Träume unterm Mangobaum

mattWenn Kinder zu Künstlern werden, ist das ein Anlass zum Feiern. Mathieu Holubowski, mit dem uns seit gemeinsamen Highschool-Zeiten mit Cassian eine herzliche Freundschaft verbindet, hat jetzt die Party seines Lebens geschmissen: In einer Montrealer Kellerkneipe stellte er seine erste CD vor: „Old Man“

Für Old-Schoolers ist so ein Anlass gewöhnungsbedürftig: Wer bei so einem CD-Launch eine CD sucht, sucht vergebens. Es gibt sie nicht mehr. In der aufwendig gemachten Hülle findet sich heute lediglich ein Download-Code fürs Internet. Auch gut. Da ein CD-Drive heutzutage seltener ist als ein rosarotes Pony, macht diese Art der Präsentation durchaus Sinn. Dem Download mit all seinen Parkplätzen in den Wolken gehört die digitale Gegenwart.

Gut 100 Leute trafen sich im koffeinfreien, dafür alkoholhaltigen „Kafein“, um dort „Oger“ zuzuhören. Diesen Namen hat Mathieu, der Künstler, für sich ausgesucht. In seiner Musik-Kollektion „Old Man“ ist viel von Liebe die Rede und von Leidenschaft, da klingen Sehnsüchte durch und auch Träume. Da werden Bahnfahrten durch das Hinterland von Uganda akustisch umgesetzt und auch faule Stunden im Schatten eines Mangobaums.

So heisst denn auch mein Lieblingssong auf Mathieus CD: „Mango Tree“. Unter einem solchen Baum war diese fast zärtliche Ode tatsächlich auch entstanden. Eine Zeitlang lebte Mathieu im tiefen Afrika und tat dort Gutes – was jetzt, hörbar für alle, auch auf seine Musik ausstrahlte.

connor

Greift auch mal in die Saiten: Produzent Connor Seidel.

So eine CD ist nie die Leistung eines Einzelnen. Deshalb holte Matt an diesem Abend eine ganze Rehe von Menschen auf die Bühne, die ihm bei der Umsetzung seines Traums halfen.

Einer davon ist Connor Seidel, ein gerade mal Zwanzigjähriger mit deutschen Wurzeln, der im früheren Bootshaus seiner Eltern das inzwischen bekannte Aufnahmestudio Evermoor betreibt. Connor ist bei Mathieu nicht nur für den guten Ton zuständig. Er fungiert auch als sein Produzent.

Gute Musik zu machen, ist eine Sache. Gute Musik zu vermarkten, ist eine Herausforderung, speziell in einer Dreieinhalb-Millionenstadt wie Montreal. Die Konkurrenz ist riesig, dazu kommen in der frankokanadischen Provinz Québec noch sprachliche Empfindsamkeiten, die ein junges Team wie Matt und Connor leicht an seine Grenzen bringen könnten. Doch von all dem war an diesem denkwürdigen Abend in der „Kafein“-Bar nichts zu spüren.

Fast hatte man das Gefühl, Matts Melodien und Texte super relaxed unter einem Mangobaum genießen zu dürfen.

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Ein bisschen Bagdad in Montréal

baustelleSzenen wie diese (siehe Bannerfoto) findet man zurzeit an jeder Ecke. Die Stadt meines Herzens gleicht an manchen Stellen eher Kabul als einer kanadischen Dreieinhalb-Millionen-Metropole.

Es wird gebuddelt und gebaut, abgerissen und weitergebuddelt. Irgendwie will mein Montréal in diesem Jahr gar nicht zur Ruhe kommen. Aber wenigstens tut sich etwas: Marode Brücken werden erneuert, Wohn- und Bürotürme hochgezogen, Straßen repariert. Wem architektonische Ästhetik wichtig ist, könnte in diesen Tagen und Wochen allerdings verzweifeln.

Dass es trotzdem Hunderttausende von Besuchern nach Montréal zieht, die hier ihren Urlaub verbringen, lässt hoffen: Außer kaputten Straßenzügen muss die Stadt ganz offensichtlich doch noch etwas anderes zu bieten haben.

Es ist wohl die Lebensfreude, die einen gerade im Sommer an jeder Ecke einholt, dieses unbeschreibliche Joie de vivre, das Touristen aus aller Welt immer wieder aufs Neue in ihren Bann zieht.

Sie ist einfach nicht zu toppen, diese Mischung aus französischer Lebensart und American Way of Life. Da nimmt man dann auch ein paar Abrissbirnen vor dem Hotelfenster hin.

Ein Sommermärchen – und jetzt?

soccer

Die Leere nach dem Sieg, die Öde nach dem TV-Marathon. Und jetzt ist auch noch bei Lahm die Luft raus. Es kommen harte Zeiten auf mich zu. Keine Playoffs mehr, in denen man den Montreal Canadiens beim Verlieren zugucken konnte. Keine Fußball-WM mehr. Das Sommermärchen ist zu Ende, dabei hat der Sommer gerade erst angefangen. Und jetzt?

