Bei der Kohle hört der Spaß auf

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Der Kanadier an sich ist ein friedfertiger Mensch. Wenn es aber um die Kohle geht, platzt ihm schon mal der Kragen. Heute Nachmittag zum Beispiel. Da machten sich bei winterlichen Temperaturen Zehntausende Luft und demonstrierten gegen die Sparmaßnahmen der liberalen Provinzregierung von Québec.

Sie waren von überall her nach Montreal gekommen: Von der Gaspésie-Halbinsel, von den Laurentiden-Bergen, von den Ost-Kantonen um Magog und Sherbrooke. Selbst von den fast 1400 Kilometer entfernten Magdalenen-Inseln waren sie angereist.

Ganze Busladungen mit Demonstranten rollten mitten im Vorweihnachtstrubel in die Montrealer Innenstadt. Ihre Forderung: Die liberale Regierung soll aufhören, den Gürtel immer noch enger zu schnallen.

Doch drastische Sparmaßnahmen seien notwendig, behauptet Ministerpräsident Philippe Couillard. Nur wenn es gelinge, vier Milliarden Dollar zu streichen, sei ein einigermaßen ausgeglichener Etat für das nächste Haushaltsjahr möglich.

Treffen soll es vor allem diejenigen, die beim Staat angestellt sind. Leider auch Tausende, die in den ohnehin chronisch unterbesetzten Krankenhäusern arbeiten. Dort sollen allein 1000 „Manager“-Positionen sollen gestrichen werden.

In-vitro-Therapien will Québec nur noch in Ausnahmesituationen finanzieren. Und auch bei den staatlich subventionierten Kindertagesstätten soll der Rotstift angesetzt werden. Also gehen Eltern und solche, die es gerne wären, auf die Barrikaden.

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Sticker-Protest in Montreal

Besonders bockig reagieren Polizei und Feuerwehr. Ihre Rentenfonds sollen eingefroren werden. Die meisten Einsatzfahrzeuge sind schon seit Wochen mit Aufklebern verunstaltet.

Dutzenden von diensthabenden Polizisten schien der Protestmarsch gerade recht zu kommen. Viele von ihnen nutzten die Gelegenheit, sich mit aufgeklebten Proteststickern in die Reihen der Demonstranten zu mischen.

Besonders kreativ erwiesen sich die Polizisten des Montrealer Stadtteils LaSalle. Sie weigern sich strikt, ihre Dienstkleidung anzuziehen. Stattdessen verrichten sie ihren Job in eigens für diesen Zweck angeschafften Fantasie-Uniformen – inklusive Cowboyhut und Sheriff-Stern.

Der ultimative Schnäppchentag

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Wenn es um Kohle und Kommerz geht, stehen Kanadier ihren Nachbarn südlich der Grenze um nichts mehr nach. Noch bis vor kurzem stieß man hier allenfalls beim Zappen durch die US-Kanäle auf den Begriff „Black Friday“. Jetzt führt auch in Kanada kein Weg mehr daran vorbei: Der heutige „Black Friday“ gilt als der ultimative Schnäppchentag schlechthin.

Warum der Freitag nach dem amerikanischen Thanksgiving Day „Black Friday“ heißt, ist nicht ganz klar. Angeblich, weil Menschen an diesem Brückentag massenweise krank feiern und die Arbeitgeber damit zur Verzweiflung treiben.

Eine Million Kanadier bleiben heute ihrer Arbeit fern, lese ich eben in einer Umfrage der IPG Media. Mehr als 80 Prozent davon haben sich vorgenommen, ein Schnäppchen zu ergattern. Und sei es das zweite Auto, das ein Montrealer Pkw-Händler beim Kauf des Erstwagens kostenlos dazu gibt. Two-for-One beim Autokauf – so einen Deal habe ich in mehr als 30 Jahren Kanada noch nirgends gesehen.

Vor allem Jugendliche laufen den „Black Friday“-Schnäppchen scharenweise hinterher. Wenn ein Elektronikladen seine Preise für fast alle Gadgets halbiert, dann ist zu erwarten, dass Schnäppchenjäger vor den Läden im Schlafsack übernachten, um am Morgen einen der so genannten „door crashers“ zu ergattern. Das sind jene Artikel, die fast zum Nulltarif verschleudert werden, nur um potenzielle Käufer an die Ladentür zu locken.

Der „Black Friday“ sei der neue „Boxing Day“, erzählte mir vorhin der junge Baguette-Verkäufer am Boulevard St. Laurent. Dabei dachte ich immer, zum verkaufsoffenen 2. Weihnachtstag gebe es keine Steigerungsmöglichkeiten mehr. Da kann es nämlich schon mal passieren, dass dir bei der heißen Schlacht am Kassenbüffet kurz vor dem Ziel die um 60 Prozent reduzierte Digicam aus der Hand gerissen wird.

