Ein bisschen Bagdad in Montréal

baustelleSzenen wie diese (siehe Bannerfoto) findet man zurzeit an jeder Ecke. Die Stadt meines Herzens gleicht an manchen Stellen eher Kabul als einer kanadischen Dreieinhalb-Millionen-Metropole.

Es wird gebuddelt und gebaut, abgerissen und weitergebuddelt. Irgendwie will mein Montréal in diesem Jahr gar nicht zur Ruhe kommen. Aber wenigstens tut sich etwas: Marode Brücken werden erneuert, Wohn- und Bürotürme hochgezogen, Straßen repariert. Wem architektonische Ästhetik wichtig ist, könnte in diesen Tagen und Wochen allerdings verzweifeln.

Dass es trotzdem Hunderttausende von Besuchern nach Montréal zieht, die hier ihren Urlaub verbringen, lässt hoffen: Außer kaputten Straßenzügen muss die Stadt ganz offensichtlich doch noch etwas anderes zu bieten haben.

Es ist wohl die Lebensfreude, die einen gerade im Sommer an jeder Ecke einholt, dieses unbeschreibliche Joie de vivre, das Touristen aus aller Welt immer wieder aufs Neue in ihren Bann zieht.

Sie ist einfach nicht zu toppen, diese Mischung aus französischer Lebensart und American Way of Life. Da nimmt man dann auch ein paar Abrissbirnen vor dem Hotelfenster hin.

Ein Sommermärchen – und jetzt?

soccer

Die Leere nach dem Sieg, die Öde nach dem TV-Marathon. Und jetzt ist auch noch bei Lahm die Luft raus. Es kommen harte Zeiten auf mich zu. Keine Playoffs mehr, in denen man den Montreal Canadiens beim Verlieren zugucken konnte. Keine Fußball-WM mehr. Das Sommermärchen ist zu Ende, dabei hat der Sommer gerade erst angefangen. Und jetzt?

Seit unserer Rückkehr aus Mallorca ging es Schlag auf Schlag. Erst lieferten sich die Eishockey-Cracks der NHL verbitterte Kämpfe, die ich Abende lang in irgendwelchen Bars an großen Leinwänden miterlebte. Als die Montreal Canadiens dann den Besseren das Feld überlassen mussten, hielt sich meine Trauer in Grenzen. Bald würde das brasilianische Sommermärchen beginnen.

Nie musste Deutschland ohne mich spielen. Ich war bei der Schmach gegen Algerien dabei und auch bei dem unverschämt hohen Sieg gegen die Gastgeber. Die Montrealer Kneipiers rieben sich bei meinem Anblick schon die Hände. „The sports crazy German is coming again“, flüsterten sie sich vermutlich hinter der hohlen Hand zu und hofften: „Bitte, lieber Gott, lass die WM noch ganz lange dauern!“

Irgendwann war dann Schluss mit lustig. Die DFB-Jungs packten ihre Siebensachen. Den Einzug am Brandenburger Tor konnte ich dank Deutscher Welle-TV noch live vom Bett aus miterleben.

Es war früher Morgen in Montreal, als Schweini & Co. sich ins Goldene Buch der Stadt Berlin eintrugen. Manche von ihnen traten anschließend vor die Kameras – in der einen Hand ein Würstchen, in der anderen eine Laugenbrezel. Plötzlich verspürte ich, 6000 Kilometer westlich vom Brandenburger Tor, einen Berliner Bärenhunger – und machte es den Boys nach. Ich ass.

Ich kann mich nicht daran erinnern, je zuvor ein Frühstück mit Wiener und Senf im Bett eingenommen zu haben, während im Fernsehen gleichzeitig siegestrunkene Fußballspieler mit Würstchen in der Hand ins Mikrofon grölten. Aber selbst diese Augenblicke hatten was, ich möchte sie nicht missen.

Als dann auch noch Philipp Lahm ankündigte, er werde nie mehr die Kapitänsbinde tragen, musste ich an die Kameraleute und Bildmischer denken, die künftig keinen Schwenk mehr nach unten machen, wenn sie das DFB-Team beim Singen der Nationalhymne abfilmen und regelmäßig in die Knie gehen mussten, wenn der kleine Große ins Bild kam.

„Was soll ich jetzt nur anschauen?“, frage ich beim Dinner unsere indische Freundin Vera. „Wie wär’s mit Cricket?“, sagt die kluge Frau. „Cricketspiele dauern manchmal zwei Tage“.

