Lichtblicke aus Ottawa

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Hier gibt es”, meldet die Freundin aus Ottawa, “ganz kleine Lichtblicke in Bezug auf Frühlingserwachen. Heute morgen habe ich direkt neben dem großen Schneehaufen im Vorgarten kleine grüne Blättchen entdeckt. Das ist seeeehr erfreulich!” Und dann schreibt sie noch: “Mein Gott, was sind wir anspruchslos geworden!

Stimmt. Wer den Härtetest in Sachen Wetter machen will, muss nach Kanada. Nicht im Sommer. “Da ist es auch in Wladiwostok schön”, sagte mein Freund Bernie immer. Nein, im Winter. Oder jetzt, im sogenannten Frühjahr. Fünf Monate Eis und Schnee, manchmal auch sechs. Und weit und breit keine “grünen Blättchen im Vorgarten”.

madonna

Madonna mit Mandelblüten

Wie lieblich ist das Klima auf Mallorca dagegen. Bei unserer Ankunft am 1. Februar waren die Mandelbäume schon fast verblüht. Aber dann blühte eben irgend etwas anderes. In Mallorca blüht immer irgend etwas. Vor Alfonsons Bar sprießen seit einigen Tagen violette Zierblüten aus einem Baum, der mir jeden Morgen den Tag verzaubert. “Grüß Gott, ich bin der Neue!” So lange, bis wieder ein Neuer kommt.

Es ist nicht fair, das Klima am Mittelmeer mit dem Wetter in Montréal zu vergleichen. Aber manchmal frage ich mich schon, wie ich fast 30 Jahre lang unbeschadet kanadische Winter durchgestanden habe.

Und während ich bei offener Balkontür über die Plaza de la Reina blicke, auf den Park mit den Alpenveilchen, die sich bestens unter den Palmen aufgehoben fühlen, werfe ich noch kurz einen Blick nach rechts, sehe wilde Rosenbüsche vor den üppig behangenen Orangenbäumen. Und denke mir: So stellt man sich das Paradies vor.

Frohe Ostern!

Büßen in Kutten und Ketten

bannerMan muss mit der Kirche nichts am Hut haben, um vom Anblick der Büßer ergriffen zu sein, die zurzeit durch die Gassen von Palma de Mallorca ziehen. Tausende von ihnen – Männer, Frauen, Teenager, Kinder – legen traditionelle Gewänder an, um sich in oft stundenlang andauernden Prozessionen auf Ostern vorzubereiten.

Die Büßer gehören sogenannten „Bruderschaften“ an. Allein in Palma gibt es 33 davon. Die älteste „cofradia“ wurde schon vor 111 Jahren gegründet. Im Pilgerschritt marschieren die Gläubigen zum Takt der Trommeln und Trompeten an den Tausenden von Zuschauern vorbei.

Viele der Büßer legen ihre nackten Füße in Ketten. Einige Fotos vom Auftakt der „Semana Santa“ finden Sie in der Bildergalerie.

Zehn Fragen an Mallorca

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Hin und wieder fallen dem Reisenden Dinge auf, die der Mallorquiner vielleicht gar nicht mehr wahrnimmt. Zum Beispiel:

1)   Warum sind die WLAN-Zonen in Palma nicht besser ausgeschildert?

2)   Warum ist der Brunnen an der Plaza de la Reina meistens nur nachts an?

3)   Warum beginnen die meisten Abend-Veranstaltungen erst um 22:30 Uhr?

4)   Warum tragen so viele Menschen offene Dokumente unterm Arm?

5)   Warum sind die Fußgängerampeln nicht auf grüne Welle synchronisiert?

6)   Warum sind die Kästen für die Hundekacke-Beutel so oft leer?

7)   Warum gibt es am Busbahnhof keine ausgedruckten Fahrpläne mehr?

8)   Warum ist auf der Orangeninsel frischgepresster O-Saft so sündhaft teuer?

9)   Warum ist das Wappentier von Palma eine Fledermaus?

10)   Warum ist es auf Mallorca so schön?

Noch Fragen?

Der Tsunami vom Ballermann

b1Der Himmel ist blau. Wie Lametta glitzert die Sonne im Meer. Und wer genau hinschaut, kann beobachten, wie sich die Schirme der Kite-Surfer in deinem Weinglas spiegeln. An Tagen wie diesen wünschen sich nicht nur Tote Hosen Unendlichkeit.

Doch plötzlich schleicht sich ein Tsunami in dein Leben. Zuerst auf sanften Pfoten, bald schon mit brachialer Gewalt.

Der Tsunami ist klein und dicklich und hat knallrote Haare. Der Tsunami spricht viel zu laut, viel zu schnell und viel zu schwäbisch. Der Tsunami hebt den Sangria-Schwenker und schreit: „Genau deswega send mer auf Malle. Prost!

Jetzt noch der Ententanz und ich sterbe.

Tsunamis kommen und gehen. Nur dieser Tsunami bleibt. Als die Kellnerin bedauert, mir zum Nachtisch keine Ohropax servieren zu können, plane ich meine Flucht. Soll der rothaarige Tsunami doch ohne mich weiter toben.

Fast hätte ich’s vergessen: Es gibt sie also doch noch, die Ballermänner. Dabei können Ballermänner auch Frauen sein. Um diese Jahreszeit sind sie auf Mallorca noch selten. Die einschlägigen Kneipen in der Gegend von Arenal haben noch gar nicht alle geöffnet. Die Bierstraße muss erst noch auf Vordermann gebracht werden und selbst die Grillmeister schrauben noch an ihren Geräten. Eigentlich eine gute Zeit, nach Arenal an den Strand zu fahren. Ballermann ohne Ballermänner.

