Plötzlich Filmschauspieler

Das ist die Geschichte eines Jungen, der nie davon geträumt hatte, in einem Film zu spielen. Irgendwann stand er dann doch vor der Kamera. Wochenlang. Der Film heißt „Silent Night“. Der Junge ist unser Sohn. Cassian war 14, als er sein Filmdebüt hatte. Heute feiert er seinen 24. Geburtstag.

Filmposter – Cassian r.

Der Anruf kam irgendwann im Sommer. Ob Cassian in den Krieg ziehen möchte. In einem Film. Im Deutschen Theater Montreal war eine Casting-Agentin auf ihn aufmerksam geworden. Cassian strahlt. “Krieg ist zwar schrecklich,” verkűndet der Spross, “aber Filmen ist super.” Wenn man vierzehn ist und von einem Mountainbike träumt, das mehr kostet als Vaters erster Döschwo, dann kann so ein Film-Krieg gar nicht lange genug dauern. So jedenfalls sieht es Cassian. Maggy sieht es auch so. Erwin auch. Und Harald ohnehin. Schauspieler, die es wissen müssen.

Mutter ist sich nicht sicher, ob so eine Filmrolle ins Leben eines Vierzehnjährigen passt. Auch Vater ist unschlüssig. Mutter liest das Drehbuch und hat Tränen in den Augen. Nur Cassian strahlt unter seiner Mähne hervor. Die Mähne! Die muss natűrlich jetzt runter. Das hatte schon die coole Blonde von der Casting-Agentur befohlen. Macht nichts, sagt Cassian. Film ist Film. Krieg ist Krieg. Und Haare wachsen wieder nach. Außerdem werde er seine friedliche Grundhaltung doch nicht für einen Film aufgeben. Auch wenn er demnächst als deutscher Kindersoldat im Fernsehen zu sehen sei. Cassian war zu jener Zeit noch Waldorfschűler. Da ist alles angesagt, nur kein Krieg.

„Man in Black“: Chauffeur und Bodyguard

Die Rolle in einem kanadischen Film hatte Cassian bekommen, weil er ein bisschen Theater-Erfahrung hatte, ziemlich deutsch aussieht und dazuhin fehlerfrei deutsch, englisch und französisch liest, spricht und schreibt. Außerdem kann er ganz gut Stille Nacht singen. Damit war schon mal eine der ergreifendsten Szenen des gleichnamigen Films gebongt.

Szenenfoto aus „Silent Night“ – Cassian 3.v.l.

In Kanada, wo Cassian mit seinen Eltern lebt, stehen vor jeder Schauspieler-Karriere fűnf Buchstaben: ACTRA. “Cassian braucht während der Dreharbeiten einen Schutzengel, eine Art Bodyguard”, bellt die Frau von der Schauspieler-Gewerkschaft in einem Ton, als wűrde sie sich am liebsten selbst um den Job bewerben. Außerdem brauche der Bub einen Privatlehrer am Set, weil er ja den Beginn des neuen Schuljahrs verpasst. Und natűrlich eine Limo mit Chauffeur. Von der Gage gehen 25 Prozent in einen Fond, “damit Ihr Eislauf-Eltern gleich gar nicht auf die Idee kommt, das Geld Eurer Kinder zu verprassen”, hat die Gewerkschafts-Funktionärin zwar nicht so gesagt. Aber todsicher gedacht.

Streifschuss? Davon hatte uns bisher keiner etwas erzählt

Der “Bodyguard” heißt Sven und sieht kaum älter aus als Cassian. Der Fahrer ist ein Man in Black, trägt viele Tattoos, Ohrringe und immer eine Sonnenbrille. Er fährt eine schwarze Limousine. Der Privatlehrer heißt Joel und war schon mal in Deutschland. Der Arzt, der Cassian fűr seine Filmtauglichkeit untersucht, will wissen, ob der Junge denn auch riskante Szenen zu spielen habe. “Streifschuss”, sagt die Producerin beiläufig. Davon hatte uns bisher keiner etwas erzählt.

Ein Sommertag, der heißeste des Jahres: Winter am Set. Aus Hängematten fallen dicke Schneeflocken. Vor jedem Blockhaus-Fenster steht ein Schnee-Mann und zieht auf Kommando am Strick. Beim Schűtteln schneit es Styroporflocken. Draußen hat es 31 Grad im Schatten.