Die Frau an meiner Seite hatte eine bessere Idee. Sie hat immer die besseren Ideen: „Was du anschauen sollst?“, meinte sie.

„Mich“, sagt sie, „einfach nur mich“.

Allein unter lauter Latinos. Oder: Wie Mario Kotze die WM gewann

wmEs war ein Versehen. Richtiger Anlass, falscher Ort. Die Champs-Bar am Boulevard St. Laurent ist gewöhnlich eine gute Adresse, um sich in Montreal Sportereignisse auf der Großleinwand anzuschauen. Warum ich ausgerechnet zum WM-Finale bei der spanischsprachigen Live-Übertragung unter lauter Latinos gelandet bin, ist mir noch immer ein Rätsel.

Schlimm war das Versehen nicht. Jedenfalls weiss ich jetzt, dass der deutsche Torschütze auf spanisch Mario „Kotze“ und Herr Löw mit Vornamen „Chogy“ heißt. Der Name, der mir inzwischen am geläufigsten ist, gehört einen gewissen Bastian „Swanschdagaaa“, auf gut bayerisch Schweinsteiger.

Die Live-Reporter des argentinischen Fernsehens gaben sich redlich Mühe, die Namen der deutschen Spieler korrekt auszusprechen. Manchmal kamen sie freilich an ihre Grenzen. So wie wir auch, wenn es gilt, in fremden Sprachen zu parlieren.

Die Namen der Kicker waren also kein Thema. Schon eher die Tatsache, als einziger Nicht-Latino in einem Meer von argentinischen Fan-Trikots gelandet zu sein.

War mir nach Jubel zumute, wenn Manuel Neuer mal wieder einen seiner spektakulären Fänge machte, sagte mir ein Blick in die Runde, dass ich angesichts der Überzahl argentinischer Fans lieber schweigen sollte. Als Dank musste ich dann die Buhrufe des Bar-Publikums für Neuers Glanzleistung über mich ergehen lassen.

Es ist nicht einfach, Jogi-Fan zu sein, wenn in einer Latino-Bar das DFB-Team gerade den argentinischen Gegner zerlegt.

Irgendwann gegen Ende des Spiels muss mein Schauspieltalent geschwächelt haben. Als mir meine Tischnachbarin nach einem weiteren unterdrückten Jubel die Frage nach meiner Herkunft stellte: „De donde eres?”, blieb mir nichts anderes übrig, als mit der Wahrheit herauszurücken: “Alemania”. Kurzes Raunen am Tisch. Dann High Fives. Und schließlich das Angebot, in die Tacotüte zu greifen, die jetzt die Runde machte.

So harmonisch entwickelte sich die argentinisch-deutsche Tischkoalition schließlich, dass ich es ernsthaft bedauerte, meinen “Kiss me, I am German”-Button zuhause gelassen zu haben.

Plötzlich Rentner

rentnerDu wachst eines morgens auf, gehst ins Internet und checkst deinen Kontostand. Strom, Wasser und Kabelfernsehen wurden ordnungsgemäß abgebucht. Auch die vielen Restaurantbesuche haben nicht nur in Kilos und Pfund zu Buche geschlagen, sondern auch in Dollars und Cents. Und dann: Was ist das denn? Hat Donald Duck dir über Nacht etwa Kohle aufs Konto geschaufelt? Nein. Es ist die Rente. Die erste meines Lebens.

Genau genommen sind es sogar zwei Renten: eine aus Deutschland und eine aus Kanada. Viel ist es nicht, als Freiberufler ist es nie viel. Aber es ist ein Batzen, der jetzt dir gehört, ohne dafür auch nur einen Finger krumm machen zu müssen. Heute, morgen, übermorgen. Und hoffentlich auch noch in zehn, zwanzig Jahren. Denn, nicht wahr Herr Blüm, die Rente ist doch sicher?

Wobei: Ganz ohne einen Finger krumm zu machen, geht’s dann doch nicht. Kaum ist die erste Rentenzahlung da, flattert auch schon das Formular „Lebensbescheinigung“ ins Haus: „Sehr geehrter Herr, bitte teilen Sie uns mit, ob Sie noch leben. Widrigenfalls wir die Rentenzahlungen wieder einstellen müssen.“ Oder so ähnlich.

