Geständnis kurz vor Amsterdam

Nach fünf Stunden Smalltalk kommt mein Sitznachbar endlich zur Sache. Man könnte auch sagen: Eine Stunde vor der Landung in Schiphol knickt er ein: Kanadische Umweltpolitik? Katastrophe! Wirtschaftspolitik? Schrecklich! Gesundheitswesen? Völlig überfordert! Schulpolitik: Hinterwäldlerisch. Gesamturteil: „Wir haben zurzeit die schlechteste Regierung der kanadischen Geschichte“. Stammtischparolen? Nicht wirklich. Der Mann ist Wirtschaftswissenschaftler und arbeitet für die Regierung in Ottawa.

Dass mein Nebensitzer im Flugzeug für diese desaströse Bestandsaufnahme seine (nicht mitreisende) Ehefrau als Zitatgeberin heranziehen musste, sei ihm verziehen: Der Herr am Fenster steht bei genau dieser Regierung, an der er kein gutes Haar lässt, in Lohn und Brot. Als Ökonom ist er Mitglied eines Thinktanks und für kanadische Förderprojekte in den Westprovinzen Manitoba, Saskatchewan, Alberta und British Columbia zuständig.

Wenn der Sitz im Flieger zum Beichtstuhl wird

Auf Langstreckenflügen geht es schon mal ins Eingemachte. Da werden Kinder über den grünen Klee gelobt („Also der Alex, der ist jetzt zum dritten Mal hintereinander Schulsprecher geworden, wohlgemerkt SCHULsprecher, nicht zu verwechseln mit dem Klassensprecher!“) Oder die Schwiegermutter wird der Flugangst bezichtigt („Sonst würde ich sie gerne mal auf Geschäftsreise mitnehmen“). Ab und zu passiert es, dass man sich mit Mitreisenden anfreundet. Oder dass über den Wolken politisiert wird auf Teufelkommraus.

So wie jetzt beim jüngsten Transatlantikflug. Mein Nebensitzer, gebildet, Doktortitel, weltgereist, patent, leise, ziert sich zunächst, auf meine Seitenhiebe gegen die Regierung in Ottawa einzugehen. Den Konservativen seien die Hände gebunden, sagt er, die hätten von der liberalen Vorgänger-Regierung ein riesiges Schuldenpaket übernommen. Und überhaupt: So einen schlechten Job mache Premierminister Harper, sein Chef also, nun auch wieder nicht.

Der Mann an meiner Seite ist ein schlechter Lügner

Irgendwann, nach fünf Stunden Schönwettergeplänkel, platzt es aus ihm heraus. Er dürfe seinen Arbeitgeber zwar nicht in die Pfanne hauen. Aber er sei sich mit seiner Frau eigentlich immer einig. Und die werde nicht müde zu sagen, was für eine jämmerliche Politik da zurzeit in Ottawa Politik gemacht. Der Ausstieg aus Kyoto habe Kanada umweltpolitisch um Lichtjahre zurückgeworfen. Unfassbar, wie ein Umweltminister diese Entscheidung treffen könne, der früher, als Fernsehjournalist, vor der sich damals schon abzeichnenden Erderwärmung warnte und mit dem Kyoto-Ausstieg dann genau das Falsche tat. Und dass Kanada, die Wiege von Greenpeace, gerade mal eine einzige grüne Abgeordnete im Parlament habe, sei ein Skandal.

Lehrer: Gut gemeint, schlecht motiviert

Nur: Wo anfangen mit der Bewusstseinsbildung bei den Leuten? In den Schulen natürlich. Leider arbeiten dort, so mein Sitznachbar, zwar engagierte, aber oft schlecht ausgebildete und entsprechend schwach motivierte Lehrer. Was wiederum an den finanziellen Möglichkeiten der Provinzen liege, die für das Schulwesen in Kanada zuständig sind.

Und jetzt noch Stephen Harpers zögernde Haltung zu Europa: Entwicklungshilfe sei für arme Länder. Reiche Staaten bräuchten kein Almosen, sagte er neulich in einem CBC-Interview. Illoyaler geht’s nicht.

Die Kinder fragen: „Warum bist du noch dabei?“

Seine Kinder, gestand mir mein Nebensitzer, würden ihn immer wieder fragen, warum er, der Wirtschaftswissenschaftler mit britischem Hochschulabschluss, angesichts dieser politischen Entscheidungen der Regierung Harper noch immer die Stange halte. Ja, warum eigentlich? „Weil mir der Job trotz allem Spaß macht“, sagt mein Mitflieger. Und weil er die Hoffnung noch immer nicht aufgegeben habe, er könne etwas bewegen und die Regierung in Ottawa werde doch noch zur Vernunft kommen.

