Demnächst: Deutschland ruft!

Ahhhh – Deutschland! Demnächst werde ich wieder für zehn Tage dort sein. Es gab Zeiten, da bin ich jeden zweiten Monat nach Köln, Hamburg oder Berlin gereist. Heute sind es vielleicht noch zwei bis drei Deutschland-Besuche pro Jahr. Und noch immer beschleicht mich diese Achterbahn der Gefühle.

So weit: Yukon-Territorium (Kanada)

Wenn ich in Frankfurt lande, regnet es meistens. Natürlich reiner Zufall. Trotzdem habe ich immer das Gefühl, Deutschland mag sich mir nicht mehr von der Schokoladenseite zeigen, wenn ich dort bin. So, als sollte ich um Himmels Willen ja nie mehr auf die Idee kommen, nach Deutschland zurückziehen zu wollen. Dabei trage ich diesen Gedanken ständig mit mir herum. Ein Bekannter von mir hat fünf Jahre in Neuseeland gelebt. Als ich ihn neulich im Allgäu traf, fragte er mich, wie es um meine Rückkehrpläne nach Deutschland bestellt sei. Ich sagte ihm, dass bei uns kein Tag vergehe, ohne darüber nachzudenken, wie es wäre, wieder in Deutschland zu leben. Der Bekannte meinte: „Da hast du aber Glück gehabt. Bei mir vergeht keine Stunde, ohne dass ich über eine Rückkehr denke.“ Er meinte die Rückkehr nach Neuseeland.

Da wären wir wieder bei den beiden Herzen, die in einer Brust schlagen.

So nah: Wangen (Allgäu)

Wer einmal im Ausland gelebt hat, verliert den Boden unter den Füßen. Ich kenne keinen Deutschkanadier, der nicht irgendwann ernsthaft darüber nachgedacht hätte, wieder zurück zu gehen. Umgekehrt kennen wir alle die Rückkehrer, die eine erneute Auswanderung ins vermeintliche Land ihrer Träume nicht ausschließen wollen. Die Faszination Kanada ist immer noch da: Die Weite, die Natur, die freundlichen Menschen. Aber auch die Faszination Deutschland ist stets präsent: Die Nähe, die herrliche Natur, die gründlichen Menschen. Widersprüche machen wahnsinnig.

Der Erinnerungs-Optimismus holt mich immer wieder ein

Im Rückspiegel der Zeit beschleicht mich immer häufiger eine Art Erinnerungs-Optimismus, den ich nicht ausblenden kann. War es wirklich so gemütlich damals im heimischen Oberschwaben? Waren die Winzer, die ich im Remstal und im Badischen kennen gelernt habe, wirklich die schrägen Vögel, als die ich sie auf der Festplatte meines Deutschland-Lebens abgespeichert habe? Oder war einfach alles nur grau und spießig um mich herum?

Im Moment genieße ich noch den Luxus, mich zwischen zwei Kontinenten bewegen zu können. Und damit auch irgendwo zwischen zwei Heimaten. Was aber ist, wenn das Fliegen irgendwann keine Option mehr sein wird? Zu alt, zu teuer, zu sonstnochwas? Der Gedanke daran macht mich traurig.

Geht das überhaupt: Das Fernweh im Urlaub ausleben?

Lore, immer die Lebenskluge bei uns, hat ihre eigene Theorie zu diesem Thema. „Jeder sollte da bleiben, wo er aufgewachsen ist“, meint sie. Sein Fernweh könne man schließlich im Urlaub ausleben.

Passend zum Thema kommt in diesem Moment – und zwar wirklich in dieser Sekunde – eine Mail von Ingrid aus dem Allgäu hereingeschneit: „gestern waren wir an der argen beim wandern, mit besuch von schloß achberg. mei, hond mir’s scheee. wir wohnen wirklich begnadet. aber ich will dir nicht weiter das maul wässrig machen“. Hast du aber, Ingrid! Schon zu spät.

Vielleicht sollte ich es mal bei ebay versuchen: „Zu verkaufen: Eines von zwei Herzen in meiner Brust.“

Wir lachen uns hier noch kaputt

Lacht gerne: Kanadas Außenminister John Baird    Foto: CP

Wenn es Politikern zu wohl wird, lachen sie uns aus. Den kanadischen Außenminister schüttelte ein Lachkrampf, als er von der Opposition wegen seiner Farbwahl gerügt wurde. Ist ja auch total witzig: John Baird hatte darauf bestanden, seinen Namen auf der Visitenkarte in Goldrelief gedruckt zu sehen.

