in Montreal an Alzheimer gestorben. In meinem Kopf wird sie immer als das Kölsch Mädsche weiterleben, das für viele Lachfalten in meinem Gesicht verantwortlich ist.
Maggy war 27, als sie 1967 zur Weltausstellung nach Montreal gekommen war. Einige Jahre nachdem die Party von „EXPO 67“ zu Ende war, ging für Maggy der Spaß erst richtig los. Sie fing als Redakteurin und Sprecherin bei Radio Canada International an, dem Auslandssender der öffentlich-rechtlichen CBC. Dort haben wir uns Anfang der 80er-Jahre kennengelernt.
Keiner konnte den Jingle der täglichen Radioshow eleganter sprechen als sie. Wenn Maggy Akerblom die Kurzwellen-Sendung dreisprachig mit „Hier spricht Kanada. This is Canada. Ici Radio Canada“ ankündigte, flogen ihr in Deutschland und vielen anderen Teilen der Welt die Herzen zu.
Ich weiß das, weil ich oft dabei war, als die Hörerbriefe sortiert wurden. Niemand in der Redaktion erhielt so viel Fanpost wie Maggy Akerblom.
Als Maggy in den Ruhestand ging, hatte ich mich längst als Korrespondent selbstständig gemacht. Aber wir sind immer in Kontakt geblieben. Das hat zum einen mit unserer gemeinsamen Liebe fürs Radio zu tun, zum anderen, weil an Maggy in deutschsprachigen Kreisen in Montreal irgendwie kein Weg vorbeiführte. Ständig war sie auf der Bühne des großartigen Deutschen Theaters in Montreal zu sehen, gab eine Party oder besuchte eine.
Ich bewunderte ihre Fähigkeit, Texte, auch sehr anspruchsvolle, mit der Geschmeidigkeit der arrivierten Schauspielerin vorzutragen. In einem Stück war Cassian ihr Pendant. Er liebte es, die Theaterbühne mit Maggy zu teilen. Sie war in ihrem Element, wenn die Bretter unter ihr knirschten und wenn sie ihr Publikum verzaubern konnte.
Maggy kam aus einem Journalisten-Haushalt, das merkte man ihr an. Die Öffentlichkeit hat sie nie gescheut, einen guten Wein, noch besser ein Glas Champagner, auch nicht. Legendär waren die Partys in ihrem Haus im noblen Stadtteil „Town of Mount Royal“. Dort lebte sie lange mit ihrer Tochter Daniela und ihrem Sohn Oliver.
Maggy hatte das Leben verstanden und wusste es zu zelebrieren. „Hab‘ ich das nötig, bei meiner Figur?“, war ein running gag, der es auch in unseren Haushalt geschafft hat.
Unvergessen auch die Schilderung einer Deutschland-Reise, bei der sie ihre an Alzheimer erkrankte Mutter in Köln besuchte.
Als Mutter und Tochter im Mietwagen den Rhein entlang fuhren, habe die Frau Mama irgendwann gesagt: „Sie fahren aber gut!“ Maggy erinnerte ihre Mutter daran, dass es ihre Tochter sei, die am Steuer saß. „Kinder?“, habe die Mutter gesagt, „das würde mir gerade noch fehlen!“
Dass jetzt auch Maggy an den Folgen von Alzheimer gestorben ist, kam bei der familiären Vorbelastung nicht ganz überraschend. An der Trauer, die wohl alle, die sie kannten, empfinden, ändert dies nichts.
Dann mal tschö, Maggy! Dort, wo du jetzt bist, hat bestimmt schon jemand den Roten Teppich für dich ausgerollt und dir zur Begrüßung ein Glas Champagner kredenzt.
Den hast du dir redlich verdient, bei deiner Figur.
Radio-Jingle mit Maggy Akerblom (ab 2:35 Minuten) Danke, Stefan!

