Lassen Sie uns doch mal kurz übers Wetter reden. Oder noch besser: über den Sommer.

Schnee im Oktober
Wie ist er denn so bei Ihnen? Frisch, sagen Sie? Verregnet? Achwas, das tut mir aber leid. Heizen mussten Sie auch schon, erzählt mir meine Schwester im Allgäu. Ist ja nicht möglich! Es ist doch erst Mitte August. So ein Gespräch wäre mit vielen Kanadiern geradezu lachhaft. Hier gehen die Menschen einfach davon aus, dass es meistens arschkalt und das Wetter lausig ist. Und wenn dann mal eine Hitzewelle eintritt wie in den letzten Wochen, dann ist das schlicht ein Irrtum der Natur, ein Intermezzo, das natürlich jeder gerne hinnimmt.
Ein kanadischer Nachbar vom See: „We are Winter People“
Aber im Grunde genommen sind die meisten Kanadier „Winter People“, wie unser Hüttennachbar am See immer sagt. Einmal sei er im Winter in Florida gewesen, erzählte uns Monsieur Bertrand vor ein paar Tagen. „Das war ganz schrecklich„. Ein richtiger Kanadier steht zu seinem Wetter und bucht bereits im Hochsommer die Trainingszeiten für die Eishockey-Saison im Winter. Ich kenne Leute, die stellen den Wecker auf drei Uhr morgens und treffen sich eine Stunde später in irgend einer gottverlassenen Eishockeyhalle, in die mich keine zehn Pferde hinbringen würden. Nicht einmal im Sommer. Ich konnte nie verstehen, dass ein Chansonnier wie der Québecker Gilles Vigneault ungestraft ein Lied singen durfte, dessen Titel mich schon frieren lässt: „Mon pays, ce n’est pas un pays, c’est l’hiver„. Sein Land sei eigentlich gar kein Land, sondern der Winter. Auch nach mehr als 30 Jahren Kanada tickt meine innere Uhr immer noch süddeutsch. Im Dezember erwarte ich warme Weihnachten mit Glühwein auf der Terrasse. Im Februar Schneeglöckchen, im März ein geöffnetes Straßencafé. Schneien darf es gerne im Januar. Frühestens. Und auch bitte nicht so viel. Denn sonst schaffen es ja die Schneeglöckchen nicht bis zum Februar. Träumen darf man ja wohl. Vor allem wenn es in der Nacht wieder einen Meter Neuschnee hingeworfen hat und das Thermometer minus 30 Grad zeigt. Celsius!
Ein Tag ohne Handschuhe ist ein guter Tag
Temperaturen wie diese sind unanständig und ein Anschlag auf meinen ganz persönlichen Thermostat. Doof nur, dass ich für so einen rigiden Wetterrhythmus im falschen Land lebe. Doof auch, dass uns die Drohung eines bevorstehenden gnadenlosen Winters jedes Jahr aufs Neue in einen regelrechten Freizeitstress versetzt. Dabei sind wir schon echt bescheiden geworden. Jeder Tag ohne Parka, Handschuhe und Schneestiefel ist ein guter Tag. Okay, ganz so schlimm ist es nicht. Aber Sie wissen, was ich meine. Der Sommer läuft hier in Montréal in zeitlich vorbestimmten Bahnen ab, im Festivaltakt gewissermaßen. Dem Formel-Eins-Rennen im Juni folgen: das Jazzfestival, das Fringefestival, das französische Komikerfestival, das englische Komikerfestival, das Lichterfestival, das Kochfestival, das karibische Festival, das Bierfestival, die afrikanischen Nächte … undsoweiter. Ende August kündigt sich in Montréal noch das Weltfilmfestival an. Dann kommt das Tote-Hosen-Festival: der Winter. Zwar kann es während des Indian Summer im September und Oktober noch wunderschöne, warme Tage geben. Aber der Canadian Summer verabschiedet sich Ende August.
Jedes Jahr dasselbe: Ja nichts verpassen!
Die Hektik, die der Wettlauf mit den Jahreszeiten mit sich bringt – ja nichts verpassen! – kann vermutlich nur jemand nachvollziehen, der schon mehrere kanadische Winter erlebt, erbibbert, ereist hat. Kein Open-Air-Festival mehr, keine überfüllten Straßencafés, keine Mädels mehr in knappen Röcken, keine Jungs mit Sixpacks. Zum Feiern geht der Kanadier jetzt in den Keller, in seinen „family room„. Dort lässt sich die Eiszeit am besten mit Freunden und Familie aushalten. Anzeichen dafür, dass viele Kanadier den Winter gar nicht erwarten können, begegnen mir jetzt immer häufiger an Autos, Fahrrädern und sogar Motorbooten. Es sind die Wimpel der Eishockeymannschaft, die es auch in der neuen Saison wieder anzufeuern gilt („Go Habs, Go!“). Übrigens: Im Moment ist es noch herrlich warm hier und durchs offene Bürofenster weht der wunderbare Geruch von frisch gemähtem Gras. Die Sonne scheint, der Himmel ist strahlend blau, die Nachbarkinder planschen im Swimmingpool. Morgen soll es wieder 30 Grad geben. Wie war das nochmal mit Ihrem Sommer? Sie heizen schon? Kleiner Tipp: Wie wär’s mit Kanada?





n lange nicht mehr. Bären lieben Beeren. Und wenn der Bär hungrig ist und langsam schon mal für den Winterschlaf vorfuttert, verliert er seine Scheu und kommt, wenn es sein muss, auch ganz nahe an die bewohnten Hütten heran. Wir haben bisher noch keinen Bären zu Gesicht bekommen, dafür aber ein aufgeregtes, wildes Huhn, ein Häschen, eine Entenfamilie, einen Nerz, jede Menge Fische (die wir aber nicht fangen) und drei „Loons“. Das sind kanadische Seetaucher, deren unvergleichlichen Lock- und Angstruf jeder kennt, der schon mal in der kanadischen Wildnis unterwegs war. Dass es bei uns sogar Kolibris gibt – siehe Video weiter unten -, fasziniert mich jedes Jahr aufs Neue. Ich dachte immer, diese Vögel seien nur in den Tropen anzutreffen.


Minuten westlich von Montréal, auf dem direkten Weg nach Ottawa. Es ist zum einen die zauberhafte Lage am Lake of Two Mountains, wo die wöchentlichen Segelregatten dem See etwas sehr Edles verleihen. Zum andern ist es ein Flohmarkt, der jeden Sommer Tausende aus den umliegenden Gemeinden und Städten hierher lockt. „Finnegan’s Flea Market“ hat seinen Namen von einem Hund. Dieser irische Setter namens Finnegan ist inzwischen längst über die Regenbogenbrücke gegangen, hat dem Markt aber netterweise noch seinen Namensstempel hinterlassen. Finnegan gehörte einem Farmerehepaar namens Barbara und David Aird. Als die Airds ihre Farm aus Altersgründen nicht mehr bewirtschaften konnten, überlegten sie lange, was mit all den Wiesen und Feldern zu tun sei. Verkaufen wollten sie nicht. Da brachte sie ihre Tochter irgendwann auf die Idee, die Ländereien doch stundenweise an Trödler zu vermieten, die dort einmal in der Woche ihre Tausendsachen anbieten könnten. So wurde im Sommer 1972 aus hügeligen Äckern und Wiesen „Finnegan’s Flea Market“.
