Das ist die Geschichte eines Jungen, der nie davon geträumt hatte, in einem Film zu spielen. Irgendwann stand er dann doch vor der Kamera. Wochenlang. Der Film heißt „Silent Night“. Der Junge ist unser Sohn. Cassian war 14, als er sein Filmdebüt hatte. Heute feiert er seinen 24. Geburtstag.

- Filmposter – Cassian r.
Der Anruf kam irgendwann im Sommer. Ob Cassian in den Krieg ziehen möchte. In einem Film. Im Deutschen Theater Montreal war eine Casting-Agentin auf ihn aufmerksam geworden. Cassian strahlt. “Krieg ist zwar schrecklich,” verkűndet der Spross, “aber Filmen ist super.” Wenn man vierzehn ist und von einem Mountainbike träumt, das mehr kostet als Vaters erster Döschwo, dann kann so ein Film-Krieg gar nicht lange genug dauern. So jedenfalls sieht es Cassian. Maggy sieht es auch so. Erwin auch. Und Harald ohnehin. Schauspieler, die es wissen müssen.
Mutter ist sich nicht sicher, ob so eine Filmrolle ins Leben eines Vierzehnjährigen passt. Auch Vater ist unschlüssig. Mutter liest das Drehbuch und hat Tränen in den Augen. Nur Cassian strahlt unter seiner Mähne hervor. Die Mähne! Die muss natűrlich jetzt runter. Das hatte schon die coole Blonde von der Casting-Agentur befohlen. Macht nichts, sagt Cassian. Film ist Film. Krieg ist Krieg. Und Haare wachsen wieder nach. Außerdem werde er seine friedliche Grundhaltung doch nicht für einen Film aufgeben. Auch wenn er demnächst als deutscher Kindersoldat im Fernsehen zu sehen sei. Cassian war zu jener Zeit noch Waldorfschűler. Da ist alles angesagt, nur kein Krieg.
„Man in Black“: Chauffeur und Bodyguard
Die Rolle in einem kanadischen Film hatte Cassian bekommen, weil er ein bisschen Theater-Erfahrung hatte, ziemlich deutsch aussieht und dazuhin fehlerfrei deutsch, englisch und französisch liest, spricht und schreibt. Außerdem kann er ganz gut Stille Nacht singen. Damit war schon mal eine der ergreifendsten Szenen des gleichnamigen Films gebongt.

- Szenenfoto aus „Silent Night“ – Cassian 3.v.l.
In Kanada, wo Cassian mit seinen Eltern lebt, stehen vor jeder Schauspieler-Karriere fűnf Buchstaben: ACTRA. “Cassian braucht während der Dreharbeiten einen Schutzengel, eine Art Bodyguard”, bellt die Frau von der Schauspieler-Gewerkschaft in einem Ton, als wűrde sie sich am liebsten selbst um den Job bewerben. Außerdem brauche der Bub einen Privatlehrer am Set, weil er ja den Beginn des neuen Schuljahrs verpasst. Und natűrlich eine Limo mit Chauffeur. Von der Gage gehen 25 Prozent in einen Fond, “damit Ihr Eislauf-Eltern gleich gar nicht auf die Idee kommt, das Geld Eurer Kinder zu verprassen”, hat die Gewerkschafts-Funktionärin zwar nicht so gesagt. Aber todsicher gedacht.
Streifschuss? Davon hatte uns bisher keiner etwas erzählt
Der “Bodyguard” heißt Sven und sieht kaum älter aus als Cassian. Der Fahrer ist ein Man in Black, trägt viele Tattoos, Ohrringe und immer eine Sonnenbrille. Er fährt eine schwarze Limousine. Der Privatlehrer heißt Joel und war schon mal in Deutschland. Der Arzt, der Cassian fűr seine Filmtauglichkeit untersucht, will wissen, ob der Junge denn auch riskante Szenen zu spielen habe. “Streifschuss”, sagt die Producerin beiläufig. Davon hatte uns bisher keiner etwas erzählt.
Ein Sommertag, der heißeste des Jahres: Winter am Set. Aus Hängematten fallen dicke Schneeflocken. Vor jedem Blockhaus-Fenster steht ein Schnee-Mann und zieht auf Kommando am Strick. Beim Schűtteln schneit es Styroporflocken. Draußen hat es 31 Grad im Schatten.
Hilfe! Man hat unser Kind gestohlen!
Entrėe der műden Krieger. Cassian ist der Gefreite Peter Heinrich, ein blonder Wehrmachtssoldat mit Milchgesicht. Zu jung fűr den Krieg, zu alt fűr Tränen. Also schweigt er meistens. Schweigen wird im Film gut bezahlt: 1200 Dollar am Tag und mehr. Űberstunden extra. Das ist keine Statistenrolle. Richtig großes Kino. In den Drehpausen verschwindet der Gefreite Peter Heinrich mit dem Privatlehrer im Wohnwagen und büffelt Hausaufgaben. “Peter”, steht an der Trailer-Tűr. “Unser Kind heißt Cassian”, moniert der Film-Vater bei der Producerin. “Aber bei uns heißt Cassian eben Peter”, sagt die. Hilfe! Man hat unser Kind gestohlen!
Während der nächsten Wochen läuft unser Sohn zu disziplinarischer Höchstform auf. Kein Meckern, wenn der Wecker um fűnf klingelt. Kein Jammern, wenn die Dreharbeiten bis in die Nacht dauern. Der Fahrer mag hundeműde sein, der Schutzengel abgekämpft. Cassian ist fit und immer gut gelaunt.

