Das Dilemma mit der Brille

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An der Brille scheiden sich die Geister. Links: Alt – Rechts: Neu

Brillenkauf – kein großes Ding, sagen Sie? Von wegen. So eine neue Brille kann einem ganz schön den Alltag verhageln. Vor allem, wenn es eine Brille mit Gleitsichtgläsern ist, bei denen man auf Schritt und Tritt das Gefühl hat, man stehe sich gleich auf die eigenen Füße. Und dann ist da noch die Sache mit der Mode.

„Cool“, sagt der Sohn in Montréal, „endlich mal eine richtig geile Brille“. „Hmmm“, ziert sich der Kumpel auf Mallorca, „die alte war eindeutig fetziger“. „Herby“, meckert der Freund aus dem Allgäu, „steh dazu: du bist fünfundsechzig!“

Und jetzt?

Brillen sind heutzutage mehr als Sehwerkzeuge, sie sind ein Lifestyle. Und mit dem Leben ändert sich der Stil. Wobei wir wieder bei der Brille wären.

Die alte war rund und trotzdem kein bisschen nerdy. Sie passte sich so harmonisch dem Gesicht an, dass man sie kaum wahrgenommen hat. Und ist sie dann doch jemandem aufgefallen, gab es nur Komplimente, ohne Ausnahme.

Die neue ist kantig und eine Art Teakholz-Imitation. Sie fällt jedem sofort auf und polarisiert. Die einen finden sie supercool, die anderen totalscheiße. So richtig einig scheint man sich nicht zu werden. Wer hätte das gedacht: An meiner Brille scheiden sich die Geister.

Überhaupt ist der Brillenkauf diesmal nicht so geschmeidig verlaufen wie bei früheren Neuanschaffungen. Das hat vor allem mit dem Sonnenbrillenaufsatz zu tun.

Der alte für die alte war problemlos und stammt aus Kanada. Ein Clip wurde aufgespannt – und fertig. Der neue für die neue? Schwierig. „Auf Mallorca tragen die Menschen keine Clips“, klärt mich der Optiker auf. „Sie kaufen sich einfach zusätzlich noch eine Sonnenbrille mit geschliffenen Gläsern“. Oder lassen sich getönte Kontaktlinsen anpassen. Oder geben sonst Geld aus im Optikerladen.

Nun gut. Da ich ohnehin für ein paar Tage in Deutschland bin, kaufe ich mir eben dort einen vorgefertigten Aufsatz zum Hochklappen. „Wie schrecklich!“, sagt die Frau an meiner Seite. „Super seventies!“, schwärmt der Sohn.

Es gibt Handlungsbedarf.

Nach der Rückkehr auf die Insel lasse ich mir einen maßgeschneiderten Sonnenclip verpassen. Für richtig Geld in richtig guter Qualität. Jetzt, finden plötzlich alle, sehe meine neue Brille richtig chic aus.

Ich übrgens auch. Obwohl …

Von Menschen und Pferden

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Wer die Menschen liebt und die Tiere gleichermaßen, kommt hin und wieder an seine Grenzen. In Palma sind es die Pferdekutschen, die mir mehr Toleranz abverlangen als ich zu geben bereit bin. Pferde gehören nicht auf die gepflasterten Straßen einer Großstadt. Dass sie leiden, sehe ich tagtäglich von meinem Wohnzimmerbalkon aus.

Palma und Pferde – das ist ein Kapitel für sich. Mittelalterlichen Vorgaben zufolge musste der Innenhof eines Hauses groß genug sein, um an die 25 Reiter samt ihren Pferden aufnehmen zu können. Diese Zeiten sind vorbei. Pferde, die in einem Innenhof parkieren, habe ich in Palma noch nie gesehen. Die einzigen Reiter, die mir hin und wieder begegnen, sind zwei Polizisten im Sattel von ganz offensichtlich gehätschelten und geliebten Rössern.

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Polizeipferde an der Plaza de la Reina

Nicht so die Pferde, die ich von meinem Wohnzimmerfenster aus beobachte. Sie stehen bei Hitze, Kälte und Regen oft stundenlang an einer Stelle. Ab und zu werden sie mit dem Wasserhahn abgespritzt, als handle es sich bei dem Pferd um einen Pkw und nicht etwa um ein Tier. Nur hin und wieder kommen Touristen und feilschen mit dem Kutscher über den Preis. Dann geht’s los in den Altstadt-Dschungel.

Eines der Pferde, das ich seit Monaten beobachten kann, hat ganz offensichtlich einen Ohrschaden. Vielleicht leidet auch sein Gleichgewichtssinn. Oder beides. Jedenfalls ist dieses Pferd stundenlang damit beschäftigt, sich den Kopf zu schütteln, ohne dass der Kutscher auf die Idee kommen würde, das Tier zu streicheln oder noch besser: aus dem Verkehr zu ziehen und einer tierärztlichen Behandlung zuzuführen.

