Fast autofrei in Montréal

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Ganz haben wir es noch nicht geschafft. Aber wir sind auf dem besten Weg zu einem Leben ohne Auto. Seitdem wir vom Land in die Stadt gezogen sind, schläft unser Allwheeler den Schlaf des Gerechten.

Oft dauert es eine Woche und mehr, bis wir ihn wecken. Dann bringt er uns schnurrend kurz zu Ikea, zum Großmarkt oder auch mal in Richtung Cottage. Hinterher darf er sich gerne wieder hinlegen. Den Rest erledigen wir zu Fuß und per Bus. Vor allem aber mit der U-Bahn.

Erst drei, dann zwei, dann eins: Unser Fuhrpark hat im Laufe der Jahre rapide abgenommen. Vom Jeep über den Minivan zum Smart war so ziemlich alles dabei, was vier Räder hat und einen Motor. Der einzige, der bleiben durfte, ist ein inzwischen etwas betagter SUV mit Allradantrieb. Ohne den schaffen wir es im Winter nicht zur Blockhütte.

Zur Weltausstellung in den Untergrund

Autofrei klappt prima. Wir haben das große Glück, in einer Stadt zu wohnen, die für kanadische Verhältnisse schon sehr früh auf ein sehr gutes öffentliches Verkehrsnetz gesetzt hat. Die Métro gibt’s seit 1966. Rechtzeitig zur bevorstehenden Weltausstellung Expo 67 wurde sie in Betrieb genommen. Auf einer Strecke von rund 70 Kilometern werden inzwischen täglich mehr als 700 000 Passagiere befördert.

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Was mich schon immer fasziniert hat: Die Montrealer Subway kommt mit einem Affenzahn auf Vollgummireifen daher. Das sorgt für einen geräuscharmen und nervenschonenden Transport. Kein Quietschen, kein Schleifen von Metall auf Metall. Sanft wie auf Katzenpfoten schleicht sie sich an. Viele der insgesamt 68 Haltestationen sind architektonische Schmuckstücke. Oder sie waren es einmal, als der Zahn der Zeit noch nicht so sehr an ihnen genagt hat.

Jedem Bahnhof seine Musikrichtung

Als ich nach Montreal kam, hatte die Métro etwas, das ich bis dahin in keiner Stadt der Welt gesehen, bzw. gehört hatte. In jeder Station wurde eine andere Musikrichtung gespielt. Aus manchen U-Bahnhöfen klang immer Rockmusik, aus anderen immer Quebecer Folklore. Und dann gab es noch welche, in denen ausschließlich klassische Musik zu hören war.

Was ich am beinahe autofreien Leben am meisten vermisse, hat nichts mit Autos zu tun, sondern mit Menschen. Allan, den Schrauber in der Werkstatt meines Herzens, bekomme ich neuerdings kaum mehr zu Gesicht.

Höchste Zeit für einen Ölwechsel.

Von Mao bis zu schrägen Tanten

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In meinem Freundeskreis grassiert das Autorenfieber. Sie schreiben Bücher, halten Lesungen und geben Fernsehinterviews. Sie schreiben über Sektierer, schräge Tanten und Journalismus. Oder erklären Kindern den Kapitalismus. Alle schreiben sie Bücher – nur ich nicht. Dabei mangelt es mir nicht an Geschichten, nicht einmal an Zeit. Mir fehlt das Sitzfleisch.

Ich schreibe gerne. Briefe, Mails, Zeitungsartikel, Radioscripts, Blogposts. Die geschmeidige Aneinanderreihung von Buchstaben zu einem schönen Text bereitet mir auch nach 45 Journalisten-Jahren noch immer ein wohliges Gefühl. Doch auch nach Tausenden von Reportagen hat es zu einem eigenen Buch bisher nicht gereicht. Dabei freue ich mich jedes Mal wie ein Schneekönig, wenn ein Freund sein œuvre auf den Markt bringt. Nur mir geht das Gen für lange Texte ab. Ich kann nicht Buch. Dabei bin ich umgeben von Menschen, die’s können.

“Nimm mich mit Kapitän auf die Reise”

Der erste, der in meinem Freundeskreis ein Buch auf den Markt brachte, war ein deutscher Maler, den es noch im hohen Alter nach Kanada verschlagen hatte. Vor einigen Jahren ist er in dem Dorf gestorben, in dem ich bis Juli gewohnt habe. Ehe er sich an einen Roman wagte, hatte er schon Lieder gedichtet, die im Deutschland der 50er- und 60er-Jahre zum Ohrwurm wurden. „Nimm mich mit Kapitän auf die Reise“ für Hans Albers, ist eines davon. „Eine Handvoll Reis“ für Freddy Quinn ein anderes.

