Zum Soccer in die „Champs Bar“

soccer

Als Arjen Robben den Ball in der 88. Minute zum 2:1 ins Tor jagt, prosten in der knallvollen Montrealer Champs Bar Fußballfans aus aller Welt den 34 Bildschirmen zu, auf denen das große Finale übertragen wird. Gesiegt hat zwar Bayern München. Aber irgendwo auch Europa – zumindest in der Wahrnehmung der meisten Kanadier hier.

European Soccer“, sagt der Montrealer neben mir in der Champs Bar, „is sometimes better than hockey“. Aber eben nur manchmal. Weil mit Ottawa jetzt auch das letzte kanadische NHL-Team aus der Eishockey-Play-off-Runde geflogen ist, schaut man eben „Soccer“. So richtig elektrisiert sind die wenigsten meiner kanadischen Freunde von dem seltsamen Spiel, in dem 22 Jungs einem Ball nachrennen. Fußball hat in Kanada keine Tradition. Hockey rules.

Wann er zum letzten Mal ein Fußballspiel gesehen habe, will ich von meinem kanadischen Tischnachbarn wissen. „Hmmm“, überlegt der. „Das war, als David Beckham mit Los Angeles gegen die Montreal Impact gespielt hat“. Das ist schon richtig lange her.

Wenn große Sport-Events nicht im heimischen Fernsehen übertragen werden, weil den kanadischen Lokalsendern die Rechte dafür zu teuer sind, wird die Champs Bar am Montrealer Boulevard St. Laurent zum TV-Tempel für den internationalen Fußball. Auf zwei Etagen und Dutzenden von Bildschirmen gleichzeitig wird dann alles gezeigt, was die Satellitenanbieter im Programm haben. Boxen, Kricket und Baseball, Formel Eins sowieso. Und gestern natürlich Fußball.

Links von mir sitzt ein Däne, dem egal ist, wer gewinnt, so lange er sein Guinness hat. Rechts ein Holländer, dem Bayern über alles geht (Robben!). Die deutschstämmige Kellnerin kann sich nicht entscheiden. „Muss hier Bestellungen aufnehmen“ grummelt sie. Als Bayern siegt, legt sie dann doch kurz das Tablett ab und klatscht heftig Beifall.

Applaus gibt’s auch von den Haitianern, den Senegalesen, den Spaniern, Brasilianern, Italienern, Portugiesen, Franzosen und Engländern. Und natürlich von den vielen Deutschen im Saal. Die meisten meiner kanadischen Landsleute klatschen, wenn ein Tor fällt. Irgend eins.

Vor mir sitzt eine Reihe Polen mit Borussia-Schals. Offiziell ist man also für die Lewandowski-Truppe aus Dortmund. Aber als dann die Bayern den Augenschmaus mit einem Tor von Robben toppen, wird eben für München gejubelt.

Europa hatte den Ball ins Netz gezaubert.

Schneckenpost aus der Steinzeit

typeGestern war ein ganz besonderer Tag. Im Postfach lag ein mit Schreibmaschine getippter Brief. Schneckenpost! Fein säuberlich, ohne einen einzigen Fehler. Der Brief stammt von einer 93jährigen Dame aus dem Schwarzwald. Wir haben sie vor Jahren bei einer Hochzeit in Winnipeg/Manitoba kennen gelernt und dürfen sie seither „Tante Elfriede“ nennen.

Tante Elfriede schreibt, es gehe ihr gut und wie sehr sie sich über unsere Geburtstagsglückwünsche aus Mallorca gefreut habe. „Eine ganz besondere Insel!“ Und dann fragt sie noch, wie es uns im neuen Zuhause in der Stadt gefällt, das wir ja im vorigen Sommer gegen das Haus auf dem Land eingetauscht hatten.

Wisst Ihr“, schreibt Tante Elfriede, „ich habe den Zeitpunkt für Veränderungen verpasst“. Sie lebe schon seit über 70 Jahren im selben Haus, am gleichen Platz. „Die Verhältnisse ergaben das so“.

