Hutterer: Das vergessene Volk

Huttermaedchen in Manitoba. Copyright Herbert Bopp

Heute drehen wir mal kurz die Zeit zurück – und bleiben doch mittendrin im Leben. Besuch bei den „Hutterern“ in der kanadischen Prärie. Rund 42 000 dieser religiösen Sektierer leben auf „Bruderhöfen“, die für sie „Archen im Meer der irdischen Sünden“ sind. Wer eine dieser Farmkommunen besuchen will, braucht Geduld. Und einen Vetter im Himmel.

Hutterer-Schule in James Valley/Manitoba. Copyright Herbert Bopp

Geduld lernt man in Kanada schnell: Geduld, bis der Winter endlich vorbei ist. Geduld, bis die Menschenschlange am liquor store  kürzer wird. Geduld bis der Überholvorgang auf dem Highway abgeschlossen ist, denn alle fahren hier genau 100 Stundenkilometer. Nicht mehr, nicht weniger. Besonders viel Geduld war nötig, bis mein erster Besuch in einer Hutterer-Kolonie eingefädelt war. Wobei wir bei der zweiten Voraussetzung wären: dem Vetter im Himmel. Der hieß wieder einmal Bernd. Als Chefredakteur des deutschsprachigen Kanada Kurier hatte er Kontakt zu einer Hutterer-Kolonie im Süden von Manitoba, unmittelbar an der amerikanischen Grenze.

Kein Spiegel für die Eitelkeiten

Von Winnipeg aus sind es knapp zwei Autostunden bis zur „James Valley„-Kommune. Dort leben in friedlicher Eintracht genau 127 Männer, Frauen und Kinder. Sie betreiben Ackerbau und Viehzucht, züchten Gänse und Truthähne, die sie dann an Großabnehmer in der Stadt verkaufen. Die Hutterer bleiben am liebsten unter sich. Fernsehen ist bis heute nicht erlaubt. Auch Kosmetik- und Garderobenspiegel, in dem man ja seine Eitelkeiten pflegen könnte, sind bei den Hutterern tabu.

Es sind Selbstversorger, diese etwas schrulligen, aber durchaus liebenswerten Menschen. Die Männer tragen schwarze Anzüge mit weißem Hemd, die Frauen Kopftücher. Alle Mahlzeiten werden in einem Gemeinschaftsraum eingenommen. Erst sind Kranke, Alte und kleine Kinder an der Reihe. Dann die Männer. Und zum Schluss die Frauen, die das Essen gekocht haben. Alice Schwarzer würde wahnsinnig werden.

„Jeder gibt, wos’r kann und kriegt wos ihm not ist.“

Die  Hutterer haben eine tragische Geschichte hinter sich. Als ihr Gründer Jakob Hutter 1536 wegen seines Glaubens in Innsbruck hingerichtet wurde, machten sich seine Anhänger auf eine Odyssee, die sie in viele Teile der Welt führte. Zunächst verteilten sie sich in Europa. Vor etwa 160 Jahren ließen sie sich dann in Kanada nieder. Die USA wären ihnen auch recht gewesen. Aber als Pazifisten würden sie nie in den Krieg ziehen. Es sind im christlichen Sinne Kommunisten, die nach dem Motto leben: „Jeder gibt, wos’r kann und kriegt wos ihm not ist.“ So einfach ist das. Es ist ein fast vergessenes Volk, das Privateigentum schon 300 Jahre vor Karl Marx abgeschafft hat. Ihre Sprache ist für uns schwer verständlich. Es ist eine Mischung aus Tirolerisch/Kärntnerisch/Deutsch, mit vielen englischen Brocken dazwischen.

