Meine Mama, die Trendsetterin

Meine Mutter, seit 64 Jahren selig, benützte einmal einen Satz, der mich als Teenager nachhaltig beeindruckt, ja vielleicht sogar verstört hat. Dieses „geile Gesprange“ müsse jetzt endlich aufhören, sagte sie.

Dabei war meine erste Freundin Mucha, auf die sich dieser Satz bezog, alles andere als „geil“ im Wortsinne. Und gleich gar nicht passte der Begriff zu meiner Mutter, die einer ländlich-sittlichen Familie von Schreinern und Landwirten entstammte.

Dass Mutter das G-Wort nicht wörtlich meinte, sondern als Synonym für alles, was mit „unstet“, „übereifrig“ oder auch „hektisch“ zu tun hat, kam mir erst viel später. Dass Mama damals ein Wort benutzte, das heute voll salonfähig ist und längst nicht mehr nur von Jugendlichen benutzt wird, macht sie im Nachhinein zur Trendsetterin.

Heute ist alles geil: Das neue Auto, das tolle Essen, der neue Freund. Ob Jeans, Jacke oder Hose – geil ist geil. Selbst „Geiz ist geil“, wie eine bekannte Elektronikhandelskette Anfang der 2000er-Jahre in einem Slogan feststellte.

Warum ich ausgerechnet heute darauf komme? Daran ist wieder einmal Peter schuld. Mein guter, alter, weiser Freund schrieb mir vor ein paar Tagen diese Mail mit der Betreffzeile „Jugendsprache“:

“Herberto, ich habe heute ein sprachliches Problem. Ein befreundeter Buchautor möchte wissen, wie man am besten das berühmte „T’es con!“ übersetzt. Ich habe ihm einiges geantwortet, weiss aber nicht, wie das heutige Jugendliche von 16 bis17 zu ihrem Vater sagen würden. Es ist ziemlich stark im Französischen. Mein Vater hätte mich umgebracht…. aber heute geht ja alles. Hast du einen Vorschlag? Was typisch Postmodernes? Trottel, Arschloch usw. ist vielleicht nicht mehr cool. Ich habe mal „Hirni“ gehört. Kennst du das?”

“Ja”, schrieb ich zurück, “Hirni kenne ich”. Aber auch noch ein paar andere fielen mir dazu noch ein. (Achtung! Political correctness kurz ausschalten): Spasti (von Spastiker) Du Opfer! Schnarchnase …

“Wunderbar’, antwortete Peter. “Du hast den Nagel mitten ins Gesicht getroffen. Genau sowas suche ich. Das Problem ist nur, das so ein ephemerer Ausdruck in zwei bis drei Jahren wieder völlig von der jugendlichen Bildfläche verschwunden ist”.

Da wäre ich mir nicht so sicher, lieber Peter – siehe oben: Mutters “geil” lebt noch immer.

Übrigens: Bei “ephemer” musste ich erst einmal den Fremdwörter-“Oxford Languages” bemühen: “Ephemer = nur kurze Zeit bestehend; flüchtig, rasch vorübergehend und ohne bleibende Bedeutung.”

Sagt Oxford. Ich bleibe dabei: Meine Ummendorfer Mama war Trendsetterin.

Geil, oder?