- Linda Hamilton
Linda Hamilton ist nicht ganz unschuldig daran. Sie spielt im Film die Hauptrolle. Und ein bisschen auch in Cassians Leben. „Wusstet ihr, dass Linda mit dem ‚Titanic‘-Regisseur verheiratet war, diesem James Cameron?“, fragt er beim Essen. Jetzt wussten wir’s. Und auch, wieviel Frau Hamilton von Herrn Cameron nach der Scheidung als Abfindung bekommen hatte. Vieeeel.
Irgendwann hat unsere Lokalzeitung von den Dreharbeiten Wind bekommen. Aufmacher mit Bild: „Cassian shines in Silent Night“. Die Verkäuferin im Supermarkt beglückwünscht die Filmmutter zum Erfolg des Sprosses. In Cassians Schule hängt der Zeitungsausschnitt am Schwarzen Brett. Im Radio spricht einer über „This talented local actor named Cassian.“ Im Zimmer unseres Sohnes stapeln sich langsam die Fahrrad-Prospekte. Und überhaupt rufen neuerdings ziemlich viele Mädels bei uns an.
Mit einem kleinen Teil der Filmgage erfüllt sich Cassian später einen Traum: Mit seinem brandneuen Mountainbike legt er den Alpencross zurück. Von München nach Italien. Von der Restgage zehrt Cassian noch heute.
Alle Jahre wieder kommt „Silent Night“ im Fernsehen
„Silent Night“ war der erste und einzige Film, in dem Cassian mitgespielt hat. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit kommt er im kanadischen Fernsehen. Wir sehen ihn fast immer. Und fast immer verdrücken wir eine Träne. Auch in anderen Teilen der Welt wird „Silent Night“ regelmäßig gezeigt. Neulich bekam Cassian Post von einem Mädchen aus Malaysia. Es wollte ein Autogramm. Eine Karriere als Filmschauspieler hat Cassian übrigens nie angestrebt. Das finden wir toll. Arbeitslose Tom Cruises gibt es genug.
Dass er überhaupt die Chance hatte, in einem Film mitzuspielen, ist einem befreundeten Schauspieler namens Harald Winter zu verdanken. Der hatte Cassian damals für die Rolle vorgeschlagen.
Danke, Harald. Und: Happy Birthday, Cassian!
Den Link zum Film gibt’s >> H I E R <<

