Mein allererstes Casting

Ich denke, das war’s dann mit meiner Schauspielerkarriere. Wenn dich der Regisseur beim Casting ständig für etwas lobt, was in der Rollenausschreibung gar nicht gefragt war – in meinem Fall „your spectacular voice“ -, dann ist das schon mal verdächtig. Wenn er außer zur Stimme aber kein Wort über deine schauspielerischen Leistungen verliert, ist das Urteil quasi gesprochen. Klappe die letzte, also. Trotzdem war mein erstes Casting eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Cool, aber nicht zu cool. Selbstbewusst, aber nicht eitel. Europäisch, gerne auch mit Akzent – so hatte sich der Regisseur meinen Auftritt gewünscht. Cool bleiben ist leichter gesagt als getan, wenn du verschwitzt bis unter die Achselhöhlen bei 34 Grad aus der Métro kommst und dich nach einem Kilometer Fußmarsch zum Proberaum im 4. Stock eines Theaters in einem dampfenden Backsteingebäude hochkämpfst. Drei Männer unterschiedlichen Alters und eine sehr junge, sehr hübsche Frau warten schon vor der Tür. Jetzt bloß kein Smalltalk. Und überhaupt: Geredet wird ab jetzt nur noch für Geld.

Als Fliegenpilz im „Adlersaal“ von Ummendorf

„Come on in“, meldet sich pünktlich der Regisseur bei den Kandidaten. Ich bin heute der einzige, der für die Rolle des alternden Schwerenöters Theodore vorspricht, die anderen sollen für unterschiedliche Charaktere gecastet werden. Meine Rolle ist eine Hauptrolle. Das kann nicht gutgehen. Meinen bisher größten, weil einzigen Bühnenauftritt hatte ich im „Adlersaal“ in Ummendorf. Das war vor ziemlich genau 58 Jahren. Damals durfte ich vor lokalem Publikum einen gepunkteten Fliegenpilz spielen. Stummfilm also.

Der Regisseur ist Anfang dreißig, blitzweisse Zähne, dunkle Augen, pechschwarzes Haar, sehr schlank, sehr freundlich, verbindlich, sympathisch und empathisch, wenn’s um seinen Film geht. „Eure Rolle kennt ihr ja“, sagt Mr. Clooney, „den Text habt ihr auswendig gelernt. Also dann mal los.“

Ein Radiogesicht macht keinen Filmschauspieler

Entschuldigung, Herr Lehrer, aber ich kann meinen Text nicht auswendig. Er ist mir nämlich erst reichlich spät zugeleitet worden. Und damit hier keine Missverständnisse aufkommen, sag ich’s lieber gleich: Ich habe noch nie in einem Film mitgespielt, stand noch nie auf einer richtigen Bühne und habe alles in allem doch eher ein Radiogesicht. Gelächter im Saal. Das Eis ist gebrochen. Das mit dem Radiogesicht passt ganz gut in die Rollenbeschreibung. Hübsch müsse mein Charakter nicht sein, hieß es da, aber charismatisch, neugierig auf mehr Leben und forever young. Könnte passen.

Nach einer Stunde ist alles vorbei. Der empathische Regisseur packt die Kamera weg, die er selbst geführt hat – Achtung, low budget! – wünscht uns einen schönen Abend und bedankt sich, dass wir mit so viel Enthusiasmus bei der Sache waren.

„Zu schön für diesen Film“

Bei der gemeinsamen Aufzugfahrt mit den Castingkollegen dann wieder das inzwischen schon bekannte Ritual: „Tolle Stimme“, sagt einer der Schauspieler, „sensationell“, die Schauspielerin. Trost spricht mir später auch die Frau an meiner Seite: zu: „Wenn du die Rolle nicht bekommst“, sagt Lore, „dann bestimmt deshalb, weil du einfach zu gut aussiehst“.

Warum sind denn alle nur so verdammt nett zu mir? Vielleicht weil ihnen klar geworden ist, dass ich heute Abend gleich zweimal zu einem Casting angetreten bin. Zum ersten und zum letzten Mal.

Spaß und eine Handvoll Dollar

Soll ich – oder soll ich nicht? Eine Agentin hat sich gemeldet. Es geht um eine Filmrolle. Die Frau hatte mich vor Jahren mal als Sprecher unter Vertrag genommen. Dokumentarfilme, Werbespots. Stimmen eben. Im vorigen Jahr durfte ich einen finnischen Weihnachtsmann synchronisieren. Was macht man nicht alles für ein bisschen Spaß und eine Handvoll Dollar.