„Das liest sich wie eine Todesanzeige“

Im späteren Leben wurde dieser Mann ein kritischer Beobachter meines Journalistendaseins. Einmal, als ich gerade von einer aufwändigen Reporterreise aus Alaska zurückgekommen war und für den „Playboy“ darüber schrieb, hatte er einen einzigen Satz für mein Werk übrig: „Das liest sich“, murmelte der alte Fritz, „wie eine Todesanzeige“. Das saß. Freunde sind wir trotzdem geblieben. Von ihm stammt übrigens der bemerkenswerte Satz: „Das bisschen, das ich noch lese, schreibe ich selbst“.

Dann kam Bernd, mein lieber, guter Freund Bernd aus Winnipeg. Auch er starb viel zu früh, hinterließ aber ein Lebenswerk, das 22 Bücher umfasst. Es sind Bücher über religiöse Minderheiten wie Mennoniten, Hutterer und Amish People, über Kriege und ehemalige deutsche Kolonien. Bernd war der Fleißarbeiter unter meinen Schriftsteller-Freunden. Ich glaube, keiner hat so akribisch recherchiert wie er.

Wegen eines Hosenträgers nach Mexiko

Einmal fuhr er für ein einziges Foto nach Mexiko, legte sich in der Nähe einer Amish-Kolonie tagelang auf die Lauer und wartete darauf, bis ein Farmer aufs Feld kam, der die Hosenträger nicht vertikal überm Bauch trug, sondern schräg, von rechts oben nach links unten. Dieses Detail war wichtig für Bernds Buch, es hatte eine Bedeutung, die er seinen Lesern nicht vorenthalten wollte.

Ein anderer meiner Freunde machte sich einen Namen als Autor eines Buches über Menschen, die ihm als Journalist begegnet sind. Auch die Frau an seiner Seite ist jetzt unter die Autorinnen gegangen, mit einer Familiengeschichte über ihre schrägen Tanten vom Niederrhein. Und Dorothee, eine liebe Kollegin aus Bonn, hatte schon vor Jahren in die Tasten gegriffen, um sehr einfühlsam über das Thema Sterbebegleitung zu schreiben.

Nick, ein Kumpel aus meiner Zeit als Lokalredakteur, lebt heute als gefragter Autor in New York. Ein Buch, in dem er (s)einem Kind erklärt, wie Wirtschaft funktioniert, hat ihm Preise eingebracht.

Uli, Oberschwabe wie ich, der es später zum China-Korrespondenten gebracht hat, schrieb schon vor Jahren eine viel beachtete Biografie über Mao Tse-Tung, gefolgt von einer Serie von exquisiten Koch- und Reisebüchern, alle zum Thema Tibet und China.

Meine unveröffentlichten Helden

Dann gibt es in meinem Freundeskreis noch ein paar unveröffentlichte Autoren, deren Werke ich nicht weniger schätze als die meiner Kumpels aus dem Bestsellermileu. Ich habe großen Respekt vor ihnen. Die Hingabe, mit der sie ihre Geschichten recherchieren, die Details, mit denen sie ihre Krimis ausschmücken, das alles finde ich beneidenswert.

Um Schriftsteller zu werden, reicht eine gute Schreibe allein nicht. Es gehören ein langer Atem dazu und vor allem ein dickes Sitzfleisch. Und weil ich bisher über keine dieser Tugenden verfüge, begnüge ich mich eben weiterhin mit kurzen Episoden aus meinem kleinen Leben.

Ganz habe ich die Hoffnung auf ein Buch noch nicht aufgegeben. Anatomisch betrachtet müsste ja mit dem Körperumfang auch das Sitzfleisch dicker werden. Das wäre dann die Chance fürs Buch.

Toll: Kanada vor Kasachstan!

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Na bitte, geht doch: Endlich hat Kanada wieder einen Superlativ zu verbuchen. Leider geht der mal wieder in die falsche Richtung. Von allen Industrienationen der Welt steht Kanada an letzter Stelle, wenn es um den Klimaschutz geht. „Germanwatch“ hat soeben seinen jährlichen Klimaschutz-Index veröffentlicht. Und Kanada kommt auf Platz 59, gerade noch vor Kasachstan.