Neulich habe ich genau dieses Pferd beobachtet, wie es nach einer dieser Schüttelorgien acht Menschen durch die Altstadt transportieren musste. Im Fond der Kutsche saßen sich sechs mittel- bis schwergewichtige Touristen gegenüber. Auf dem Bock dann der Kutscher und eine weitere Person, offensichtlich ebenfalls Tourist. Spass hatten dabei nur die Menschen. Das Tier tat sich schwer mit 1 PS.

Ich finde, das geht zu weit. Ich habe in meinem bisherigen Leben viele schöne Städte kennen gelernt, ohne auch nur ein einziges Mal ein Pferdefuhrwerk anzuheuern. Pferde gehören, wenn schon nicht auf die Wiese, dann zumindest in einen gemütlichen Stall mit Auslauf. Auf gar keinen Fall aber gehören sie zwischen Busse und Rettungsfahrzeuge mit Sirenen, Mopeds, Lieferwagen und andere Abgasschleudern, die dem Pferd das Leben schwer machen.

Wenn Sie also das nächste Mal Lust haben, eine schöne Stadt zu erkunden, dann würde ich mich freuen, wenn Sie dabei nicht eines dieser armen Geschöpfe anheuern würden, um es durch enge Gassen zu schleusen.

Irgendwann kommt vielleicht auch die Stadtverwaltung von Palma auf die Idee, dass Pferdekutschen genau so der Vergangenheit angehören sollten wie mittelalterliche Innenhöfe, die Platz für 25 Rösser bieten.

Hier geht’s zur Abstimmung. Ankreuzen und „Vote“ anklicken – und schon kommt das bisherige Ergebnis.

Zum „Boschen“ in die Bar

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Eine Freundin aus dem Allgäu hat ein neues Verb kreiert. Es heißt „boschen“ und beschreibt kurz und knapp eine meiner liebsten Freizeitbeschäftigungen in Palma: Den Besuch in der „Bar Bosch“.  „Wart Ihr heute schon boschen?“, fragte sie neulich in einer Mail. Ja, waren wir!

Die „Bar Bosch“ besteht aus einem Gastraum, den ich aber wegen der stets angenehmen Temperaturen auf Mallorca tunlichst meide, und einer großen Terrasse, die auf die Straße hinaus führt, direkt in das Gewimmel der Altstadt von Palma.

bosch_links„Der Bosch“ liegt am oberen Ende des Paseo Borne, dort wo die Altstadt schwungvoll einen Bogen macht. „Beim Bosch“ trifft man sich mit Menschen, denen man sonst umständlich erklären müsste, wo man sich trifft. Jeder kennt den Bosch. Nur der Bosch kennt keinen. Dabei gibt es ihn schon seit 1936, als wir noch Sternchen putzen waren.

Beim Bosch ist alles anders als in anderen Bars. Das fängt beim Namen an. „Bosch“ endet phonetisch nicht etwa mit einem Zischlaut sondern mit einem „k“. Für die Mallorquiner ist es die „Bar Bosk“. Wo kämen wir den da hin, wenn jeder boschen würde.

Das Personal hält Distanz zum Gast. Schulterklopfen oder small talk würden eine Nähe zwischen Kundenbosch_essen und Kellner suggerieren, die es so nicht gibt. Statt des Namens des Servierers, wie es in anderen Bars nicht unüblich ist, steht auf der Rechnung nur seine Nummer.

Der camarero mit der „13“ ist der mit dem flotten Backenbart. Der „007“-er hält seinen Kopf stets in Schieflage. Der Mann mit der Nummer 9 hat sich irgendwann vorgenommen, sein Leben in einem Land ohne Lächeln zu bestreiten. Das tut die Vierzehn für ihn. Die lächelt fast Immer, aber ohne ersichtliche Heiterkeit. Die Vierzehn ist übrigens auch ein „er“. Weibliche Serviererinnen gibt es beim Bosch nicht.

Die Kellner in ihren schwarzen, beinlangen Schürzen, den ärmellosen Westen und den farblich passenden Krawatten über dem stets blütenweißen Hemd, das auch bei großer Hitze niemals von kurzen Ärmeln verschandelt wird, servieren dem Gast nicht etwa Speisen und Getränke. Sie zelebrieren sie vor seinen Augen.

Sie tun das mit einer geradezu majestätischen Anmutung. So, als sei es nicht der Zeitungsverkäufer vom Kiosk nebenan, der sich Brot mit Oliven bringen lässt, sondern der König von Spanien.