Hilfe! Man hat unser Kind gestohlen!

Entrėe der műden Krieger. Cassian ist der Gefreite Peter Heinrich, ein blonder Wehrmachtssoldat mit Milchgesicht. Zu jung fűr den Krieg, zu alt fűr Tränen. Also schweigt er meistens. Schweigen wird im Film gut bezahlt: 1200 Dollar am Tag und mehr. Űberstunden extra. Das ist keine Statistenrolle. Richtig großes Kino. In den Drehpausen verschwindet der Gefreite Peter Heinrich mit dem Privatlehrer im Wohnwagen und büffelt Hausaufgaben. “Peter”, steht an der Trailer-Tűr. “Unser Kind heißt Cassian”, moniert der Film-Vater bei der Producerin. “Aber bei uns heißt Cassian eben Peter”, sagt die. Hilfe! Man hat unser Kind gestohlen!

Während der nächsten Wochen läuft unser Sohn zu disziplinarischer Höchstform auf. Kein Meckern, wenn der Wecker um fűnf klingelt. Kein Jammern, wenn die Dreharbeiten bis in die Nacht dauern. Der Fahrer mag hundeműde sein, der Schutzengel abgekämpft. Cassian ist fit und immer gut gelaunt.

Linda Hamilton

Linda Hamilton ist nicht ganz unschuldig daran. Sie spielt im Film die Hauptrolle. Und ein bisschen auch in Cassians Leben. „Wusstet ihr, dass Linda mit dem ‚Titanic‘-Regisseur verheiratet war, diesem James Cameron?“, fragt er beim Essen. Jetzt wussten wir’s. Und auch, wieviel Frau Hamilton von Herrn Cameron nach der Scheidung als Abfindung bekommen hatte. Vieeeel.

Irgendwann hat unsere Lokalzeitung von den Dreharbeiten Wind bekommen. Aufmacher mit Bild: „Cassian shines in Silent Night“. Die Verkäuferin im Supermarkt beglückwünscht die Filmmutter zum Erfolg des Sprosses. In Cassians Schule hängt der Zeitungsausschnitt am Schwarzen Brett. Im Radio spricht einer über „This talented local actor named Cassian.“ Im Zimmer unseres Sohnes stapeln sich langsam die Fahrrad-Prospekte. Und überhaupt rufen neuerdings ziemlich viele Mädels bei uns an.

Mit einem kleinen Teil der Filmgage erfüllt sich Cassian später einen Traum: Mit seinem brandneuen Mountainbike legt er den Alpencross zurück. Von München nach Italien. Von der Restgage zehrt Cassian noch heute.

Alle Jahre wieder kommt „Silent Night“ im Fernsehen

„Silent Night“ war der erste und einzige Film, in dem Cassian mitgespielt hat. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit kommt er im kanadischen Fernsehen. Wir sehen ihn fast immer. Und fast immer verdrücken wir eine Träne. Auch in anderen Teilen der Welt wird „Silent Night“ regelmäßig gezeigt. Neulich bekam Cassian Post von einem Mädchen aus Malaysia. Es wollte ein Autogramm. Eine Karriere als Filmschauspieler hat Cassian übrigens nie angestrebt. Das finden wir toll. Arbeitslose Tom Cruises gibt es genug.

Dass er überhaupt die Chance hatte, in einem Film mitzuspielen, ist einem befreundeten Schauspieler namens Harald Winter zu verdanken. Der hatte Cassian damals für die Rolle vorgeschlagen.

Danke, Harald. Und: Happy Birthday, Cassian!

Den Link zum Film gibt’s   >> H I E R <<

Meine Freunde, die Indianer

Der kanadische Indianer: Er ist rot. Er ist stark. Er ist stolz. Und blitzgefährlich. Falsch. Die meisten Indianer, die ich kenne, sind weder rothäutig noch besonders stark, allenfalls korpulent. Stolz: Vielleicht. Blitzgefährlich: Bestimmt nicht. Und wieder stirbt ein Klischee am Marterpfahl der Geschichte.

Meine erste Begegnung mit einem Indianer fand in der Druckerei einer Zeitung in Winnipeg/Manitoba statt, für die ich damals arbeitete. Jimmy Mah hatte an einem druckfreien Tag auf dem Lehmboden ein Lagerfeuer gemacht und eine frisch geschossene Ente gegrillt. Als Karl-May-Leser dachte ich immer, dass alle Indianer auf dem Pferd daher geritten kämen und bei der Begrüßung „Hugh, Weißer Bruder!“ sagten. Jimmy sagte einfach „Hi“.