Wie gesagt: Warum der verrückteste aller Einkaufstage „Black Friday“ heißt, ist nicht genau zu eruieren. Mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise, die am „Schwarzen Freitag“ im Oktober 1929 ihren Lauf nahm, soll der Schnäppchentag jedenfalls nichts zu tun haben.

Wäre ja auch etwas bizarr. Schließlich ging es damals rapide abwärts, als die Wertpapierkurse an der New Yorker Börse zusammenbrachen. Heute werden an diesem Tag dagegen Milliardenumsätze gemacht. Tendenz steigend.

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Nachtrag: „Von wegen Kanada und USA!“, meldet sich eben ein Freund aus Köln. Auch dort locken inzwischen Geschäfte mit „Black Friday“-Deals. Ganz so spektakulär wie hier scheinen die Schnäppchen in Deutschland allerdings nicht auszufallen. Der Kölner Kumpel schickt eine Anzeige, in der es auf „20 ausgewählte Produkte“ gerade mal 20 Prozent Rabatt gibt. Da ist noch Luft nach oben, würde der Kanadier zu solchen Mini-Schnäppchenpreisen sagen. Oder eher: „The sky is the limit“.

Palma – Köln – Ummendorf

airplaneEigentlich ist es eine überschaubare Herausforderung: Wie komme ich im Januar von Mallorca aus nach Ummendorf? Eigentlich. Wenn es aber darum geht, den richtigen Flug zu buchen, kommst du schnell an deine Grenzen.

Im Sommer wäre das alles kein Problem: Du fliegst von Palma aus nach Memmingen oder Friedrichshafen, mietest einen Wagen und eine Stunde später bist du im Herzen Oberschwabens angekommen: Ummendorf. Dort lebt die Familie. Da will ich hin.

Aber wir sprechen vom Winter. Da haben weder Germanwings noch Air Berlin und nicht einmal der Allesflieger Ryanair Lust, das Allgäu fliegerisch ans Mittelmeer anzubinden. Du suchst und surfst und klickst und fragst – und kommst zwar auf tausend „Superangebote“. Nur leider passt kein einziges in deine Agenda.

Also machst du das, was man halt so macht, wenn man im Internet wohnt: Man besucht ein Forum. In diesem Fall das Mallorca Forum, das ich übrigens jedem empfehlen kann, der schon mal auf der Insel war, sie besuchen möchte oder sich kurz einen Inselfix holen will.

Im Mallorca Forum gibt es einen Thread, der nennt sich: „Es gibt sie noch, die preiswerten Flüge“. Kaum hast du deinen Wunsch gepostet, kommen sie rein, die Vorschläge.

Alle sind sie gut gemeint. Nur: So richtig weiter bringen sie dich auch nicht. Bis auf einen. Der geht so: Von Palma nach Köln. Dann 4.05 Stunden Aufenthalt. Danach mit dem Flieger nach Friedrichshafen. Komplette Flugzeit: 7 Std. 25 Minuten. Kommt die Weiterreise mit dem Mietwagen dazu, sind wir bei knapp unter neun Stunden.

Den nehme ich! Auch wenn die Flugdauer dem Trip von Montréal nach Frankfurt entspricht.

Aber wer will denn schon nach Frankfurt, wenn Ummendorf lockt!

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Zeit für ein bisschen Demut

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Nicht immer geht es auf der Überholspur durchs Leben. Manchmal wirst du ausgebremst und du lernst die Kunst der Entschleunigung kennen. Zwangsweise. So wie jetzt.

Ein chirurgischer Eingriff – Nase, Stirnhöhle – nichts Lebensbedrohliches, aber ernst genug, um dich nach der Vollnarkose ins Bett zu zwingen. Und damit zum Nachdenken.

Zum Beispiel darüber, was Männer und Frauen so leisten, die im Krankenhaus arbeiten. Menschen, die auch beim Anblick von Bettpfannen und schmutzigen Leintüchern noch ein Lächeln über die Lippen bringen, wenn nur der richtige Knopf gedrückt wird.

Ärzte, die klaglos jede Frage beantworten, die du ihnen stellst. Pfleger, denen kein Weg zu weit ist, um dir einen Rollstuhl ans Bett zu schieben, weil deine ohnehin eingeschränkte Mobilität sonst zum vollkommenen Stillstand kommen würde.

Putzkolonnen, denen Tag für Tag eingetrichtert wird, dass Hygiene im Krankenhaus weniger mit schön aussehen zu tun hat als mit Leben und Tod.