Zusammen sind sie fast 200 Jahre alt

Die Verhältnisse haben es auch so ergeben, dass es ausgerechnet gestern noch eine andere Begegnung mit einer alten Dame gab. Sie heißt Marga und ist, wie Tante Elfriede, ebenfalls 93 Jahre alt. Zwei wunderbare Menschen, die zusammen fast zweihundert sind.

Marga stammt aus Berlin und hat fast ihr ganzes Leben in Kanada verbracht. Bis zum vorigen Sommer war sie unsere Nachbarin im Dorf. Sie hat viel dazu beigetragen, dass wir uns in Kanada nie allein gefühlt haben. Wir haben keinerlei Verwandtschaft hier, unser Sohn wusste nur vom Hörensagen, was eine Tante so tut und ob man einen Onkel in Deutschland duzen darf oder nicht. Marga war Nachbarin, Freundin und Oma-Ersatz in einem.

Vom Rückspiegel baumelt der Rosenkranz

Marga ist im Dorf geblieben, wir sind weggezogen. Ab und zu telefonieren wir miteinander. Auch ihr geht es gut. Sie wohnt noch immer allein in ihrem Hexenhäuschen und versorgt sich selbst, fährt sogar noch jeden Tag mit dem Auto zur Kirche. Den Rosenkranz, der am Rückspiegel baumelt, kennt im Dorf jeder. Marga ist damit unfallfrei durchs Leben gefahren.

Auch Marga schreibt uns manchmal Briefe, keine getippten, sondern handgeschriebene. Wir hüten sie wie einen Schatz. Wer bekommt denn heutzutage noch Briefe, die mit der Maschine getippt oder mit dem Füllfederhalter geschrieben wurden? Mails, ja. SMS sowieso. Aber Schneckenpost?

Zehnfingersystem im Gasthaus „Bäumle

Als ich Elfriedes getippten Brief in der Hand hielt, musste ich an meine eigene vordigitale Steinzeit denken. Sie begann im „Bäumle“ in Ummendorf. Über Monate hinweg kam an einem Abend in der Woche ein Schreibmaschinenlehrer aus der Kreisstadt, um den Landbewohnern im Nebenzimmer einer Bierkneipe die hohe Kunst des Tippens beizubringen.

Im Tipptakt zu „Alle meine Entchen“

Natürlich wusste ich um den Nutzen so eines Schreibmaschinenkurses. Aber ich kam mir auch reichlich blöd dabei vor, auf den Takt von „Alle meine Entchen“ einen Brief abzutippen. A_S_D_F_G_G_H_H_H_H. Und so weiter. Aber der Einsatz hat sich gelohnt. In der ersten Redaktion, in der ich arbeitete, war ich, außer der Sekretärin, der Einzige, der blind mit zehn Fingern tippen konnte.

Es gab Zeiten, da ließen sich Leute von sowas tatsächlich noch beeindrucken.

Von der Milchfarm ins Weltall

Chris Hadfield, der „Singende Astronaut“ – Screenshot YouTube

Mal wieder ein Grund, auf einen meiner kanadischen Landsleute stolz zu sein: Chris Hadfield, der Kommandant der „International Space Station“ (ISS) ist vor ein paar Tagen von einer fünfmonatigen Mission auf die Erde zurückgekehrt.

Kurz zuvor hatte er im Raumschiff noch David Bowies Hit von 1969, Space Oddity“, für ein Musikvideo aufgenommen. Hadfield, der ursprünglich aus Ontario stammt und auf der Milchfarm seiner Eltern aufgewachsen ist, hat schon öfter musikalisch auf sich aufmerksam gemacht.

So widmete der staatliche kanadische Rundfunk- und Fernsehsender CBC Hadfield einen Teil des „Music Monday“. Zusammen mit dem Leadsänger der „Barenaked Ladies“ sang der Astronaut vom Weltraum aus im Duett Is Somebody Singing?

