Als E-Biker in der Millionenstadt

MIT MEINEM MIT-REITER MARC auf der 170 Meter hohen „Pont Chaimplain“.

Fahrräder haben in meinem Leben schon immer eine große Rolle gespielt. An mein erstes eigenes Rad erinnere ich mich noch sehr genau. Es hatte eine Dreigang-Schaltung und ziemlich klobige Schutzbleche. Es war pechschwarz und die Klingel am Lenkrad klemmte immer dann, wenn ich sie gebraucht hätte.

Auch an meine allererste Radtour erinnere ich mich noch sehr gut. Ich war zehn, vielleicht elf, als ich genau diesen schwarzen “Göppel” aus der Werkstatt meines Vaters holte und mich in Richtung Bundesstraße aufmachte.

Mehrere Stunden später war ich vom baden-württembergischen Ummendorf im bayerischen Buchloe bei Memmingen gelandet – und ziemlich verloren. Nach fast 40 Kilometern war mir die Puste ausgegangen.

In Buchloe suchte ich eine Wirtschaft auf, um von dort aus meinen Vater anzurufen. Er solle mich doch bitte abholen. Der machte das – nicht ohne den Wirt zu bitten, mir bis zu seinem Eintreffen eine Bluna und ein paar Wiener zu servieren. „Der Bub ist doch bestimmt ganz ausgehungert“.

Später gab es dann kein Zurück mehr. Alfons, ein um Jahre älterer Bub aus dem Dorf, nahm mich als Teenager zu einer Radtour durchs bayerische Allgäu bis zum Ammersee mit – nur er und ich. Alfons hatte sein Saxophon auf den Gepäckträger geschnallt, ich meine Gitarre. Abends spielten wir vor dem Zelt ein paar Lieder, die wir für Jazz hielten, kochten uns eine Dosensuppe und das Leben war unser Freund.

An einen Morgen erinnere ich mich noch besonders gut. Es war spät geworden am Abend vorher und es herrschte dichter Nebel. Wir brauchten dringend ein Quartier für die Nacht. 

Wir entschlossen uns, wild auf einer Wiese zu campieren. Wie sich herausstellte, hatten wir in jener nebligen Nacht unser Zelt nicht auf irgendeiner Wiese aufgebaut, sondern in einem jener bayerischen Schlossgärten, die man als Tourist so aufsucht. 

Irgendwo in der Nähe von Neuschwanstein weckte uns ein Gutsverwalter – todsicher der Nachfahre irgendeines bayerischen Königs – und bat uns, doch bitte weiterzuziehen, denn die Touristen würden gleich kommen. Das hatten wir ohnehin vorgehabt, also konnten wir uns die Diskussion mit der königlichen Hoheit ersparen.

Auch in Kanada gehörte ein Fahrrad schon immer zu meiner Begleitung. Und jetzt, da mich meine Füße nicht mehr richtig tragen, habe ich das eBike für mich entdeckt. 

Der Spaß an meinem neuen Drahtesel ist riesig! Schon nach wenigen Tagen zeigt mein Tacho – digital, versteht sich – schon fast 200 Kilometer an. Montreal ist mit seinem fast 1000 Kilometer ausgebauten Netz an Radwegen eine perfekte Spielwiese.

In Nordamerika gilt Montreal als fahrradfreundlichste Stadt überhaupt. Jeder Tag ist wie eine Wundertüte für mich. Meine Touren führen mich in Ecken, die ich vom Auto aus kaum beachtet und von der Metro aus nie gesehen hatte. Ich lerne Menschen kennen, die Radfahren genau so lieben wie ich. Und Autofahrer, die uns am liebsten in die Wüste schicken würden. Das richtige Leben eben.

Absoluter Höhepunkt meiner noch kurzen eBike-Laufbahn war neulich die Überquerung der erst vor kurzem fertiggestellten, dreieinhalb Kilometer langen Champlain-Brücke. Neben diversen Fahrspuren für (die noch nicht ganz fertiggestellte) S-Bahn, Pkws, Busse, und vor allem Lkws, gibt es eine großzügige Doppelspur für Fahrräder, einschließlich Haltebuchten für Fotostopps. 

FOOD-STOP bei Alex vom Kultlokal „Sathay Brothers“ auf der Rue Notre-Dame im Stadtteil St. Henri.

Die Aussicht von der Brücke – dreimal so hoch wie der Ummendorfer Kirchturm – ist sensationell. Vor ein paar Tagen ist dort das Bannerfoto oben entstanden.

Meistens bin ich der Lonesome Rider, der mit seinem Drahtesel allein durch die Montrealer Prärie reitet.

Ein paarmal war ich mit meinem Freund Marc unterwegs, einem erfahrenen Radler, der sich trotz seines fortgeschrittenen Alters noch immer am liebsten auf seinem Rennrad fortbewegt. Die Kombi Rennrad/eBike funktioniert erstaunlich gut. Marc gibt ein bisschen mehr Gas als sonst. Hin und wieder bremse ich ab, um meinen Freund im Schlepptau nicht zu verlieren.

Schlapp gemacht habe ich bisher noch nicht. Der Weg zum Wirtshaus-Telefon wie damals in Buchloe blieb mir also erspart. Ehrlich gesagt wüsste ich auch gar nicht, wen ich anrufen sollte, um mich abzuholen. In unser Auto würde mein Rädle sicher nicht passen. 

Bliebe nur noch der Abschleppdienst. Ob der kanadische ADAC wohl sowas macht? Müsste man glatt mal ausprobieren.

Hello CAA?

BRÜCKEN-FAHRT: Jede Menge Platz für Radfahrer auf der „Pont Champlain“.
BLICK VON der Champlain-Brücke auf den St. Lawrence Seaway.
AUF DER JACQUES-CARTIER-BRÜCKE mit Blick über den St. Lorenz-Strom.
AUF DEM MONT ROYAL – und ganz weit hinten rechts das Olympiastadion.
TRINK-PAUSE im Alten Hafen (mit Kreuzfahrtschiff im Hintergrund).
FAHRRAD-CITY Montreal: 1000 Kilometer Radwege.
BIXI-LEIHRÄDER an jeder Ecke.
BIKE-PARKPLATZ vor einer Montrealer Uni.
BLICK VOM MONT ROYAL auf die Innenstadt. (Alle Fotos © Bopp)