Mein Freund, der die Arktis liebte

Mit 72 Jahren gestorben: Mein Freund und Kollege Gerd Braune.

Wenn Kollegen in den Ruhestand gehen, freue ich mich mit ihnen. Sie haben es verdient, gefeiert zu werden. Ein Leben als Journalist ist nicht immer so glamourös, wie es sich anhört. Wenn Kollegen aber in den Ruhestand gehen und kurz danach sterben, ist das einfach nur furchtbar. Genau das ist jetzt mit meinem Freund Gerd Braune passiert.

Er war, wie jedes Jahr, mit seiner Frau Ute und ein paar kanadischen Freunden zu einer Radtour aufgebrochen. In Rothenburg ob der Tauber ging es los. Doch schon kurz nach dem Start kam es zur Katastrophe. In einem Waldstück außerhalb von Rothenburg fiel Gerd vom Rad. Einfach so. Seine Freunde, die ihn auf der Radtour begleiteten, konnten nur noch seinen Tod feststellen. Vermutlich war es ein Herzinfarkt. Gerd Braune wurde gerade mal 72 Jahre alt. Wir kannten uns seit 29 Jahren.

„Gerd und Ute kommen.“ Was war das immer für eine Freude, wenn sich die beiden aus Ottawa bei uns angekündigt haben! Wir wussten: Das wird ein Fest. Man tafelte und trank, man redete, hörte zu und redete weiter. Über den Job, die Familie oder einfach nur über das Leben eines Korrespondenten in Kanada.

Oft endete so eine Konversation mit einem schallenden Gelächter. Gerd lachte gerne. Sein Humor war meiner. Jetzt ist Gerd tot und wir können es immer noch nicht fassen.

Gerd als „befreundeten Kollegen“ zu bezeichnen, wird unserer Beziehung nicht gerecht. Gerd war ein Freund, der zufällig auch ein Kollege war. Er deckte das Kanada-Geschehen für zahlreiche Printmedien ab, während ich Hörfunk und manchmal auch Fernsehen bediente.

Sein Herz schlug für die indigenen Völker dieses Landes – und für die Arktis. Immer wieder die Arktis. Wie oft er in den höchsten Norden des amerikanischen Kontinents gereist ist, weiß ich nicht. Aber ich weiß, wie seine Augen strahlten, wenn er wieder von einer dieser Reisen zurückkam und darüber schrieb – nicht nur für Zeitungen, sondern auch für einen Verlag.

Ich glaube, was Gerd und mich mehr als alles andere verband, war eine Art stille Bewunderung füreinander. Ich bewunderte die Akribie, mit der er seine Texte recherchierte und schrieb. Bei mir war es vielleicht die Leichtigkeit des Schreibens, die er mochte.

Wir waren Kollegen, ja, genau genommen sogar Konkurrenten. Wir beide lebten davon, Kanada-Themen an deutsche Medien zu verkaufen. Aber wir kamen uns nie in die Haare. Nicht ein einziges Mal. Im Gegenteil. Manchmal schoben wir uns Themen zu, die dem anderen besser lagen.

Wirtschaftsthemen waren nie mein Ding. Gerd beherrschte sie aus dem Effeff. Umgekehrt gingen mir bunte Geschichten leichter von der Hand als Gerd. Also bedienten wir uns gegenseitig unserer Vorlieben. Ach, wenn das ganze Berufsleben nur so leicht gewesen wäre wie der Umgang mit Gerd. Es war ein Fest, ihn als Kollegen im selben Land zu wissen. Kanada war unsere gemeinsame Leidenschaft.

In einem Punkt waren wir allerdings nie einer Meinung. Gerd liebte Blutwurst. Mir kann sie gestohlen bleiben. Wir wohnen neben der Markthalle. Dort deckte er sich stets mit boudin noir ein, wenn er uns in Montreal besuchte.

Auch an der deutschen Metzgerei Frick in Lacolle führte fast nie ein Weg vorbei, wenn Gerd und Ute uns auf der Farm einen Besuch abstatteten. Dort hat es mein Freund Gerd sogar zu einer kleinen Berühmtheit gebracht. Gleich am Eingang rechts hängt ein gerahmter Zeitungsartikel, den er vor Jahren einmal über die „Charcuterie Frick“ geschrieben hatte. Dort ist man noch heute stolz auf den Besuch des Reporters aus Ottawa.

Gerd liebte das Leben. Und er liebte seine Familie. Ute, seine Frau. Und Johannes, seinen Sohn, der seine neue Stelle als Berufsdiplomat an der Deutschen Botschaft in Bogotá erst vor wenigen Wochen angetreten hatte. Er, seine Frau Christine und ihre beiden Kinder hatten sich auf den ersten Besuch in Kolumbien gefreut. Und natürlich galt Gerds Liebe auch Melanie, seiner Tochter, die in Berlin lebt und so oft wie möglich nach Ottawa kam, um ihre Eltern zu besuchen.

Man sagt das so leicht: Gerd wird in unseren Herzen weiterleben. Aber ich weiß, dass es so sein wird. Wie könnte man einen wie ihn vergessen? Er war der Ruhepol, wenn es im Korrespondenten-Tohuwabohu mal wieder allzu verrückt zuging. Er war der Kollege, der den Überblick bewahrte, der stets faire Konkurrent. Er war der Genießer, wenn das Essen auf den Tisch kam. Der Zauberer der Worte, wenn es um Kanada ging.

Vor allem aber war Gerd unser Freund.

Seine Leidenschaft galt Kanada: Gerd Braune in der Arktis. (Fotos: privat)