Wichtigste Frage: „Hoscht scho a Görlfränd?“

Als „Weltmensch“ hat man es nicht leicht, Zugang zu den Hutterern zu finden. Bernd hatte mir mit seinem Wissen über diese wundersamen Menschen eine Tür geöffnet. Durch die gehe ich an diesem Spätsommertag und finde eine Gemeinschaft vor, wie ich sie bis dato nie erlebt hatte. Die wichtigste Frage zuerst: „Hoscht scho a Görlfränd?“. Bernd hatte mich gewarnt: Bei dieser Frage ist eine kleine Notlüge erlaubt. „Görlfränd“ schon. Zusammenleben ohne Trauschein: nie und nimmer. Das würde die Moralvorstellungen dieser christlichen Wiedertäufer völlig durcheinander bringen.

Argwöhnisch schauen sie mich an, diese Bauern, aber auch sehr liebevoll. Ganz selten nur kommt ein Nicht-Hutterer zu Besuch. Und ist es dann „a Deitscher“ wie ich, wird er hofiert, als wäre er Jakobs Bruder persönlich. Mit meinem Schwäbisch genieße ich bei den Hutterern Heimvorteil. Sie verstehen meinen Dialekt vermutlich besser als wenn ich „nach der Schrift“ mit ihnen reden würde.

Spezialität des Hauses: Vergorener Löwenzahnsaft

Essenszeit. Es gibt weichgekochte Entenfüße, Kartoffelknödel und eine sämige Pilzsoße. Als Getränk schleppen die Frauen gallonenweise Apfelsaft heran. Ganz zum Schluss wird dem Besucher aus der Stadt noch eine Spezialität des Hauses kredenzt: „Blömmelwein“, vergorener Löwenzahnsaft, der ganz entfernt nach Alkohol schmeckt. Gebetet wird vor dem Essen, danach und oft auch zwischen den einzelnen Gängen. Mit dem gemeinsamen Kirchgang geht der Tag zu Ende. Es gibt kein Kreuz, keine Bilder, keinen Kirchenschmuck. Ein kahler Raum, hell erleuchtet. Die Männer links. Frauen und Kinder rechts.

Schmuck stört. Ob es Kirchenschmuck, Hausdekoration oder persönlicher Schmuck ist. Der liebe Gott duldet keine Eitelkeit. Aber weil auch Hutterermädchen nur Menschen sind, tricksen sie den Herrgott schon mal aus. Wenn schon keine Juwelen, dann wenigstens eine Brille als kosmetisches Attribut. Eine Brille mit Fensterglas, sonst nichts. Doch die Zeit ist auch auf den Archen Gottes nicht stehen geblieben. Immer mehr junge Hutterer verlassen jetzt die Kolonien ihrer Vorfahren und suchen Arbeit in der Stadt. Mischehen zwischen Hutterern und nicht-hutterischen Kanadiern gibt es offiziell nicht.

Nach Jahren wieder einmal Gast im Bruderhof

Die Erinnerung an meinen ersten Reporter-Besuch auf einer Hutterer-Kolonie hat mich nie mehr losgelassen. Neulich war ich nach vielen Jahren wieder einmal zu Gast in einem Bruderhof. Diesmal war Lore dabei. Für sie war es das erste Mal überhaupt. Die Herzlichkeit, mit der sie empfangen wurde, rührte sie fast zu Tränen. Jetzt hatte „der Deitsche“ auch noch „eine Deitsche“ mitgebracht – mehr geht nicht bei Hutterers.

Mein inzwischen verstorbener Freund und Kanada-Mentor Bernd Längin hat ein Buch über die Hutterer veröffentlicht. Es ist bei „Rasch und Röhring“ erschienen und heißt „Die Hutterer. Gefangene der Vergangenheit. Pilger der Gegenwart. Propheten der Zukunft“. ISBN-Nr. 3-89136-061-4

Viele Jahre nach meinem ersten Besuch auf einer Hutterer-Kolonie habe ich für das Deutsche Fernsehen einen Film über eine dieser „Archen im Meer der irdischen Sünder“ gedreht. Ein Ausschnitt davon ist auf YouTube zu sehen.

Es könnte sein, dass der Film wegen der Gema-Bestimmungen auf Ihrem Rechner nicht ausgespielt wird. (Geo-Blocking). Probieren Sie’s einfach mit dem direkten Link zum Video.Oder geben Sie ins YouTube-Suchfenster „Herbert Bopp“ ein.