Wo seid ihr her?“ Die Frage kennt jeder, der im Ausland deutsch redet. Gewöhnlich ist es ja auch schön, sich mit anderen Reisenden auszutauschen. Nur eben nicht immer. Und vor allem nicht mit jedem. Aber dafür gibt’s dann ja die Stummtaste. Nur heute will sie nicht funktionieren.

Woher bisch?“, fragt der rote Tsunami schon wieder. Jetzt ja nicht antworten!, fährt es mir durch den Kopf. Gleich gar nicht im angeborenen und sonst durchaus geschätzten Dialekt. Schwäbisch könnte jetzt verheerende Folgen haben, denn die landsmannschaftliche Verbundenheit mit dieser lautstarken Sangria-Vernichterin lässt sich rein sprachlich gesehen nicht leugnen.

„Komm scho, woher kommet’r?“ – „Berlin„, sagt mein Ballermann-Begleiter wahrheitsgemäß, auch wenn er dort seit 45 Jahren nicht mehr wohnt. Und ich bin fürs Erste gerrettet. Mein Kumpel, ein Berliner aus New-York, mit jahrelanger Erfahrung im tiefsten Afrika, ist seit einigen Jahren „Residente“ auf Mallorca. Und hat die zündende Idee.

Er hängt jetzt einem „100%-echt-Rolex“-Verkäufer aus dem Senegal ein Gespräch auf. Er parliert englisch, französisch und wenn’s sein muss auch noch polnisch rückwärts mit dem Mann. Verstehen tut’s keiner so richtig, ist aber nicht weiter schlimm. Die Konversation erfüllt trotzdem ihren Zweck: Der rote Tsunami schweigt. Erstarrt über so viel Kommunikationsvermögen in so vielen Sprachen hat es ihm die eigene Sprache verschlagen.

Auf leisen Pfoten, wie er gekommen war, zieht der Tsunami wieder ab. Sanft weht das rote Haar im Wind.

Der Weiße Elefant von Palma

Koloss in bester Meereslage: Das unvollendete Kongresszentrum in Palma.

Koloss in bester Meereslage: Das unvollendete Kongresszentrum in Palma. Foto: Bopp

Die „Mallorca Zeitung“ will zurzeit von ihren Lesern wissen: „Was tun mit Palmas Kongress-Palast?“ Der Koloss in Meeresnähe ist die mit Abstand teuerste Bauruine der Insel. An eine Fertigstellung ist aus Kostengründen nicht zu denken, an einen Abriss auch nicht. Lösungsvorschläge gibt es viele. Lösungen nicht eine einzige.

Das alles kommt mir bekannt vor. Auch in Montreal steht so ein Weißer Elefant. Das 1976 erbaute Olympiastadion bibbert seit Jahren vor sich hin.

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„Big Owe“ in Montreal. Foto: Bopp

Das Stadion, wegen seiner Donut-förmigen Architektur ursprünglich „Big O“ genannt, heißt bei den Montrealern nur noch „Big Owe“ – der große Schuldenberg. Das Dach, eine Kevlar-Konstruktion, die auf das Konto des einstigen Star-Architekten Roger Tallibert geht, wurde schon so oft abgebaut, aufgebaut, repariert und wieder eingerissen, dass aus dem ursprünglich mit 134 Millionen Dollar angesetzten Bau ein Monstrum für 1.2 Milliarden Dollar wurde. Kanadier frotzeln gerne über die „teuerste Kopfbedeckung der Welt“.

Das Olympiadach war schon vor der Installation verschlissen

Ein Jahrzehnte dauernder Rechtsstreit war der Installation des Dachs vorausgegangen. Weil sich die Parteien nicht auf die Zahlungen einigen konnten, bröselte die innovative Konstruktion in einem französischen Lagerschuppen so lange vor sich hin, bis das Dach den Handwerkern buchstäblich in den Händen zerrann.

Doch auch das neue Dach erwies sich als Schrott. Die „Expos“, ein professionelles Baseballteam, das einst die Massen ins Stadion zog, wanderte frustriert in die USA ab. Auch die American Football-Mannschaft „Montreal Alouettes“ warf das Handtuch und verschwand von der Bildfläche. Spätestens als das Stadiondach während einer Autoshow mal wieder unter den Schneemassen einknickte, war das Vertrauen vollends hin.

Big-Bang-Theorie: Ein Omnibus-großes Stück Beton kracht auf die Erde

Heute verirrt sich noch gelegentlich eine Fertighausmesse ins überdachte Stadion. Auch die Veranstalter einer Monster-Truck-Veranstaltung sind waghalsig genug, unter dem brüchigen Dach ihre Stunts zu zeigen. Inzwischen leckt nicht nur die Kopfbedeckung, sondern auch das Gestell wurde Opfer der Big-Bang-Theorie: Ein Omnibus-großes Stück Beton löste sich vor nicht allzu langer Zeit aus dem Fundament und krachte auf die Erde.

Ein echter Verwendungszweck für das architektonisch durchaus ansprechende Gebäude fehlt. Auch in Montreal fragten Zeitungen und Radiosender einst ihre Leser: „Was soll aus dem Olympiastadion werden?“ Und auch hier, wie in Palma: Viele Vorschläge, keine Lösungen. Ein Abriss wäre zu teuer, an einen Umbau wagte sich bisher kein Konsortium.

Sparbüchse mit Riesenloch: Bis heute nicht abbezahlt

In Vergessenheit geraten wird das Olympiastadion bei den Montrealern trotzdem nicht. Bis vor kurzem flossen von jeder gekauften Packung Zigaretten 25 Cents in die Schuldenkasse. Abbezahlt ist der Koloss auch heute noch nicht.