Wucher im Botanischen Garten

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Botanische Gärten sind eine tolle Sache. Sie bringen die Natur zu denen, die sie nicht vor der Haustür haben. Kindern, zum Beispiel, die in den großen Städten leben. Oder auch älteren Menschen, die lieber grün statt grau sehen. Der Botanische Garten in Montréal gehört zu den schönsten, die ich kenne. Aber leider auch zu den teuersten.

Wer den vollen Preis bezahlt, muss für den Besuch $ 29.50 hinlegen, fast 22 Euro. Senioren bezahlen immer noch $ 28. Und selbst Kinder über 5 müssen 15 kanadische Dollar berappen. Ein Skandal. Vor allem, wenn man sieht, wie die Stadt Montréal als Trägerin des Jardin botanique de Montréal sonst mit ihrem Geld verfährt.

So wurde einem Mann mit dem schönen Namen Michael Applebaum kürzlich sein Abschied mit 268 000 Dollar versilbert. Der Ausdruck „golden handshake“ bekommt in diesem Zusammenhang übrigens eine süffisante Note. Mr. Applebaum war gerade mal sieben Monate als Oberbürgermeister der Stadt Montréal im Amt, als er morgens um sechs von seinem Haus in Handschellen abgeführt wurde. Er kommt demnächst wegen des Verdachts auf insgesamt 16 Straftaten vor den Richter, darunter Bestechlichkeit und Korruption.

Was hat ein Mann namens Applebaum mit dem Botanischen Garten zu tun? Viel. Durchaus möglich, dass mit exorbitanten Eintrittspreisen, wie sie für fast alle Montréaler Einrichtungen erhoben werden, „golden handshakes“ für all die Applebaums finanziert werden, ehe sie dann womöglich in Handschellen abgeführt werden.

Dass es hier mehr als einen Mr. Applebaum gibt, sei nur am Rande erwähnt. Im benachbarten Laval durfte vor ein paar Wochen der dortige Oberbürgermeister 170 000 Dollar als Abschiedsgeschenk einstreichen. Der Mann war immerhin acht Monate im Amt.

 Zu seinem Sturz hatte ein Erpressungsversuch zweier Prostituierten geführt. Die Dienste der Damen wollte der Herr Amtsinhaber nicht voll bezahlen, weil sie nicht rechtzeitig am vereinbarten Ort erschienen waren.

Als Mann allein unter Frauen

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© Centaur Theatre Montréal

Schon klar: Die samtbeschichteten Handschellen, die im Theaterfoyer zum Verkauf ausliegen, dienen der Verbrecherjagd. Mit den rosaroten Seilen werden Müllsäcke verschnürt. Und auch das dicke, schwarze Ding aus Plastik, „Black Mamba“ genannt, darf in keinem Haushalt fehlen. Schließlich wollen alle doch nur spielen.

Ich habe Fifty Shades of Grey nie gelesen. Aber seit gestern Abend weiss ich: Hier geht die Post ab. Das Montrealer Centaur-Theatre war verwegen genug, eine Parodie des schlüpfrigen Weltbestseller im Rahmen seiner Just for laughs-Wochen als Bühnenstück zu präsentieren. Und ich war dabei. Ein Mann allein unter Frauen. Fast.

Bitte beachten Sie die Notausgänge! Keine Videoaufnahmen während der Vorführung! „Aber“, und jetzt klingt die Stimme des Theateransagers richtig gut, „stellen Sie Ihr Handy doch einfach auf Vibrator“. Das wird bestimmt lustig.

Kurzer Panoramablick in den Saal: Dunkelroter Samtvorhang. Schummriges Licht aus der Konserve. Alles ein bisschen verplüscht hier. Aber irgendwie schön. Auch das Publikum.

Nur: Wo sind denn die Männer? Frauen soweit das Auge reicht. Der Frauenanteil liegt bestimmt bei 90 Prozent. Ursula von der Leyen würde juchzen vor Freude.