Wer sich für Einzelheiten der Index-Bewertung interessiert, sollte den SPIEGEL-Online-Beitrag von heute lesen. Eigentlich sei es gar nicht so erstaunlich, schreibt SPON, dass Kanada unter den Industrienationen das Schlusslicht bilde. Länder, die von ihren eigenen Ressourcen abhängig seien, hätten noch nie ein sonderlich großes Interesse am Klimaschutz gezeigt.

Tolles Team: Helmut Schmidt und Pierre Trudeau

Das ist nur bedingt richtig. Kanada war sehr wohl einmal Vorreiter in Sachen Umwelt- und Klimaschutz. Das liegt allerdings lange zurück, in der Ära des damaligen Premierministers Pierre Trudeau. Dieser hatte, u.a. zusammen mit Helmut Schmidt, den Nord-Süd-Dialog angeschoben. Auch wenn das Kind damals einen anderen Namen hatte als heute: Klimaschutz wurde durchaus groß geschrieben.

Anders heute. Der erzkonservative Premierminister Stephen Harper und sein stockkonservatives Kabinett lassen keine Gelegenheit aus, die Bremse zu ziehen, wenn es um erneuerbare Technologien geht. Und überhaupt: Umweltfreundliches Anzapfen von Ressourcen? Wie soll das denn gehen? Die Teersand-Förderung im Westen Kanadas ist dafür nur ein Horror-Beispiel von vielen.

Wie war das nochmal mit Greenpeace? Und wann?

Was mich schon immer gewundert hat: Warum hält sich eigentlich der Mythos Kanadas als super umweltfreundliches Land so hartnäckig? Dagegen kommt offensichtlich auch keine noch so kritische Berichterstattung an. Vielleicht spielt bei diesem rosaroten Gedankenkonstrukt eine gehörige Portion Erinnerungsoptimismus mit. Immerhin wurde Greenpeace mal hier gegründet.

Wann war das nochmal? 1971? Der Sohn würde sagen: World War Two!

Trauriger Mann im Glück

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Zwei seiner Kinder hat Montreal besonders lieb: Celine Dion und Leonard Cohen. Die eine lebt die meiste Zeit in Florida, der andere im Tourbus. Jetzt hat Leonard Cohen, „Lenny“ wie mein Zahnarzt seinen Jugendfreund nennt, erstmals nach vielen Jahren einen Konzertstopp in seiner Heimatstadt eingelegt.

Das Wiedersehen mit dem Held meiner späten Jugend in der riesigen Eishockeyhalle war großartig und auch sehr emotional. Nie war kuscheln schöner als zu Bird on the Wire. Calvados im Kerzenschein und im Hintergrund Cohens Famous Blue Raincoat – Gänsehaut! Dance me to the end of love.

Die Lightshow, die Soundeffects, die Wahnsinns-Band – traumhaft. Nicht ein Song, den ich nicht kannte, Melodien, die mich ein Leben lang begleiteten. Gitarren-Akkorde, die ich noch heute im Traum hinkriege. Ohrwürmer und auch Lieder, die den Massenappeal nicht schafften. Gottseidank.

Der „Große Dimmer“ war am Werk

Aber irgendwie war die Verbindung zwischen mir und meinem Hero nicht mehr so richtig da. Abgerissen, als hätte jemand im Laufe der vergangenen Jahre den Stecker gezogen, ohne dass das Licht ausging. Da muss der Große Dimmer am Werk gewesen sein – und ich habe es nicht bemerkt.

Vielleicht liegt es daran, dass wir zwar gleichzeitig älter geworden sind, aber nicht zusammen. Anders als bei den Stones, die eigentlich immer da waren, nie weggingen. Oder der neverending Elton John, der immer irgendwie präsent ist, und sei es beim Lion King.

Vom Zen-Kloster auf Welt-Tournee

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Leonard Cohen ist heute 78, sein Alterungsprozess hat nicht im Scheinwerferlicht stattgefunden. Er lebte jahrelang zurückgezogen in Kalifornien, auf dem Mount Baldy, wo er sich im Zen-Kloster, wie es schien, auf seinen Lebensabend vorbereitete. Doch dann wurde das jahrelange Meditieren jäh unterbrochen. Cohen war pleite. Seine langjährige Business-Managerin hatte ihn über den Tisch gezogen. Die Millionen waren futsch. Cohen ging wieder auf Tour, füllte sein Bankkonto und tat das, was er schon immer am besten konnte: Machte Menschen mit unglücklichen Liedern glücklich. Und sich selbst auch. Das war auch gestern im Bell Center nicht anders. Lieder von Schmerz und Dunkelheit. Und immer mal wieder ein Anfall von Glückseligkeit. 78 und ein bisschen leise.

