Palma – Leutkirch – Ummendorf

leutkirchVon Palma de Mallorca nach Leutkirch im Allgäu ist es, für kanadische Verhältnisse, nur ein Katzensprung. Kurz mit dem Flieger nach Stuttgart. Dann im Mietwagen über die Schwäbische Alb – und schon ist man da. Stellt sich nur die Frage: Warum verlässt ein Mensch von mäßiger Intelligenz das warme Palma, um mitten im Winter ein Wochenende im zugeschneiten Leutkirch zu verbringen?

Zum Beispiel, um einen guten Freund zu sehen. Dem geht es zurzeit nicht so gut. Und weil man Freunde in der Not nicht im Stich lässt, fliegt man schon mal von der Insel aufs Festland und stattet einen Krankenbesuch ab.

Ein anderer Grund hat mit essen und trinken zu tun. Im Brauereigasthof „Mohren“, den zwei Freunde seit vielen Jahren mit großer Hingabe betreiben, wurde an diesem Wochenende das traditionelle Schlachtfest begangen. Mit Leckereien, wie man sie sonst nur in feinsten Häusern vorfindet. Wirsingsenfsuppe mit Floischkiachle ond Wachtelei gibt’s nun wirklich nicht an jeder Ecke.

Und weil sich auch andere Freunde gerne an kulinarischen Schweinereien laben, wird das Schlachtfest zum Treffpunkt für Menschen mit Geschichte und Geschichten, die schon so lange her sind, dass sie in den Geschichtsunterricht gehören und nicht in einen Blog.

Leutkirch wird gerne das „Tor zum Allgäu“ genannt. Ich nenne es das Sprungbrett zur Familie. Von hier aus lassen sich bequem Schwester und Basen, Nichten und Brüder, Schwägerinnen und Schwippschwager aufsuchen, die allesamt im Wilden Süden leben. Und wenn einer der Brüder dann zufällig noch Geburtstag hat – HAPPY BIRTHDAY, Wolfgang! – dann ist das erst recht ein Grund, das Paradies im Mittelmeer kurzfristig zu verlassen, um in den Winter einzutauchen.

Und noch einen entscheidenden Vorteil hat Leutkirch im Allgäu: Es ist nur ein Katzensprung nach Ummendorf. Dort, im Herzen Oberschwabens, geht an diesem Montag so richtig die Post ab. Kleiner Tipp: „Schwäbische Zeitung“ lesen und um 19 Uhr ins Schloss kommen.

Wer’s schafft, trifft dort einen dieser Menschen mit Geschichten.

Ein Mensch mit Geschichten

Talker, Warner, Unterhalter: Bernd Dassel

Die besten Geschichten entstehen dann, wenn Menschen sich für Menschen interessieren. Und wenn sich diese Menschen dann deren Geschichten erzählen lassen. Mein Freund und Kollege Bernd Dassel beherrscht diese Kunst wie kaum ein Anderer. In den vergangenen zehn Jahren hat er genau 131 Mal „Menschen mit Geschichten“ zu seinem „Talk im Bock“ eingeladen. Jetzt ist Schluss. Aus gesundheitlichen Gründen zieht sich der Mensch Dassel auf seinen Bauernhof in Bettelhofen zurück. Talken sollen künftig andere, wenn sie wollen. Vor allem aber: Wenn sie können.

Es war kurz nach den Terroranschlägen in New York, als Bernd mich zu seinem damals noch sehr jungen „Talk im Bock“ einlud. Ich hatte für den WDR gerade zehn Tage lang aus der verwundeten Stadt berichtet, die von Al Kaida-Fanatikern angegriffen worden war. Viele Menschen waren in den mittelalterlichen „Bockturm“ gekommen, um einem Augenzeugen zuzuhören, wie er 9/11 erlebt hatte.

Moderator Dassel. Gast Bopp.

Dabei war meine eigene Aufgabe durchaus überschaubar: Ich musste lediglich erzählen, was ich in New York gesehen, gehört, empfunden hatte. Dass dieses Gesehene, Gehörte, Empfundene die Menschen im Bocksaal so tief berührte, dass Tränen flossen, ist nicht zuletzt dem Mann zu verdanken, der mich interviewte. Bernd Dassel hat es verstanden, durch kluge und einfühlsame Fragestellung Antworten aus mir herauszudestillieren, die ohne sein Moderationsvermögen nicht gekommen wären.