Gibt es eigentlich irgendwas, das dieser Super Hero nicht kann? Nur kein Neid! Man muss schließlich auch gönnen können …

Kanada – ein teures Vergnügen

essen

Zwei Zahlen konnte ich mir bei meiner Einwanderung nach Kanada gut merken: Mein Gewicht betrug 1973 genau 73 Kilo. Und der Liter Sprit kostete in der 24-Stunden-Tankstelle lächerliche 24 Cents. Benzin kostet heute mehr als das Fünffache. Und das Gewicht … naja, lassen wir das.

Aus dem einstigen Billigland Kanada ist ein teures Pflaster geworden. Das gilt ganz besonders für die Provinz Québec. Der Benzinpreis ist mittlerweile bei $ 1.32 pro Liter angekommen, eine Packung Zigaretten kostet um die 9 Dollar, etwa so viel wie ein Glas Wein. Für zwei Gläser Prosecco habe ich am Muttertag 30 Dollar bezahlt, Trinkgeld inklusive.

Verrückt? Vielleicht. Aber nicht ich, sondern der Staat, der ständig die Hand aufhält. In meiner Stammbar in Palma kosten das Glas Wein 1.80 Euro und die Cola 2.20 Euro. Das nenne ich ein gesundes Preisleistungsverhältnis. Vor allem beim Wein.

In Québec sind die Lebenshaltungskosten besonders hoch. Nicht dass die Kneipiers, die Café-Besitzer oder die Klamottenläden den dicken Reibach machen. Es ist der Staat. Dabei wird viel Augenwischerei betrieben. Ein Essen wird auf der Speisekarte für 20 Dollar angeboten, schlägt auf der Endabrechnung aber mit $ 26 zu Buche. Warum? Weil 15 Prozent Steuern (Bund und Land) sowie ein ortsübliches Trinkgeld von weiteren 15 Prozent dazu kommen. Macht zusammen: Speisekarten-Preis plus 30 Prozent. Bei drei Essen isst der Staat mit und du bezahlst schon fast für vier.

Kellner beklagen in diesem Zusammenhang immer wieder das Trinkgeldverhalten deutscher und Schweizer Touristen. Viele von ihnen glauben, mit Aufrunden sei es getan. Ist es aber nicht. In Kanada lebt das Servicepersonal, abgesehen von einem Minimal-Stundenlohn, in erster Linie vom Trinkgeld. Üblich sind 15 bis 20 Prozent.

Dazu kommt, dass Kellnerinnen ihre Tipps oft mit vielen Menschen teilen müssen – vom Türsteher bis zum Koch. Und auch hier spielt der Staat Steuermann. Stichproben beim Servicepersonal sind inzwischen die Regel. Gelegentlich muss es sich auch der Gast gefallen lassen, nach dem Verlassen des Restaurants von Steuerbeamten belästigt zu werden. Hat ihm der Wirt keinen offiziellen Beleg mit ausgewiesener Steuer auf den Weg gegeben, kann es dem Gastronom an den Kragen gehen.

In Vieux-Montréal, der Haupt-Touristenattraktion in Montréal, traute ich gestern meinen Augen nicht. Es gibt dort einen kleinen, künstlich angelegten See, auf dem man Tretboote mieten kann. Der Preis: 19.90 Dollar für 30 Minuten. Der Staat schwimmt mit.

Stimmt: In Deutschland und der Schweiz ist das Preisniveau auch nicht von Pappe. Aber wenigstens halten dort Sozialleistungen, Gehälter und Löhne mit den Ausgaben Schritt. Dieses Gefühl habe ich in Kanada nicht. Ein Uni-Absolvent mit Bachelor-Abschluss und zwei Jahren Berufserfahrung in den Medien geht mit etwa 32.000 Dollar nach Hause. Das sind rund 25.000 Euro. Brutto. Dazu gibt’s dann gerade mal zwei Wochen bezahlten Jahresurlaub. So richtig gut leben ist anders.

Wer ist hier der Geisterfahrer?

