Leute, lasst euch endlich impfen!

Das Montrealer Kongresszentrum heute Nachmittag: Gähnende Leere im größten Impfzentrum der Stadt. Fast alle der 50 Männer und Frauen hinter den Tischen langweilen sich, man sieht es ihnen an. Hin und wieder tröpfeln ein, zwei Leute durch die Tür. Der Security Guard am Eingang hat für jeden ein Spässchen auf den Lippen. Die meisten Besucher kommen heute für die Grippeschutzimpfung. Covid war gestern.

Wie sich die Zeiten doch ändern: Als wir im März in denselben Räumlichkeiten unseren ersten Corona-Shot abholten, waren wir gerührt vor Freude. Heute hätte ich weinen können vor Frust.

Da sitzen Dutzende von medizinischen Fachkräften vor geladenen Impfkanülen und drehen Däumchen, während draußen noch immer Zigtausende ungeimpft das Risiko eingehen, sich und andere anzustecken. 

Dabei ist Impfen in Kanada nach wie vor kostenlos, die Wartezeiten betragen oft genau null Minuten. Die Regierung wird nicht müde, den Impfunwilligen einzutrichtern, wie sozial unverträglich ihr Verhalten doch ist. Und trotzdem bleiben diese Betonköpfe stur.

Wobei: Vergleicht man die Zahlen zwischen Kanada und Deutschland, der Schweiz und erst recht Ósterreich, sind wir hier noch gut dran. Die Impfbereitschaft ist vor allem in der Provinz Quebec mit die höchste unter den Industrieländern.

Gründe dafür gibt es viele. Die Bereitschaft zur uneingeschränkten Solidarität war in Kanada schon immer groß. Dazu kommt ein Ausschlussverfahren für Ungeimpfte, das zum Ende des berühmten Joie de Vivre vor allem der Frankokanadier geführt hat. 

Kein Barbesuch, kein Restaurantessen, keine Flug-, Bahn- oder Busreise. Nicht einmal im Frühstücksdiner um die Ecke sind Gäste ohne Zweifach-Impfung willkommen. 

Die Maskenpflicht wird hier nach wie vor sehr ernst genommen und fast täglich kommen neue Drohgebärden von Regierungseite: „Leute, lasst euch impfen, sonst könnt Ihr Euch Familienfeiern unterm Weihnachtsbaum abschminken!“

Irgendwie scheint die Hauruck-Politik zu funktionieren: Während in Österreich beispielsweise nur 63 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft sind, haben sich in Kanada fast 75 Prozent beide Shots geben lassen. In der Stadt Montreal selbst liegt die Impfquote sogar noch weitaus höher.

Und trotzdem: Wo sind die restlichen 25 Prozent, die uns allen das Leben so ungemein erleichtern könnten?

Im gähnend leeren Impfzentrum jedenfalls nicht.