Aber die ganz großen Fragen, die ganz großen Themen, die ganz großen Namen, die kamen allesamt nach mir: Ein Astronaut (Reiter) und ein späterer Bundespräsident (Gauck), ein Bundesliga-Fußballer (Lahm) und zwei Championsleague-Talker (Plasberg, Kleber). Dazwischen immer wieder ein beeindruckendes Aufgebot an Denkern, Stars, Weltverstehern, Gut- und -Machtmenschen. Am liebsten, sagte mir Bernd oft, sei ihm eine Sorte Mensch gewesen: Menschen mit Geschichten.

Auf Augenhöhe mit dem Sohn des Kanzlerspions Guillaume

Heinz Schön, etwa, der die Tragödie der „Wilhelm Gustloff“ überlebt hat. Pierre Boom, der mit der Bürde leben muss, der Sohn des Kanzlerspions Guillaume zu sein. Die Freifrau zu Guttenberg, die nicht als Gattin eines gefallenen Ministers nach Leutkirch gekommen war, sondern als eine Frau, die sich der Hilfe von Kindern verschrieben hat.

Gregor Gysi kam genauso in den Bocksaal wie der „Euro-Vater“ Theo Waigel oder der Mann, nach dem eine Rente benannt ist: Walter Riester. Die Letzte, die Bernd Dassel in der vergangenen Woche interviewt hat, war eine veritable Fee, wenngleich eine Wetterfee: Claudia Kleinert. Und natürlich entlockte Bernd Dassel auch ihr wieder Geschichten und zauberte damit den Menschen im Saal ein Lächeln ins Gesicht.

Kaum zu glauben, dass diese Stars, diese Reichen, Berühmten und Mächtigen, ohne Aussicht auf mediale Verbreitung ins beschauliche Leutkirch gekommen waren. Der „Talk im Bock“ wurde weder im Fernsehen übertragen, noch im Radio gesendet. Ein paar Dutzend Zuhörer im Publikum, das war’s. Gelegentlich, wenn der Andrang zu groß war, wie etwa bei der erst gefeierten, dann gefallenen „schönen Landrätin“ Gabriele Pauli, musste die Veranstaltung in die Stadthalle verlegt werden. Dann kamen viele Hundert und hingen Dassel und seinen Gästen an den Lippen.

Hunderttausende an Spenden für die Welt, aber Null Honorar für den Moderator

Bockturm in Leutkirch

Wer Gast im „Talk im Bock“ war, durfte die Spendentrommel rühren und den Zweck dafür selbst bestimmen. Rund 411 000 Euro sind so im Laufe der Jahre zusammen gekommen. Dabei gestattete sich der Mann, der dies alles möglich gemacht hat, leer auszugehen. Die 131 Talks bestritt der hochkarätige Radio- und Fernsehmann Bernd Dassel ohne einen Cent Honorar. Das Geld für Hotelübernachtungen und Reisekosten seiner Gäste übernahmen loyale Sponsoren aus Leutkirch und Umgebung. Eine Handvoll Männer und Frauen, die ähnlich ticken wie mein Kumpel – allen voran seine Frau Astrid Bernecker -, halfen Bernd bei der Organisation. In den Talk-Pausen spielte die fabelhafte Band „Just Friends“. Der Eintritt zu den Veranstaltungen war stets kostenlos. Unterhaltung auf hohem Niveau zum Nulltarif. So wollte es Bernd, so sollte es sein.

Ob der „Talk im Bock“ fortgeführt wird – und wenn ja, in welcher Besetzung – darüber werden sich jetzt einige Menschen ihre Köpfe zerbrechen müssen. Ich würde es Bernd wünschen, dass seine Philosophie vom „Gespräch auf Augenhöhe“ Bestand haben wird.

Dass solche Gespräche nur möglich sind, wenn sie von Menschen geführt werden, die sich für Menschen interessieren, sollte jedem klar sein, der sich traut, Bernd Dassels Nachfolge anzutreten.