Dem Frühling folgt der Frühling

Screen Shot 2013-05-02 at 6.18.23 AMNach drei Monaten Mallorca hat uns Kanada wieder. Der Maienausflug um die halbe Welt dauerte einen knappen Tag und führte uns über zwei Meere. Beim Abflug in Palma hatten wir zum Glück noch ein paar Sonnenstrahlen eingepackt. 25 Grad zeigte das Thermometer bei der Ankunft in Montreal. Auch die weiteren Aussichten sind gut: Sonne satt soweit das Auge reicht.

Die fünf Stunden Zwischenstopp in München vergingen wie im, naja, Fluge. Ein Biergarten mitten im Airport, mit Mädels im Dirndl und Buben in Lederhosen. Dazu Blasmusik, Leberkäs und Laugenbrezeln – hier durften wir noch einmal die Exoten spielen, ehe es in den Flieger nach Kanada ging.

Und dann: Vertraute Gesichter, das eigene Bett. Und trotzdem: So richtig heimisch fühlt sich die Stadt meines Herzens noch nicht an. Vielleicht sind es auch nur wir, die fremdeln. Aber es wird schon.

Die Frau an meiner Seite vermisst die laue Meeresluft und die Palmen. Mit fehlt die Ensaimada bei Alfonso in der Bar nebenan. Dafür gibt es bei uns ein Montrealer Baguette-Frühstück auf der Terrasse mit Blick zum Nachbarn. Der hat schon mal die Hängematte getestet.

Das Leben hat uns diesmal doppelt belohnt: Zweimal Frühling hintereinander, wer hat das schon? Wahnsinn.

Danke, Mallorca. Und tschüss!

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Liebes Mallorca,

es waren wunderbare drei Monate, die wir bei Dir verbringen durften. Wir, die ewigen Ausländer: Zwei Deutsche mit kanadischen Pässen, die in Spanien überwintern. Wetter-Flüchtlinge aus dem hohen Norden, die in ihrem Leben genug Eis und Schnee erlebt haben, um die Erderwärmung ad absurdum zu führen. Du hast uns gezeigt: Es geht auch anders. Mit Mandelblüten im Februar und lauen Frühsommertagen im März.

Wenn es einen perfekten Gastgeber gibt, dann bist Du es. Sicher, wir haben Dich und ein paar Menschen dafür entlohnt, dass wir hier leben durften: Die Bar Bosch, die Bar Borne, den Supermarkt um die Ecke und die Bäckerei Lozano. Die Markthallen von Palma und Santa Catalina werden Umsatzeinbrüche verschmerzen müssen, wenn wir nicht mehr hier sind. Die städtischen Verkehrsbetriebe und die Betreiber der TIB-Buslinien nach Valdemossa, Sóller, Bunyola, Santanyi oder wohin auch immer – sie werden unsere Abwesenheit in ihren Kassenbüchern spüren.

Aber einen Abschied ohne Schmerz gibt es nicht. Frag uns mal, wie wir uns fühlen, kurz vor dem Rückflug nach Kanada!

Das Alter steht Dir übrigens gut. Du hast nichts von dem Glanz verloren, der uns erstmals vor fünf Jahren verzaubert hatte. Dein Charme, die Liebenswürdigkeit Deiner Bewohner, die Geduld Deines Servicepersonals, die Fairness Deiner Preisgestalter – das alles werden wir Dir nicht vergessen. Und dann natürlich Deine atemberaubende Schönheit.

Wir werden Dich vermissen, liebes Mallorca. Und mit Dir ein paar Menschen, die uns ans Herz gewachsen sind. Rudolfo, Kati, Alfonso und Pepita.

Aber wir kommen ja wieder. In acht Monaten sind wir schon wieder hier. In der Zwischenzeit werden wir die kanadische Natur genießen und das aufregende Leben in der Stadt meines Herzens, Montréal. Es könnte also schlimmer sein.

Dass Du uns ausgerechnet zum Abschied noch ein paar Regentage beschert hast, sei Dir verziehen. Vielleicht wolltest Du uns ja einfach nur daran erinnern, dass es auch im Paradies so etwas wie den ganz normalen Alltag gibt.

 

Also doch: Es ist die Siesta!

siestaSo langsam komme ich dahinter, warum die spanische Wirtschaft so funktioniert wie sie funktioniert. Es ist die Siesta. Die nachmittäglichen Ruhestunden sind dem Südländer bekanntlich heilig. In Palma dauert die Siesta meistens von 14 bis 17 Uhr. Dann lässt der Mallorquiner den Rollladen runter und tut das, was wir alle gern tun würden, wenn wir’s könnten: Er ruht aus.

Dass er, wenn er seinen Laden geöffnet und nicht geschlossen hätte, während der dreistündigen Ruhephase möglicherweise den spanischen Staatshaushalt ausgleichen könnte, scheint ihn in diesem Moment wenig zu interessieren. Aber vielleicht denken wir da einfach zu deutsch. Oder kanadisch. Immerhin gibt es auch bei uns jede Menge Betriebe, die Konkurs anmelden müssen, obwohl sie niemals eine Siesta abgehalten haben.

Schuhläden, Klamottenshops, Elektroläden, Boutiquen für Uhren, Parfum, selbst viele der Kunstgalerien fangen den Nachmittag erst mal mit Zuschließen an. Die Markthallen in Palma und im Stadtteil Santa Catalina mit ihrem Überangebot an Leckereien aus Mallorcas Gärten? Nachmittags geschlossen. In Spanien muss der Spruch vom hochgeklappten Bürgersteig kreiert worden sein. Zumindest zwischen 14 und 17 Uhr.

