Wanderung ans „Ende der Erde“

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Was fühlt ein Mensch, der gerade 750 Kilometer zu Fuß hinter sich gebracht hat? Ich weiss es nicht. Aber der Sohn weiss es. Er ist heute am Ende seiner Pilgerreise durch Spanien angekommen. Er hat den Jakobsweg erwandert und noch ein bisschen mehr. Und er fühlt sich großartig.

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Weil er fast fünf Wochen lang stets ein wenig zu forsch unterwegs war, ist er früher als geplant in Santiago de Compostela eingetroffen, der eigentlichen Endstation des Jakobswegs. Und da sein Flieger nach Kanada erst am Montag geht, ist er einfach noch drei Tage weiter gelaufen, bis ans Ende der Erde. So heißt die deutsche Übersetzung von Finister. Ein Küstenort am Atlantik, nördlich der portugiesischen Grenze.

33 Tage, manchmal 25, manchmal 35 Kilometer. Ohne einen Tag Ruhepause. Bei Regen und Wind, bei 40 Grad Hitze und 8 Grad Kälte. Durch Täler und über Gebirgszüge. Das Ganze mit weniger als 10 Kilo Gepäck auf dem Rücken – so wenig und doch so viel.

Ich bin mit gewandert. Mit Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg„. Alles, wirklich alles, was Kerkeling schreibt, hat auch der Sohn so empfunden, erlebt, verspürt, schnarchvolle Massenschlafsäle inklusive. Dabei hat er das Buch nie gelesen.

Die Wanderung auf dem Jakobsweg wurde zur Reise seines 25jährigen Lebens. Er sei glücklich und zufrieden, schwärmt der Sohn am Telefon. Und auch stolz darauf, das Ziel erreicht zu haben.

Zu viele Eindrücke, um sie per Handy zu vermitteln. Keine einzige Blase an den Füßen. Dafür ab Muskelpakete an den Waden. Und vielleicht auch im Kopf. In 33 Tagen hat man viel Zeit zum Nachdenken.

Er hat Freundschaften geschlossen und eine neue Art der Bescheidenheit gelernt. Er war allein von Montréal nach Madrid geflogen und dann weiter mit dem Bus nach Pamplona gereist. Nur er und sein Rucksack. Jetzt ist sein Pilgerpass voll mit Stempeln von all den Herbergen und Klöstern, in denen er übernachtet hat. Und sein Kopf voller Eindrücke.

Schon am ersten Tag hat er Menschen getroffen, die ähnlich ticken wie er. Mit ihnen ist er meistens, aber nicht immer gewandert. In einer kleinen Gruppe. Ein älterer Mann war dabei, mit seiner 23jährigen Nichte. Der Onkel hatte seine Frau durch Krebs verloren. Vor ihrem Tod hatte er ihr versprochen, mit der Nichte zusammen den Jakobsweg zu wandern.

Manche in der kleinen Gruppe wurden krank. Sie hatten sich mit spanischem Essen den Magen verdorben oder mussten wegen entzündeter Blasen an den Füßen behandelt werden. Sie hätten ihn „den Jungen mit den goldenen Füßen“ getauft, erzählt der Sohn.

Am Montag kommt unser Golden Boy nach Montréal zurück. Er wünscht sich Schnitzel mit Kartoffelsalat.

Jakobsweg: Ich bleib dann mal hier.

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Irgendwo zwischen Foncebadón und El Acebo, mitten in der kantabrischen Bergwelt, lädt ein schnuckeliges kleines Restaurant namens „Taverna de Gaia“ zum Verweilen ein. Es regnet in diesem Teil Spaniens und Montréal ist weit, weit weg. Der Sohn ist vor genau einer Woche losgezogen, um auf dem Jakobsweg von Pamplona nach Santiago de Compostela zu pilgern. Er ist dann mal weg und ich bin hier.  Aber dank Hape Kerkelings genialem Pilger-Tagebuch reise ich jede Etappe mit. Und bin tierisch neidisch, dass ich nicht dabei sein kann.