Das Altern ist eine Zumutung

Loriot nannte in einem seiner letzten Interviews das Älterwerden „eine Zumutung“. Und Franz Beckenbauer wies im SPIEGEL die Schlagerweisheit „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“ energisch zurück. Ich glaube, die meisten Menschen lügen, wenn sie von der „Gnade des Alterns“ reden. Ich finde Älterwerden unlustig und anstrengend.

Nehmen wir einfach mal den heutigen Tag. Oder noch besser: diesen Moment. Seit gestern bebt bei uns die Erde. Mein Nachbar Sylvain, eigentlich ein feiner Kerl, lässt seine Garageneinfahrt teeren. Das kann hier ziemlich aufwendig sein. Wir leben mitten in einem Waldgebiet, die Garageneinfahrten sind ziemlich lang, die Häuser auf sandigem Boden gebaut. Also muss ein ordentliches Fundament her. Leider sind dazu Baumaschinen notwendig, die einen Höllenlärm verursachen. Außerdem muss das Fundament gestampft werden. Das wiederum treibt die Richterskala auf gefühlte 9.2 hoch. Ein Glück, dass es bislang keine Toten gegeben hat. Aber es nervt.

Wie kann ich mich an meinem Nachbarn rächen?

Noch vor ein paar Jahren hätte ich so eine interessante Baustelle als Herausforderung gesehen. Wahrscheinlich wäre ich mit einem Lächeln auf den Lippen und einem Bier in der Hand über die Straße marschiert, hätte mit dem Baupolier ein Schwätzchen gehalten und mir erklären lassen, warum Bitumen besser ist als Teer. Heute? Ich verfluche den Capo, wünsche den Baumaschinen ein kurzes Leben und überlege, wie ich mich an Sylvain rächen kann. Hätte er es nicht bei dem Kiesweg belassen können, der neureiche Angeber?

Autor als Lumberjack

Es gab Zeiten, da war der Toleranzpegel bei mir so hoch wie die Drehzahl eines Ferrarimotors. Aber seit einiger Zeit können mich immer mehr Dinge tierisch nerven: Knallblaue Plastiktonnen, die vom Nachbargrundstück zu uns herüber winken als wollten sie mir den Mittelfinger zeigen. Grillwürstchengestank, wenn ich gerade Erdbeerkuchen mit Sahne verspeise. Ganz besonders aber ärgern mich bellende Hunde und kreischende Kinder. Dabei mache ich den Hunden und Kindern ja gar keinen Vorwurf. Es sind die Hunde- und Kinds-Halter, die sich nicht an meine Spielregeln halten. Ist es denn zu viel verlangt, ein Baby in den Senkel zu stellen, weil es brüllt wie am Spieß? Und das schon ganze drei Minuten?

„Gnade des Alters“? Dass ich nicht lache!

Jemand, der für sich die „Gnade des Alterns“ gepachtet hat, reagiert jedenfalls anders. Aber wer kann schon von sich behaupten: Altwerden ist geil? Ich nicht. Und Jürgen Drews auch nicht. Sonst würde er nicht immer so einen auf berufsjugendlich machen. Beim WDR habe ich Herrn Drews mal auf eine „Hart-aber-fair“-Sendung angesprochen, in der er das Älterwerden als „total cool“ gehyped hatte. Beim Afterglow hörte sich das dann schon ehrlicher an: „Ja, soll ich denn“, meinte Jürgen Drews, „am Ballermann auf die Bühne gehen und schreien: Alt werden ist scheiße?“

Der Dalai Lama und ich haben ein Problem

Selbst der Dalai Lama hat wohl seine Probleme damit. Als ihn eine Kollegin auf sein Hobby ansprach – er sammelt und repariert Taschenuhren – und die Journalistin dann meinte: „Das macht ein geduldiger Mensch wie Sie bestimmt ganz toll“, konnte der Dalai Lama nur lächeln. Es könne schon mal passieren, sagte er, dass er so eine Taschenuhr nimmt und in die Ecke wirft, wenn nicht alles nach Plan geht. Schön, dass ich mich bei dieser Gelegenheit endlich mal in einem Atemzug mit dem Dalai Lama nennen darf: Mir passiert sowas nämlich auch immer öfter.

