Montréal geht vor die Hunde

In der Stadt, in der ich lebe, passieren seltsame Dinge. Es stürzen Brücken ein und Überführungen. Von einem Tunnel löste sich im Sommer ein meterdicker Lichtschacht und fiel auf die Stadtautobahn. Bisher ging es nur um Menschenleben. Doch jetzt wird es richtig ernst: Ein Haustier wurde Opfer der schlampigen Infrastruktur.

Die Schnauzerdame Lily kippte beim Gassi gehen tot um. Der Hund hatte im Stadtteil Outremont einen nicht ordnungsgemäß geerdeten Elektromast gestreift. Der Schock schickte die Süße im Alter von nur drei Jahren über die Regenbogenbrücke.

Wenn Straßen bröckeln oder vom Olympiastadion ein Betonblock von der Größe eines Omnibusses auf die Erde knallt, tragen dies die meisten Montréaler mit Fassung. Auch Schlaglöcher, die jederzeit einen Medizinball samt Spieler aufnehmen könnten, scheinen hier keinen sonderlich zu stören. Und Touristen aus anderen Teilen Kanadas und der USA würden sich ernsthaft um uns sorgen, wenn plötzlich alles seine Ordnung hätte. Eine gesunde Dosis schlampiger Charme wird von der Stadt meines Herzens schon fast erwartet.

Doch jetzt lassen selbst die leidensfähigen Montréaler nicht mehr mit sich spaßen. Als vor ein paar Tagen das erste Haustier Opfer der katastrophalen Infrastruktur wurde, war der Aufschrei groß. Montréal gehe jetzt vollends vor die Hunde, schimpfte ein nicht sehr witziger Leserbriefschreiber.

Foto: Gazette

In memoriam "Lily" © CBC

Im Radio hörte ich eine Anruferin so laut gegen die Stadt wettern, dass sich der Talkshow-Moderator um den Stresspegel der Frau Sorgen machte. „Madame“, versuchte der Mann sie zu beruhigen, „es handelt sich schließlich um einen Hund!“

Am Lampenpfahl festbinden!

Das Explosions-Potential dieses – zugegeben – unpässlichen Einwurfs können vermutlich nur Hundebesitzer nachvollziehen. Jedenfalls machte der Kommentar die Frau erst richtig wild. Wenn ich ihr Gekreische richtig interpretiert habe, drohte sie dem Moderator daraufhin, ihn an einem Lampenpfahl festzubinden. Oder so ähnlich.

Was mich bei der ganzen Geschichte wundert, ist, dass die meisten Leute den bedauerlichen Tod der Hundedame Lily als ein Jahrhundert-Event betrachten. Ich habe mal bei Frau Dr. Google nachgefragt, wie häufig solche Elektroschocks eigentlich passieren. Und siehe da: Es kommt öfter vor als man denkt. So oft, dass eine ganze Webseite dem Thema gewidmet ist. Auf streetzaps.com werden jede Menge Zwischenfälle mit Tieren und Elektroleitungen gelistet.

Kleiner Trost für Lily: Du bist nicht allein …

Tschüss, alter Roadrunner!

Wer sich vorgenommen hat, sein Leben zu entrümpeln, muss auch loslassen können. Von Dingen, die sich im Laufe der Jahre so ansammeln. Was geht? Was bleibt? Und überhaupt: Wer soll denn schon (m)ein ausrangiertes Übertragungsgerät für Radioreporter kaufen? Zum Beispiel ein schrulliger Engländer. Auf ebay.

Er hat mir gute Dienste geleistet, mein „Roadrunner“. Ein grauer Kasten im Schuhschachtel-Format, der dazu diente, meine Radiobeiträge in Studioqualität an sämtliche ARD-Sender zu übermitteln. Tausende von Hörfunk-Reportagen aus Kanada, Alaska und anderen Teilen der Welt wurden durch diese Box geschleust, ehe sie in Deutschland im Radio zu hören waren. Doch wie das so ist mit der Technik: Die Zeiten ändern sich. Mein Roadrunner hatte das Ende der Straße erreicht und wurde ausrangiert.