Filmschauspieler war ich noch nie. Dieses Privileg blieb bisher Cassian vorbehalten. Der Gedanke, es jetzt, mit 63, dem Sohn nachzumachen, ist gewöhnungsbedürftig. Aber er hat was. Reich und berühmt werde ich nicht werden, das steht fest. Aber der Thrill, vor der Kamera zu stehen, ist für einen, der sein Leben hinterm Mikrofon verbracht hat, nicht zu leugnen.

Pariser Gentleman verguckt sich in Schauspielerin

Es ist eine Low-Budget-Produktion, um die es geht. Warum der junge Regisseur ausgerechnet an meinem Gesicht, an meiner Stimme, Gefallen gefunden hat, bleibt sein Geheimnis. Beides präsentiert die Agentin auf ihrer Website. Einen Pariser Gentleman will der Regisseur besetzen, Typ Bohemien. Der verguckt sich in eine junge Schauspielerin, die in seiner Straße einen Film dreht.

„Hübsch ist er nicht, aber interessant“

Theodore, so heißt der Kerl, für dessen Rolle ich vorsprechen soll, ist Anfang 60 und „im Herzen jung geblieben“. Könnte passen. Zwanzig Drehtage sind für den Film angesetzt. „Hübsch ist Theodore nicht“, heißt es in der Rollenbeschreibung, „aber interessant“. Toll. Sollte ich also die Rolle bekommen, würden sie mich nicht etwa wegen meiner blauen Augen nehmen. Wie ich daher komme, ist ihnen wichtiger. Schwerenöter. Womanizer. Doch nicht etwa Dirty Old Man?

Noch ist es nicht so weit mit dem Rollenspiel. Zwei andere Männer sind noch im Rennen. Ich kenne sie nicht, bin aber gespannt, wie so ein Typ aussieht der „nicht hübsch, aber interessant“ ist. Die eigene Wahrnehmung ist ja doch manchmal ein wenig daneben.

Mit 63 nochmal den Marktwert testen

Nervös? Ein bisschen schon. Und überhaupt: Muss ich mir so ein Casting denn antun? In meinem Alter und „bei deiner Figur“, wie Maggy bei solchen Gelegenheiten immer spöttelt. Nein, muss ich nicht. Aber die Neugier hat gesiegt und ich habe zugesagt. Kann ja nicht schaden, mit 63 noch einmal den Marktwert zu testen. Und sei es nur in einer Low-Budget-Produktion als nicht sehr hübscher Mann.

Neues Zuhause: Fast wie Urlaub

Blick von der Dachterrasse: Leben, 3. Teil

So ist das also, wenn man 25 Jahre im eigenen Haus auf dem Land gewohnt hat und jetzt zum ersten Mal in einer Stadtwohnung aufwacht, in der du deine Zukunft verbringen wirst. So richtig stimmig fühlt es sich noch nicht an. Aber es wird großartig werden, ich spüre es.

Die Kistenstapel ragen zwar nicht ganz bis zur Decke (die ist 5 Meter hoch, wie bei Fabriklofts so üblich). Noch kein Bild an der Wand. Aber wenigstens hängen wir schon wieder am Tropf. Der Internetdealer erbarmte sich des Junkies und schickte noch am Sonntag Mahmud vorbei. Der interessierte sich vor allem für das EM-Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft und legte eher nebenbei noch eine fixe Leitung.

Wo ist das Brotmesser? Hast du meine Socken gesehen? Schatz, die Zuckerdose? Und überhaupt: Wo ist mein Landleben? Es ist dort, wo es hingehört, auf dem Land. Dort soll es von mir aus künftig bleiben. Schön war’s. Aber jetzt ist auch gut.

Zwei Flaschen Prosecco zum Einstand

Harley kam vorbei, sie wohnt zwei Türen weiter. Jung, mollig, frisch und gemütlich. Selbständig wie viele hier. Webdesign. Zwei Flaschen Prosecco und viele Lacher später dann noch das Bett von Kisten und Klamotten befreien. Und los geht’s in den ersten Schlaf im eigenen Stadtloft. Tiefschlaf. Umziehen kostet Kraft. Und nicht nur in den Muskeln.