So sehr habe ich die Technik des Speisen-und-Getränke-Zelebrierens verinnerlicht, dass die typische Boschbewegung bei uns zu Hause zum geflügelten Gag geworden ist. Wenn Gäste kommen, serviere ich den Montrealer Freunden Kaffee, Schnittchen oder Kuchen schon mal mit der Grazie des Bosch-Kellners. Und scheitere meistens kläglich.

Zum Servieren gehört beim echten Bosch-Camarero stets die dynamische Schwingung des zu servierenden Tellers (Tasse, Glas, Besteck) aus dem Handgelenk heraus. Erst dann findet die feierliche, blitzschnelle Berührung mit der Steinplatte des Bistrotisches statt. Quasi ein letztes elegantes Aufbegehren des Getränkes, ehe es vom Besteller einverleibt wird – für relativ kleines Geld, übrigens. Der Vino tinto kostet 1.80 Euro das Glas.

Da geht man doch gerne boschen.

Kurz mal über die Insel

inselbanner„Wann sind wir da?“ Ein Satz, mit dem Kinder ihre Eltern in den Wahnsinn treiben können. Besonders bei mir zu Hause in Kanada. Im zweitgrößten Land der Welt kann ein Kurzbesuch bei Freunden schon mal in eine Expedition ausarten. Nicht so auf Mallorca.

Auf Mallorca sind die Entfernungen überschaubar Die atemberaubende Schönheit der Insel ist ein Garant für Kurzweil bei der Überwindung des Raumes.

Nehmen wir den vergangenen Sonntag. Von Palma aus geht es über Llucmajor und Campos an den Salinen vorbei in den Südosten der Insel, nach Santanyi. Anschließend die dramatischen Calas entlang bis nach Portocolom. Linksschwenk ins Landesinnere nach Manacor und Porreres. Schließlich über hübsche Dörfer wie Santa-Maria und Santa-Eugenia wieder zurück in die Hauptstadt. Ein Klacks.

So viele Eindrücke, so viele Ausblicke, so viele Töne, Schafe, Blumenwiesen, Farben, Täler und Berge. So viel Wasser und doch keine Überflutung der Sinne, was bei so einer Zeitrafferreise über die Insel gut vorstellbar wäre.

Mallorca in homöopathischen Dosen: Bilderbuch-Sonntag. Märchen-Wetter. Sonne satt. Das ist es, was mir an dieser Insel so gefällt: Es sind keine logistischen Klimmzüge vonnöten, um sie zu erkunden. Alles ist geschmeidig, entschleunigt, unaufgeregt. Und nah.

Mallorca eben.

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Schwäbisches am Mittelmeer

spaetzleRouladen mit Spätzle. Schwäbische Maultaschen. Leberkäs mit Kartoffelsalat. Das alles mit Meerblick unter der mallorquinischen Sonne – ach, das Leben kann ja so schön sein!

Für einen emigrierten Schwabo-Kanadier, der fast sein ganzes Erwachsenenleben im spätzlesfreien Montréal verbracht hat, ist das „Ballermännle“ in C’an Pastilla die kulinarische Entdeckung schlechthin.

Wer am Strand entlang von Palma in Richtung Arenal spaziert, kann es nicht verpassen: Noch lange vor dem Ballermann liegt in der ersten Meeresreihe das „Ballermännle“. Marion, die gute Seele des Hauses, hat ihre Wurzeln in Oberhausen. Das restliche Personal setzt sich aus Deutschen und Spaniern zusammen.

Die Kässpätzle schmecken wie „dohoim“ und das, was der ordentliche Deutsche als Preisleistungsverhältnis bezeichnet, stimmt auch. Und wie! Wer im „Ballermännle“ speist, fragt sich schon mal: Wie schaffen die diese Qualität bei solchen Preisen?

Zugegeben: Ein bisschen schräg ist es schon, am Mittelmeer vor einem Teller Spätzle zu sitzen und dabei von Melodien eingelullt zu werden, die ein rumänischer Tausendsassa aus seiner Quetschkommode zaubert. Aber was soll’s? Warum soll die europäische Idee ausgerechnet beim Leberkäs aufhören?

Und überhaupt: Warum soll Hausmannskost im Ausland eigentlich off limits sein? Zumal im Ballermännle neben schwäbischen Speisen vorzügliche spanische und sogar italienische Küche serviert wird.

Wem das Ballermännle zu sehr happy-la-rustica ist, kann sich seine Tapas ja vom Sternekoch servieren lassen. Davon gibt’s auf der schönsten Insel der Welt schließlich einige. Aber garantiert nicht zu Preisen wie beim Ballermännle.

Und auch nicht mit einer geschäftsführenden Kellnerin namens Marion, die zeigt, wie guter Service auch dann noch mit einem Lächeln im Gesicht geht, wenn der Laden mal wieder rappelvoll ist.

Restaurante Ballermännle

Avenida Bartolomé, Riutort No 91,

07610 Ca’n Pastilla – Playa de Palma