Palma anders. Anders schön.

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Einfach Kamera draufhalten und klick: Während der Morgennebel noch die Kathedrale von Palma einlullt und der Luxusliner beim Auslaufen im Abendlicht nicht so richtig in die Gänge kommt, wagen sich ein paar hundert Meter weiter satt gereifte Orangen mit exhibitionistischem Eifer aus dem Windschatten der Mühle.

Eine Ecke weiter, als wären wir in Bagdad gelandet und nicht auf den Balearen, entblößt sich aus dem Nichts ein abrissfertiges Bürgerhaus vor unseren Augen und schämt sich kein bisschen.

Auch Mickeymäuse fühlen sich auf Mallorca wohl. Warum auch nicht? Gleich werden sie in die Luft gehen. Wenn sie Glück haben, landen sie schon kurze Zeit später in einem Spinnennest aus Licht und nachweihnachtlichem Lametta. Das Leben auf Mallorca ist ein Zuckerschlecken. Sehen Sie selbst.

 

Wintersommer auf Mallorca

Wintersommer

Mallorca im Winter: Viel Sonne, wenig Menschen, leere Strände. Das Ganze bei frühsommerlichen Temperaturen. An der Playa de Palma herrscht Feiertagsruhe. Die meisten Geschäfte, Kneipen und Bars sind noch geschlossen. Wer sich nicht daran stört, dass die Ballermänner noch nicht mit Strohhalm und Eimer eingefallen sind, findet um diese Jahreszeit ein kleines Paradies vor. Klicken Sie sich durch die kleine Bildergalerie und genießen Sie mit uns die Ruhe vor dem Sturm.

Tschüss Winter! Hola Mallorca!

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Die Proseccoflaschen sind entsorgt, sämtliche Neujahrsanrufe erledigt. Unser Winterquartier in Palma ist angerichtet. Mallorca, wir kommen!

Schwer gefallen ist mir der Abschied vom kanadischen Winter noch nie. Wer mehr als 30 Jahre lang schlimme Schneestürme und Dutzende von Stromausfällen erlebt hat, weil die Überlandleitungen mal wieder unter den Eismassen zusammengekracht sind, der entwickelt im Laufe der Jahre ein ziemlich unromantisches Verhältnis zum Winter.

Ohnehin scheint es der alte Mann dieses Jahr besonders eilig zu haben, so als würde er uns dafür bestrafen wollen, dass wir den Spieß umdrehen und IHM die nächsten vier Monate die kalte Schulter zeigen. Ich kann mich nicht daran erinnern, in all den Jahren schon so früh in der Saison solche extremen Temperaturen und Schneemengen erlebt zu haben.

Ein Silvesterfeuerwerk bei minus 25 Grad vergisst man nicht so schnell. 50 000 bibbernde Menschen können nicht irren: Schön war die Party auf dem Place Jacques Cartier in Alt-Montreal allemal. Aber jetzt ist gut. Der Winter hat sich selbst entzaubert. Das hat er nun davon.

Von morgen an gibt’s statt Donuts mallorquinische Ensaimada und der Wein in unserer Stammbar in Palma kostet noch immer 1.80 Euro, während wir hier, in der teuersten aller kanadischen Provinzen, mit 9 Dollar pro Glas abgezockt werden.

Wenn wir Snowbirds im Mai nach Kanada zurückkehren, werden die Schneeberge in St. Henri vor der Frühlingssonne in die Knie gegangen sein. Dann werden das Kanu poliert und die Räder gesattelt. Kanada kann ja so schön sein.

Vorausgesetzt es ist Frühling, Sommer und Herbst.

Mein dritter Frühling

trilliumIrgendwo habe ich die Geschichte eines Mannes gelesen, der ein Anwesen mit sehr vielen Zimmern besitzt. Jeden Tag wechselt er seinen Wohn- und Schlafraum. Irgendwann schließt sich der Kreis und er kommt wieder am Anfang seiner Reise an. Dadurch verlängert sich in seiner Wahrnehmung sein Leben auf fast wundersame Weise.

So ähnlich fühlt es sich zurzeit bei mir an. Im Moment erlebe ich so etwas wie den dritten Frühling. Das hat nichts mit Midlife Crisis zu tun, dafür aber mit diversen Ortswechseln.

Mandelblüten auf Mallorca: Von Februar bis Mai waren wir auf Mallorca. Dort blühten die Mandelbäume und später die Mimosen, Rosen und allerlei Feldblumen. Das nenne ich frühen Frühling.