Beim Einschlafen noch einmal die Aktion Land-Stadt-Loft Revue passieren lassen: Am Morgen des heißesten Tages des Jahres standen die Jungs vom Umzugsservice pünktlich vor der Tür. Jung und stark und freundlich, wie sie eben sind, die meisten Kanadier. 34 Grad zeigt das Thermometer, gefühlte Temperatur: 42. Mit dem Truck durch den Stau in die Dreieinhalb-Millionen-Stadt. Eineinhalb Stunden später: entladen. Was kommt in die Tiefgarage, was in den Kistenkäfig? Hilfe, das Ladekabel vom i-phone fehlt. Tut es nicht. War lediglich zwischen Winterstiefeln und Badehose versickert.

Der Altersdurchschnitt schnellt in die Höhe

Nach dem Frühstück geht’s am ersten Stadtmorgen auf die Gemeinschafts-Dachterrasse. Dort gibt’s WiFi umsonst. Bei inzwischen 36 Grad füllt sich der Pool schnell. Viele junge, manche schöne Menschen. Sorry, Boys and Girls, mit uns am Bord geht der Altersdurchschnitt bei Imperial Loft durch die Decke. Ich werde den Verdacht nicht los: Nicht alle, die sich hier erfrischen, wohnen auch hier. Schlüssel gegen Bier vielleicht? Egal. Spaß für alle darf sein. Ein bisschen fühlt es sich an wie Urlaub. Nur dass es diesmal nicht die Engländer sind, die reihenweise Liegestühle mit Handtüchern garniert haben.

Der Allwheeler vom Land wohnt jetzt in der Tiefgarage

Sonntag morgen dann: Frühstück auf der eigenen Terrasse. Die ist etwas grösser als unser Auto, das jetzt in der Tiefgarage lebt. Abgase statt Landluft. Sind meine Besitzer noch bei Trost?, könnte sich der  Allradschlepper jetzt fragen. Ja, sind sie. Sie lieben es hier und haben sich den Wechsel seit Jahren herbeigewünscht.

Kein Rasenmäherlärm mehr vom netten Nachbarn zur linken, keine Baumsäge mehr vom Häuslesbesitzer zur rechten. Die Sprinkleranlage taucht das Stadtgras in ein frisches Grün. Dem Gärtner bei der Arbeit zuschauen – wer kann das schon? Und, kaum zu glauben, von gar nicht weit weg, ganz in der Nähe der Markthallen, dringt Kirchenglockengeläut zu uns herüber. Ein Ohrenschmaus, der uns auf dem Dorf 25 Jahre vorenthalten wurde.

Und doch ist auch ein bißchen Wehmut dabei. Was machen die Eichhörnchen im Garten? Und die Waschbären – werden sie uns vermissen? Die netten Nachbarn Scott, Liane, Phil, Jennifer – denken sie manchmal an uns? Marga, 93 Jahre alt, hat uns zum Abschied ein von der Schwiegermutter gemaltes Bild geschenkt. „Soll ich adieu sagen oder Auf Wiedersehen?“, hat sie dazu poesiert. Auf Wiedersehen. Hoffentlich.

Honeymoon mit dem neuen Zuhause

Trotz nostalgischer Flashbacks kann unser Leben, 3. Teil, beginnen. Das Festnetz muss noch warten. Keine Eile. Wer soll auch was von uns wollen? Wo doch jeder weiß, dass wir gerade Honeymoon mit dem neuen Zuhause machen.

Und der Kistenberg schmilzt langsam in der Sommerhitze.

Polizisten gehen auf Zauberer los

Wo sind wir denn hier? Mitten während seiner Vorstellung gehen mehrere Montréaler Polizisten auf einen Streetperformer los, kesseln ihn ein, liefern sich einen Ringkampf mit ihm, legen ihm Handschellen an und werfen ihn schließlich ins Gefängnis.

Das Verbrechen von Stephane, über den ich auch schon im Blog geschrieben hatte? Er hielt sich nicht exakt an die städtischen Bestimmungen, was Ort und Uhrzeit seiner Gaukler-Show betrifft.

Das skandalöse Vorgehen der Polizei gegen Stephane wühlt mich auf und macht mich traurig. Polizei-Brutalität in meiner geliebten Stadt ist leider auch sonst keine Seltenheit, wie schon früher im Blog nachzulesen war.