Und dann die Zipperlein! Als Lumberjack habe ich wohl auch ziemlich ausgedient. Dabei liebe ich nichts mehr als elegant-männlich die Axt zu schwingen und Feuerholz zu hacken. Das war gestern. Heute ist es mir einfach nur lästig – und auch ein bisschen zu teuer -, jedes Mal ein Wärmepad zu kaufen, wenn mal wieder die Glieder schmerzen. Also kaufen wir eben das Brennholz stapelweise.

Die Frau an meiner Seite: Schmerzresistent, belastbar, Raucherin

Lore ist da anders. Sie klettert wie ein Eichhörnchen aufs Hausdach und repariert den Schornstein, stapelt meterhoch Holz und repariert zwischendurch noch den Gartenzaun. Aber sie ist schließlich auch vier Jahre jünger als ich. Oder sind rauchende Frauen einfach generell schmerzresistenter und belastbarer als wir Männer?

Jedenfalls stehe ich zu dem, was schon an anderer Stelle im Blog gesagt wird: 1949 ist ein schwieriger Jahrgang. Zu jung, um alt zu sein. Zu alt, um jung zu sein. Erfahrung ist gut. Jugend ist besser. Wo ist Steve Jobs, wenn wir ihn brauchen? Er kann doch sonst alles. Warum nicht auch ein gelebtes Leben in einem jugendlichen Körper speichern?

Altern ist toll? Dass ich nicht lache. „Nichts als Augenwischerei“, meint Beckenbauer, der übrigens am Sonntag 66 wird. „Tatsache ist“, sagt der Franzl, „es zwickt hier, es zwickt da, alles tut weh. Dennoch versuche ich, jeden Tag zu genießen.“

Danke, mein Kaiser. Ich auch.

Mein 9/11 in New York City

Es sind Tage und Nächte, die mich für den Rest meines Lebens geprägt haben: Kurz nach den Terroranschlägen auf das World Trade Centre war ich als Reporter für wdr.de in New York City. Nach dem Relaunch der WDR-Internetseiten ist das „New Yorker Tagebuch“ ab sofort wieder online.

Kein Stinkefinger für George Bush

Es gibt Fotos, auf die ist man hinterher nicht sonderlich stolz. Manche sind grottig aufgenommen, andere erinnern einen an Zeiten, die man gerne vergessen würde. Wieder andere sind schlicht dämlich. Oder peinlich. Ich hatte bis vor ein paar Tagen ein Foto auf meiner Festplatte, auf das all dies zutrifft. Es ist ein Foto, das mich im Dunstkreis von George W. Bush zeigt. Ich habe es gelöscht.

Anti-Bush-Demo in Ottawa

Eigentlich wollte ich mich von diesem Bild schon lange trennen. Aber jedes Mal, wenn ich auf die Löschtaste zusteuerte, machte ich dann doch wieder einen Rückzieher. Diesmal nicht. Die Nähe dieses Menschens ertrage ich mittlerweile nicht einmal mehr digital. Ausschlaggebend für den Sinneswandel ist ein Interview, das ich vor ein paar Tagen auf irgend einem amerikanischen Knallsender sah. Bush verteidigte – zehn Jahre nach Nine-Eleven – noch immer den Einmarsch im Irak. Und zwar mit einer Vehemenz, die mich fassungslos machte. Wie können Menschen so verbohrt sein, so unbelehrbar. Und irgendwo auch so dümmlich?

