Elche legen Flughafen lahm

Wenn ich auf Reisen bin, kann ich nicht immer täglich bloggen. Deshalb hin und wieder der Griff ins Archiv. Hier finden Sie von Zeit zu Zeit eine Auswahl meiner Reportagen als Kanada-Korrespondent. Die Beiträge wurden nicht aktualisiert!

O-Töne können hier leider nicht eingestellt werden. Deshalb nur die Kurz-Version.

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ST. JOHN’S / NEUFUNDLAND

Erst dachte der Flughafen-Direktor Rex LeDrew, ein Hund haette sich auf die Rollbahn verirrt. Als dann noch einer auftauchte und noch einer, da schlug der Airport-Manager Alarm. Als die Flughafen-Polizei dann endlich anrueckte, hatte sich ein ganzes Rudel auf der Startbahn versammelt. Doch es waren keine Hunde – sondern Elche.

Kleine und große, junge und alte – auch eine ganze Familie war darunter. “Ein Elchkalb”, sagt Airport-Manager LeDrew, “wollte gar nicht von der Mutter weichen. Es war unentwegt am Saugen.” Die anderen Tiere grasten derweil auf den Grünflächen des Flughafengeländes von St. John’s in Neufundland. Doch lustig war das alles nicht: Maschinen, die auf dem Anflug nach St. John’s waren, wurden umgeleitet. Flugzeuge, die startklar waren, blieben auf dem Rollfeld.

Ein Passagier, der auf dem Weg von Toronto nach Neufundland wieder umdrehen musste, sagte später im Fernsehen: “Ich dachte, der Käpt’n will uns auf den Arm nehmen, als er wegen Elchgefahr den Rückflug nach Toronto anordnete.”

In der Zwischenzeit spielten die Sicherheitskräfte mit den Elchen Katz und Maus. So ging das drei Tage und Nächte lang. Inzwischen war der Flugverkehr vollständig zum Erliegen gekommen. Weil unter den Elchen auch Jungtiere mit ihren Müttern waren, wurde nicht scharf geschossen. Doch von den Warnschüssen ließen sich die Tiere zunächst nur wenig einschüchtern. Nach drei Tagen hatten die Elche das Rollfeld dann schließlich geräumt.

Inzwischen wurde der drei Meter hohe Maschendraht-Zaun um das Flughafen-Gelände noch erhöht. Denn das ist in vielen kanadischen Flughäfen das eigentliche Problem: Wenn sich im Winter der Schnee zwei Meter hoch anhäuft, schaffen es die Elche mühelos, über den Zaun zu springen. Wenn dann im Frühsommer die Schneeschmelze einsetzt, können sich die Tiere nicht mehr aus ihrem Riesen-Käfig befreien. Mehrere kanadische Flughäfen haben inzwischen Elch-Patrouillen angeheuert.      (Sendung vom 29-5-2001)

Armer, reicher Herr zu Guttenberg

Irgendwie kann es Karl-Theodor zu Guttenberg zurzeit keinem Recht machen. Erst wird er mit Schimpf und Schande aus Deutschland verjagt. Dann verschwindet er in den Wäldern von Connecticut, wo er sich mit einem Drei-Millionen-Dollar-Domizil bescheiden muss.

Dabei hat er doch zu Hause ein veritables Schloss. Nicht genug der Schmach: Als ihn seine politische Wiederbelebungstour neulich nach Halifax führte, konnte er sich nicht einmal mehr Gel und Brille leisten.

Armer, reicher Freiherr. Vorerst gescheitert.

Und heute also der Buchstart. 80-tausend Exemplare sollen bereits verkauft oder zumindest vorbestellt sein. Ich frage mich, wie diese Zahl zustande kommt. Das sind ja mehr Bücher als mein Blog Klicks hat! Dabei musste KT im Gegensatz zu HB nicht einmal selber schreiben. Er ist ja lediglich Herrn di Lorenzo Rede und Antwort gestanden. Das nenne ich große Literatur.

