Energiesparen? Wir doch nicht!

Darf’s ein bisschen mehr sein? Mehr Wasser? Mehr Strom? Mehr Sprit? Mehr Holz im Kamin? Noch ein bisschen Erdgas gefällig? Kein Problem: Es ist noch Suppe da. Jede Menge sogar. Ein Land wie Kanada, das Ressourcen im Überfluss hat, tut sich schwer im Umgang mit ihnen. Für die meisten Kanadier, die ich kenne, ist Energie sparen ein Fremdwort. Motto: „Wir haben’s doch!“

In vielen kanadischen Einkaufszentren geht der Sommer nahtlos in den Winter über. Eben noch lief die Klimaanlage auf Hochtouren – und schon wird der Schalter auf Heizung umgelegt. Nirgendwo habe ich bei 30 Grad Außenhitze mehr gefroren – und bei minus 25 Grad im Freien mehr geschwitzt – als in kanadischen Kaufhäusern.

Den ökonomischen Umgang mit Energie haben viele Kanadier nie gelernt. Selbst junge, fortschrittlich denkende, intelligente Menschen haben den Schuss noch nicht gehört: Irgendwann versiegt auch im Land mit den größten Süßwasservorräten der Welt die letzte Quelle.

Bruthitze im Winter: Einkaufszentrum

In unserem Wohnviertel hat jedes zweite Haus einen Swimmingpool. Die meisten davon sind beheizt. Selbst jetzt, da die Tagestemperatur kaum noch die 12-Grad-Marke erreicht, dampft es noch aus dem einen oder anderen Schwimmbecken. Die Elektroheizung wärmt das Chlorwasser problemlos auf 25 Grad auf. „Wenn mir danach ist“, sagte mir neulich einer meiner Nachbarn, „dann dürfen’s auch mal 40 Grad Wassertemperatur sein“. Er meinte das wirklich so. Und war dabei richtig stolz.

Ist ja auch verlockend: Das Wasser kommt praktisch zum Nulltarif aus der Leitung. Wasseruhren gibt es nicht. Sie würden jeden Montréaler auf die Palme bringen. Und der Strom aus der Steckdose wird bei Tag und Nacht zum Schnäppchenpreis geliefert. Kein Wunder also, dass die Wohnzimmerlampe oft rund um die Uhr brennt. „Burglar Light„, nennen Kanadier diese Art von Energieverschwendung, mit der angeblich Einbrecher abgeschreckt werden sollen.

Dass es trotz der unvorstellbaren Wasservorräte vor allem im Sommer immer wieder zu Wasser-Engpässen kommt, ist ein weiteres trauriges Kapitel des Buches: „Wie aase ich am besten mit meinen Vorräten?“.

Wassernotstand im Sommer

In der Provinz Québec, in der ich wohne, herrscht Energie-Überfluss. Das zeigt sich schon in den öffentlichen Klos. Kaum ein Hahn, aus dem neben kaltem nicht auch heißes Wasser kommt. Heißes Wasser. Nicht lauwarmes. So viel Energie wird hier produziert, dass es sich die Provinzregierung von Québec erlauben kann, massenweise Elektrizität in die benachbarten US-Bundesstaaten Vermont und New York zu exportieren. 15 Prozent des Energiebedarfs kommt übrigens aus Kernkraftwerken. Tendenz steigend.

Was war nochmal in Fukushima?

Keine Angst vor langen Strecken

Sind wir bald da? Nein, sind wir nicht. Von riesigen Entfernungen lässt sich der Kanadier nicht so leicht abschrecken. Wer in einem Land lebt, das 40 mal so groß ist wie Deutschland, tut gut daran, sein Verhältnis zu langen Strecken zu überdenken. Als wir uns jetzt mit sieben Nachbarn in einem Restaurant trafen, hatte jeder von uns einen Anfahrtsweg von zwei Stunden hinter sich.

Gewöhnlich sehe ich meine Nachbarn beim Rasenmähen oder auf dem Weg zum Briefkasten. Allenfalls noch bei einer Grillparty, wenn irgendwo im Viertel ein neuer Pool eingeweiht wird. Eigentlich schade. Einige unserer Nachbarn sind richtig nett. Doch besonders jetzt, im Spätherbst und im Winter, igelt sich jeder langsam ein. Die ohnehin schon spärlichen Begegnungen werden noch weniger.