Spätestens seit dieser skurillen Begegnung mit Jimmy Mah hatte ich ein Herz für Indianer. Und auch für Metis und Inuit, die ich erst später kennen lernte. Inuit hießen übrigens damals noch Eskimos. Das bedeutet „Rohfleischfresser“ und gilt heute als politisch inkorrekt.

"Tobacco Road" in Kanesatake

Indianer gehören inzwischen zu meinem Alltag. Auf der gegenüberliegenden Seeseite von uns liegt das Reservat Kanesatake. Dort leben etwa 1700 Mohawk-Indianer. Sie haben eine eigene Radiostation, eine eigene Zeitung und eine Polizeieinheit, die Mohawk Peace Keepers. Vor allem aber haben sie einen sehr ausgeprägten Geschäftssinn. Sie verkaufen preisgünstige Zigaretten, die „Natives“ oder „American Blend“ heißen. Zollfrei und steuerfrei – ein Status, der ihnen vom Gesetz her zusteht.

Genau genommen dürfen Ureinwohner zoll- und steuerfreie Produkte nur an andere Ureinwohner verkaufen. Doch in den Buden entlang der Hauptstraße von Kanesatake sind die meisten Kunden Weiße aus der Umgebung. Mehr als zwei Dutzend solcher Holzhütten stehen an der Landstraße, die hier „Tobacco Road“ heißt. Dort blinken schrille Neonlichter wie im Rotlichtviertel. Aus meterlangen Plastikrohren qualmt es wie aus überdimensionalen Zigaretten. Und die Polizei schweigt.

Mohawk-Aufstand 1990

Die Peace Keepers der Mohawks werden einen Teufel tun, sich in das illegale Geschehen einzumischen. Und die Québecker Polizei ist ein wenig ratlos im Umgang mit den Tabakhändlern. Hin und wieder wird mal ein Strafzettel verteilt. An weiße Kunden. Nicht an indianische Verkäufer.

Im Sommer 1990 ging es in Kanesatake heiß her. Wir waren ziemlich neu hier. Bei Tag und Nacht flogen Militärhubschrauber über unser Haus. In Kanesatake waren Unruhen ausgebrochen. Die benachbarte – weiße – Gemeinde Oka wollte ihren Golfplatz erweitern. Die Löcher sollten auf Indianer-Land liegen. Das ließen sich die Mohawk nicht gefallen und verteidigten ihren Grund und Boden.

Ein Indianer griff zur Waffe und erschoss einen Polizisten. Seither gelten die Indianer wieder bei manchen Kanadiern als gefährlich. Dabei haben sie lediglich ihr Hausrecht wahrgenommen. Leider mit tödlichem Ausgang.

Besuch beim Onkel in Kanada

Besucher waren bei uns schon immer ein Thema für sich. Wer in einer Stadt wie Montréal lebt, muss sich über mangelnde Gäste nie beklagen. Manchmal wird es den Gastgebern zu viel. Es gab Zeiten, da musste das „Hotel Bopp“ wegen Überfüllung geschlossen werden. Jetzt hatten wir wieder einen Besucher. Den hätten wir gerne adoptiert.

„Besucher sind wie Fische“, sagte mein Freund Michael manchmal, als er noch in München wohnte. „Nach drei Tagen fangen sie an zu stinken“. Michael muss es wissen. Er ist Fischer. In seinem Haus in München türmten sich ständig die Gäste. Aber nach faulem Fisch hat es nie gerochen. Vermutlich ist keiner länger als drei Tage geblieben.

„Hotel Bopp“ bis auf weiteres geschlossen

Es gab ein Jahr, da hatten wir zwischen April und Oktober eine Woche lang KEINEN Besuch. Der Rest war belegt. Inzwischen bin ich vorsichtiger geworden, ehe ich Einladungen ausspreche. Schließlich leben wir nicht nur in diesem Haus. Wir arbeiten auch hier. Essen, trinken, arbeiten und Gäste bewirten – ein schwer verdaulicher Partymix.