Waldlilien in Montréal: Bei unserer Rückkehr nach Montréal erwartete uns der nächste Frühling. Es blühten der Löwenzahn, Osterglocken und Waldlilien und überall die für diesen Teil Kanadas typischen Crab Apples, zu Deutsch: Holzäpfel.

Hahnenfuß am Lac Dufresne: Mit zwei Frühlingen wären wir schon ziemlich gut bedient gewesen. Doch jetzt beschert uns die Natur noch eine dritte Blütensaison. Hier am Lac Dufresne, zwei Autostunden nördlich von Montréal, sind die Winter lang und die Sommer entsprechend kurz. Gestern begrüßten uns hier erneut frischer Löwenzahn, dazu Hahnenfuß und Trillium ohne Ende. Wilde Lilien, die hier etwa so häufig auftreten wie in Deutschland die Waldanemonen, die ganze Lichtungen weiß einfärben. Demnächst kommen die „Lady Slippers„, eine wilde Orchideenart.

Mit den Blüten kommen die „Bugs

Die Natur meint es dieses Jahr also besonders gut mit uns. Dass wir nicht einen, auch nicht zwei, sondern gleich drei Frühlingsanfänge erleben, empfinde ich als ein Geschenk. Doch umsonst gibt es im Leben bekanntlich nichts. Vor allem der dritte Frühling, den wir zurzeit in der Blockhütte am See erleben, erfordert einen hohen Einsatz an Leidensfähigkeit und Gleichmut. Mit den Blüten kommen die „Bugs“.

Erst die „Black Flies“, schwarze, kleine Fliegen, die sich an deinem Blut laben und eklige Bisswunden in der Haut hinterlassen. Danach kommen die „Mosquitos“, die in Deutschland als Stechmücken oder Schnaken bekannt sind. Die sind zwar lästig, aber nicht so schlimm wie die Schwarzfliegen. Dafür bleiben sie länger.

Invasion der Störenfriede

Mitten im Sommer kommt dann mit nerviger Regelmäßigkeit noch einmal Besuch aus der Luft. Die Invasion der „Horse Flies“, ähnlich den deutschen „Bremsen“, setzt dem ganzen die Krone aus. „Horse Flies“ haben keine Angst vor dir. Im Gegenteil: Sie scheinen die Konfrontation mit ihrer Umgebung geradezu herauszufordern, indem sie selbst bei drohender Klatschbewegung bis zur letzten Millisekunde vor dem Knall noch frech ein paar Quadratmillimeter Haut für sich beanspruchen.

Das war’s dann aber endgültig mit der Parade der Störenfriede. Irgendwann kommen die Eisblumen. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Die Altersweisheiten des Herrn J.

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Entspannt dem Alter entgegen sehen: Auf das Timing kommt es an. © Bopp

Manchmal fragt man sich ja, ob man die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Ob es zum Beispiel eine gute Idee war, das Haus auf dem Land zu verkaufen und in die Stadt zu ziehen. Oder ob unser fliegender Wechsel zwischen Montréal und Mallorca sinnvoll ist. Ein freundlicher Herr aus Bayern, der neulich im Flugzeug von Palma nach München neben mir saß, machte mir Hoffnung: Anscheinend haben wir mit unserem Alterskonzept ziemlich vieles ziemlich richtig gemacht.

Herr J. ist Anfang 50 und hauptberuflicher Experte auf dem Gebiet: „Alt und glücklich werden“. Der Mann hat eine interessante Vita. Als gelernter Altenpfleger betreute er über 20 Jahre lang Deutsche und Schweizer, die sich in der Toskana und auf Menorca niedergelassen hatten. Es war eine überschaubare Herausforderung, sagte mir Herr J. Die alten Herrschaften, offensichtlich nicht ganz arm, wollten von ihm vor allem unterhalten werden.

Herr J. ist sehr belesen, das merkt man ihm sofort an. Und da viele ältere Menschen selbst nicht mehr lesen, weil ihr Augenlicht versagt oder sie das Lesen zu sehr anstrengt, fungierte meine Flugbekanntschaft eben als Vorleser.

Wie eine Frau sein Leben veränderte

Irgendwann hatte er genug vorgelesen und beschloss, sich von nun an vorlesen zu lassen. Er schrieb sich in einer Universität ein, um Philosophie und Sozialpädagogik zu studieren. Während eines Praktikums lernte er schließlich eine Frau kennen, die sein Leben verändern sollte.