Übrigens: Stephane hat Frau, zwei Kinder und ein Häuschen. Um sich diesen bescheidenen Luxus leisten zu können, arbeitet er tagsüber bei der städtischen Müllabfuhr und abends auf der Place-Jacques-Cartier als Zauberer und Feuerschlucker.

Dass die Polizei auf Stephane während seiner Vorstellung losgegangen ist, macht diese groteske Aktion nur noch schlimmer. Immerhin waren im Publikum Kinder, wie das inzwischen weit verbreitete YouTube-Video zeigt.

Tolle Touristenwerbung für Montréal. Gut gebrüllt, Bullen!

Die Kunst, loslassen zu können

Wegwerfen? Niemals! Als Reporter in „Camp Shilo“ (1974) – Mein erster Straßenkreuzer (1973) in Winnipeg (Superdeal: 200 $, allerdings ohne Heizung) – In der Redaktion der „Waiblinger Kreiszeitung“ (1971) – Eiszeit in Winnipeg/Manitoba (1974)

Jetzt wird’s ernst. Der Countdown hat begonnen. Freitag um acht steht der Möbelwagen vor der Tür. Es gibt kein Zurück mehr. Wir ziehen um. Nach 25 Jahren. Vom Land in die Stadt. Vom Haus im Grünen ins Loft in der Fabrik. Extremer könnte der Wohnwechsel nicht ausfallen. Wer sich dermaßen verkleinert, muss größenwahnsinnig sein. Oder einfach Haus- und Gartenmüde wie wir.

Die Kisten sind gepackt, fünf davon allein mit Fotos. Wer sein Kind in der vordigitalen Steinzeit groß zieht, den bestraft das Leben mit Papierbildern. Und die brauchen Platz. Keins, nicht ein einziges der Bilder, die wir über die Jahre gehortet haben, kommt in den Müll. Weder das peinliche Dirndl-Dia mit Lore, noch das Schwarzweiß-Foto, das den Reporter in Bundeswehruniform auf einem Leopard-Panzer in der kanadischen Prärie zeigt. Im Panzer! In Uniform! Ohne einen einzigen Tag gedient zu haben – das muss mir erst einmal einer nachmachen.

Downsizing: Von 32 Leitz-Ordnern bleiben fünf

Dachterrasse, Schwimmbad, Fitnesscenter. Im neuen Zuhause wird es uns an nichts mangeln – außer an Platz. Von 32 Leitz-Ordnern bleiben fünf übrig. Erst als der Shredder anfängt zu qualmen – kein Witz -, darf der Reißwolf ruhen.

Downsizing hat etwas Befreiendes, Erfrischendes, Klärendes an sich. Ist erst einmal die Spreu vom Weizen getrennt, sind unnütze Hemden und hässliche Handtücher auf das absolute Mindestmaß eingedampft, wird der Blick frei auf das Wesentliche: Computer, Fahrräder, Zauberutensilien, Nähmaschine, Winterreifen, Gitarre, Banjo, Töpfe und ein paar Möbel. Der Rest geht an die Heilsarmee, an Freunde und Nachbarn und auch an die Jungs von der Müllabfuhr.

„Bitte nicht noch eine James-Last-Platte!“

Für 400 Vinyl-Schallplatten gab’s gerade mal 60 Dollar. „Hello darkness, my old friend“, sagt sich der Sammler und geht zum Trödler „I’ve come to talk with you again“. Simon and Garfunkel sind vom Geldwert her auch nicht mehr das, was sie einmal waren. „Entschuldigung“, sagt der Plattentrödler, „aber meine James-Last-Kollektion reicht bis zur Rente“.

Led Zeppelin, Abba, The Who, Beatles und Stones – mehr als ein paar Groschen sind sie heute leider nicht mehr wert. „Und was ist mit dem Bangladesch-Album von George Harrison?“ „Bitte nicht noch eins“, brummt der Trödler und schiebt den rotbraunen Coverkarton von sich als hätte meine Schallplatte die Krätze. Nein, mit Vinyl ist heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Dabei schreit doch jeder nach Retro.

Die Kunst des loslassen Könnens

Egal. Was weg ist ist weg. So landet eben der Tambourine Man in der Tonne und Nana Mouskouri guckt über den Brillenrand zu. Umziehen erfordert Opfer, loslassen können und Entscheidungen. Vor allem aber erfordert so ein Umzug Kraft.

Bücherkisten sind leichter zu stemmen als Emotionen.