Nicht stören! Wir sind Kanadier.

Das Schöne an Kanada ist: Du kommst von einer Reise zurück. Und es ist nichts passiert. Was sollte auch passieren in einem Land, das die Queen als Staatsoberhaupt hat? Nichts. Kein Erdbeben, kein Hochwasser, kein Amoklauf. Nicht einmal ein Feuersturm um den Euro. Alles plätschert einfach vor sich hin. Schön ist das schon. Aber auch ganz schön langweilig. Vor allem, wenn man gerade aus einem Land kommt, in dem der Bär tanzt.

„Time’s up for Griffintown miniature railway“, heißt in diesem Moment die Aufmacher-Schlagzeile der Webseite der Canadian Broadcasting Corporation. Die Montrealer Modelleisenbahner-Gesellschaft verliert also ihr Klubhaus. Schade. Aber nicht wirklich schlimm. Während in Deutschland die Debatte um die Euro-Rettung die Drähte zwischen Berlin, Paris und Athen glühen lässt, heißt die Top-Meldung aus Ottawa: „Kanada ist bei der bevorstehenden Grippeschutzimpfung auf einen großen Ansturm gerüstet“.

Alles nicht besonders prickelnd für einen News-Junkie. Manchmal frage ich mich, wie ich es 25 Jahre lang geschafft habe, deutschen Sendern und Zeitungsredaktionen genügend Korrespondenten-Beiträge zu verkaufen, um damit überleben zu können. Wo die harten News fehlen, müssen bunte Themen her. Wenn man – wie vor zwei Tagen im Blog-Archiv  nachzulesen – über die aktuellen Geschmacksrichtungen von kanadischen Kondomen („Steppengras-Aroma“) im Radio spricht, hören die Menschen in Deutschland offensichtlich gerne zu.

Kanada ist ein Kann-Land, wenn es um News geht. Auf das aktuelle Tagesgeschehen in Washington, Moskau und Paris kann heutzutage keine Nachrichtensendung verzichten. Aber Ottawa? Weit weg! Und überhaupt: Ist Kanada nicht der 51. Bundesstaat der Vereinigten Staaten? Nein, ist es nicht. Auch wenn es CNN und Fox-News ihren Zuschauern immer noch gerne so oder so ähnlich verklickern.

Dass der Kanada-Funke bei mir, politisch gesehen, nie richtig übergesprungen ist, hat einen Grund: Ich finde, in Kanada herrscht keine richtige Streitkultur. Wer eine Party sprengen möchte, braucht nur eine politische Diskussion vom Zaun zu brechen. Politgespräche, bei denen es ans Eingemachte geht? Wo kämen wir denn da hin! Motto: „Bitte nicht stören, wir sind Kanadier“.

Schön? Schon. Aber auch schön langweilig.

Der letzte Flug des alten Käpt’n


Ich kenne Käpt’n Mulcair nicht. Ich weiß nur, dass er heute einen der bewegendsten Momente seines Lebens gehabt haben muss. Der Flug, der mich vor ein paar Stunden sicher von Frankfurt nach Montréal gebracht hat, war der letzte Flug, den Käpt’n Mulcair im Cockpit zurückgelegt hat. In der Bordansage hieß es kurz vor der Landung: Kapitän Mulcair habe das Ende des Regenbogens erreicht. Jetzt gehe er in den Ruhestand. Nach 36 Jahren.

Gewöhnlich kommt mir diese Klatscherei nach der Landung immer ziemlich albern vor. Heute habe ich mit applaudiert. Ein Mann wie Käpt’n Mulcair hat unseren Beifall verdient, finde ich. Jahraus, jahrein Zigtausende von Menschen sicher ans Ziel gebracht zu haben – das ist eine stolze Leistung. Air Canada dachte wohl auch so.

Zum Abschied: Spritzenmänner und Blaulicht

Bei der Landung der Boeing 777 warteten am Gate mehrere Feuerwehrautos auf uns. Wasserfontänen wurden in die Luft gejagt, das Rollfeld glänzte wie frisch gewienert. Das Blaulicht der Feuerwehrautos spiegelte sich in den Pfützen. So sieht also das Ende einer Fliegerlaufbahn aus: Spritzenmänner und Blaulicht für Spitzenmänner.

