Kunterbuntes Kanada-Quintett

Ein Sikh mit Turban, eine afro-amerikanische Jüdin, ein charme-offensiver Quebecer Separatist – daneben wirken Justin Trudeau und sein konservativer Herausforderer Erin O’Toole so bieder wie Olaf Scholz und Armin Laschet. Am 20. September wird in Kanada gewählt. Schon wieder. Denn erst vor knapp zwei Jahren hatte die Liberale Partei unter Justin Trudeau eine Minderheitsregierung gewonnen.

Doch das war dem einstigen Sunnyboy nicht genug. Der amtierende Premierminister wollte es noch einmal wissen. Nun peilt er mit vorgezogenen Neuwahlen die absolute Mehrheit in Ottawa an. Doch der Schuss könnte leicht nach hinten losgehen.

Die Wahl sei unnötig wie ein Kropf, tönt es selbst aus sonst Trudeau-freundlichen Reihen. Millionen Wahlberechtigte ohne Not mitten in einer Pandemie an die Urnen zu zitieren, gehöre sich nicht.

Und überhaupt gebe es schwerwiegendere Probleme zu lösen als um jeden Preis nach der Mehrheit zu streben. Zumal es die konservative Opposition dem liberalen Trudeau relativ leicht gemacht hatte, die ersten beiden Jahre als Minderheitsregierung zu überstehen.

Die wichtigsten Gesetze brachte Justin Trudeau mithilfe der weitgehend kooperativen Konservativen geschmeidig durch. Warum also die zwanghafte Ambition, um jeden Preis die Mehrheit zu gewinnen?

Eine richtige Antwort darauf blieb Justin Trudeau bisher schuldig. Sein Argument, die Bevölkerung habe ein Recht darauf zu wissen, wie es mit den Covid-Folgen weitergehe, klingt wenig überzeugend.

Aber das mit den richtigen Antworten ist ohnehin so eine Sache im kanadischen Wahlkampf. Bei den diversen TV-Debatten wimmelte es von Phrasen wie: „Wir haben einen Plan!“. Wie diese Pläne aussehen könnten, darüber darf spekuliert werden. Konkretes blieben alle SpitzenkandidatInnen weitgehend schuldig.

Im Moment liefern sich Justin Trudeau und der Konservative O’Tool ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Gut möglich, dass es sogar einen Regierungswechsel gibt. Damit hätte sich Trudeau dann selbst ins Bein geschossen.

Und so sieht das politische Spektrum aus:

Anders als In Deutschland haben hier weder radikale Links- noch Rechtsparteien eine Chance, in der Regierung mitzumischen.

Jagmeet Singh vertritt einen Wahlkreis in British Columbia und gehört dem linken sozialdemokratischen Flügel der NDP an.

Erin O’Toole sitzt seit neun Jahren für die Progressiv-Konservativen im Parlament.

Der Liberale Justin Trudeau, Sohn des früheren Premierministers Pierre Eliott Trudeau, mag zwar der Charismatischste aller Spitzenkandidaten sein, so richtig will es dem Posterboy der Selfie-Generation diesmal nicht gelingen, die Massen zu bewegen.

Yves-François Blanchet vertritt mit seinem Bloc Québecois in Ottawa zwar sehr publikumswirksam die Interessen der Frankokanadier. Eine echte Chance, die Regierung zu bilden, hat er jedoch nicht.

Und dann wäre da noch eine Newcomerin auf der politischen Bühne: Die 48jährige Annamie Paul aus Toronto will den kanadischen Grünen Flügel verleihen. Im Moment sieht es allerdings eher danach aus, als würde sie nicht einmal einen Parlamentssitz für sich selbst erzielen. Der Funke zwischen ihr und dem Rest Kanadas will einfach nicht überspringen.

Gleich zwei Wahlkämpfe im Blick zu behalten, kostet Zeit, zumal die Debatten hier in Kanada in den beiden Landessprachen Englisch und Französisch über die Bühne gehen, mit Simultan-Übersetzungen in mehreren Ureinwohner-Sprachen.

An Zeit fehlt es dem Rentner nicht. Dann schon eher an der Toleranz, all die Worthülsen auszuhalten, die man sich im Laufe einer Kampagne anhören muss.

Wobei wir bei den Gemeinsamkeiten zwischen deutschen und kanadischen Politikern wären.

Trudeaumania war gestern: Justin Trudeau bei einem Wahlkampf-Auftritt im Herbst 2019. © Bopp