„Kleine Kinder, kleine Sorgen. Große Kinder, große Sorgen“. Der Kalenderspruch meiner früheren Vermieterin holt mich in diesen Tagen ein. Wird er heute ein Nachtlager finden, oder muss er auf der Straße schlafen? Sind die Mitwanderer tatsächlich so harmlos und freundlich wie Kerkeling sie in seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ beschreibt? Und überhaupt: Was ist mit den wilden Hunden, die in der Sommerhitze umherstreunen? Bestimmt sind sie total scharf auf 25jährige blonde Jungs aus Kanada.

Spanien. Immer wieder Spanien.

Ein komisches Gefühl ist es schon, den Sohn in einem Teil der Welt zu wissen, der in meinem Leben schon immer eine wichtige Rolle gespielt hat. In Spanien war meine erste große Liebe zu Hause, die in meinem Dorf als Au-Pair gearbeitet hat und die ich als Sechzehnjähriger per Anhalter in einem kleinen Nest an der portugiesischen Grenze besucht habe. Meine erste Gitarre hatte ein Orgelbauer von Spanien nach Ummendorf transportiert, wie mir mein Vater glaubhaft versicherte. Nach Spanien hat es mich als Erwachsener in den Strandurlaub verschlagen. Seit fünf Jahren verbringen wir auf der spanischen Mittelmeerinsel Mallorca Teile des Winters. Und jetzt also ein Déjà Vu auf dem Jakobsweg.

Es gibt viele Gründe, auf Pilgerreise zu gehen. Manche erhoffen sich davon die Erleuchtung schlechthin. Andere wollen nur wandern. Wieder andere erfüllen sich mit dem „Camino“ einen lang gehegten Traum. Für unseren Sohn ist es von allem ein bisschen. Sich sinnvoll eine Auszeit zu gönnen und dabei die Seele baumeln zu lassen, ist noch lange nicht die schlechteste Art, Kopf und Körper auf den Prüfstand zu legen und eine Art reality check an sich vorzunehmen.

700 Kilometer: Hitze, Regen und fast immer schnarchvolle Herbergen.

Dass ich die Pilgerreise dank Hape Kerkelings Buchlektüre fast zeitgleich mitwandern kann, empfinde ich als ein Geschenk. Dass Kerkeling den „wichtigsten Weg seines Lebens“, wie er die Wanderung auf dem Jakobsweg nennt, vor zwölf Jahren genau an dem Tag begonnen hat, an dem auch unser Sohn seine Hiking Boots geschnürt und die 700 Kilometer von Pamplona nach Santiago angesteuert hat, ist Zufall. Oder auch nicht.

Weniger als zehn Kilo Gepäck, übernachten in schnarchvollen Massen-Schlafsälen, Tagestouren von bis zu 40 Kilometer – gewöhnungsbedürftig für jemanden, der die meiste Zeit seines Lebens sitzend auf irgendwelchen Schul- oder Unibänken verbracht hat, sich allerdings auch regelmäßig zum Joggen und Radfahren aufrafft.

Statt Designerklamotten: Trainingshose als Schal-Ersatz

Er fühle sich nie allein auf seiner Reise und habe schon am ersten Tag Anschluss gefunden, beruhigt er uns in einem kurzen Telefonat per Kartenhandy. Dabei regnete es bisher fast jeden Tag. Und weil er einer Erkältung vorbeugen möchte, bindet er sich seine lange Trainingshose als Schal-Ersatz um den Hals. Bei Hape Kerkeling habe ich gelesen, dass eine Deutsche in blauen Unterhosen gewandert ist. Designerklamotten waren gestern. Heute ist Pilgerlook angesagt.

Fünf Wochen will sich der Sohn Zeit lassen für die Wanderung. Fünf Wochen habe auch ich damals gebraucht, um per Anhalter von Ummendorf nach Spanien und wieder zurück nach Deutschland zu reisen. Mir hat meine Trampertour die Erkenntnis gebracht, dass man Menschen zwar nachreisen kann, die damit verbundenen Strapazen aber trotzdem keine Garantie für ein Happy End sind.

Zu welcher Erkenntnis der Sohn wohl kommen wird, der an diesem Tag irgendwo zwischen Santo Domingo de la Calzada und Castildelgado unterwegs ist?

Wir werden sehen. So lange ihn hoffentlich die wilden Hunde nicht beißen.