Manchmal gehe ich online shoppen. Nicht oft. Aber immer dann, wenn es mir lange Wege und Frust beim Anprobieren erspart. Schuhe kaufe ich inzwischen lieber im Netz als im Laden. Meine Größe kenne ich. Bisher hat alles gepasst. Was mich nervt, sind die Folge-Mails, die von den Versandhäusern kommen. Dabei geht es mitunter richtig grotesk zu.
„Sind Sie mit Ihren Schuhen zufrieden“, lautete neulich so eine Mail. „Ja, sehr“, schrieb ich wahrheitsgemäß zurück. Schuhe, die passen, nachhaltig produziert werden und bei denen dazuhin noch das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt, bekommt man nicht alle Tage.
„Wie zufrieden sind Sie mit Ihren Schuhen auf einer Skala von 1 bis 10?“, lautete die nächste Mail. Ich mache mein Häkchen auf der 9 und denke, jetzt müsste eigentlich genug sein.
„Wenn Sie wirklich zufrieden sind, dann klicken sie bitte auf die 10“. Es reicht.
Anstatt auf die 10 zu klicken, klicke ich auf „unsubscribe“ und hoffe, dass der Briefwechsel damit beendet ist. Aber es geht erst richtig los.
„Uns würde interessieren, warum sie unseren Newsletter nicht mehr abonnieren möchten“, lautete die nächste Frage. Bei den Multiple-Choice-Antworten war so ziemlich alles dabei, was ich hätte anklicken können. Ich einige mich aber auf: „Weil ich ohnehin schon zu viele Mails erhalte“.
Die Reaktion kam sofort: „Wir werden Ihnen künftig keine Mails mehr schicken. Aber noch eine letzte Frage: Wie waren Sie bisher mit unserer Unternehmens-Kommunikation zufrieden?“ Gezeichnet war diese Mail erstmals mit einem Namen. „Lisa“.
Mir reicht’s und ich ignoriere Lisa und ihre allerletzte Mail. Doch Lisa lässt nicht locker.
„Lisa wüsste gerne, warum sie nicht auf ihre Umfrage eingegangen sind“.
Ich schreibe Lisa, dass ich bitte nicht mehr belästigt werden möchte, meinen Freunden vom Kauf ihrer Schuhe wegen des Nervigkeitsfaktors im Mailverkehr abraten werde und erinnere sie daran, dass ich den Newsletter schließlich ohnehin abbestellt habe.
Ich fasse es nicht. „Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie zufrieden waren Sie mit dem Mailverkehr mit Lisa?“
Ich antworte nicht mehr.
Aber ein bisschen vermisse ich die täglichen Fragen. Schließlich bekommt man nicht jeden Tag Post von einer Lisa.

Die Sonne lacht, das Thermometer knackt jetzt fast jeden Tag die 20-Grad-Marke. Der „kleine Sommer“ von neulich ist hoffentlich kein Ausrutscher mehr, sondern ein Dauerzustand. Das eBike darf jetzt wieder regelmäßig aus seinem Verlies, das mir unser toller Hausmeister nach dem dreisten Diebstahl im vorigen Jahr zur Verfügung gestellt hatte. Im gut verschlossenen Heizungskeller hat es den Winter gut überstanden.
Nach ein paar kleineren Nachjustierungen ging’s die vergangenen Tage wieder auf Tour. Erstaunlich, wie das Radeln trotz heftigst eingeschränkter Mobilität beim Laufen noch immer funktioniert. Sitzt der Patient auf Rädern erst einmal im Sattel, sind fast alle Gehbeschwerden vergessen.
Manchmal ist es heilsam, anderen Menschen bei ihrem Unglück zusehen zu müssen. Unmittelbar vor dem ersten Ausritt wurde ich Zeuge, wie eine Radlerin auf der Piste von einem anderen Radfahrer gestreift wurde.
Die junge Frau stürzte und verletzte sich am Ellbogen. Sie trug keinen Helm, hatte aber trotzdem Glück im Unglück. Der Schreck war wohl größer als die Blessuren. Ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr besonders achtsam zu sein. Mit 74 verzeiht dir dein Körper nicht mehr alles.
Radfahren in einer Vier-Millionen-Stadt kann zur Nervenprobe werden. Dabei sind es nicht immer andere Radler, die einem gefährlich werden können. Autofahrer sowieso, aber auch Fußgänger, die blindlings und ton-taub mit Knopf im Ohr unvermittelt auf den Radweg laufen.
Gleich beim ersten Mal ist es passiert. Nach einer Vollbremsung glaubte ich, den Blindfisch an seine Sicherheitspflicht erinnern zu müssen. „That’s dangerous, man!“, rief ich ihm zu. Er schickte ein: „YOU are dangerous!“ hinterher.
Notiz an mich: Nicht mehr mit anderen Verkehrsteilnehmern anlegen. Es bringt nichts.

Die Alarmanlage, die ich voriges Jahr für wenig Geld unterm Sattel angebracht habe, gibt mir jetzt mehr Sicherheit. Mal kurz ein Eis holen, ohne die ganz große Prozedur beim Abschließen? Kein Problem. Wer auch nur für eine Millisekunde mein Radl berührt, wird mit einem schrillen Signalton angebrüllt, der hoffentlich jedem Dieb die Lust am Klauen verdirbt.
Den Härtetest hat das Alarmsystem bereits bestanden. Als ich mich neulich ein paar Meter von meinem eBike entfernt auf ein Bänkchen setzte, um auf den ersten Möchtegern-Dieb zu warten, wollte zunächst einfach keiner anbeißen.
Ein Dieb kam zwar nicht, aber ein kleiner Naseweis. Der Bub glaubte, ungestraft an meinem Radl rütteln zu können. Falsch gedacht, Freundchen! So schnell habe ich noch kein Kind davonlaufen sehen.