Kleines Gepäck - große Freude

Seitdem wir mit Einladungen selektiver vorgehen, genießen wir Besucher wieder mehr. Eben war mein Neffe aus Wien für drei Tage hier. Auf dem Rückweg von einer Geschäftsbesprechung in Chikago machte er noch einen kleinen Abstecher beim Onkel in Kanada. Solche Besucher liebe ich: Er erwartet kein ausgedrucktes Besucherprogramm, besorgt sich die Biermarke seines Herzens selbst und ist ein aufmerksamer, liebevoller Gast. Interessant und interessiert. Er muss das Gute-Gäste-Einmaleins von der großen Schwester abgeschaut haben. Auch sie beherscht es aus dem Effeff und hatte, nebst Anhang, den Besucher-Sommer 2011 mit großem Erfolg eingeläutet.

Plözlich lernst du deine Stadt neu kennen

Das schönste an solchen Besuchern: Du lernst die Stadt, in der du lebst, aus einer völlig neuen Sichtweise kennen. Plötzlich findest du die Kellnerinnen nicht mehr ganz so unaufmerksam und die Montréaler Hinterhöfe nicht mehr gar so schmuddelig. Wenn du einen Gast hast, der viel in der Welt unterwegs ist, relativiert sich selbst der letzte Dreck.

Am schlimmsten sind die „been-there-done-that„-Besucher. Du zeigst ihnen die Stadt, die du liebst, schleifst sie in deine Stammkneipe und bist stolz wie Oskar, so eine Metropole wie Montréal vorführen zu dürfen. Wenn du dich dann aber bei jedem Spaziergang gegen Vergleiche mit anderen Urlaubszielen wappnen musst („Den Hafen von Barcelona, DEN solltest du mal sehen!“ – „Wolkenkratzer? Dubai! Ich sage nur Dubai!“), ist das nicht nur anstrengend, sondern auch richtig nervig. Und irgendwo auch ein bisschen traurig. Das hat meine Stadt nicht verdient.

Und wenn dein Besucher dann, Blick nach unten gerichtet, völlig unenthusiastisch hinter dir her trottet, nachdem du ihm gerade den höchsten Wolkenkratzer deiner Stadt vorgeführt hast, dann reicht’s irgendwann. Am härtesten brachte es ein Besucher vom Bodensee. Kurz vor dem Höhepunkt der mehrstündigen Bopp’schen Sightseeing-Tour durch Montréal meinte der Gast aus Schwaben: „Asphalt trätta kanne dohoim au.“ Bei so einem Kommentar würdest du ihm gerne die Visitenkarte des Hotels an der Ecke in die Hand drücken – und dann mal tschüss. Bei unserem jüngsten Besuch aus Wien war das alles andere. Er kennt die schönsten Metropolen der Welt, isst gerne fein und gut. Und findet Montréal immer noch klasse.

Danke, mein Neffe! Können wir dich adoptieren?

Wir leben hier gefährlich!

Foto: GazetteBrücken, die zerbröseln. Unterführungen, von denen tonnenschwere Betonbrocken auf die Autobahn fallen. Schlaglöcher, die einen Omnibus verschlucken können. Und dazu noch ein Verkehrsministerium, das angeblich von der Mafia geschmiert wird. Manchmal frage ich mich, warum ich es schon so lange in dieser lebensgefährlichen Stadt aushalte.

Dabei gehört  Montréal zu den sichersten Großstädten dieser Welt. Es gibt keine Straße, keine Ecke, keine Bar, in die ich meine besten Freunde auch morgens um drei noch bedenkenlos hinschicken würde. Was die Stadt meines Herzens so blitzgefährlich macht, sind nicht die Bars. Es sind die Brücken und Unterführungen.

Schöner Wohnen ist anders: Abgerissene Geländer, durchgerostete Eisengitter

Pont Champlain - Foto: Gazette

Wenn die größte Zeitung einer Dreieinhalb-Millionenstadt auf der Titelseite mit zwölf Fotos von verrotteten Brücken aufmacht, dann ist irgendetwas verkehrt. Aber genau das ist heute der Fall. Brücken mit abgerissenem Geländer. Unterführungen, von deren Decken Rostgitter aus dem brüchigen Beton herunter hängen – schöner wohnen ist anders. Insgesamt 35 Brücken und Unterführungen sind in derart kritischem Zustand, dass selbst die sonst eher betuliche Montreal Gazette Alarm schlägt: „Hier lebt sich’s gefährlich“.

