Heute darf ich mal ein wenig die Werbetrommel rühren. Die Außenhandelskammer der Provinz Québec (Investissement Québec) hatte mich vor einiger Zeit als Sprecher für einen kleinen PR-Film engagiert. Manche der Bilder sind wirklich spektakulär. Schon allein dafür lohnt es sich, das Video anzuklicken.
Reality-TV mit weißen Riesen
Eisbär zum zweiten: Eine wahre Reality-Show gibt es derzeit als Livestream im Internet zu sehen. Die Hauptakteure: Hunderte von Eisbären. Noch gut einen Monat werden die Live-Webcams bei Tag und Nacht jede Bewegung der weißen Riesen übertragen. Danach ist Schluss. Dann ist die Hudson Bay, 1500 Kilometer nördlich von Winnipeg, zugefroren und die Bären gehen dorthin, wo sie eigentlich hingehören: aufs Eis.
Von dort aus machen die Tiere dann wieder Jagd auf Lachse, Ottern und Seehunde. Doch so lange es zu warm ist, friert das Meer nicht zu. Dann wandern Hunderte von hungrigen Eisbären die Bucht entlang – immer auf der Suche nach Nahrung.
Um ihren Bärenhunger zu stillen, kommen die Tiere dann oft bis in die Dörfer hinein. Dort machen sie sich über den Abfall her. Der schmeckt zwar auch einem Bären nicht besonders gut. Aber er macht satt.
Die Webcams werden von Frontiers North Adventures betrieben, einer Firma, die sich in der Gegend von Churchill/Manitoba mit Eisbären-Tourismus einen Namen gemacht hat. Partner der Aktion Icecam sind Polar Bears International und der Multimedia-Anbieter explore.org
PS: Inzwischen scheinen die Kameras „OFF AIR“ zu sein, aber man kann sich immer noch tolle Videos aus dem Archiv ansehen.
Ein Eisbär beim Zahnarzt
„Aurora“ hat Aua: Ein Eisbären-Baby, das Wildbiologen kürzlich in der Nähe des Flughafens von Churchill im Norden von Manitoba entdeckt hatten und „Aurora“ tauften, wurde jetzt in einer Spezialklinik in Winnipeg behandelt.
Zwei Zähne des elf Monate alten „cubs“ waren entzündet. Wenn Bären Zahnweh haben, verändert sich ihr Fressverhalten. Dies kann im Extremfall zum Hungertod führen. Deshalb kam der Babybär jetzt auf den Stuhl. Die Prozedur verlief erfolgreich.
Wie so eine Zahnbehandlung vonstatten geht, sehen Sie hier in einem Video, das die „Winnipeg Free Press“ auf ihrer Internetseite veröffentlicht hat.
Fremdschämen für Toronto

„Verfolge amüsiert und ungläubig die Vorgänge um den Bürgermeister von Toronto“, schreibt die Bekannte aus Las Vegas. „Eines hat Ford in jedem Fall geschafft: Die deutsche Presse, die sich sonst nicht so sonderlich mit Kanada beschäftigt, zu einem halbseitigen Artikel zu animieren. Tolle Leistung, Herr Ford!“, kommentiert die Blog-Leserin aus dem Ruhrpott. Und im Telefonat aus dem Allgäu muss ich mir anhören: „Spinnt der eigentlich?“.
Um es kurz zu machen: Ja, er spinnt. Und Fremdschämen ist angebracht: Der Torontoer Oberbürgermeister Rob Ford ist ein Fiesling, der überall hingehört nur nicht ins Rathaus der größten kanadischen Stadt. Wie er überhaupt dort hingekommen ist, bleibt das Geheimnis der Wähler von Toronto. Wer Augen und Ohren hat, muss doch schon im Wahlkampf erkannt haben: Der Mann ist eine einzige Peinlichkeit.
Keine Talkshow, in der Rob Ford und sein Bruder Doug nicht durch den Kakao gezogen werden: Jay Leno, David Letterman, Jimmy Fallon, Jimmy Kimmel. Selbst George Bush, auch nicht gerade der große Sympathieträger, bekam neulich in der „Tonight Show“ einen Lachanfall, als von den Ford-Brothers die Rede war.
Was mich nervt, ist die Strahlkraft, die von den Fords ausgeht. Da kommt Kanada, was selten genug passiert, endlich mal in die Schlagzeilen – und dann wegen zwei Hampelmännern, die glauben, sie müssten den Stadtrat von Toronto neu aufmischen.
Zeit, um mit ein paar Klischees aufzuräumen:
- Nicht alle Kanadier sind fett wie Rob Ford. Die meisten sind fit und sportlich.
- Nicht alle Kanadier lügen so dummdreist wie Rob Ford. Die meisten sind ehrlich, herzlich und anständig.
- Nicht alle Kanadier sind so unsympathisch wie Rob Ford. Die meisten sind cool, nett und liebenswürdig.
Dass ausgerechnet ein Crackhead aus Toronto seit Wochen das Bild dieses schönen Landes in der Welt bestimmt, haben meine kanadischen Freunde nicht verdient.