Ich gönne Herrn zu Guttenberg seinen Erfolg. Er wird ihn brauchen, wenn er demnächst wieder in die deutsche Politik zurückkehrt. Herr Seehuber zittert ja jetzt schon in seinen Haflingern. So ein Comeback-Kid wie Karl-Theodor zu Guttenberg hat ihm gerade noch gefehlt.

Aber ehe Herr Guttenberg sich auf die Politbühne wagt, lotet der Freiherr seinen Fanclub erst einmal in der Bütt aus. Anfang kommenden Jahres will er bei der Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst in Aachen zum närrischen Volk sprechen. Die Rede, sagt er, habe er selber geschrieben. Ehrenwort.

Dieser Auftritt sei unerhört, sagen die Adligen-Jäger unter den deutschen Journalisten. Aber mal im Ernst: Was soll er denn sonst noch tun, um die Gnade der politischen Wiedergeburt erfahren zu dürfen? Etwa nach Kanada auswandern? Warum nicht, sagt Oliver Welke in der heute show. Wo der Freiherr doch schon mal hier war: „Kanada nicht bleiben?“

Ich finde: So viel Häme hat der Freiherr nicht verdient. Und Kanada erst recht nicht.

Trapperbrot mit Indianergemüse

Bannock hatten wir schon mal im Blog: Trapperbrot aus Mehl, Wasser, Backpulver und Salz. Heute gibt’s was Neues aus der kanadischen Ureinwohner-Küche: Bannock aus Haselnüssen und Süßkartoffeln. Rein vegetarisch. Bekannt geworden ist das Gericht neulich durch den Fernsehauftritt einer Salish-Indianerin von der kanadischen Westküste.

Die Frau heißt Melaney Gleeson-Lyall und hatte den Mut, ihre Eigenkreation im Nischenkanal „Food Network“ vorzukochen. Das Konzept der Sendung ist nicht weniger genial als das Gericht selbst. „Recipe to Riches“ heißt die Serie, etwa: „Rezept zum Reichwerden“. Wer’s vergessen hat: Wir sind hier in Nordamerika.

Melaney Gleeson-Lyall

Das TV-Konzept geht so: Jede Woche treten mehrere Hobbyköche gegeneinander an. Mit eigenen Rezepten. Eine Jury bewertet die fertigen Speisen. Ein Marketingmensch überlegt derweil, wie und ob sich das Gekochte zum Verkauf als Fertiggericht in einer der größten kanadischen Supermarktketten eignen würde. Siegerin einer der ersten Staffeln wurde die Salish-Indianerin Melaney. Sie erhielt 25 000 Dollar.

Zum Abschluss der Serie gibt’s dann eine Endausscheidung. Preisgeld: eine Viertelmillion Dollar. Der „savoury pie with a hazelnut stew and sweet potato bannock crust“ von Frau Gleeson-Lyall ist jetzt für eine begrenzte Zeit im Supermarkt erhältlich. Für 7 Dollar werden zwei hungrige Kanadier satt.

Wer’s gerne vegetarisch hat, wird den Bannock-Gemüsekuchen lieben. Alles in allem war mir die Gemüse- Haselnuss-Mischung zu süß. Mit ein paar Jalapeño-Flocken oder einem Spritzer Puki-Sauce könnte die Füllung aufgepeppt werden. Das erdige, fast rauchige Aroma des Bannock-Deckels aus Kartoffelteig in Verbindung mit dem Gemüse-Mix hat mich an Besuche bei kanadischen Ureinwohnern erinnert. Dort wird gerne überm offenen Feuer gekocht. Das Gemüse-Bannock schmeckt irgendwie stimmig. Die Zutaten kommen alle aus der Region.

Wir haben die fertige Kochmischung probiert. Beim nächstenmal werden wir das Gericht selber kochen. Und zwar so:

Gemüse-Eintopf („Stew“)

3 Esslöffel Butter

1 Tasse Backkürbis („butternut squash“), geschält und in kleine Würfel geschnitten

1 Tasse klein geschnittene Karotten

1/2 Tasse klein geschnittene Zwiebel

1/2 Tasse klein geschnittene Sellerie

2 Tassen geriebene Süßkartoffel

2 zerquetschte Knoblauchzehen

1 Teelöffel fein geschnittener Rosmarin

1/2 Teelöffel Salz

3 Esslöffel Mehl

2 1/4 Tassen Gemüsebrühe

1 1/4 Tassen geschälte, gehackte und geröstete Haselnüsse

3 Esslöffel gehackte Petersilie.

Zutaten nach und nach in einem Topf aufkochen. Hitze zurücknehmen und 3 Minuten köcheln lassen. Anschließend den Gemüsemix in eine backfeste Form gießen. Leicht abkühlen lassen.