Presse-Akkreditierung

Das Foto, das jetzt im Mülleimer meiner Geschichte liegt, hatte ein befreundeter Kollege gemacht. Mehr aus Jux, während Bushs Staatsbesuch in Ottawa. Ich hatte damals für den Deutschlandfunk über das Ereignis berichtet. George W. war gerade dabei, im Foyer des Parlaments das Gästebuch zu unterzeichnen, als ich zusammen mit einigen anderen Reportern in seiner unmittelbaren Nähe stand. Das war am 30. November 2004. Dass dies, drei Jahre nach 9/11, aus Sicherheitsgründen überhaupt möglich war, wundert mich noch heute. Was mich damals total störte: Bei der Pressekonferenz konnten immer zuerst die US-Kolleginnen und -Kollegen Fragen stellen. Blieb dann innerhalb des vorgesteckten Rahmens noch Zeit, wurden gnädigerweise auch Kanadier erhört, oder sogar eurpäische Journalisten wie ich.

Zehn Jahre nach Nine-Eleven ist er wieder in aller Munde

Neck-Attack

Wenn ich mich ausgerechnet jetzt an diesen Tag erinnere, hat das damit zu tun, dass George W. Bush zehn Jahre nach Nine-Eleven wieder in aller Munde ist. Rechtzeitig zum Jahrestag haben sie den kalten Krieger wieder ausgegraben: Die CNN’s, die ABC’s, die NBC’s und CBS’s und wie sie alle heißen. Natürlich auch die Foxens, Bush’s damaliger Leib- und Magensender. Für die Politik von George Bush hatte und habe ich nichts als Abscheu übrig. Mehr will ich auch gar nicht dazu sagen. Ich muss aber gestehen, und es ist mir etwas peinlich, dies zuzugeben, dass mir der Mensch Bush damals nicht unsympathisch war, als ich ihn für einige Stunden in Ottawa erlebte. Neben der eher spröden Condoleezza Rice wirkte Bush witzig und charmant. Ich erinnere mich, wie er nach der Pressekonferenz einer Kollegin in den Mantel helfen wollte, bis ihn ein Sicherheitsbeamter dabei unterbrach. Spontane Aktionen wie diese kamen ja bei George Bush öfter mal vor. Das Foto, auf dem er Angela Merkel ungebeten eine Nackenmassage verpasst, ging damals um die Welt.

Kanadas Nachbar im Süden: Laut und ungeschliffen

So sehen Verlierer aus

Kanada hatte nie viel für George W. Bush übrig. Der Nachbar im Süden war den meisten Kanadiern zu laut und zu ungeschliffen, von seiner Gefährlichkeit als Kriegstreiber mal ganz abgesehen. So war es auch nicht verwunderlich, dass in den Straßen von Ottawa anlässlich des Staatsbesuchs mehr als 15-tausend Menschen gegen den Präsidenten demonstrierten. Und während draußen Bush-Puppen verbrannt wurden, fragte ein Kollege den Präsidenten bei der Pressekonferenz, wie er denn so den Empfang in Kanada empfunden habe. Die Antwort ließ viele im Raum schmunzeln. Mich auch. Zitat:

„I want to thank the Canadian people who came out to wave — with all five fingers — for their hospitality“.

Er wolle sich bei der kanadischen Bevölkerung für ihre Gastfreundschaft bedanken. Vor allem bei denen, die ihm zugewinkt hätten – „und zwar mit allen fünf Fingern.“

Wenn das kein toller Empfang ist: Kein Stinkefinger für George Bush!

Was nun: Deutsch oder Kanadier?

Zeit für ein Geständnis: Ich bin Kanadier. Und Deutscher. Zwei Staatsbürgerschaften, zwei Pässe. Und nach 30 Jahren immer noch zwei Herzen, die in einer Brust schlagen. Wie fühlt sich das eigentlich an, wenn man in Kanada zu-Hause ist, aber in Deutschland da-Heim? Wenn ich das nur wüsste.