Diese Frau war der Meinung, dass junge Leute schon frühzeitig in die Entwicklung älterer Menschen miteinbezogen werden sollten. Nicht nur werden junge Menschen irgendwann mal selbst alt. Mit der rechtzeitigen Beschäftigung mit dem Alter, so die Idee, wächst bei ihnen auch ein besseres Verständnis für ihre eigenen Eltern heran.

Seminare über Alters-Philosophie

Die kluge Frau und Herr J. gründeten eine „Aging-Agentur“. Zunächst boten sie ihre Beratungsdienste Volkshochschulen und anderen pädagogischen Einrichtungen an. Irgendwann kamen kleinere Firmen dazu. Heute betreiben die Beiden ein erfolgreiches Unternehmen, das Konzerne wie McDonald’s, H&M, Siemens und andere Big Players berät. Ihre Seminare geben sie inzwischen nicht nur vor jungen Menschen, deren Berührungsängste mit dem Alter sie abzubauen versuchen. Jetzt sind es auch Firmenmitarbeiter, die vor der Pensionierung stehen und manchmal Angst vor dem richtigen Alterskonzept haben.

Rechtzeiting downsizen – sonst ist es vielleicht zu spät

Viele ältere Menschen, erzählte mir Herr J., kämen zu spät zu der Erkenntnis, sie müssten noch etwas an ihrem Leben ändern. Sich zum Beispiel verkleinern, wie wir das machten. Haus auf dem Land gegen Stadtwohnung. Gerade wenn es um das Downsizing gehe, hätten ältere Menschen oft mit einer Stigmatisierung zu kämpfen, etwa nach dem Motto: „Hoffentlich denken die Leute jetzt nicht, ich sei am Verarmen und musste deshalb mein Haus verkaufen“. Wir kennen das.

Die lähmende Angst vor Entscheidungen

Besonders im Alter sei das Timing wichtig. Werden Entscheidungen zu lange aufgeschoben, könnte es irgendwann zu spät sein. Als älterer Mensch nehmen die Entscheidungsfreudigkeit ab und die Angst vor dem Risiko zu. Weil sie keine Fehler machen wollen, machen sie lieber gar nichts. Und verharren in der Lethargie.

Wichtig sei es für ältere Menschen, sagt Herr J., dass sie sich vor lauter Zukunftsängsten nicht die Freude am Jetzt nehmen lassen. Besonders groß sei dabei die Angst vor Altersarmut. Diese Angst – nicht die Armut – sei in Deutschland übrigens weiter verbreitet als in Ländern, wo der Staat weniger für seine Alten tut. „Deutschland ist eine Versicherungsgesellschaft“, sagt Herr J. „Wir würden am liebsten alles und jedes versichern lassen. Wenn es ginge, auch unser Lebensglück“.

Herr J. verriet mir noch andere Erkenntnisse aus seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz. So sei es für das Alter ganz wichtig, dass man sich an Werte erinnere, die einem schon immer wichtig waren, die aber im Laufe eines gelebten Lebens wieder in Vergessenheit geraten sind.

Einmal tolerant, immer tolerant

Toleranz gehört dazu. Wer als junger Typ Menschen mit Migrationshintergrund „cool“ fand, weil sie eine andere Sprache sprachen, eine andere Kultur mitbrachten, anders aßen als wir, sollte sich im Alter wieder daran erinnern, wie wichtig ihm diese Wahrnehmung einmal war. Oft ist jedoch das Gegenteil der Fall: Ältere Menschen haben plötzlich Vorbehalte gegen „alles andere“, also auch gegen Menschen aus fremden Kultur- und Sprachkreisen.

Alten-Wohngemeinschaften hält Herr J. zwar generell für eine sinnvolle Einrichtung. Aber sie bergen auch Tücken. Bestenfalls können sie vor Einsamkeit schützen, im schlechtesten Fall jedoch Emotionen freisetzen, die wir schon gar nicht mehr an uns kannten. Zickigkeit, Bösartigkeit, Neid.

Ich wollte Herrn J. noch fragen, wie denn sein eigenes Alterskonzept so aussieht. Aber an dieser Stelle endete unsere Unterhaltung und die Maschine setzte in München zur Landung an.

Schade. Viel zu wenig Flugzeit für so viele Erkenntnisse.