Die Staubschicht wird dicker, die Neugier steigt

Zehn Jahre schlummert die Kiste im Keller. Als die Staubschicht immer dicker wird und das Internet immer ausgefeilter, kommt der junge Sohn auf eine Idee, auf die nur junge Söhne kommen können: „Verkauf die Kiste doch auf ebay“. Ebay? Ich? Der es nicht einmal schafft, ein drei Jahre altes Fitnessgerät zum Fünfzigstel des Einkaufspreis in der Lokalzeitung zu verscherbeln? Ohne mich.

Goldmine Roadrunner

Doch die Neugier siegt. Wer sich beruflich mit dem Internet befasst, sollte irgendwann in seinem Leben auch ebay-Erfahrung gesammelt haben. Also: Anzeige aufgesetzt. Foto rein. Bedienungsanleitung dazu. Fertig. Was fehlt, ist der Kaufpreis. Anruf beim Hersteller in den USA: „Was kann ich für den Roadrunner verlangen, ohne wegen Halsabschneiderei geteert und gefedert zu werden?“ – „Nichts“, sagt der freundliche Mensch vom Kundenservice des Nachfolge-Produkts fast entschuldigend. Und dann, meine Verzweiflung ahnend: „Sie können es ja mal mit 500 Dollar versuchen“.

Die Anzeige auf ebay lautet: Zu verkaufen: Roadrunner – Mindestangebot 500 Dollar. „Sehr lustig“, sagt die Frau an meiner Seite. „Sehr mutig“, meint der Sohn. Erster Tag: nichts. Zweiter Tag: nichts. Dritter, vierter, fünfter Tag: nichts. Sechster Tag: Ein Typ aus Florida bietet 800 Dollar. Achthundert Dollar? „Nicht verkaufen!“, feuert mich der Sohn an, seit Jahren routinierter ebay-Ein- und Verkäufer. „Dranbleiben, da kommt noch mehr!“ Ein 800-Dollar-Angebot für ein Produkt abzulehnen, das an Wertlosigkeit nicht zu unterbieten ist, grenzt an Dummheit. Weitere Kontaktanfragen gibt es nicht. Vergessen wir’s einfach.

2 750 Dollar für eine ausgemusterte Schuhschachtel

Zehnter Tag: Zahnarzttermin. Zwischen Spritze und Plombe ein Gedankenblitz: Was ist eigentlich mit dem Roadrunner? Nach der Rückkehr sofort ins Netz, ebay checken. Unglaublich! Menschen aus aller Welt balgen sich im Internet um meine digitale Schuhschachtel. In zehn Minuten läuft die Versteigerung ab. 1000 Dollar. 1200. 1600. 2000. 2500. Zweitausendsiebenhundertfünfzig Dollar! Ich fasse es nicht. Gerade mal 100 Dollar Wertverlust in zehn Jahren – ebay macht’s möglich.

Der Käufer, ein Engländer, sammelt Technik-Schnickschnack aus aller Welt. Ich stelle mir vor, dass mein Roadrunner jetzt einen Ehrenplatz zwischen dem ersten Apple-Computer und dem letzten Grundig-Röhrenradio hat.

Ein schöner Gedanke.

Abenteuer Online-Journalismus

Günther Jauch gehört nicht zu meinen Lieblings-Moderatoren. Trotzdem sehe ich mir seine Talkshow an. Als Livestream im Internet. So weiß ich, dass es am Sonntag im Gasometer um Schulkinder ging, die in Deutschland immer fetter werden. Herr Lauterbach, der Dauergast mit Fliege, ist mir inzwischen so vertraut, dass ich ihn gerne zum Kaffee einladen würde.

Wir könnten uns dann über all die anderen Talksendungen unterhalten, in denen er schon aufgetreten ist. Vielleicht würde er sich wundern, wie gut ich Bescheid weiß über sein Fernsehleben. Manchmal wundere ich mich selbst, warum ich mir all die deutschen Talkshows ansehe, wo wir doch seit 30 Jahren in Kanada leben. Ja, warum eigentlich? Ganz einfach: Weil ich’s kann. Das Internet macht’s möglich.

Damals: Zeitungsstapel vor dem Kiosk.

Wäre das schon vor 30 Jahren der Fall gewesen, hätte ich mir viel Mühe ersparen können. Vermutlich wäre mein Leben aber auch weniger bunt und abenteuerlich verlaufen.

