Die Wut hat eine Farbe

Seit heute gibt es einen neuen Feiertag in Kanada: National Day for Truth and Reconciliation heisst er. Ein sperriger Begriff für ein nicht weniger kompliziertes Thema: Kanadas Umgang mit seinen indigenen Völkern.

Auch der „Tag des orangefarbenen Hemdes“ wird am 30. September begangen. Dieser kanadische Gedenktag geht auf die Erfahrungen von Phyllis Webstad zurück, einer Secwepemc (Shuswap) aus dem Norden der Stswecem’c Xgat’tem First Nation.

Als sie sechs Jahre alt war, schenkte ihr ihre Großmutter ein neues orangefarbenes Hemd, das sie an ihrem ersten Tag in der Internatsschule der St. Joseph’s Mission in British Columbia tragen sollte. Doch als sie dort ankam, wurde ihr das Hemd weggenommen und nie wieder zurückgegeben.

2018 veröffentlichte sie ihr Kinderbuch „The Orange Shirt Story“ (Die Geschichte vom orangefarbenen Hemd), um ihre Erfahrungen zu teilen.

Die Geschichte von Phyllis und ihrem orangenen Hemd spielt vor einem tragischen Hintergrund:

Allein in diesem Jahr wurden im Westen Kanadas die Überreste von Hunderten von indigenen Kindern gefunden. Sie waren von etwa 1870 bis in die 1990er Jahre ihren Familien entrissen und in sogenannten „residential schools“ untergebracht worden.

Dort mussten sie die Traditionen der europäischen Kolonialisten lernen, um ihre eigenen Sprachen und Kulturen zu vergessen. Gewalt und sexueller Missbrauch gehörten zur Tagesordnung.

Diese Internate waren lange von der katholischen Kirche betrieben worden. Premierminister Justin Trudeau forderte den Papst auf, nach Kanada zu kommen und sich zu entschuldigen. Bisher ohne Erfolg.

An dieses schwarze Kapitel in der kanadischen Ureinwohner-Geschichte soll der heutige Feiertag erinnern. Überall im Land, auch auf dem “Place du Canada” in Montreal, versammelten sich Demonstranten. Vertreter der indigenen Völker forderten Aufklärung und klagten an: die Kirchen, die Behörden, die Regierungen.

Doch die fehlten im Meer der orangefarbenen Hemden. Von Geistlichen keine Spur, auch nicht von maßgeblichen Politikern.

Alles wie gehabt also, nur dass die Schande jetzt einen Namen hat: “Tag der Wahrheit und der Versöhnung”.