Bannock:

1 1/2 Tassen Mehl

1/3 Tasse Butter

2 1/2 Teelöffel Backpulver

1/4 Teelöffel Salz

3/4 Tasse gekochte und pürierte Süßkartoffeln (oder einfach normale)

1/3 Tasse Eiswasser

3 Esslöffel geschälte, geröstete und kleingehackte Haselnüsse.

Zubereitung:

Backofen auf 180 Grad C. vorheizen. Zutaten mischen. (Eiswasser nach und nach hinzufügen). Eine 20 Quadratzentimeter große Teigfläche formen und mit Haselnuss-Splitter besprenkeln. Über die Gemüsemischung legen und ca. 50 Minuten backen. Oder so lange, bis das Bannock oben goldgelb ist und unten nicht mehr klebrig.

Wem die deutsche Übersetzung zu holprig ist: Hier das Original-Rezept (Englisch)

Bildergalerie von der Herstellung


Endlich: Winter in Kanada!

Schluss mit Sommer. Der erste Schneefall kam diesmal ungewöhnlich spät. Es gab Jahre, da war Anfang Oktober schon alles weiß. Von mir aus hätte der Neverending Summer of 0/11 gerne noch bleiben dürfen. Aber Winter in Kanada hat auch was. Was nun? Mit etwas mehr Zeichentalent hätte ich dem Smiley im Schnee ein lachendes und ein weinendes Auge verpasst.

Draußen röhren schon seit Stunden die Schneepflüge um die Wette. Allein in unserem kleinen Wohngebiet sind es drei verschiedene. Den größten davon schickt die Stadt. Er ist für die Durchgangsstraßen zuständig. Die beiden anderen gehören privaten Unternehmern. Ihre Traktoren kümmern sich um die Grundstückseinfahrten bis hin zu den Garagen. Tag und Nacht.

Winter in Kanada: Romantisch. Teuer. Und manchmal auch tödlich

Winter in Kanada ist ein teures Vergnügen. 145 Millionen Dollar beträgt das Budget für den Winterräumdienst einer Stadt wie Montréal, so groß wie Berlin. Aber auch Privatleute greifen tief in die Tasche, um über den Winter zu kommen: Winterreifen, Schneeräumer, Dachrinnenheizung (damit das Schmelzwasser ungestört ablaufen kann und kein Eis-Rückstau entsteht), Feuerholz für den Ofen. Wer sich auf Elektrizität, Öl oder Gas verlässt, kann Pech haben. Beim katastrophalen Eissturm vor 13 Jahren gab es wochenlang Stromausfall. Und mehrere Tote. Die meisten der Opfer sind erfroren.

Winter in Kanada kann romantisch sein: Kaminfeuer, Glühwein, netter Besuch. Einfach einen Gang zurückschalten. Winter in Kanada kann aber auch grausam sein: Temperaturen von bis zu minus 30 Grad sind keine Seltenheit. Meterhohe Schneewehen gehören zum Alltag. Ist erst einmal alles mit Schnee bedeckt, dauert es bis Mai, bis sich die ersten grünen Blätter zeigen.

Kanadier sind die absoluten Winterprofis

Wie ein Land bei diesen klimatischen Verhältnissen überhaupt funktionieren kann, war mir schon immer ein Rätsel. Schule, Kitas, Arbeit, Verkehr. Irgendwie klappt in Kanada immer alles. Mal mehr, mal weniger. Die Schneeräumung hat er jedenfalls im Griff, der Kanadier. Und da er auch mit Streusalz nicht zimperlich umgeht, sind meistens auch die Straßen eisfrei. Entsprechend verratzt sehen die Autos aus. Umweltschutz? Nein, danke. Berge von Schnee, Blizzards und ein zugefrorener See, auf dem monatelang Autos verkehren als wären es Landstraßen – das alles ist schon sehr beeindruckend.