Zur Abendunterhaltung gehört offensichtlich, dass du hier als Mann in der Minderheit gnadenlos unterm Brennglas seziert wirst. „Wohin würden Sie denn diese Frau gerne entführen?“, will die Schauspielerin von meinen Sitznachbarn wissen. „Ins Bett“, antwortet der wie aus der Pistole geschossen. Der Saal grölt.

Mein Puls steigt. Bitte, liebe Schauspielerin, frag mich jetzt nicht, welcher Körperteil mir an dir am besten gefällt. Das sag ich dir nämlich nicht. Die Akteurin spürt die Angst in mir, schaut mir kurz in die Augen. Und bleibt stumm.

Fifty Shades of Grey – so also sieht’s aus in kanadischen Schlafzimmern! Oder zumindest in kanadischen Bücherregalen.

Wanderung ans „Ende der Erde“

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Was fühlt ein Mensch, der gerade 750 Kilometer zu Fuß hinter sich gebracht hat? Ich weiss es nicht. Aber der Sohn weiss es. Er ist heute am Ende seiner Pilgerreise durch Spanien angekommen. Er hat den Jakobsweg erwandert und noch ein bisschen mehr. Und er fühlt sich großartig.

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Weil er fast fünf Wochen lang stets ein wenig zu forsch unterwegs war, ist er früher als geplant in Santiago de Compostela eingetroffen, der eigentlichen Endstation des Jakobswegs. Und da sein Flieger nach Kanada erst am Montag geht, ist er einfach noch drei Tage weiter gelaufen, bis ans Ende der Erde. So heißt die deutsche Übersetzung von Finister. Ein Küstenort am Atlantik, nördlich der portugiesischen Grenze.

33 Tage, manchmal 25, manchmal 35 Kilometer. Ohne einen Tag Ruhepause. Bei Regen und Wind, bei 40 Grad Hitze und 8 Grad Kälte. Durch Täler und über Gebirgszüge. Das Ganze mit weniger als 10 Kilo Gepäck auf dem Rücken – so wenig und doch so viel.

Ich bin mit gewandert. Mit Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg„. Alles, wirklich alles, was Kerkeling schreibt, hat auch der Sohn so empfunden, erlebt, verspürt, schnarchvolle Massenschlafsäle inklusive. Dabei hat er das Buch nie gelesen.

Die Wanderung auf dem Jakobsweg wurde zur Reise seines 25jährigen Lebens. Er sei glücklich und zufrieden, schwärmt der Sohn am Telefon. Und auch stolz darauf, das Ziel erreicht zu haben.

Zu viele Eindrücke, um sie per Handy zu vermitteln. Keine einzige Blase an den Füßen. Dafür ab Muskelpakete an den Waden. Und vielleicht auch im Kopf. In 33 Tagen hat man viel Zeit zum Nachdenken.

Er hat Freundschaften geschlossen und eine neue Art der Bescheidenheit gelernt. Er war allein von Montréal nach Madrid geflogen und dann weiter mit dem Bus nach Pamplona gereist. Nur er und sein Rucksack. Jetzt ist sein Pilgerpass voll mit Stempeln von all den Herbergen und Klöstern, in denen er übernachtet hat. Und sein Kopf voller Eindrücke.

Schon am ersten Tag hat er Menschen getroffen, die ähnlich ticken wie er. Mit ihnen ist er meistens, aber nicht immer gewandert. In einer kleinen Gruppe. Ein älterer Mann war dabei, mit seiner 23jährigen Nichte. Der Onkel hatte seine Frau durch Krebs verloren. Vor ihrem Tod hatte er ihr versprochen, mit der Nichte zusammen den Jakobsweg zu wandern.

Manche in der kleinen Gruppe wurden krank. Sie hatten sich mit spanischem Essen den Magen verdorben oder mussten wegen entzündeter Blasen an den Füßen behandelt werden. Sie hätten ihn „den Jungen mit den goldenen Füßen“ getauft, erzählt der Sohn.