Einer von uns hatte jetzt die Idee: Wir treffen uns beim Thailänder. Da saßen wir also gestern Abend an einem wunderbar gedeckten Tisch im „PayaThai“ an der Rue Laurier, im östlichen Teil von Montréal. Neun Nachbarn, die kaum einen Steinwurf voneinander entfernt wohnen. Ein schöner Abend. Aber auch ganz schön aufwendig. Und leider so gar nicht umweltfreundlich, zumal Carpooling nicht möglich war.

Als ich noch in Winnipeg (Manitoba) wohnte, hatte ich eine Freundin im 1300 Kilometer entfernten Calgary (Alberta). Das entspricht der Strecke von Stuttgart nach Neapel. Diesen Weg habe ich eine Zeitlang jedes Wochenende zurück gelegt. Mit dem Auto. Und wieder zurück. „Life is a Highway“, singt Tom Cochrane. Er ist Kanadier.

Da saßen wir als nun. Neun Nachbarn. Aßen Pad Thai und Ente in grünem Curry und erzählten uns von der Überwindung des Raumes. John war gerade aus Vancouver eingeflogen. 3700 Kilometer. Mit dabei: Seine Schwiegermutter. Sie ist 93 und kam gerade aus Budapest zurück. Entfernungen? Welche Entfernungen?

Bei solchen Distanzen verschlägt es manchen europäischen Besuchern den Atem. Die meisten Kanadier, die ich kenne, lassen sich davon nicht beirren.

Scott, ein anderer Nachbar, fährt übermorgen mal kurz nach Toronto. 600 Kilometer. Ein Weg.

Und John, der eben erst von Vancouver eingeflogen war? Ist heute früh kurz mal von Montréal nach New York City gefahren. 600 Kilometer. Zu einem Footballspiel. Mit dem Auto. Wollte unbedingt die New York Jets spielen sehen. John, by the way, wird nächstes Jahr 80.

„Entfernungen sind bedeutungslos“, sagt der Volksmund. „Sich nahe zu sein, ist eine Sache des Herzens“. Oder auch eine Sache des Football-Clubs.

Kanada sucht Marihuana-Anbauer

Wenn ich unterwegs bin, kann ich leider nicht täglich bloggen. Deshalb hin und wieder der Griff ins Archiv. Hier finden Sie Manuskripte meiner Hörfunk-Reportagen. O-Töne können hier leider nicht eingestellt werden.

Der Beitrag wurde nicht aktualisiert. Deshalb: Kein Anspruch auf Vollständigkeit!

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Mit Marihuana kennt sich der Kanadier Tony M. aus. Schon seit Jahren pflanzt der Mann das indische Hanfgras im Garten seines Hauses in der Nähe von Victoria an. Die Joints, die er aus der getrockneten Pflanze dreht, sind in Kanada illegal. Und damit auch der Anbau von Marihuana. Doch jetzt wittert der Werkzeugmacher die Chance seines Lebens.

Er will mit seinem Rauchgras Geschäfte im großen Stil machen – und zwar völlig legal. Als Hauptabnehmer bietet sich ausgerechnet die kanadische Bundesregierung an. Dort ist man zur Zeit auf der Suche nach preisgünstigem Marihuana zur Schmerzlinderung von Schwerstkranken. Tony M. glaubt, er sei mit seiner Expertise der richtige Lieferant.

Die Verabreichung des Stoffes an Kanadier mit Aids, an Krebskranke oder MS-Patienten hatte Gesundheitsminister Allan Rock kürzlich im Parlament verkündet. Rauschgift für Menschen, die dem Tod Geweihte seien, bezeichnete der Minister als ein Gebot der Menschlichkeit.

Erwartungsgemäß hatte die Liberalisierung des Rauschgifts für Aufruhr gesorgt. Die Opposition sprach vom “Abrutsch Kanadas in die Drogen-Gesellschaft”. In Leserbriefen und Talk-Shows war von der “staatlich finanzierten Rauschgiftsucht” die Rede. Doch Gesundheitsminister Rock, ein Mann, der sich gelegentlich auch schon als Spät-Hippie bezeichnet, ließ sich von den Kritikern nicht entmutigen.