Wenn schon als Held sterben, dann lieber bei einer Grizzly-Attacke

Foto: QMI

Einige der Brösel-Brücken kenne ich nur zu gut. Auf dem Weg vom Land in die Stadt befahre ich sie oft mehrmals in der Woche. Nicht erst seit heute beschleicht mich dabei ein mulmiges Gefühl. Wenn schon als Held sterben, dann bitte nicht unter einer zerbröckelten Unterführung. Eher schon als Unterlegener einer Grizzly-Attacke in den Rocky Mountains. Der Grund für das Brücken-Fiasko ist zum einen mangelnde Kohle. Seit heute wissen wir noch mehr: In einem bisher geheim gehaltenen Untersuchungsbericht, den Radio Canada jetzt aufgetan hat, werden Mafia und Hells Angels eng mit den politischen Entscheidungsträgern in Verbindung gebracht.

Foto: Safe Montreal

Dass viele der großen Bauunternehmen in Montréal von der Mafia betrieben werden, ist ein offenes Geheimnis. Selbst die Verzögerung beim Bau des Olympiastadion, das 1976 erst halbfertig war, als die Queen zur Eröffnung der Spiele durch den Matsch waten musste, ist inzwischen auf Erpressungs-Taktiken der Mafia zurückgeführt worden. Motto: Termineinhaltung nur gegen Extra-Kohle. „Kickbacks„, heißt diese Art von Schmieren auf Englisch. Kickbacks hatte es ganz offensichtlich auch bei der Ausschreibung von Projekten wie Brücken, Straßen und Unterführungen gegeben. Radio Canada behauptet: Die Unterwelt habe es verstanden, einige Verantwortliche in den zuständigen Ministerien zu schmieren, so dass der Auftrag organisierten Verbrecherbanden wie der Mafia zufiel. Und was sagt unsere Regierung dazu: „Faule Äpfel gibt es immer wieder“, meinte der Verkehrsminister. Außerdem bedauerte er „zutiefst“, dass der Report vorzeitig an die Öffentlichkeit gelangt ist.

Wobei noch immer nicht die Frage beantwortet wäre, was die Mafia-Connection mit der lausigen Bauweise zu tun hat. Meine Meinung? Vielleicht ist einfach nicht immer genug geschmiert worden und die Baufirmen rächten sich für die Knausrigkeit mit mangelnder Qualität.

Fakt ist, dass wir heute mit den Sünden von damals leben müssen. Oder auch nicht.

Wir krempeln unser Leben um

Der Luxus des Alters: Kind aus dem Haus und gut versorgt. Wir haben die Wahl: Bleibt alles wie’s war? Satteln wir die Harley und lassen es noch einmal richtig krachen? Oder machen wir künftig einen auf klein, aber fein? Wir haben uns für diese Variante entschieden. Unser Haus im Grünen steht nach 24 Jahren zum Verkauf. Wir ziehen in die Stadt. Landleben gegen Loft. Nur: Wie erklären wir unseren Freunden, dass „downsizen“ nichts mit „verarmen“ zu tun hat?

„Brauchst du Geld?“ Diese Frage höre ich in letzter Zeit öfter. Gut gemeint, aber gewöhnungsbedürftig, wenn man als 62-Jähriger mit einem gelebten Leben gefragt wird, ob man ihm ein paar Taler zuschieben soll. Die Wahrheit ist: Danke, uns geht es gut. Die Entscheidung, unser Traumhaus nach 24 Jahren zu verkaufen und dafür in ein schickes Fabrikloft im Montréaler Stadtteil St. Henri zu ziehen, treffen wir nicht aus Geldnot. Wir wollen unser Leben verändern.

Gut gelebt und viel gefeiert: Wir haben uns den Traum vom eigenen Haus erfüllt

Margas 90. Geburtstag

Jeder Traum geht irgendwann zu Ende. Und ein Traum war es für uns damals, ein eigenes Haus mit einem großen Garten zu besitzen. Diesen Traum haben wir uns vor 24 Jahren erfüllt. Das Haus hat jede Menge Zimmer, eine Einliegerwohnung, einen Wintergarten, eine überdachte Frühstücksterrasse, vier Bäder und eine Sauna mit Whirlpool. Der Garten: 4000 qm mit Wald, Wiese und einem kleinen Teich. Hier haben wir gearbeitet, ein Kind großgezogen, dazu zwei Katzen und einen Hund. Wir haben Freunde empfangen, Zauber-Abende und Jam-Sessions veranstaltet. Und ein Gartenfest zum 90. Geburtstag unserer Freundin Marga ausgerichtet, vom dem noch heute das halbe Dorf spricht. Vor allem aber haben wir hier gelebt. Gut gelebt.