Am Montag kommt unser Golden Boy nach Montréal zurück. Er wünscht sich Schnitzel mit Kartoffelsalat.

Cool. Cooler. Montréal.

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Eben gesehen: Eine namenlose Band. Jungs und Mädels aus der Nachbarschaft. Ein paar provisorische Sitzgelegenheiten, Sangria aus dem Cooler – und schon geht die Post ab: Summer in the City, in irgendeiner Nebenstraße in der Innenstadt von Montréal, an einem ganz gewöhnlichen, schwülen Mittwochabend.

Weil der Winter lang und der Sommer kurz ist, packen Kanadier so viel Spaß wie möglich in die paar Monate ohne Eis und Schnee. Und weil das frankokanadische Montréal die Stadt mit dem größten Spaßfaktor ist, machen die Blockpartys hier am meisten Spaß. Es wird getanzt und getrunken, gegessen und, wie es sich für Québec gehört, zwischendurch auch lautstark politisiert.

Englische Musik, französische Lebensfreude. Kanada aus dem Bilderbuch eben.

Klar, Toronto, Vancouver, Calgary und noch ein paar andere kanadische Städte sind schon auch klasse. Aber die Montréaler Mischung aus American Way of Life und französischem savoir vivre ist einfach nicht zu toppen.

„In Toronto verdienen die Leute das Geld”, heißt es hier in Kanada, „das sie hinterher in Montréal wieder ausgeben“.Bingo.

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Kaltherzige Katastrophen-Politik

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© ctv.ca (screenshot)

Politiker sind eine seltsame Spezie. Kaum sind sie gewählt, arbeiten sie daran, wiedergewählt zu werden. Dabei ist ihnen oft jedes Mittel recht.  So gehört schon eine Menge Kaltschnäuzigkeit dazu, Kapital aus einer Katastrophe zu schlagen, noch ehe die Todesopfer identifizert sind. Genau das hat der Vorsitzende der kanadischen New Democratic Party (NDP), Thomas Mulcair, jetzt getan.

Ein Zugunglück in dem Québecer Städtchen Lac-Mégantic hat Tote, Verletzte und unermessliche Sachschäden gefordert. Doch noch ehe die Leichen geborgen, die Angehörigen informiert sind, stellt sich der Vorsitzende der Sozialisten mit erhobenem Zeigefinger vor die Presse und sagt: „Alles nur die Schuld der regierenden Konservativen!“ Hätten die nämlich rechtzeitig die Sicherheitsvorkehrungen für Öl- und Gastransporte erhöht, wäre die Katastrophe von Lac-Mégantic nicht passiert.

Es mag ja ein Fünkchen Wahrheit daran sein. Der Sparwahn von Premierminister Stephen Harper grenzt manchmal an Idiotie. Aber darüber lässt sich entspannt im Parlament reden oder auch bei einer zu diesem Thema einberufenen Pressekonferenz.

Doch Stunden nachdem eine halbe Stadt in Flammen aufgegangen ist, verkohlte Leichen geborgen werden und Menschen ohne Obdach sind, Vorwürfe zu machen, wie sie jetzt von Thomas Mulcair kommen, ist verabscheuungswürdig und bringt keinem etwas. Am wenigsten dem Mann, der damit versucht, Wähler für seine Partei zu gewinnen.

Die sozialdemokratische NDP, die als Oppositionspartei im Großen und Ganzen keinen schlechten Job in Ottawa macht, sollte ihren Vorsitzenden einem reality check unterziehen.

Möglich, dass durch den Versuch, politisches Heu aus einer Katastrophe zu machen, ein paar neue Mitglieder zur NDP überlaufen. Möglich aber auch, dass die unzeitgemäße Hetze gegen die Regierung ein Schuss nach hinten wird.

Politischer Selbstmord wäre die gerechte Strafe für einen Parteivorsitzenden, dem Maß und Ziel abhanden gekommen zu sein scheinen.