Aber auch das ist ein Teil des oft zurecht kritisierten kanadischen Gesundheitswesens: Kaum wachst du aus der Vollnarkose auf, wirst du nach Hause geschickt. „Metzgerei Montreal“, lästert ein vom deutschen Krankensystem verwöhnter Freund. „Bettenmangel“ lautet die offizielle Begründung in Kanada.

Wer das Glück hat, nach der Entlassung aus dem Krankenhaus im eigenen Heim weiter gepflegt zu werden, hat erst recht keinen Grund zum Jammern. Schokoriegel, wo sonst ein Joghurt wartet. Säfte zwar statt Sekt, aber wen juckt’s. „Darf’s noch ein Tässchen Tee sein?“.

Auch hier: Dankbarkeit und auch ein bisschen Demut.

Und dann die Entdeckung schlechthin: Fernsehen! Wer im Internet wohnt, vergisst manchmal, dass es noch andere Bespassungs-Medien gibt. Zum Beispiel den TV-on-demand-Sender NETFLIX. „Dexter“ gefällig? Kein Problem. Wenn’s sein muss drei Jahrgänge hintereinander. Eine Michael-Jackson-Biografie? Aber bitteschön. Oder doch lieber John Lennons letzte Tage in New York?

Mad Men“ und „Homeland“ waren gestern. Im Krankenbett entdeckt und seither süchtig danach: „Orange ist the new Black“. So also geht’s in amerikanischen Frauengefängnissen zu!

Dann schon lieber Krankenhaus. Oder noch besser: Genesung in den eigenen vier Wänden.

Danke!

Superstars zum Anfassen

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Fast wie das Original: Retro-Kopie Rod Stewart © Bopp

Neulich die Beatles, gestern Abend Neil Diamond und Rod Stewart: Konzerte, in denen unbekannte Musiker einstige Megastars kopieren, können unterhaltsam sein, aber auch ein bisschen traurig.

Er hat eine fantastische Stimme, dieser Mann, das muss man ihm lassen. Und wenn er sich bewegt, dann tut er dies mit der Brooklyner Lässigkeit eines Neil Diamond. Als Ladies Man weiss er, wie man sich in die Herzen älterer Damen einschmust: Mit viel Schmalz und auch ein bisschen Wehmut.

Einen gestandenen älteren Mann mit dieser großartigen Stimme von der Bühne schlendern zu sehen, nachdem er einen halben Abend lang ausschließlich Neil Diamond-Songs zum Besten gegeben hat, kann eine beklemmende Wirkung haben.

Gut, das Original ist 74 und tourt nicht mehr. So gesehen ist die Kopie das Beste, das sich Diamond-Fans wünschen können (zu denen ich übrigens nicht gehöre). Aber irgendwann ist alles über Neil Diamond gesagt, alles von ihm gesungen und auch sein letzter Doublestep getanzt. Und dann kommt die große Leere.

Der Mann mit dem Glitzerhemd und den schwarzen Hochbundhosen überm Bauchansatz lässt sich noch einmal von gefühlten Fünfundsiebzigjährigen berühren, bejubeln, feiern. Dann verschwindet der Star, der keiner ist, hinter der Bühne, nur um später in Begleitung seines wohl größten Fans, seiner eigenen Frau, den Saal zu verlassen.

Die ältere Dame an seiner Seite bewegt sich schleppend mit Gehhilfe fort. Der ältere Mann, der sich gerade noch für seine schnittigen Hits von gestern feiern ließ, nimmt seine Frau fürsorglich am Arm. Mit der anderen Hand trägt er den Gitarrenkoffer, der – wie der Künstler und seine Frau – auch schon bessere Zeiten gesehen hat.

Auch Rod Stewart hat seine Zukunft längst hinter sich. Zumindest der Rod Stewart, der sich gestern Abend im Montrealer „Rialto Theatre“ feiern ließ. In diesem traumhaft schönen Jugendstil-Ballsaal mit Emporen, Logen und Samtbestuhlung, tanzte, rockte und krächzte ein blonder Mann mit Stoppelhaar-Perücke, der dem richtigen Rod verteufelt ähnlich sah. Das Publikum liebt ihn, hat schließlich 55 Dollar pro Ticket bezahlt.

Darf man einem Menschen zujubeln, der es sich zum Lebensinhalt gemacht hat, einen anderen Menschen zu kopieren? Einem Idenditätendieb gewissermaßen? Einem, der sich als Star geriert, aber gar keiner ist?

Ja, darf man. Und wer Spaß dabei hat, muss sich nicht dafür entschuldigen. Nächsten Monat ist Michael Jackson dran.