Toller Kollege, feiner Mensch

Juergen Leinemann (l) mit dem damaligen Aussenminister Joschka Fischer © Screenshot DER SPIEGEL mit einem Foto von © Monika Zucht
Es gibt Kollegen, die vergisst man nie. Ihre Geschichten, aber auch die Begegnungen mit ihnen brennen dir Spuren ins Gehirn, die dich nie wieder loslassen. Einer dieser Kollegen war Jürgen Leinemann. Der langjährige SPIEGEL-Reporter ist in der Nacht zum Sonntag in Berlin gestorben. Er wurde 76 Jahre alt.
Einen Nachruf über diesen einzigarten Reporter zu schreiben, wäre vermessen. Das haben die Kollegen gemacht, die Jürgen Leinemann besser kannten als ich. Es müssen schon großartige Nachrufe sein, die der journalistischen Klasse dieses Ausnahmejournalisten gerecht werden. Einen dieser Nachrufe schreibt ein junger SPIEGEL-Redakteur namens Alexander Neubacher. Der Nekrolog endet mit einem Satz, den sich wohl jeder Journalist für seinen eigenen Nachruf herbeiwünscht: „Er war ein großartiger Reporter, ein Vorbild für viele Journalisten und ein feiner Mensch“.
Intim, aber niemals verletzend
Leinemanns Geschichten, vor allem seine Politiker-Porträts, habe ich verschlungen. Keinem anderen Journalisten ist es meiner Meinung nach gelungen, näher an die zu porträtierenden Protagonisten heranzugehen, ohne dabei die Intimsphäre der Person zu verletzen, die es zu beschreiben galt.
Zweimal hatte ich das große Glück, Jürgen Leinemann zu begegnen. Das erste Mal vor gut 20 Jahren. Damals fand in Montreal der Weltkongress der Anonymen Alkoholiker statt. Ich habe für die ARD darüber berichtet. Im Pressezentrum fand ich unter den akkreditierten Kollegen den Namen meines großen Vorbilds. Ich legte ihm einen Zettel in sein Fach. „Ich würde mich freuen, wenn Sie sich bei mir melden könnten.“ Kaum hatte ich das Kongresszentrum verlassen, klingelte mein damals noch jungfräuliches erstes Handy. „Leinemann“, meldete er sich, „ich hätte jetzt Zeit“.
Wir mussten uns nicht lange beschnuppern. Sein Gesicht war mir aus zahllosen Reportagen bekannt, seine Stimme auch. Immer wieder hatte ich ihn im Fernsehen gesehen, bei Interviews über Menschen, denen er in journalistischer Akribie nahe gekommen war. Jürgen Leinemann war natürlich für den SPIEGEL beim AA-Weltkongress akkreditiert. Aber er war auch als Betroffener dort. Wer seinen Werdegang verfolgte, wusste, dass der begnadete Reporter ein Alkoholiker war.
Mit dem Star-Reporter bei den Anonymen Alkoholikern
Beim AA-Kongress nahm er mich mit ins Allerheiligste dieser Organisation. Ich wurde Zeuge einer jener Sitzungen, bei der betroffene Menschen ans Mikrofon gehen und ihre Vorstellung stets mit einem Satz wie diesem einleiten: „Mein Name ist Jürgen, ich bin Alkoholiker“. So erlebte ich auch Jürgen Leinemann. Er erzählte mir von seinen weltweiten Reisen, die immer dasselbe Ritual beinhalteten. Beim Einchecken im Hotel informierte er sich stets als erstes, wo die Anonymen Alkoholiker in der jeweiligen Stadt zu finden sind. Die Sucht ließ ihn nie mehr los.
Viele Jahre später bin ich Jürgen Leineman ein zweites Mal begegnet. Diesmal in Köln, anlässlich einer Preisverleihung. Da stand mein Held am kalten Büffet. Ich begrüßte ihn, wie man Menschen begrüßt, bei denen man davon ausgeht, dass sie sich nicht mehr an dich erinnern, obwohl sich deine Wege bereits gekreuzt haben. „Hallo Herr Leinemann“, sagte ich. Und er: „Ja, hallo! Die Stimme aus Kanada!!“ Er erinnerte sich an unser Treffen in Montreal. Ganz offensichtlich hatte er nach seiner Rückkehr auch meine Reportagen über das AA-Welttreffen im Radio gehört. Ich fühlte mich geadelt.
Bei jedem Seminar dabei: Mein journalistisches Vorbild
Auch wenn wir uns danach nie wieder begegnet sind, war Jürgen Leinemann mein ständiger Begleiter, ob er es wollte oder nicht. In jedem meiner Seminare, die ich in den vergangenen zehn Jahren gegeben habe – für den WDR, die ARD/ZDF-Medienakademie, für arte, den NDR, das Internationale Journaistenzentrum Krems bei Wien oder auch für bundestag.de – immer spielte der Name Leinemann als journalistisches Vorbild eine Rolle. Meine SeminarteilnehmerInnen können dies bestätigen.
Dass Jürgen Leinemann jetzt im Alter von 76 Jahren ausgerechnet an einer Krebserkrankung gestorben ist, die ihm die Fähigkeit zu reden genommen hatte, empfinde ich als besonders heimtückisch. Aber selbst im Angesicht des Todes hat dieser begnadete Kollege und feine Mensch noch die Energie zum Schreiben gefunden.
In seinem Buch Das Leben ist der Ernstfall berichtete er über seinen Kampf gegen den Krebs. Er hat ihn verloren.