Palma, wir kommen!

Und weil wir auch künftig gerne gut leben möchten, ohne die Arbeit und Verantwortung, die so ein großes Haus mit sich bringt, verkleinern wir uns. Mit einer pflegeleichten Stadtwohnung – Tür zu, Schlüssel umdrehen und weg – können wir noch mehr reisen als bisher. Vielleicht auch mal für fünf, sechs Monate in einem anderen Land leben und trotzdem noch arbeiten. Das Internet macht’s möglich. Drei Generalproben verliefen wunderbar: In einer schnuckeligen Wohnung in der Altstadt von Palma de Mallorca haben wir uns jetzt schon mehrfach im Winter einquartiert. Von minus 20 Grad in Montréal ins plus 20 Grad warme Mallorca – ein Traum. Der Blick beim Frühstück auf die Plaza de la Reina, hinüber zur Kathedrale, hinunter zum Meer – Wahnsinn! Life is beautiful.

Das ist die Stunde der Schaulustigen: Mal kucken, wie die Nachbarn leben

Doch Veränderungen können anstrengend sein. Unser Haus wird seit zweieinhalb Monaten von einem Makler gelistet. Das Interesse ist groß. Aber, wie das so ist in Kanada: Es kommen viele Sehleute, die immer schon gerne gewusst hätten, wie der Korrespondent und seine Künstlergattin so leben. Das ist die Stunde der Schaulustigen. Und weil wir nicht gerne Zeuge dieser „showings“ sind und zu jedem Riss im Fensterkitt eine Erklärung abgeben möchten, verlassen wir eben unser Haus, wie es hier so üblich ist, wenn der Makler mal wieder mit Interessenten an der Tür steht. Aber: wohin nur? Meine Kreditkarte glüht. Im Kino reden Sie mich beim Vornamen an und unser Lieblings-Thailänder möchte uns gerne adoptieren. Das sind so die Dinge, mit denen wir uns in letzter Zeit herumschlagen.

Richtige Probleme sehen anders aus. Aber es gibt sie: Wohin mit den Möbeln aus einem Haus, wenn die künftige Bleibe aus einem großen Raum mit einem Badezimmer-Würfel in der Mitte besteht? Was nehmen wir mit, was geht zur Heilsarmee, was kommt in die Blockhütte? Und überhaupt: Was ist mit dem Klavier? Interessenten gibt es jede Menge dafür. Nur: Ich will nicht jedes Mal wehmütig an Musikabende denken müssen, wenn ich künftig Freunde besuche.

Raus aus dem Grünen, rein in die Stadt:  Eine Achterbahn der Gefühle

Neulich habe ich gelesen, dass Immobilienmakler jetzt immer häufiger Psychologiekurse belegen. Ich weiß jetzt warum. Offensichtlich sind wir nicht allein, wenn uns die Emotionen manchmal überwältigen. So ein Hausverkauf kann einem ganz schön die Seele durch den Fleischwolf drehen. Und trotzdem steht die Entscheidung fest: Raus aus dem Grünen, rein in die Großstadt. Das Laub, das sich im Herbst kniehoch auf unserem Grundstück stapelt, sollen künftig andere wegräumen. Und auch der Schneepflug, der die Einfahrt freischaufelt, geht schon bald nicht mehr auf unsere Rechnung. An Bewegung wird es mir hoffentlich trotzdem nicht mangeln: Mein Fitnessbedarf wird künftig im Pool der Dachterrasse abgedeckt, der zum Fabrikloft gehört, oder, wenn’s dann schon sein muss, auch in der Muckibude, gleich neben dem Yoga-Raum.

Und doch kommen sie jetzt immer öfter, die nostalgischen Momente, wenn mal wieder ein potenzieller Käufer vor unserer Haustür steht. „Es sind doch nur ein paar Wände mit einem Dach drüber“, tröstet mich Lore, wenn ich mal wieder wehmütig an den Verkauf denke. Stimmt. Aber genau diese Wände mit dem Dach drüber waren es, die aus unserem Haus ein Heim gemacht haben.