Sperrig, mühsam und teuer

Die Suche nach täglich frischen Themen, die damit verbundene Recherche und schließlich die Übermittlung der fertigen Beiträge – das alles war damals sehr mühsam, teuer und aufwendig. Fernschreiber statt Fax und Email. Sperriges Aufnahmegerät statt digitales Flash-Mikrofon. Kamera statt Mausklicks.

Achtung, Opa erzählt aus dem Krieg: Als ich 1983 anfing, ARD-Sender mit Kanada-Themen zu beliefern, begann mein Tag oft schon um vier Uhr morgens. Mein Weg führte mich dann vor den Kiosk um die Ecke, wo die noch verschnürten Zeitungen jungfräulich darauf warteten, gelesen zu werden. Ich tat ihnen den Gefallen. Denn wo sonst sollte ich meine Themen herbekommen, die ich hinterher den Sendern anbieten würde?

Die Kanada-Exotik ist mit dem Internet abgeblättert

Internet gab es nicht und Kanada war damals noch weit weg in den Köpfen der meisten Deutschen. Wenn ich durch die Republik reiste, um in den Redaktions-Konferenzen Geschichten zu erzählen, die nach Abenteuer und Freiheit klangen, sah ich bei manchen Kollegen ein Leuchten in den Augen, das mir signalisierte: „Ich will auch!“ Heute eher: „Nicht schon wieder!“ Globalisierung auf Kosten der Exotik. Schuld daran ist das Internet. Was gestern noch wild, weit und fremd erschien, kann sich heute fast jeder mit einem Mausklick ins Haus holen.

fotohubpagesEs war ein tolles Leben, das ich als junger, freischaffender Kanada-Korrespondent für die ARD führte: Montréaler Altbauwohnung im angesagten Stadtteil Notre-Dame-de-Grâce. Meist freie Hand bei der Themenauswahl. Mein Chef war der Anrufbeantworter. Ob der Korrespondent den Tag lieber im Büro, auf Reisen oder gar am Strand verbringen sollte – darüber entschied nicht selten der Blick auf den Kontoauszug. Nur wenige freie Journalisten im Ausland hatten damals das Glück, nicht nur überleben, sondern gut leben zu können. Die anderen Glücklichen, die ich kannte, waren ein Kollege in New York, einer in Los Angeles und später noch einer in Washington.

Mit der deutschen Nabelschau nahm die Kanada-Exotik ab

Doch irgendwann änderten sich die Zeiten. Die Budgets der Sender wurden kleiner, die Sendeplätze weniger. Themen, die noch vor kurzem den Telefonhörer zum Glühen gebracht hätten, blieben immer häufiger als Vorschläge in der Schublade. Plötzlich war Deutschland mehr mit sich selbst beschäftigt: Mauerfall, Spendenskandal, Ost-West-Zusammenführung. Und Internet. Keiner der freien Korrespondenten blieb von den Folgen der deutschen Nabelschau verschont. Die Auftragslage forderte uns zum Umdenken auf. Zeit für Plan B. Der hieß bei mir: Onlinejournalismus.

Heute: Mausklick zur Recherche.

Weitsichtige und kluge Kollegen haben mir den Weg ins Internet als Geschäftsmodell geebnet. Jetzt waren Medienanalysen für Sender gefragt, Programm-Beobachtungen und multimediale Innovationen. Standen die Konzepte dann, wurden sie in Seminaren umgesetzt, die mich zu zahlreichen Hörfunk- und Fernsehsendern und Medienakademien führten. Viele KollegInnen, die es im Radio und Fernsehen bereits zu etwas gebracht hatten, mussten plötzlich umdenken. Tagesaktueller Journalismus im Internet ist eine neue Baustelle, die gelernt sein muss.

Ich hatte das Glück, von Anfang an dabei zu sein. Onlinejournalismus mag nicht ganz so aufregend sein wie Reporterreisen zu Cree-Indianern und nach Alaska. Aber es ist anders. Anders schön. Und auch anders aufregend. Für den Kick sorgt jetzt der Klick.

Danke, Stefan. Danke Frank. Danke Dorothee.