Québec geht auf den Strich

Arme Québecer! Wie die Löwen kämpfen die Nationalisten unter ihnen um den Erhalt des Französisch im Meer der englischsprachigen Sünde. Und wenn freiwillig gar nichts mehr geht, rufen sie eben die Gerichte an. So soll „Metro“, eine der größten Supermarktketten des Landes, gezwungen werden, den fehlenden accent aigu auf das „e“ zu setzen.

Der Mann, dem der fehlende Strich gegen denselben geht, heißt Yves Michaud. Er hat Recht und er hat Angst. Recht, weil das berüchtigte Québecer Sprachengesetz „Bill 101“ tatsächlich Gewerbetreibenden vorschreibt, was in welcher Sprache, Schreibart und Schriftgröße sein muss. Angst, weil es um den Erhalt des Französisch in Québec geht.

„Wenn wir unsere Sprache nicht verteidigen“, sagt Monsieur Michaud, „wird Französisch in Nordamerika in ein paar Generationen aussterben“. Und weil er sich nicht mitschuldig machen möchte am Untergang des französischsprachigen Abendlands, hat er den Metro-Konzern vorsichtshalber mal bei der Québecer Sprachenpolizei angezeigt. Die wiederum reagierte blitzschnell für eine staatliche Behörde: Es sei mal wieder höchste Zeit für eine Aufklärungskamapgne. Und flugs wurde eine halbe Million locker gemacht, um Sprachen-Verbrecher wie Metro künftig stärker an die Kandare zu nehmen.

Der Supermarkt-Riese Metro zeigt sich bislang uneinsichtig. Der Akzent über dem „e“ in allen 220 Läden, inklusive Schilder, Werbung und Briefpapier, würde das Unternehmen 20 Millionen Dollar kosten. Diese Summe, so argumentiert der Sprecher der Kette, sei im Zeichen der Wirtschaftskrise nicht  zu verantworten. Wir warten also gespannt auf die Fortsetzung der Strich-Saga.

Das alles wäre ja noch ganz lustig, wenn nicht ein ziemlich perfides System dahinter stecken würde. Viele Frankokanadier in Québec wären nämlich am liebsten unter sich – „chez nous“, wie sie es nennen. Und weil sie es mit immer wieder neuen Referenden einfach nicht schaffen, ihre schöne Provinz aus dem kanadischen Staatenbund herauszulösen, drehen sie zwischendurch immer mal wieder politisch hohl. Dabei ist ihnen keine Idee zu abstrus. Und jetzt eben Metro.

Dass ich mich trotzdem sauwohl fühle in dieser facettenreichen Québecer Gesellschaft, hat mit dem Lebensgefühl zu tun. Die Mischung aus „savoir vivre“ und „American way of life“ ist schwer zu toppen. Und: Da wir weder als Anglo-, noch als Frankokanadier gelten, dürfen wir den Sprachen-Zirkus von unserem warmen Logenplatz aus genüsslich als Zuschauer verfolgen. Offiziell gelten Hybrid-Geschöpfe wie wir nämlich als „Allophone“.

Wir sind Überschrift!

Drei Worte nur – und halb Deutschland war aus dem Häuschen: „WIR SIND PAPST!“ Die Headliner der BILD-Zeitung hatten ins Schwarze getroffen. Innerhalb weniger Stunden wurde das Bild-Geplapper zum geflügelten Wort. So lapidar diese Überschrift klingt, ein kleines Kunstwerk ist sie allemal. So etwas zaubert man nicht zwischen zwölf und Mittag aus dem Hut.

Arthur Schopenhauer war ein kluger Mann. „Man nehme gewöhnliche Worte und sage Ungewöhnliches“, brachte der Philosoph und Schriftsteller das Handwerkszeug für eine gute Überschrift auf den Punkt. Genau darin liegt das Geheimnis einer starken Headline: Dinge plakativ erklären, damit sie zwar einfach verständlich sind, aber nicht einfach klingen.

Super Überschriften sind super wichtig. Untersuchungen haben ergeben: Spricht der Titel den Leser nicht binnen 50 Millisekunden an, blättert er weiter. Oder klickt sich auf die nächste Seite. 50 Millisekunden sind übrigens zweimal Blinzeln.

Ich kenne Kollegen, die sitzen an einer einzigen Überschrift länger als am kompletten Artikel. Einer von ihnen tat sich besonders schwer. Bei einem gemeinsamen Workshop mussten wir eine Headline zu einem Artikel texten, in dem es um einen Doppelmord im Hotel ging. Der Kollege stach uns alle aus: „Merkwürdige Vorgänge im Gaststättengewerbe“. Ob er es später als Journalist weit gebracht hat, weiß ich nicht. Ich tippe mal auf Pressesprecher beim Katasteramt.