... und dann mal tschüss! - Foto: 1pilot_1voice

Was der Kapitän in diesen 36 Jahren wohl so alles erlebt hat? geht es mir bei der Landung durch den Kopf. Abenteuerliche Notlandung im Nil-Delta hingelegt? Entführungsversuch über Simbabwe abgewehrt? Zehntausend Meter über Bora Bora bei einer Kindsgeburt an Bord mitgeholfen? Einer ängstlichen alten Frau über Madagaskar das Händchen gehalten, als er seinen Routinegang durch die Maschine machte? Keine Ahnung. Der Gedanke, heute mit so einem erfahrenen Mann am Steuerknüppel um die halbe Welt geflogen zu sein, hat jedenfalls etwas Beruhigendes.

Seitenwind – und vielleicht auch ein paar Tränen

Die Flugkritik kommt ganz zum Schluss. „Beim Aufsetzen hat er aber heftig mit Seitenwind gekämpft“, versucht ein Passagier am Gepäckkarussell einem Mitreisenden die nicht ganz butterweiche Landung zu verklickern.

Ich glaube: Käpt’n Mulcair hat auf seinem letzten Flug nicht nur mit Seitenwind gekämpft. Vielleicht auch mit ein paar Tränen.

Später habe ich Kapitän Mulcair übrigens noch gesehen. Er kam fast zeitgleich mit mir aus der Zollkontrolle. Eine ältere Dame wartete auf ihn mit einem Blumenstrauß. Ich vermute mal, es war seine Frau. Ich befürchte, Mrs. Mulcair, wenn es sie denn gibt, dürfte es künftig nicht ganz leicht haben, Mr. Mulcair, Flugkapitän im Ruhestand, die Langeweile zu vertreiben.

Was er wohl macht, jetzt, da er nicht mehr im Cockpit sitzt? Ich tippe auf Modelleisenbahn.

Kondome mit Steppengras-Aroma

Wenn ich auf Reisen bin, kann ich leider nicht täglich bloggen. Deshalb der Griff ins Archiv. Hier finden Sie von Zeit zu Zeit die Textversion meiner Hörfunk-Reportagen. Die Manuskripte wurden nicht aktualisiert!

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IQALUIT / NUNAVUT

Es ist lecker-braun und riecht nach Moschuchs-Ochse. Oder dezent beige wie Steppengras. Wer Glueck hat, kriegt den Gummi-Űberzieher in Pink, Geschmacksrichtung: Arktischer Lachs. Besonders gefragt sind die Aromen von Rentierfell und wilden Pilzen.

Ausgefallene Kondome sind in Mode. Speziell für die Eskimo-Olympiade im kanadischen Iqaluit wurden jetzt fünf neue Geschmacks- und Farbrichtungen auf den Markt gebracht. Als Veronika Doerr vom Gesundheitsamt der Inuit-Siedlung am Rande des Eismeers jetzt zu den Teilnehmern der Arktischen Winterspiele über die farbigen Kondome sprach, ging ein Kichern durch den Saal. Aber die Message, sagt Veronika Doerr, sei von den Ureinwohnern verstanden worden.

„Ich glaube, die Aktion Kondom wird sich positiv auf die arktischen Gemeinden auswirken. Wir, als Gesundheitsbehorde, wollen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Benutzer der Kondome sollen Spass damit haben. Gleichzeitig wollen wir aber auf die Gefahren hinweisen, die ungeschützter Sex mit sich bringt.“

Aufklärung tut Not: Unter Kanadas Ureinwohnern gelten HIV und Aids noch immer als Kavaliersdelikte. Geschlechtskrankheiten sind unter den Inuit stark verbreitet. Allein im Nunavut-Territorium mit knapp 27-tausend Einwohnern sind zwölf Menschen an HIV oder Aids erkrankt. Die Dunkelziffer dürfte viel höher sein.