Wenn schon nicht die Regierung, dann zumindest die Wähler. Die nächsten Wahlen sind erst in drei Jahren. Leider.

 

“Oh, You Piece of Shit!”

Nein, es war nicht die feine kanadische Art: „Oh, You piece of shit!“, brüllte der Liberale Abgeordnete Justin Trudeau den Konservativen Umweltminister Peter Kent an, als dieser im Parlament jetzt den Ausstieg Kanadas aus dem Kyoto-Protokoll verteidigte.

Trudeau Senior

P. Trudeau

Ganz überraschend kam er nicht, der Wutausbruch des Montréaler Liberalen, der den Umweltminister doch glatt „Ein Stück Scheiße“ nannte. Sowas kannte man schon von Justins Vater, dem legendären Premierminister Pierre Elliot Trudeau. Der schrie während seiner langen Amtszeit einem Abgeordneten einmal ein unüberhörbares „Fuck you!“ ins Gesicht. Und schwächte hinterher ab, man werde doch wohl noch „Fuddleduddle“ sagen dürfen. Auch dass Trudeau Senior Demonstranten kurz mal den Mittelfinger zeigte, ist in kanadischen Geschichtsbüchern nachzulesen.

Überraschend ist allenfalls die Tatsache, dass die meisten Kanadier die Attacke Justin Trudeaus gegen den Umweltminister richtig gut finden. In Talkshows und Leserbriefen wurde zwar die deftige Wortwahl des jungen Wilden kritisiert. Den Umweltminister für seinen Kyoto-Ausstieg abzustrafen, finden jedoch die meisten völlig in Ordnung.

Feige, peinlich und unehrlich: So verdreht Ottawa die Wahrheit

Skandalös ist nicht nur der Kyoto-Ausstieg selbst, sondern auch die feige Art und Weise, wie die konservative Regierung unter Stephen Harper in Ottawa jetzt damit umgeht. Als die sozialdemokratische Abgeordnete Megan Leslie Umweltminister Peter Kent für seine Pro-CO2-Haltung in Südafrika angriff, schoss der zurück: „Wären Sie doch mit nach Durban gefahren, dann könnten Sie jetzt mitreden“. Unfassbar. Dabei hatte die Opposition bei der kanadischen Harper-Regierung ausdrücklich beantragt, die Umweltpolitikerin mit nach Durban zu schicken. Der Antrag wurde niedergeschmettert.

Bravo, Grüne!

Fairerweise muss man allerdings sagen, dass es allen Abgeordneten freigestanden wäre, auch ohne das Plazet der Regierung in Durban dabei zu sein. Die einzige Grünen-Abgeordnete im Parlament hat vorgemacht, wie es geht: Elizabeth May ist einfach auf eigene Kosten nach Südafrika gereist. Und hat vor Ort demonstriert.

A P P L A U S !!!!

Kanada lässt mich verzweifeln

Manchmal könnte ich Kanada glatt an die Wand nageln. Da passieren Dinge, die überfordern einfach meinen Verstand. Es darf doch nicht wahr sein, dass das zweitgrößte Land der Erde seine Teilnahme an der Expo 2012 in Südkorea abgesagt hat! Und damit bewusst darauf verzichtet, sich in einem wunderschönen Schaufenster zu präsentieren. Dafür degradiert man sich lieber vor den Augen der Welt zum Armenhaus.

Dampf ablassen, Teil I: Keine Kohle für die Weltausstellung

Der Grund für den Rückzieher? Kohle natürlich. Dabei hätte der Pavillon in Yeosu gerade mal 10 Millionen Dollar gekostet. Peanuts für ein Land, das wirtschaftlich am besten von allen G8-Nationen dasteht.

Kleinkariert: Premier Harper

Aber irgendwo müssen die 11 Milliarden ja eingespart werden, die Mister Harper bisher in Afghanistan verbuddelt hat. Und die 60 Millionen für Libyen auch. Und der Fünfeinhalb-Millionen-Dollar-Zaun, mit dem Demonstranten vom G8-Treffen in Toronto ferngehalten werden sollten. Nicht zu vergessen: Auch die Summe, die nötig ist, um Fregatten, Uniformen, Flugzeuge, Panzer und Briefpapier neu zu bepinseln und zu bedrucken, muss irgendwo eingespart werden. Unserem genialen Verteidigungsminister Peter McKay kam während der Sommerpause des Parlaments nämlich eine glorreiche Idee: Der Name fürs Militär wird geändert. Aus den Canadian Forces werden jetzt die Royal Canadian Air Force und die Royal Canadian Navy. Superwichtig! Vor allem aber superteuer. Übrigens gibt es bisher nur noch eine andere Nation, die ihre Teilnahme an der Weltausstellung aus Kostengründen zurückgezogen hat: Griechenland. Noch Fragen?