Die BILD-Zeitung als Parade-Journaille für originelle Überschriften heranzuziehen, kann bei aller kritischer Distanz zum Boulevard einfach nicht ausbleiben. Nehmen wir doch nur mal diese hier: „Forscher entdecken schwulen Killer-Pilz!“.

Oder, zur ersten Mondlandung: „Der Mond ist jetzt ein Ami“. Oder: „Diese Affenhitze – Werden wir jetzt alle Afrikaner?“ Und, man kann es sehen wie man will, auch diese hier hat was: „Elstner ausgeraubt – Auch sein Glasauge weg!“

Von den seriösen Anbietern hat SPIEGEL-Online die besten Headlines. In dieser Minute heißt übrigens der Aufmacher zur bevorstehenden China-Reise der Kanzlerin: „Merkel im Reich der Mittel“. Schöner geht nicht.

Überschriften können nicht nur sprachlich eine große Herausforderung sein, auch räumlich. Hier im Blog zum Beispiel. Gerade mal 26 Zeichen erlaubt mir das Eingabefeld für eine Headline. Mit diesem Titel hier, ebenfalls aus BILD, käme ich schon mal nicht durch: „Unglaublich: Vom Dackel der Schwiegermutter entmannt“.

Hier eine Sammlung von weiteren BILD-Überschriften.   [Danke, „Wiesbadener“!]

„Litti, Wutti, Klinsi – Bumm, bumm, bumm!“

„Prinz Cool auf Sex-Safari – und William prügelt sich!“

„Lotto-Zahlen immer blöder“

„Wir fordern: Mallorca soll deutsch werden!“

„Wachmann aß Hund Chappi weg – entlassen!“

„Scheintote weinte in der Leichenhalle – Ich bin nicht tot, ich friere so“

„Blitze immer gefährlicher: Mann auf Zebrastreifen erschlagen“

„Honecker-Asche: Wir wollen sie nicht!“

„Schnee: Müllmann im Stehen erfroren“

„Geliebten geköpft, gekocht, eingemacht – in 39 Dosen!“

„Hat Genscher neue Ohren?“

„Völler trifft wieder – und wird Vater“

„150 Flüchtlinge pro Stunde – Wann ist die DDR leer?“

„Rudi, hau die Saudi!“

„Die halbe DDR kommt rüber – Seid nett zu Ihnen“

„Bundesgerichtshof: Jetzt darf jeder Pimmel sagen“

„Dagmar Berghoffs Zuschauer ist tot

Schnaps aus dem Spazierstock

Eins muss man den Kanadiern lassen: Wenn es um den Winter geht, sind sie ganz schön erfinderisch. In Québec-City findet zurzeit der jährliche Winterkarneval statt. Mit einem Prinzenpaar, das im Eisschloss residiert. Und einem Getränk, bei dem Sie buchstäblich am Stock gehen. Wirklich.

Zuerst die Sache mit dem Getränk: Die Québecer nennen es „Caribou“. Es ist eine teuflische Mischung aus Schnaps und Rotwein und soll das Blut des Karibus, also des Rentiers, symbolisieren. Und weil es nach kanadischem Gesetz nicht erlaubt ist, Alkohol in der Öffentlichkeit zu trinken, mogeln die Besucher des „Carnaval d’Hiver“ eben ein wenig. Und trinken das Gesöff aus dem ausgehöhlten Spazierstock. Mit abschraubbarem Griff.

Im Eispalast wohnt das Prinzenpaar zwar nicht ständig, aber es residiert dort Abend für Abend, noch bis zum 12. Februar. Die Ausmaße des Gebäudes sind beeindruckend: 41 Meter lang, 23 Meter breit und 25 Meter hoch – etwa so groß wie zwei Tennisplätze. Mehr als elftausend Tonnen Eis wurden für das herrschaftliche Anwesen verwendet. Rund 200 000 Dollar lässt sich die Stadt Québec den Palast jährlich kosten. Dafür bleibt es auch nach Ende des Karnevals noch ein bisschen stehen.

Das Traumschloss im Stadtzentrum von Québec-City mag zwar ein Jahrhundertbauwerk sein. Aber mehr als hundert Tage hält es nicht. Dann stellt sich selbst im Norden Kanadas langsam der Frühling ein. Und damit die Frage: Wohin mit dem geschmolzenen Eispalast? Auch dieses Problem haben die fixen Québecer Karnevalisten gelöst: Das Schmelzwasser wird über Spezialleitungen direkt in den Sankt-Lorenz-Strom gepumpt.