„Besucher sind wie Fische“, sagte mein Freund Michael manchmal, als er noch in München wohnte. „Nach drei Tagen fangen sie an zu stinken“. Michael muss es wissen. Er ist Fischer. In seinem Haus in München türmten sich ständig die Gäste. Aber nach faulem Fisch hat es nie gerochen. Vermutlich ist keiner länger als drei Tage geblieben.
Am schlimmsten sind die „been-there-done-that„-Besucher. Du zeigst ihnen die Stadt, die du liebst, schleifst sie in deine Stammkneipe und bist stolz wie Oskar, so eine Metropole wie Montréal vorführen zu dürfen. Wenn du dich dann aber bei jedem Spaziergang gegen Vergleiche mit anderen Urlaubszielen wappnen musst („Den Hafen von Barcelona, DEN solltest du mal sehen!“ – „Wolkenkratzer? Dubai! Ich sage nur Dubai!“), ist das nicht nur anstrengend, sondern auch richtig nervig. Und irgendwo auch ein bisschen traurig. Das hat meine Stadt nicht verdient.
Am härtesten brachte es ein Besucher vom Bodensee. Kurz vor dem Höhepunkt der mehrstündigen Bopp’schen Sightseeing-Tour durch Montréal meinte der Gast aus Schwaben: „Asphalt trätta kanne dohoim au.“ Bei so einem Kommentar würdest du ihm gerne die Visitenkarte des Hotels an der Ecke in die Hand drücken – und dann mal tschüss. Bei unserem jüngsten Besuch aus Wien war das alles andere. Er kennt die schönsten Metropolen der Welt, isst gerne fein und gut. Und findet Montréal immer noch klasse.
Brücken, die zerbröseln. Unterführungen, von denen tonnenschwere Betonbrocken auf die Autobahn fallen. Schlaglöcher, die einen Omnibus verschlucken können. Und dazu noch ein Verkehrsministerium, das angeblich von der Mafia geschmiert wird. Manchmal frage ich mich, warum ich es schon so lange in dieser lebensgefährlichen Stadt aushalte.




Doch Veränderungen können anstrengend sein. Unser Haus wird seit zweieinhalb Monaten von einem Makler gelistet. Das Interesse ist groß. Aber, wie das so ist in Kanada: Es kommen viele Sehleute, die immer schon gerne gewusst hätten, wie der Korrespondent und seine Künstlergattin so leben. Das ist die Stunde der Schaulustigen. Und weil wir nicht gerne Zeuge dieser „showings“ sind und zu jedem Riss im Fensterkitt eine Erklärung abgeben möchten, verlassen wir eben unser Haus, wie es hier so üblich ist, wenn der Makler mal wieder mit Interessenten an der Tür steht. Aber: wohin nur? Meine Kreditkarte glüht. Im Kino reden Sie mich beim Vornamen an und unser Lieblings-Thailänder möchte uns gerne adoptieren. Das sind so die Dinge, mit denen wir uns in letzter Zeit herumschlagen.
Richtige Probleme sehen anders aus. Aber es gibt sie: Wohin mit den Möbeln aus einem Haus, wenn die künftige Bleibe aus einem großen Raum mit einem Badezimmer-Würfel in der Mitte besteht? Was nehmen wir mit, was geht zur Heilsarmee, was kommt in die Blockhütte? Und überhaupt: Was ist mit dem Klavier? Interessenten gibt es jede Menge dafür. Nur: Ich will nicht jedes Mal wehmütig an Musikabende denken müssen, wenn ich künftig Freunde besuche.
Neulich habe ich gelesen, dass Immobilienmakler jetzt immer häufiger Psychologiekurse belegen. Ich weiß jetzt warum. Offensichtlich sind wir nicht allein, wenn uns die Emotionen manchmal überwältigen. So ein Hausverkauf kann einem ganz schön die Seele durch den Fleischwolf drehen. Und trotzdem steht die Entscheidung fest: Raus aus dem Grünen, rein in die Großstadt. Das Laub, das sich im Herbst kniehoch auf unserem Grundstück stapelt, sollen künftig andere wegräumen. Und auch der Schneepflug, der die Einfahrt freischaufelt, geht schon bald nicht mehr auf unsere Rechnung. An Bewegung wird es mir hoffentlich trotzdem nicht mangeln: Mein Fitnessbedarf wird künftig im Pool der Dachterrasse abgedeckt, der zum Fabrikloft gehört, oder, wenn’s dann schon sein muss, auch in der Muckibude, gleich neben dem Yoga-Raum.