Biker-Talk am Truckstop

Treffen sich zufällig zwei Biker am Truckstop am Highway 15, kurz vor der amerikanischen Grenze. Der eine: groß und schlank und in schwarzem Leder gekleidet. Maschine: Harley-Davidson Softail, Baujahr 1984. Der andere in Freizeitkleidung. Maschine: eBike, Akku, Baujahr 2024.

Wenn sich zwei Biker über ihre Zweiräder unterhalten, dann hört sich das ungefähr so an:

„Längste Strecke, die du mit deiner Maschine zurückgelegt hast?“
„USA. Coast to Coast. Viereinhalbtausend Kilometer. Du?“
„Montreal – Lacolle. 80 Kilometer. Und du sonst so?“
„Route 66. Chicago nach Santa Monica. Viertausend Kilometer. Du?“
„Saint-Henri – Boucherville. 30 Kilometer. Mindestens.“

Ich treffe Réjean dort, wo Trucker aus ganz Nordamerika noch einmal tanken, pinkeln, schlafen und Kaffee trinken, ehe sie die Grenze nach New York passieren.

Am Truckstop am Highway 15 gibt es nicht nur eine Tankstelle mit Duschen und einem Laden, der alles von Gummibärchen bis Bügeleisen verkauft. Es gibt dort auch einen Coffeeshop, in dem sich vor dem elektrischen Kamin ein paar Rentner aus der Nachbarschaft aufwärmen.

Und dann gibt es da noch Réjean.

Er muss sich nicht aufwärmen. Seine Ledermontur bringt ihn leicht ins Schwitzen. Mit dem Kaffeebecher in der rechten und dem Handy in der linken Hand erzählt er mir auf dem Parkplatz des Coffeeshops aus seinem Leben. Das Handy ist wichtig, denn zu jeder Geschichte gibt es den Faktencheck in Form von Fotos gleich mitgeliefert.

Die Fotos zeigen: Réjean vor seinem Motorhome. Réjean vor seiner Harley-Davidson. Réjean vor seiner zweiten Harley-Davidson. Und ganz oft Réjean mit seiner Tochter. Vier Kinder hat er aus zwei Ehen. Aber keine war erfolgreicher als seine Tochter Karine.

Karine wurde 2007 Weltmeisterin im Taekwondo in der Klasse bis 63 kg. Zack, hier das Foto. Ein Jahr später gewann sie die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Peking. Click, das Foto.

Réjean war immer dabei. Argentinien, Japan, Spanien, China, Deutschland, Schweden, Südkorea. Und immer wieder Nordamerika. Er war ihr Coach, ihr Manager und zeitweise auch Trainer des Nationalteams. Fotos, Fotos, Fotos.

In der Nähe von Montreal betrieb Réjean eine Taekwondo-Schule. Die verkaufte er vor ein paar Jahren an einen Mexikaner. „Zu viel Stress.“ Heute, mit 74, wolle er nur noch Spaß haben. Am liebsten auf seiner Harley.

Wir verabschieden uns. Réjean packt sein Handy ein, inspiziert kurz mein eBike, stellt fest, dass das Radl „beautiful“ sei und der Akku ungewöhnlich leistungsfähig.

Dann schwingt sich Réjean in seiner Ledermontur geschmeidig auf seine Harley und donnert den Highway 15 hinauf Richtung Montreal.

Ich kämpfe mich auf meinen Rentnersitz, radle gemächlich 5 Kilometer die Pleasant Valley Road Richtung Farm zurück und stelle mir vor, auf der Route 66 in den Sonnenuntergang zu reiten.

Und ganz weit hinten am Horizont liegt Santa Monica.

Auch mit Harley. Die gehört allerdings nicht mir, sondern meinem Kumpel Rodolfo auf Mallorca.