Doch bis es so weit ist, wird noch gefeiert in der Stadt mit ihren 500.000 Einwohnern. Es gibt eine Parade, jede Menge Buden, ein Hundeschlittenrennen und einen besonderer Leckerbissen für die Hardcore-Winteraner: Ein Kanu-Rennen über den zugefrorenen Sankt-Lorenz-Strom. Sieger ist, wer sein Boot auf dem Eis als erstes ans Ziel … schiebt.

Vier „Ehrenmorde“ ohne Ehre

Kanada ist das ausländerfreundlichste Land, das ich kenne. Als Einwanderer-Nation hat die Harmonie unter ethnischen Minderheiten eine wunderbare und lange Tradition. Darauf können nicht nur die kanadischen Gesetzesmacher stolz sein. Vor allem die Kanadier selbst sind es, die das zustande gebracht haben, wovon viele andere Länder träumen: Ein buntes, friedliches Zusammenleben der Kulturen. Jetzt hat ein unvorstellbares Verbrechen die Bevölkerung aufgeschreckt.

Als drei Mitglieder einer afghanischen Familie wegen sogenannter „Ehrenmorde“ verurteilt wurden und dabei unsägliche Details ans Tageslicht kamen, ging zwar ein Schrei der Entsetzung durch Teile der kanadischen Bevölkerung. Aber es war kein „Ausländer raus!“-Hassfanal. Eher ein Hilferuf, wie brutale Verbrechen wie diese in einem zivilisierten Land wie Kanada künftig vermieden werden können.

Die Opfer: Drei Töchter und die Zweitfrau des Patriarchen. Foto: CBC

Vor Gericht standen: Vater, Mutter und Sohn, erst 21 Jahre alt. Afghanen, die vor  fünf Jahren nach Kanada eingewandert waren. Im Schlepptau: Die Zweitfrau des Familienoberhaupts und insgesamt sieben Kinder. Drei der Kinder, Mädchen im Teenager-Alter und auch die Zweitfrau, waren Eltern und Bruder ein Dorn im Auge. Schnell und offensichtlich mit großer Leidenschaft hatten sich die Teenager in der neuen Heimat in das pulsierende Leben der Großstadt Montréal gestürzt.

Bei Nacht und Nebel im Kanal ertränkt

Die Mädchen waren in ihrem jugendlichen Entfaltungseifer nicht zu stoppen. Schon bald versagte die Familiendynamik. Eltern und Bruder beschlossen: Die Mädchen müssen sterben. Zusammen mit der Zweitfrau des Patriarchen wurden die Vier bei Nacht und Nebel in einem Kanal in der Nähe von Kingston (Ontario) ertränkt – im Auto. Die jetzt Verurteilten stritten die Tat ab. Es habe sich um einen Unfall gehandelt. Aber die Beweislage war von Anfang an eindeutig.

Brutal, widerwärtig, fremd: Ein Vater tötet seine Töchter

Gebannt verfolgten viele Kanadier den komplizierten und oft aufwühlenden Prozess. Sie mussten sich dabei anhören, wie der Hass des Vaters auf seine widerspenstigen Töchter ins Uferlose wuchs. Als die Kinder bereits tot waren und die Täter noch auf freiem Fuß, rastete der Vater in einem Telefonat mit einem Verwandten aus: „Der Teufel soll auf ihr Grab scheißen!“ Und, so der Patriarch in einem anderen, von der Polizei aufgezeichneten Gespräch: „Sollten meine Töchter wiederkommen, werde ich ihnen die Kehle durchschneiden!“

Solche Zitate sind schwer auszuhalten. Aber sie sind gefallen. Nicht nur das Gericht musste sich mit dieser Brutalität auseinandersetzen. Auch für die meisten Kanadier, die aufmerksam das Tagesgeschehen verfolgen, gab es kein Entrinnen. Die Medien ließen uns keine Wahl.

Ein grausames Verbrechen, bei dem nichts an „Ehre“ erinnert

Jetzt also das Urteil: Dreimal lebenslänglich für das, was der Richter als „Ehrenmorde“ bezeichnete. Ein schreckliches, unpassendes Wort für ein grausames Verbrechen, bei dem so gar nichts an „Ehre“ erinnert. Und natürlich sind die Leserbriefspalten voll mit Kommentaren zu diesem unappetitlichen Thema. In den Talkshows glühen seit gestern die Telefondrähte. Und natürlich sind die Menschen aufgebracht, entsetzt, verletzt, wütend, enttäuscht. Vereinzelt wird der Ruf nach Todesstrafe laut. Ausländer-raus!“-Parolen habe ich bisher nicht gehört und auch nicht gelesen. Nicht ein einziges Mal.