Die Entscheidung, Marihuana auf Krankenschein zu verabreichen, passierte das kanadische Unterhaus. Zu klären blieb dann nur noch: Woher mit dem Stoff? Der Plan, staatseigene Hanffelder zu betreiben, wurde schnell wieder verworfen. Also hörten sich Bundes-Bedienstete in der Öffentlichkeit um. Gesucht wurden Männer und Frauen, die bereits Erfahrung im Anbau von Marihuana hatten.

Einer von denen, die sich schließlich “outeten”, war Tony M. Den gelegentlichen Eigenversuch gibt er gerne zu. Doch Tony M. ist nicht der einzige, der sich vom Gedanken an Verkaufsprofite berauschen lässt. Mehrere Hundert Interessenten wollen ploetzlich mit Ottawa dealen. Brian T., ebenfalls aus British Columbia, hat lange auf die Gelegenheit gewartet, sein Hobby zum Job zu machen.

Wer immer den Auftrag der Regierung erhalten wird, kann lachen. Jeden Monat will das Gesundheitsministerium Marihuana im Wert von 45-tausend Dollar kaufen. Ganz legal.  Gesucht werden Marihuana-Anbauer, die etwas von ihrem Fach verstehen.

(Sendung vom 15-5-2000)

Seehund-Penis als Lustmacher

Wenn ich auf Reisen bin, kann ich nicht immer täglich bloggen. Deshalb hin und wieder der Griff ins Archiv. Hier finden Sie von Zeit zu Zeit eine Auswahl meiner Reportagen als Kanada-Korrespondent. Die Beiträge wurden nicht aktualisiert!

O-Töne können hier leider nicht eingestellt werden. Deshalb nur die Kurz-Version.

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Heute: Seehund-Penis als Lustmacher               (Sendung vom 26-3-2001)

Ob kurz oder lang, krumm oder gerade – wie der Seehund-Penis aussieht, spielt keine Rolle. Nur echt muss er sein. Das getrocknete und pulverisierte Geschlechtsteil der Robbe verhilft dem Manne angeblich zu großer Potenz – das jedenfalls behaupten asiatische Händler.

Wenn beim Manne gar nichts geht, läuft das Geschäft mit den Aphrodisiaka. Zum Stückpreis von bis zu hundert Dollar werden jährlich gut dreißig-tausend kanadische Robben-Penisse an den Mann gebracht. Doch in letzter Zeit ist die Nachfrage nach dem Lustmacher zum Erliegen gekommen – und Schuld daran ist Viagra. Die blaue Pille macht dem Robben-Schwänzchen Konkurrenz. Der Jäger Henry Richards aus Neufundland sagt, viele Seehundjäger seien sehr unglücklich über diese Entwicklung.

Sein ganzes Leben lang hat auch Carl Henderson sein Geld mit der Robbenjagd verdient. Der Ertrag aus dem Pelz- und Penis-Handel reichte aus, um eine Familie zu ernähren. Für die Zukunft sieht Jäger Henderson schwarz. Danke, Pharmaindustrie!

Tierschutzorganisationen ist der bizarre Handel mit Seehund-Geschlechtsteilen schon lange ein Dorn im Auge. David Loan vom “International Fund for Animal Welfare” sagt, dIe Abkehr vom Seehund-Penis sei ein positiver Trend.

David Loan hat Recht: Obwohl die Regierung rund 280-tausend Seehunde zum Töten freigegeben hatte, wurden die meisten der Tiere verschont. Es gab Zeiten, da schöpften kanadische Robbenjäger die Quoten nicht einmal mehr zu einem Drittel aus.

Wie tickt eigentlich der Kanadier?

Der Kanadier, das unbekannte Wesen: Mehr als 30 Jahre lebe ich nun schon in diesem Land. Und noch immer stehe ich manchmal ratlos vor der Frage: Wie tickt er eigentlich, der Kanadier? Dabei ist die Antwort relativ simpel: Er tickt wie wir. Nur anders. Ein Quickscan der Psyche eines sympathischen Volkes.