Selten so gelacht im kanadischen Parlament: John Baird, ohnehin nicht gerade die große Leuchte der konservativen Regierung, kriegte sich nicht mehr vor Lachen. Ein Oppositionspolitiker hatte sich doch tatsächlich erdreistet, die Luxusvariante seiner Visitenkarte zu kritisieren. Was mich auf die Palme bringt, sind nicht die paar hundert Dollar mehr, die so eine Goldrelief-Version kostet. Es ist diese Selbstbedienungs-Attitüde, die viele Politiker so unglaubwürdig macht.

Nicht immer geht es um Geld. Meistens aber um Macht. Und damit auch irgendwo wieder um Geld. Beispiel: Bei den letzten Wahlen im Mai schafften ein paar Dutzend linke No-Names aus der Provinz Québec den Einzug ins Bundesparlament in Ottawa. Eine Sensation. Endlich frischer Wind in Ottawa! Dachte ich. Viel Wind schon. Aber kein frischer. Inzwischen streiten sich die Genossinnen und Genossen der New Democratic Party fast nur noch.

Und natürlich geht es wieder um Macht. Es geht um die Nachfolge des Parteivorsitzenden Jack Layton, der im Sommer an Krebs verstorben war. Ich hielt „Smiling Jack“ für einen der größten Politiker, den Kanada je hervorgebracht hat. Die Grabenkämpfe, die seit seinem Tod innerhalb seiner Partei ausgetragen werden, sind des Andenkens dieses Mannes nicht würdig.

Verkehrschaos Montréal. Foto: Gazette

Noch einmal Dampf ablassen: Wenn es um den Schutz der Umwelt geht, hat Kanada den Schuss immer noch nicht gehört. Statt endlich den öffentlichen Nahverkehr auszubauen und die Vorstädte rund um Montréal an die City anzubinden, kippen die Verantwortlichen die Pläne für die dringend notwendige Ausweitung der U-Bahn wieder. Motto: Jetzt, da so viel Geld in Verbesserungen der Infrastruktur investiert wird, müssten die Straßen und Brücken schließlich auch genutzt werden. Und weil die Kohle für die  – angeblich – verbesserten Autofahrer-Bedingungen ja von irgendwo her kommen muss, lassen sich Politiker diesmal etwas sehr Originelles einfallen: Eine deftige Preiserhöhung für die armen Pendler, die von den ohnehin schon lächerlich wenigen Möglichkeiten des öffentlichen Nahverkehrs Gebrauch machen.

Immerhin gab es bei den Fahrpreiserhöhungen heftigen Gegenverkehr. Die betroffenen Pendler wollten die Entscheidung des zuständigen Kommunalverbandes nicht ohne weiteres schlucken. Eine Krisensitzung wurde einberufen. Schade: Der wichtigste Mann fehlte. Ausgerechnet der Bürgermeister der Vorstadtgemeinde, die das größte Interesse an einem reibungslosen Nahverkehr haben müsste, ließ sich entschuldigen. Die Gazette meldete später: Statt der Krisensitzung nahm der Spitzenpolitiker an einem Golfturnier teil.

Grünes Kanada? Lachhaft. Ich könnte rot werden vor Zorn.

Multikulti fängt beim Essen an

Wenn unser Freundeskreis zusammentrifft, wird das Wohnzimmer zur UNO-Vollversammlung. Und die Küche zum internationalen 5-Sterne-Restaurant. Dolmetscher? Nicht nötig. Irgendwie verstehen sich alle. Außer Deutsch, Englisch und Französisch gibt es ja noch die Sprache, die durch den Magen geht.

Vera stammt aus Indien. Ihre Currygerichte sind legendär und fehlen bei keiner Party. Dabei muss es nicht immer Bhuna Gosht, Chicken Curry oder Beef Vindaloo sein, mit dem sie ihre Freunde verzückt. Diesmal brachte sie einen Topf Gemüse mit. Es war Rosenkohl mit Curry angemacht. Lecker. Aber bestimmt in keinem indischen Restaurant zu finden.