Zu-Hause bin ich in Kanada, weil hier mein Haus steht. Da-Heim bin ich in Deutschland, weil es für mich Heimat ist. Steige ich in Frankfurt aus dem Flieger, kommt sofort dieses Hier-gehörst-du-hin-egal-was-kommt-Gefühl auf. Das hat weniger mit Sprache, Menschen oder Gerüchen zu tun. Die unterscheiden sich im Frankfurter Flughafen ohnehin kaum von denen in Barcelona, Toronto oder Buenos Aires. Es ist ein Bauchgefühl. Und weil mein Bauch ziemlich groß ist, ist es ein ziemlich großes Gefühl.

Wo man zu-Hause ist, muss man nicht auch da-Heim sein

Da-Heim: Ummendorf

Obwohl ich mittlerweile länger im Ausland lebe als in Deutschland, könnte ich nicht behaupten, dass ich dieses Hier-gehörst-du-hin-egal-was-kommt-Gefühl auch bei der Rückkehr nach Montréal empfinde. Trotzdem freue ich mich jedesmal, wenn ich wieder zu-Hause bin. Sehr sogar. Aber da-Heim ist irgendwie schöner. Ein Dilemma, also. Manchmal machen mich diese beiden Herzen in meiner Brust traurig und ich würde gerne eines davon an der Garderobe abgeben. Aber welches? Und an welcher Garderobe?

Und immer wieder die Frage: „Was sind wir denn heute?“

Zu-Hause: Montréal

Mein bester Freund hier in Kanada, ein deutscher Kollege ohne kanadischen Pass, der leider viel zu früh verstorben ist, pflegte seine Telefonate mit mir stets mit der Frage einzuleiten: “Was sind wir denn heute?” Ob ich mich in diesem Moment als Kanadier oder Deutscher fühlte, hing oft von der Tagestemperatur ab, oder von der Zahl der Moskitostiche, die ich abbekommen hatte. Oder auch davon, was ich gerade in der Zeitung gelesen hatte. War etwa die Rede davon, dass Kanada ein 30 Jahre altes Kernkraftwerk für zwei Milliarden Dollar auf Vordermann bringen werde, hätte ich meinen kanadischen Pass am liebsten geschreddert. Als einer, der Anti-AKW-Menschenketten nicht vom Hörensagen kennt, sondern dabei war, schämte ich mich sogar ein bisschen für meine kanadischen Landsleute. Und damit für mich. Und hoffte inbrünstig, dass meine deutschen Freunde einen publizierten Schwachsinn wie diesen nicht zu Gesicht bekommen. Sie könnten ja denken, ich sei im rückschrittlichsten Land der Welt gelandet, gleich hinter Syrien.

Ich würde mich gerne aus diesem Wir-Gefühl ausklinken

Ich will nicht wir sein

Umgekehrt zielt das Fremdschämen natürlich auch in die Gegenrichtung. Als die Headline “Wir sind Papst” auch in kanadischen Zeitungen die Runde machte, hätte ich mich ob so viel Wir-Gefühl gerne ausgeklinkt. Ich will nämlich gar nicht Papst sein. Als Auslandsdeutscher ist man  gut beraten, Fingerspitzengefühl im Umgang mit der Gastgeber-Nation walten zu lassen. Das fällt nicht immer ganz leicht. Ein deutscher Kollege charakterisierte im Kreis kanadischer Journalisten den Deutschen an sich einmal so: “Besserwisser und besserwissend”. Das war mir peinlich.

„… und Deutschen, die im Ausland sind“

Doch die Nabelschau kann auch in die andere Richtung gehen. Auf der Toilette des Deutschen Klubs von Winnipeg habe ich gleich zu Beginn meiner Kanada-Zeit ein Graffito gelesen, das mir seither nicht mehr aus dem Kopf will: “Gott schütze mich vor Sturm und Wind und Deutschen, die im Ausland sind.” Und da wir gerade am Zitieren sind: Ich glaube, es war Franz-Josef Degenhardt. Er hat den Zwiespalt, mit dem viele Auslandsdeutsche leben müssen, ganz gut auf den Punkt gebracht hat. In einer seiner Balladen kommt der Satz vor: “Hier bin ich am liebsten. Aber noch lieber wäre ich hier.”

Da wären wir wieder bei den zwei Herzen.