Hilfe, wir sind Eurotrash!


So weit haben wir’s gebracht: In Amerika sind wir jetzt „Eurotrash“. Was sich zunächst eher anerkennend auf den europäischen Lifestyle beschränkte, hört man jetzt immer öfter als Rundumschlag für alles Europäische schlechthin. Also auch für uns. Überhaupt finde ich das Europe-Bashing der letzten Wochen und Monate ziemlich nervig. Und auch ein bisschen verletzend.

Den Begriff „Eurotrash“ gibt es ja schon lange. Bei Formel Eins-Rennen wird er schon mal für Besucher mit dicken Euro-Konten verwendet. Oder auch bei Filmfestspielen auf dem amerikanischen Kontinent. Aber so rülpelhaft wie er in letzter Zeit speziell von Amerikanern eingesetzt wird, kannte ich ihn bisher nicht. Zur Ehrenrettung meiner kanadischen Freunde: Die Seitenhiebe auf das alte Europa kommen nur ganz selten von ihnen, meistens aber von unseren netten Nachbarn südlich des 49. Breitengrads.

Eine der wenigen kanadischen Ausnahmen ist unser erzkonservativer Premier Stephen Harper. Der schafft es doch tatsächlich, Europa in Davos die Leviten zu verlesen. Und vergisst dabei das erste Gebot einer guten Kinderstube: Erst mal schön vor der eigenen Haustür kehren, ehe man auf den Anderen losgeht. Und vor der kanadischen Haustür gibt’s verdammt viel zu kehren.

Gesundheitspolitik: Im Radio beklagte sich gestern der Anrufer einer Talkshow, er warte jetzt seit zweieinhalb Jahren auf einen Termin für eine routinemäßige Darmspiegelung. Doch kein Krankenhaus der Dreieinhalb-Millionen-Stadt Montréal hat Kapazitäten frei. Wie wär’s damit, Mr. Harper: Einfach beim nächsten Haushalt noch ein Hölzchen für die Krankenfürsorge nachlegen und nach Québec überweisen? (Das Gesundheitssystem fällt hier unter die Verantwortung der Provinzen). Noch ein Vorschlag für Premier Harper: Die Infrastruktur aufhübschen, die vor unseren Augen zerbröckelt. Oder das Schulsystem verbessern, den Umweltschutz, die öffentlichen Verkehrsmittel. Erst mal den Anderen ein schlechtes Gewissen machen, ehe man die Fehler bei sich sucht. Toll. Und so katholisch.

In der kanadischen Bevölkerung – also nicht in den Hohepriester-Tempeln der Politik – werden zwar die wirtschaftspolitischen Entwicklungen in Europa zurzeit auch argwöhnisch betrachtet. Aber eine Imageverletzung, die bis in den persönlichen Bereich hineinreicht, habe ich in Kanada in diesem Zusammenhang bisher nicht festgestellt.

Deutsche Sprache, chice Sprache

Ganz im Gegenteil: Vor allem unter Frankokanadiern entdecke ich immer häufiger eine nicht nur ideologische, sondern auch emotionale Zuneigung zu Europa, speziell auch zu Deutschland. Ein Deutsch zu sprechen, das über „Autobahn“ und „Rammstein“ hinaus geht, gilt vor allem unter jungen Frankokanadiern als ausgesprochen chic.

Anders in den USA. Dort muss man sich in gewissen Kreisen für Fremdsprachenkenntnisse gar entschuldigen Mitt Romney musste sich neulich anhören, er könne ja überhaupt kein richtiger Amerikaner sein, da er doch der französischen Sprache mächtig sei. Geht’s noch? Und ein anderer Bewerber um die Nominierung des Präsidentschafts-Kandidaten der Republikaner sagte bei der Debatte in Florida sinngemäß: „Wir müssen verhindern, dass die Vereinigten Staaten zum neuen Europa werden und auf die Hilfe der restlichen Welt angewiesen sind!“ Jubel im Saal.

Entschuldigung? Wer ist eigentlich hier der Sozialhilfe-Empfänger, der es bis heute nicht fertig bringt, jedem Bewohner eine Krankenversicherung zu garantieren? Europa wohl eher nicht. Ein (deutscher) Bekannter von mir in Florida musste sein Haus verkaufen, weil er sich sonst die Krebs-Behandlung seiner Frau hätte nicht leisten können.

So viel zum Thema Eurotrash.