Dampf ablassen, Teil II:  48 Stunden Wartezeit in der Notaufnahme

Zwanzig Stunden warten Patienten im Durchschnitt, bis sie in den Notaufnahmestationen der Montréaler Krankenhäuser einen Arzt zu Gesicht bekommen. Eben höre ich auf CBC: 84 Menschen sitzen in dieser Sekunde seit mehr als 48 Stunden in den Emergency-Wartezimmern der Stadt, ohne behandelt worden zu sein. Aber es ist Hoffnung in Sicht:

Notfall Notaufnahme

Der Gesundheitsminister hat sich felsenfest vorgenommen, endlich die Wartezeiten zu reduzieren. Von 20 Stunden auf 12. Versprochen! Allerdings erst bis zum Jahr 2015. Kleines Schmankerl am Rande: Die „Montreal Gazette“ triumphierte vor ein paar Tagen mit der Schlagzeile: „Canada’s Health System Rocks!“ Das war kein Witz. Die Zeitung war wirklich der Meinung, das kanadische Gesundheitssystem sei Spitze. Wie kommt’s? Weil man sich in Kanada gerne mit den Losern vergleicht und nicht mit den Siegern. In diesem Fall hatte ein Gazette-Redakteur ausgerechnet das US-Gesundheitssystem auf den Prüfstand gestellt. Mein Gott, geht’s uns gut! Übrigens rechnete neulich ein anderer Journalist vor: In Afghanistan ist die ärztliche Betreuung in den Notaufnahmestationen der Hospitäler effizienter als in Kanada. Wäre nicht schlecht gewesen, wenn Mr. Harper erst einmal im eigenen (Kranken-)Haus für Ordnung gesorgt hätte.

Dampf ablassen, Teil III:  Mit dem Wasserschlauch gegen die Trauer

Trauer: Ex und hopp

Blog-Leser wissen es längst: In der vergangenen Woche ist Jack Layton gestorben. Er war – nicht nur meiner Meinung nach – der größte Politiker, den Kanada je hervorgebracht hat. „Smiling Jack“ wurde nur 61. Krebs. Die Reaktionen, die Laytons Tod von Küste zu Küste ausgelöst haben, waren phänomenal. Tausende standen stundenlang Schlange, um seinen Sarg zu berühren.  In Leserbriefen und Talkshows wird seit Tagen die Einzigartigkeit dieses ungewöhnlichen Mannes gepriesen. Am Fuße des Mont Royal stapelten sich schon wenige Stunden nach Laytons Tod Blumensträuße, Gedichte, handgemalte Posters und Kränze. Hunderte von Kerzen brannten. Menschen, die Jack Layton noch nie begegnet sind, sangen dessen Lieblingssongs zur Gitarre. Den ganzen Tag und einen Abend lang. Und was macht die Stadt Montréal? Rückt schon am nächsten Morgen um acht mit dem Spritzenwagen an und pustet alle Layton-Memorabilien weg. Es habe „ein bisschen schmuddelig“ ausgesehen, meinte der Pressesprecher der Stadtreinigung später.

Dampf ablassen, Teil IV:  Stromausfälle wie in Timbuktu

Während ich diese Zeilen schreibe, toben draußen die Ausläufer von Irene. Die Lichter flackern, zweimal schon ist mir der Rechner abgestürzt. Ich bin fast sicher: ein Stromausfall steht unmittelbar bevor. Hoffentlich nicht so schlimm wie 1998.

Eissturm '98: Nichts gelernt

Damals mussten hier Millionen Menschen tagelang, manche sogar wochenlang, im Dunkeln ausharren. Bei einem verheerenden Eissturm waren Elektromasten eingeknickt und Überlandleitungen gerissen. „Wird nie wieder passieren!“, tönte der staatliche Energieversorger Hydro Québec seinerzeit. Also butterte die Regierung zur Stabilisierung des Energie-Versorgungsystems ein paar Milliarden in das Unternehmen. Das war vor 13 Jahren. Und jetzt? Alle paar Monate sitzen wir garantiert für ein paar Stunden, manchmal auch länger, im Dunkeln. Die Überlandmasten sind bis heute nicht durch unterirdische Kabel ersetzt worden. Eisstürme gibt es immer noch. Und jetzt zu allem Übel noch ein Hurrikan namens Irene. Dann mal gute Nacht.

Wie gesagt: Manchmal könnte ich an Kanada verzweifeln. Aber vielleicht muss man ja auch nicht immer alles verstehen. Auch dann nicht, wenn man etwas lieb hat.