Bei der ersten echten Massenveranstaltung der Ureinwohner auf kanadischem Boden wollten die Gesundheitsbehörden dem Treiben nicht tatenlos zusehen: Tausende von Inuit, Indianer und Inupiat aus Sibirien, Grönland, Alaska und Kanada kommen sich bei den Arktischen Winterspielen nahe, manche von ihnen sehr nahe. Da passte die Kondom-Kampagne gut ins Programm. Zusammen mit den zweitausend Kondomen in allen möglichen arktischen Farben und Geschmacksrichtungen wurden Tausende von Aufklärungsbroschüren an die Ureinwohner verteilt.

Für manche der Teilnehmer der Eskimo-Spiele ist die Suche nach den kostenlosen Űberziehern zur Trophäenjagd geworden. Danny Kobal, ein Eishockeyspieler aus Alaska, sagt: Er wisse zwar nicht richtig, was er mit den Dingern anfangen soll. Aber als Sammelobjekt seien die bunten Kondome Gold wert. Danny ist fünfzehn. Sex habe er zur Zeit nicht im Sinn. Hier, bei den Arktischen Winterspielen, konzentriere er sich lieber auf den Sport.

Die Arctic Wintergames gelten inzwischen als die schrägste Sportveanstaltung auf dem Kontinent, vielleicht sogar der Welt. Neben herkömmlichen Disziplinen wie Eishockey, Snowboarding und Skilanglauf, üben sich die Teilnehmer in Sportarten, die es sonst wohl nirgends in der Welt gibt: Seehundschwanz-Kicken, Speerwerfen in die Menge mit verbundenen Augen und Fass-Reiten im Tiefschnee.

Mit einer mitternächtlichen Zeremonie auf dem zugefrorenen Polarmeer gehen die Arktischen Winterspiele am Sonntag Nacht zu Ende. Wettervorhersage für Iqaluit: Minus 27 Grad Celsius.                           (Sendung vom 21-3-2002)

 

Liebeserklärung an mein Hotel

My Hotel is my Castle. Zumindest, wenn ich auf Geschäftsreise bin. Das Hotel, das mir mein Auftraggeber nun schon seit zehn Jahren immer dann bucht, wenn ich in Köln zu tun habe, ist nicht das erste Hotel am Platze. Aber es hat einen besonderen Platz in meinem Herzen. Der Empfangschef kennt meinen Namen. Und wenn mir die Nase läuft, stellt mir die Frühstückskellnerin einen Obstteller ins Zimmer.

In diesem Hotel habe ich schon viele Monate vebracht, rechnet man alle Aufenthalte zusammen. Dass die Wasserspülung gelegentlich hängt und der Heizkörper Klopfgeräusche von sich gibt, stört mich nur ein bisschen. Das Foyer meines Hotels ist vollbehängt mit Fotos aus vergangenen Zeiten. Peter Kraus und Conny Froböss waren schon hier. Auch Bill Ramsay und Peter Frankenfeld haben ihr handsigniertes Konterfei hinterlassen. Sogar der große Kulenkampff ist hier schon abgestiegen. Und selbst Roy Black muss sich irgendwann mal ins weisse Hotelbett gelegt haben. Aber das ist lange her. Schlafe ich heute Nacht in einem Bett, in dem sich schon Caterina Valente geräkelt hat?

Teller voll? Einer geht immer noch drauf!

Ich liebe also mein kleines Hotel. Was mich dagegen tierisch nervt, sind Gäste, die ihre Teller beim Frühstücksbüffet mit solchen Bergen Schinken und Rührei beladen, dass regelmäßig Wursträdchen auf den Teppich fallen. Wenn dann noch mehrere Scheiben Brot und eine halbe Gallone frisch gepresster Orangensaft auf dem Tisch zurück bleiben, macht mich das rasend und auch ein wenig traurig. Oft verhalten sich ja gerade solche Gäste so rücksichtslos, die aus Regionen kommen, wo nicht gerade die Reichsten leben.