Das alles ist mir ziemlich fremd, das Rentnerfeeling geht mir völlig ab. Und ich denke nicht daran, dem deutschen Rentenamt den Gefallen zu tun, den Löffel abzugeben, der ja gerade erst durch monatliche Zahlungen ein kleines bisschen vergoldet wurde.

Die Kanadier sehen das übrigens lockerer: „Genießen Sie Ihren Ruhestand“ heißt es in der Broschüre von „Canada Pension“, die mit dem ersten Scheck im Postfach steckte. „Sie haben ihn sich verdient“.

Ein bisschen Frieden am See

lac_dufresneViel gibt es nicht zu berichten, wenn du die Tage und Nächte in einer Hütte verbringst, die zwölf Kilometer vom nächsten Dorf entfernt an einem wunderschönen, klaren See liegt. Zwei Autostunden nördlich der Großstadt Montréal wird deine Welt plötzlich ganz klein. Wenn sich dann aber mal Leben zeigt, sind es Momente, die man nicht mehr vergisst.

Die Eule, die dich – aus dem Nichts! – von einem Ast aus mit so eindringlich großen Augen ansieht, als hätte sie sich eigens für diesen Augenblick von der Natur schminken lassen.

Das Streifenhörnchen, das mit der Lässigkeit des Cirque-de-Soleil-Akrobaten vom Hausdach auf einen Ast und von dort aus aufs Vogelhäuschen springt – das alles für eine Handvoll Körner.

Die Blue Jays, die lauthals die Finken verjagen, die wiederum die Spatzen verjagen, wenn es ums Anstellen am Futtertrog geht.

Der Waschbär, der plötzlich zwischen den Butterblumen auftaucht und dezent schnaubend übers Grundstück streift, als wolle er einfach nur kurz mal Hallo sagen. Und so ganz beiläufig fragen, ob’s was zu futtern gibt.

Und dann, als du gerade am Ufer sitzt und deinen Sundowner zu dir nimmst, marschiert zwei Meter von dir und deinem Drink entfernt die edelste Tierparade, die es diesseits von Afrika gibt: Vier Nerze im Gänsemarsch, putzige Pelztierchen, die sich vermutlich nicht einmal im Ansatz darüber im Klaren darüber sind, wie wertvoll sie für ein paar Damen wären, die noch nichts davon gehört haben, wie unanständig es ist, der Mode wegen Jagd auf Tiere zu machen.

Um dein Entsetzen über diesen Gedanken schnell wieder los zu werden, wirfst du noch kurz einen Blick auf die kleine Bucht vor deiner Hütte und wunderst dich, warum die rote Seerose vom Vorjahr jetzt plötzlich gelb aus dem Wasser ragt. Weil’s die Natur so will, sagt sie dann, die Frau an deiner Seite. Die Natur will es auch, dass die roten Blumen auf der Wiese abends die Köpfe hängen lassen, nur damit dich die fettgelben Butterblumen daneben um so leuchtender anstrahlen können.

Den Stechmücken, die hier Moskitos heißen, ist dieses Schauspiel wurscht. Und auch die Bremsen und Black flies machen sich nichts aus Naturspielen. Sie haben sich einfach nur vorgenommen, lästig zu sein. Und das schaffen sie jeden Tag aufs Neue.

Dann wird es Abend am See, die Sonne sagt Tschüss und du denkst, der Tag ist gelaufen. Und plötzlich kommt wie eine Rakete ein vollfetter Loon auf Augenhöhe auf dich zugeschossen, ein kanadischer Seetaucher, dessen schriller Schrei in keinem kanadischen B-Movie fehlen darf. Der Loon macht sich nichts aus dir und deinem leicht verpeilten Blick. Er setzt zur Landung an, will Futter haben. Davon schwimmt im See genug.

Irgendwann geht dann der Abend in die Nacht über und du liegst bei offenem Fenster in deiner Blockhütte und denkst, jetzt hat ein Verrückter die Leuchtreklame angemacht. Aber es sind Glühwürmchen, die einfach noch einen draufsetzen wollen auf einen ganz gewöhnlichen Tag am kanadischen See.

Fehlt nur noch ein Braunbär, der das Naturschauspiel toppen würde. Aber der hat sich den Auftritt im Zirkus der Tiere für heute verkniffen, weil ihm die Bullfrogs mit ihrem Kröten-Gequake dann doch zu sehr auf den Geist gegangen wären.

>>>  Hier gibt’s mehr zum Leben in der Blockhütte am Lac Dufresne  <<<