Kanadier sind freundlich, höflich, brav, hilfsbereit, familienorientiert und packen gerne selbst mit an, damit sie es nett haben. Baumärkte sind hier so überlaufen wie anderswo Fußball-Arenen. Dabei ist die Do-it-yourself-Kultur nicht immer nur Hobby. Oft ist es auch ein Ausweg aus der prekären Finanzlage, in der sich vor allem junge Familien befinden.

Die Bezahlung ist in manchen Firmen miserabel. Die Arbeitsbedingungen sind, im Vergleich zu Deutschland, suboptimal. Zwei Wochen Jahresurlaub sind für Anfänger die Regel. Wer vier Wochen bezahlten Urlaub hat, muss lange, sehr lange im Geschäft sein. Alles in allem hat das soziale Netz hier mehr Löcher als die Straße vor unserem Haus. Und das will etwas heißen.

Klimarestistent

Der geduldige Kanadier: Politisch und klimatisch leidensfähig bis zur Selbstaufgabe. Konfliktscheu. Abwägend. Ja nicht auffallen. Und wenn, dann nur positiv. Gegen Atomkraft demonstrieren? Nein Danke. Ein Jahr auf eine Krebsbehandlung warten? Schlimm. Aber der Staat tut sein Bestes. Gerade dieses „Er tut sein Bestes“ habe ich hassen gelernt. In diesem Fall, wenn es um die Vorsorge für Kranke und Alte geht, tut der Staat eben nicht sein Bestes. So einfach ist das.

Der freundliche Kanadier: Man kommt schnell mit ihm in Kontakt. Aber dabei bleibt es dann auch meistens. Tiefe Freundschaften entstehen nun mal nicht zwischen Fingerfood und Eishockey. Eine gepflegte Streitkultur erlebe ich hier nur selten. Politischen Diskussionen mit Nachbarn und Bekannten mangelt es an Biss. Man könnte auch sagen: an Offenheit. Wer tritt denn dem anderen schon gerne auf die Zehen?

Der übereifrige Kanadier: Gestern Abend im Französisch. Eine aus der Gruppe erzählt, sie sei total geschafft. Habe das ganze Wochenende über den Weihnachtsbaum geschmückt, Geschenke verpackt und Fudge-Bonbons gerührt. Damit sei sie um einiges schneller als ihre Schwägerin. Hallo? Weihnachten ist in sechseinhalb Wochen. Kann Santa Claus nicht warten?

Der konservative Kanadier: Du bist fest entschlossen, dein Haus im Nobelvorort zu verkaufen und in ein Fabrikloft im Szenenviertel zu ziehen. Typische Reaktion der meisten Kanadier, die ich kenne: Schulterzucken. Rätselraten. Besorgter Blick. Ihr habt doch alles, was ihr braucht. Warum denn um Gottes Willen nach St. Henri?

Der Do-it-yourself-Kanadier

Charakterisierungen eines ganzen Volkes sind eine gefährliche Sache. Deshalb soll ihnen an dieser Stelle auch nicht allzu viel Bedeutung zugemessen werden. Aber ein Gradmesser dafür, wie die Menge hier tickt, sind sie schon. Unfair wäre es allerdings, Frankokanadier und den Rest der Bevölkerung über einen Kamm zu scheren. Hier in Québec ticken nicht nur die Uhren anders. Auch die Menschen. Zu vielen Tugenden, die auch auf englischsprachige Kanadier passen, kommt in diesem Teil des Landes eine hinzu, ohne die ich nicht hier wäre: Lebensfreude. Die meisten Frankokanadier, die ich kenne, kochen gut, essen gern, trinken viel, feiern oft und ausgiebig.

Passt doch: Das französische Joie de vivre und der American Way of Life als Lebenskonzept. Eine Mischung, die schwer zu toppen ist.

Interessant, übrigens, wie Kanadier uns Deutsche sehen: Arbeitsam. Reinlich. Gebildet. Eingebildet. Besserwisserisch. Besserwissend. Griesgrämig. Humorlos. Stylisch. Zuverlässig. Rührig. Erfolgreich. Schnell.

Vor allem auf der Autobahn, auf der jeder Deutsche in Lederhosen mit dem Porsche nach dem Rammstein-Konzert beim Oktoberfest mit Bierkrug und Bratwurst in der Hand via Heidelberg direkt nach Neuschwanstein fährt.