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Screenshot der CBC-Internetseite

Manchmal komme ich mir in Kanada vor wie der berühmte Autofahrer, der in die verkehrte Richtung rast, aber alle anderen für Geisterfahrer hält. Man könnte auch sagen: Oft verstehe ich meine Landsleute nicht. Hier ist ein Beispiel der vergangenen Tage:

Ein Autofahrer gerät in Panik, als ihn die Polizei wegen überhöhter Geschwindigkeit auf der Stadtautobahn verfolgt. Die Unvernunft des jungen Mannes nimmt ein grausames Ende. Am Ausgang des Montréaler Ville-Marie-Tunnels verliert der 23-Jährige die Kontrolle über seinen Pkw und rast in den Tod. Dass der Wagen des flüchtigen Fahrers zuvor den Polizei-Cruiser gerammt hatte, soll nicht unerwähnt bleiben. Auch nicht, dass die Polizei wegen des beschädigten Einsatzfahrzeuges die Verfolgung abbrechen musste. Fakt bleibt: Der Junge starb, weil er wohl Panik bekam und vor den Polizisten fliehen wollte.

Übrigens nicht ohne Grund: Auffallend häufig enden in Kanada Verfolgungsjagden der Polizei mit dem Tod des Verfolgten – und manchmal auch der Verfolger. Wie viele Opfer dabei zu beklagen sind, kann ich nicht sagen. Im Netz gibt es keine verlässliche Statistik darüber.

Kann einem Autofahrer, der mit überhohter Geschwindigkeit durch einen Tunnel fährt, nicht später ein Strafbescheid zugestellt werden? Seine Daten sind doch erfasst, die Geschwindigkeit wurde gemessen.

Nach dem jüngsten Vorfall, der sich vor vier Tagen in Montreal ereignet hat, war das Thema den meisten Medien gerade mal eine Notiz wert. Mich wühlen Unfälle dieser Art immer wieder aufs Neue auf. Wer Vater und Mutter bei Verkehrsunfällen verloren hat, reagiert da vielleicht besonders sensibel, auch wenn damals kein Fremdverschulden oder gar eine Verfolgungsjagd im Spiel waren.

Die Kommentarfunktion im Internet ist eine gute Art, sich abzureagieren. Es kommt nicht oft vor, dass ich, abgesehen von diesem Blog, meine Meinung poste. Hin und wieder bei Spiegel-Online. Gelegentlich auch auf der Website der Canadian Broadcasting Corporation (CBC). Vor ein paar Tagen konnte ich mich nicht zurückhalten.

Mein Text war, denke ich, respektvoll formuliert: „A sad day indeed for the loved ones of this young man. My heart goes out to them. So it was basically a speeding ticket for a human life. When will this nonsense of police cruisers chasing innocent people finally stop? What kind of training do these officers have? It’s amazing how they can get away with this. My condolences to the family“.

Kondolenz also für die Hinterbliebenen. Und dann die Frage: „Wann hört dieser Unsinn endlich auf, dass unschuldige Menschen Opfer von Verfolgungsjagden der Polizei werden“?

Die Reaktion auf meinen Eintrag, den ich auf der Kommentarseite des staatlichen Senders CBC gepostet hatte, war für mich schockierend. 97 Leser gaben mir den „Daumen runter“, nur 9 stimmten mir zu. (Drei davon sind mir persönlich bekannt). In einer Antwort heißt es: „Da trifft also jemand eine falsche Entscheidung, stirbt – und dann ist es die Schuld der Polizei?“ Herzlos geht es weiter: „Hätte er das Gesetz beachtet, wäre er noch am Leben“. Hallo? Es geht hier um einen Jungen, der zu schnell gefahren ist.

Ein anderer Kommentator antwortet auf meinen Post: „Wer mit deiner Einstellung seine Kinder erzieht, muss damit rechnen, dass sie im späteren Leben wegen jeder Kleinigkeit den Behörden davonlaufen.“

Jetzt bin ich verwirrt. Aber man muss seine Landsleute ja auch nicht in jedem Punkt verstehen.