Auto auf zugefrorenem See

Und die Temperaturen? Die Inuit schmieren ihren Kleinkindern angeblich Waltran ins Gesicht, um sie vor Erfrierungen zu schützen. Typische Kanadier kleiden sich im Winter nach dem Prinzip der Zwiebelschale. Mehrere Schichten übereinander geben wärmer als ein dicker Daunenparka. Schlechtes Wetter gibt es nicht. Nur schlechte Kleidung.

Sprach-Killer unter uns!

Jetzt weiß man also, wer die „Döner-Morde“ auf dem Kerbholz hat. Und der „Pizza-Killer“ von Aschaffenburg hat auch lebenslänglich bekommen. Auch der „Mafia-Mörder“ von Duisburg sitzt hinter Schloss und Riegel. Fragt sich nur, wann endlich der „Sauerkraut-Killer“ geschnappt wird.

Etikette wie diese müssen Menschen mit Migrationshintergrund wehtun. Im kanadischen Journalismus sind solche Diskriminierungen undenkbar. Gut so!

So ein Titel? Undenkbar in Kanada!

Eine Kollegin, die an einem meiner Seminare teilgenommen hat, verfasste neulich einen treffenden Kommentar: Warum eigentlich Döner-Morde?“, schreibt Pinar Abut in der „Welt“-Kompakt. „Nur zwei der zehn  Opfer wurden in ihren Döner-Buden niedergeschossen. Das reicht dennoch nicht aus, diese Morde mit der Bezeichnung Döner-Morde ins Lächerliche zu ziehen.“

Dass die Autorin selbst türkischer Herkunft ist, tut hier nichts zur Sache. Oder sollte nichts zur Sache tun.

Bezeichnungen, die dazu dienen, ein ganzes Volk zu diskriminieren, oder zumindest durch den Kakao zu ziehen, gibt es natürlich auch in Kanada. Aber nur umgangssprachlich und so gut wie nie in der Presse. So wird ein Deutscher in geselliger Runde schon mal als „Kraut“ bezeichnet, oder ein Ukrainer als „Borscht“. Als „Paki“ gilt im Proll-Englisch ein Kanadier pakistanischer Herkunft. Als „Frogs“ werden in Kanada noch immer Franzosen tituliert, weil sie angeblich ihre Froschschenkel so lieben.

Pepsi-Werbung in Québec

Umgekehrt müssen sich meine frankokanadischen Freunde öfter mal anhören, sie seien alle „Pepsis“. Die Schimpfe kommt vor allem aus englischsprachigem Mund – Folge einer Marketing-Kampagne in den 60er-Jahren. Die richtete sich speziell an die als knausrig geltenden Québecer. Der Slogan: „Pepsi-Cola hits the spot. Twelve full ounces, that’s a lot“ (Anm.: Coke-Flaschen beinhalteten nicht 12, sondern nur 7 Unzen) „Twice as much for a nickel, too. Pepsi is the drink for you“. Manche behaupten, Französisch-Kanada habe den „Pepsi“-Titel auch abgekriegt, weil die Québecer lediglich eine Kopie des „real thing“ (in diesem Fall Frankreich) seien.

Afghanen = Kümmel-Mörder? Nicht in Kanada.

In Kingston (Ontario) wird zurzeit gegen eine kanadische Familie verhandelt, die vier Frauen ertränkt haben soll. Immer mal wieder weist die Presse darauf hin, dass die Angeklagten aus Afghanistan stammen. Das ist auch richtig so, vor allem wegen eines möglichen Tatmotivs, das auf „Ehrenmorde“ hinauslaufen könnte. Aber damit ist dann auch schon gut.

Ein Journalist, der die Angeklagten als Kümmel-Mörder bezeichnen würde, hätte seine berufliche Zukunft vermutlich hinter sich.

Schön, als Kraut in so einem Land zu leben.