Was mir dagegen gut gefällt an meinem Hotel, ist die Lage. Es liegt mitten im Zentrum von Köln, mittiger geht’s nicht. Rechts der Dom, links die Funk- und Fernsehstadt WDR. Dazwischen Köln, wie es leibt und lebt. Nur zweimal habe ich mein Hotel verflucht. Einmal während der Fußball-Europameisterschaft und dann noch während des Karnevals. „Kannst du bitte das Fenster zumachen, solange du mit mir telefonierst? Ich versteh ja kein Wort!“, hatte mich Lore während eines Telefonats aus Kanada gebeten. Ich musste meine Frau enttäuschen: Die Fenster meines Hotelzimmers waren zu. Und den Höllenlärm, der morgens um zwei noch draußen herrschte, konnte man nur schwer auszuhalten.

Berühmt – aber leider kennt sie niemand

Toll finde ich, dass ich in meinem Stammhotel andere Stammgäste treffe. Einen Dirigenten aus Wien, zum Beispiel, der gelegentlich das WDR-Symphonieorchester leitet. Oder einen „Tatort“-Pathologen, den jeder an seiner Vollglatze erkennt. Oder einen Fernsehmoderator, den jeder schon gesehen hat, aber dessen Namen sich keiner merken kann. Und dann die Sprecherin, die immer die Presseschau im Radio vorliest. Herrlich, wie sie ihre Stimmbänder morgens mit Lindenblütentee und Honig ölt. Sie zelebriert die Stimmpflege so unübersehbar öffentlich, dass Jeder weiß: Diese Frau ist stimmlich in wichtiger Mission unterwegs. Und bestimmt ist sie total berühmt.

Schon doof, wenn man als eitler Mensch beim Radio arbeitet, wo die Stimme kein Gesicht hat.

TV-Nachrichten splitternackt

Wenn ich auf Reisen bin, kann ich leider nicht täglich bloggen. Deshalb der Griff ins Archiv. Hier finden Sie von Zeit zu Zeit die Textversion meiner Hörfunk-Reportagen. Die Manuskripte wurden nicht aktualisiert!

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TORONTO / ONTARIO

Diane ist von Beruf Sprechstundenhilfe und liebt Katzen. Carmen verdiente bis vor kurzem noch als Modefotografin ihren Lebensunterhalt. Holly ist Jazz-Tänzerin mit einem Faible für Bücher. Victoria unterrichtet Yoga. Eines haben die vier Frauen gemeinsam: Sie sind jung, sie sind schön – und sie können gut reden. Mehr noch: Sie können gut reden während sie sich splitternackt ausziehen.

Denn Multi-Tasking ist Grund-Voraussetzung beim Internet-Service Naked-News. Die Moderatorinnen entblättern sich, während sie die Nachrichten verlesen – gelegentlich ein bisschen holprig.

Beim Erdbeben greift sich die Dame an die Bluse, bei der Arbeitslosenquote löst sich der BH und just als die Tierliebhaberin Diane über den Rinderwahnsinn in Deutschland plaudert, fällt auch das Höschen.

Produziert wird Naked-TV in Toronto von einer Dot.com-Firma, die sich E-Galaxy nennt. Mit angeblich über fünf Millionen Stamm-Besuchern verbucht der Service sensationelle Mausklick-Raten. Die täglich wechselnden Nachrichten sind, das muss man den Producern lassen, seriös gemacht und journalistisch in Ordnung. Bei der Präsentation sprechen die Internet-Anbieter eine Zielgruppe von Männern um die vierzig an. Eine gewisse Perversion gehört dazu, wenn man sich von einer Splitternackten erzählen lässt, dass es beim U-Boot-Manöver vor Hawaii Tote gegeben hat.

Bisher waren im Naked-News-Kanal nur Frauen zu sehen. Das soll bald anders werden: Per Zeitungsanzeige sucht die Produktionsfirma jetzt auch männliche Strip-Models. Zum Vorstell-Termin soll der Kandidat doch bitteschön die Badehose mitbringen, heißt es auf der telefonischen Band-Ansage.

Wie es mit der Bezahlung der News-Models aussieht, bleibt das Geheimnis der Kandidaten. Gemunkelt wird, dass sich das Honorar der Nacktrichten-Sprecherinnen an den Quoten  orientiert. Die werden nicht zuletzt daran gemessen, wie viele E-Mails während der Nachrichten-Übertragung an die jeweiligen Moderatorinnen eingehen.

(Sendung vom 21-2-2001)