Ute stammt aus Mainz. Den Truthahn bereitet sie typisch kanadisch zu. Mit einer Cranberry Sauce die hier bei keinem Turkey-Dinner fehlen darf. Diana bringt Süßigkeiten aus dem Libanon. Wenn sie von Beirut erzählt, schwingt auch heute noch ein Hauch von Wehmut mit. Linda aus Newcastle bringt die schräge Liebenswürdigkeit der Briten mit an den Tisch. Ihr Mann Claude den herben Charme des Québecker Bonvivant. Dann wäre da noch Sue aus Santa Barbara. Als kalifornisches Beach Girl verbringt sie manchmal viele Wochen am Stück bei den Inuit in der kanadischen Arktis. Liegt ja auch nahe, dass man sich zu den Eskimos hingezogen fühlt, wenn man am Pazfikstrand aufgewachsen ist.

Multikulti Montréal

Fast immer dabei auf unseren Multikulti-Feten sind Elke und Ain. Elke: Das Berliner Wunder auf zwei Beinen. Ain: Estlander mit Rundumerfahrung auf sämtlichen Kontinenten. Ebenfalls einen ständigen Sitz am UNO-Tisch haben Marjolaine und Doug. Marjo: Aufgewachsen als Kind eines echten kanadischen Lumberjacks in den Wäldern von Abitibi. Heute ist sie Abgeordnete für die Partei der linken Sozialdemokraten (NDP) im Bundesparlament in Ottawa. Ihr Mann Doug ist Journalist. Und so ganz nebenbei der beste Grillmaster, den ich kenne. Und natürlich Lore und ich. Zwei Schwabokanadier, die es irgendwann hierher verschlagen hat.

Nicht dabei waren diesmal Murene und Vagn. Sie: Haitianerin, die sich am wohlsten fühlt, wenn sie ihre Harley satteln kann. Er: Däne, der aussieht wie ein Wikinger, der sich nach Kanada verirrt hat.

Das ist sie also, unsere kleine Kanada-UNO. Eine typisch Montréaler Tischgesellschaft. Gleich geht’s zum Flughafen. Marie-Anne abholen. Sie besucht uns heute aus der Schweiz.

Typisch Montréaler Dinnerparty: Die ganze Welt an einem Tisch

Das beste Brotrezept der Welt

Wenn es um kulinarische Genüsse geht, gibt es in Montréal nichts, das es nicht gibt. Selbst knuspriges Brot, in anderen Teilen Nordamerikas noch immer ein Schwachpunkt, wird in vielen Bäckereien angeboten. Das beste Brot der Welt backt Lore allerdings selbst. Mit einem verblüffend einfachen Rezept.

Unsere Freundin Ute war die erste, die Brot-Alarm schlug. Sie war geradezu entzückt von einem Rezept in der New York Times. Gut, aber immer noch einen Hauch zu kompliziert für einen Haushalt, der jeden zweiten Tag Nachschub braucht.

Lore machte sich daran, Utes NYT-Rezept abzuspecken. Und siehe da: Das Brot schmeckt immer noch sensationell. Das Beste daran: Der Teig muss nicht umständlich lange geknetet werden. Und auch eine Brotback-Maschine ist nicht nötig. Pure Handarbeit. Und kinderleicht.

So gnadenlos gut ist das Brot aus der Bopp’schen Backstube, dass mein stets integrer Steuerberater über einen Bestechungsversuch bei den kanadischen Steuerbehörden nachdachte: „Leg deiner nächsten Steuererklärung einen Laib German Bread  bei und eine Rückzahlung ist dir sicher“, scherzte Marc.

Inzwischen schwärmen nicht nur unsere kanadischen Freunde von dem Rezept. Selbst deutsche und Schweizer Besucher, verwöhnt von Europas besten Backstuben, sind begeistert.

Hier die Zutaten:

  • 2 größere Tassen Mehl
  • 1 Kaffeelöffel Salz
  • 1/2 Kaffeelöffel Trockenhefe
  • 1 1/4 Tassen lauwarmes Wasser

Wie Sie aus diesen bescheidenen Zutaten ein grandioses Backwerk machen, erfahren Sie, wenn Sie die Bildergalerie durchklicken. Noch ein Tipp: Nach ca. 45 Minuten nehmen Sie den Deckel der feuerfesten Backform im Ofen ab. Wegen des Knusper-Effekts geben Sie noch einmal richtig Stoff mit kräftiger Oberhitze.

Hier ist das Originalrezept der New York Times