In Palma kann die Siesta, mal abgesehen von den marktwirtschaftlichen Auswirkungen, für den orientierungslosen Touristen ganz schön verwirrend sein, wenn die Geschäfte alle gleichzeitig die Rollos dicht machen. So sieht die Altstadt von Palma, ohnehin schon zu jeder Tageszeit ein städtebauliches Labyrinth, während der Siesta bis zur Unkenntlichkeit anders aus als während der Öffnungs-Phasen am Vormittag und am frühen Abend.

Wobei: Es hat schon was, wenn Ruhepausen eingehalten werden. Der Sonntag in Montréal ist wie Dienstag und Donnerstag. Nur dass vielleicht häufiger Rasenmäher oder Baumsäge angeworfen werden.

Ein wenig Siesta würde uns allen gut tun.

Zehn Fragen an Mallorca

10

Hin und wieder fallen dem Reisenden Dinge auf, die der Mallorquiner vielleicht gar nicht mehr wahrnimmt. Zum Beispiel:

1)   Warum sind die WLAN-Zonen in Palma nicht besser ausgeschildert?

2)   Warum ist der Brunnen an der Plaza de la Reina meistens nur nachts an?

3)   Warum beginnen die meisten Abend-Veranstaltungen erst um 22:30 Uhr?

4)   Warum tragen so viele Menschen offene Dokumente unterm Arm?

5)   Warum sind die Fußgängerampeln nicht auf grüne Welle synchronisiert?

6)   Warum sind die Kästen für die Hundekacke-Beutel so oft leer?

7)   Warum gibt es am Busbahnhof keine ausgedruckten Fahrpläne mehr?

8)   Warum ist auf der Orangeninsel frischgepresster O-Saft so sündhaft teuer?

9)   Warum ist das Wappentier von Palma eine Fledermaus?

10)   Warum ist es auf Mallorca so schön?

Noch Fragen?

Der Tsunami vom Ballermann

b1Der Himmel ist blau. Wie Lametta glitzert die Sonne im Meer. Und wer genau hinschaut, kann beobachten, wie sich die Schirme der Kite-Surfer in deinem Weinglas spiegeln. An Tagen wie diesen wünschen sich nicht nur Tote Hosen Unendlichkeit.

Doch plötzlich schleicht sich ein Tsunami in dein Leben. Zuerst auf sanften Pfoten, bald schon mit brachialer Gewalt.

Der Tsunami ist klein und dicklich und hat knallrote Haare. Der Tsunami spricht viel zu laut, viel zu schnell und viel zu schwäbisch. Der Tsunami hebt den Sangria-Schwenker und schreit: „Genau deswega send mer auf Malle. Prost!

Jetzt noch der Ententanz und ich sterbe.

Tsunamis kommen und gehen. Nur dieser Tsunami bleibt. Als die Kellnerin bedauert, mir zum Nachtisch keine Ohropax servieren zu können, plane ich meine Flucht. Soll der rothaarige Tsunami doch ohne mich weiter toben.

Fast hätte ich’s vergessen: Es gibt sie also doch noch, die Ballermänner. Dabei können Ballermänner auch Frauen sein. Um diese Jahreszeit sind sie auf Mallorca noch selten. Die einschlägigen Kneipen in der Gegend von Arenal haben noch gar nicht alle geöffnet. Die Bierstraße muss erst noch auf Vordermann gebracht werden und selbst die Grillmeister schrauben noch an ihren Geräten. Eigentlich eine gute Zeit, nach Arenal an den Strand zu fahren. Ballermann ohne Ballermänner.

Wo seid ihr her?“ Die Frage kennt jeder, der im Ausland deutsch redet. Gewöhnlich ist es ja auch schön, sich mit anderen Reisenden auszutauschen. Nur eben nicht immer. Und vor allem nicht mit jedem. Aber dafür gibt’s dann ja die Stummtaste. Nur heute will sie nicht funktionieren.

Woher bisch?“, fragt der rote Tsunami schon wieder. Jetzt ja nicht antworten!, fährt es mir durch den Kopf. Gleich gar nicht im angeborenen und sonst durchaus geschätzten Dialekt. Schwäbisch könnte jetzt verheerende Folgen haben, denn die landsmannschaftliche Verbundenheit mit dieser lautstarken Sangria-Vernichterin lässt sich rein sprachlich gesehen nicht leugnen.

„Komm scho, woher kommet’r?“ – „Berlin„, sagt mein Ballermann-Begleiter wahrheitsgemäß, auch wenn er dort seit 45 Jahren nicht mehr wohnt. Und ich bin fürs Erste gerrettet. Mein Kumpel, ein Berliner aus New-York, mit jahrelanger Erfahrung im tiefsten Afrika, ist seit einigen Jahren „Residente“ auf Mallorca. Und hat die zündende Idee.

Er hängt jetzt einem „100%-echt-Rolex“-Verkäufer aus dem Senegal ein Gespräch auf. Er parliert englisch, französisch und wenn’s sein muss auch noch polnisch rückwärts mit dem Mann. Verstehen tut’s keiner so richtig, ist aber nicht weiter schlimm. Die Konversation erfüllt trotzdem ihren Zweck: Der rote Tsunami schweigt. Erstarrt über so viel Kommunikationsvermögen in so vielen Sprachen hat es ihm die eigene Sprache verschlagen.

Auf leisen Pfoten, wie er gekommen war, zieht der Tsunami wieder ab. Sanft weht das rote Haar im Wind.