„A true Montreal moment“

Und dann, als viele der 15tausend Zuhörer die Hoffnung auf den überspringenden Funken schon fast aufgegeben hatten, tat Cohen das, was im frankokanadischen Montreal immer zieht: Er sang auf Französisch, mit hartem englischen Akzent zwar, aber immerhin. Die Menge tobte, Cohen hatte den Dimmerschalter nach oben gezogen. Reihenweise beleuchtete Handys übernahmen die Feuerzeugfunktion von damals.

Da war sie wieder, die Lampe. Mein Kumpel Doug nennt sowas „A true Montreal Moment„.

Beim Zahnarzt mit Lenny

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Nach dem Zahnarzt ist vor dem Zahnarzt. Ich flosse, putze, gurgle, sorge vor. Und trotzdem würde es durchaus Sinn machen, mich in einer Zahnarztpraxis als Dauermieter einzuquartieren. Ich sei sein liebster Patient, hat mir mein Zahnarzt einmal gesagt. Kein Wunder, wenn die jährlichen Zahnarztkosten höher sind als die Heizungsrechnung.

Der Zahnarzt meines Herzens ist inzwischen 78 Jahre alt und denkt nicht ans Aufhören. Warum sollte er auch? Sein ehemals aufrechter Gang schwächelt zwar ein bisschen, aber den Bohrer führt er noch immer so ruhig wie vor 30 Jahren. So lange kennen wir uns schon. Und würden demografische Erfahrungswerte nicht dagegen sprechen, sähe ich keinen Grund, es nicht noch weitere 30 Jahre mit Dr. F. auszuhalten. Wir sind ein gut eingespieltes Team.

Die Frau, die meine Wurzeln kennt

Auch Pat, die gute Seele an seiner Seite, kennt meine Wurzeln, und sei es nur vom Röntgenbild. Ich gehe zu Wurzelbehandlungen wie andere Leute zum Friseur. Und bezahle treu und brav für jede einzelne Sitzung. Im „besten Gesundheitssystem der Welt“, wie Kanada sein Universal Health Care gerne feiert, hört die Universalität beim Zahnarzt auf. Jeder Cent kommt aus der Tasche des Patienten.

Das Gemeine beim Zahnarzt ist: Anders als beim Friseur, dem man ja bekanntlich viel erzählen kann, hat beim Zahnarzt meistens nur einer das Wort. Und das ist ER. Und weil ich mich gerne von einem lebenserfahrenen Menschen wie Dr. F. unterhalten lasse, während er mir Berge von Zahnstein wegmeißelt, Füllungen verpasst oder auch die eine oder andere Krone, überlege ich mir meistens schon vor dem Termin die eine Frage, die ich ihm heute stellen werde. So gerät der Dialog  zwar wieder zur Einbahnstraße, aber das liegt nun mal in der Natur des Zahnarztbesuchs.

Eine Zahnbehandlung lang Cohen-Talk

Meine Lieblingsfrage ist: „Wie geht’s Lenny?“ Die Antwort dauert in der Regel so lange wie die komplette Zahnbehandlung. Denn über Lenny gibt es viel zu erzählen.

Lenny ist Leonard Cohen, ja, der Leonard Cohen. Er ist mit Dr. F. aufgewachsen, zur Schule gegangen und ein Stück weit auch zur Uni. Doch während Dr. F sich nach den Vorlesungen meistens brav auf den Heimweg ins Villenviertel Westmount machte, ließ es Lenny gerne noch etwas krachen. So gab es an der Avenue de la Montagne zu jener Zeit ein Underground-Café, in dem sich Poeten, Sänger, Maler und andere Bohèmiens nächtelang zu Lesungen, Bier und Mädels trafen, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Manchmal, ganz selten, sei Dr. F. mitgegangen, erzählte er mir mal. Aber das war nicht so richtig seine Welt.

Donnerstagabend schließt sich nun der Kreis, den Dr. F. und ich seit nunmehr 30 Jahren gemeinsam begehen: Ich werde beim Leonard Cohen-Konzert im Montrealer Bell Centre sein.

Lenny live. Muss ich unbedingt meinem Zahnarzt erzählen.