Seit unserer Rückkehr aus Mallorca ging es Schlag auf Schlag. Erst lieferten sich die Eishockey-Cracks der NHL verbitterte Kämpfe, die ich Abende lang in irgendwelchen Bars an großen Leinwänden miterlebte. Als die Montreal Canadiens dann den Besseren das Feld überlassen mussten, hielt sich meine Trauer in Grenzen. Bald würde das brasilianische Sommermärchen beginnen.

Nie musste Deutschland ohne mich spielen. Ich war bei der Schmach gegen Algerien dabei und auch bei dem unverschämt hohen Sieg gegen die Gastgeber. Die Montrealer Kneipiers rieben sich bei meinem Anblick schon die Hände. „The sports crazy German is coming again“, flüsterten sie sich vermutlich hinter der hohlen Hand zu und hofften: „Bitte, lieber Gott, lass die WM noch ganz lange dauern!“

Irgendwann war dann Schluss mit lustig. Die DFB-Jungs packten ihre Siebensachen. Den Einzug am Brandenburger Tor konnte ich dank Deutscher Welle-TV noch live vom Bett aus miterleben.

Es war früher Morgen in Montreal, als Schweini & Co. sich ins Goldene Buch der Stadt Berlin eintrugen. Manche von ihnen traten anschließend vor die Kameras – in der einen Hand ein Würstchen, in der anderen eine Laugenbrezel. Plötzlich verspürte ich, 6000 Kilometer westlich vom Brandenburger Tor, einen Berliner Bärenhunger – und machte es den Boys nach. Ich ass.

Ich kann mich nicht daran erinnern, je zuvor ein Frühstück mit Wiener und Senf im Bett eingenommen zu haben, während im Fernsehen gleichzeitig siegestrunkene Fußballspieler mit Würstchen in der Hand ins Mikrofon grölten. Aber selbst diese Augenblicke hatten was, ich möchte sie nicht missen.

Als dann auch noch Philipp Lahm ankündigte, er werde nie mehr die Kapitänsbinde tragen, musste ich an die Kameraleute und Bildmischer denken, die künftig keinen Schwenk mehr nach unten machen, wenn sie das DFB-Team beim Singen der Nationalhymne abfilmen und regelmäßig in die Knie gehen mussten, wenn der kleine Große ins Bild kam.

„Was soll ich jetzt nur anschauen?“, frage ich beim Dinner unsere indische Freundin Vera. „Wie wär’s mit Cricket?“, sagt die kluge Frau. „Cricketspiele dauern manchmal zwei Tage“.

Die Frau an meiner Seite hatte eine bessere Idee. Sie hat immer die besseren Ideen: „Was du anschauen sollst?“, meinte sie.

„Mich“, sagt sie, „einfach nur mich“.

Allein unter lauter Latinos. Oder: Wie Mario Kotze die WM gewann

wmEs war ein Versehen. Richtiger Anlass, falscher Ort. Die Champs-Bar am Boulevard St. Laurent ist gewöhnlich eine gute Adresse, um sich in Montreal Sportereignisse auf der Großleinwand anzuschauen. Warum ich ausgerechnet zum WM-Finale bei der spanischsprachigen Live-Übertragung unter lauter Latinos gelandet bin, ist mir noch immer ein Rätsel.

Schlimm war das Versehen nicht. Jedenfalls weiss ich jetzt, dass der deutsche Torschütze auf spanisch Mario „Kotze“ und Herr Löw mit Vornamen „Chogy“ heißt. Der Name, der mir inzwischen am geläufigsten ist, gehört einen gewissen Bastian „Swanschdagaaa“, auf gut bayerisch Schweinsteiger.

Die Live-Reporter des argentinischen Fernsehens gaben sich redlich Mühe, die Namen der deutschen Spieler korrekt auszusprechen. Manchmal kamen sie freilich an ihre Grenzen. So wie wir auch, wenn es gilt, in fremden Sprachen zu parlieren.

Die Namen der Kicker waren also kein Thema. Schon eher die Tatsache, als einziger Nicht-Latino in einem Meer von argentinischen Fan-Trikots gelandet zu sein.

War mir nach Jubel zumute, wenn Manuel Neuer mal wieder einen seiner spektakulären Fänge machte, sagte mir ein Blick in die Runde, dass ich angesichts der Überzahl argentinischer Fans lieber schweigen sollte. Als Dank musste ich dann die Buhrufe des Bar-Publikums für Neuers Glanzleistung über mich ergehen lassen.

Es ist nicht einfach, Jogi-Fan zu sein, wenn in einer Latino-Bar das DFB-Team gerade den argentinischen Gegner zerlegt.

Irgendwann gegen Ende des Spiels muss mein Schauspieltalent geschwächelt haben. Als mir meine Tischnachbarin nach einem weiteren unterdrückten Jubel die Frage nach meiner Herkunft stellte: „De donde eres?”, blieb mir nichts anderes übrig, als mit der Wahrheit herauszurücken: “Alemania”. Kurzes Raunen am Tisch. Dann High Fives. Und schließlich das Angebot, in die Tacotüte zu greifen, die jetzt die Runde machte.

So harmonisch entwickelte sich die argentinisch-deutsche Tischkoalition schließlich, dass ich es ernsthaft bedauerte, meinen “Kiss me, I am German”-Button zuhause gelassen zu haben.

Plötzlich Rentner

rentnerDu wachst eines morgens auf, gehst ins Internet und checkst deinen Kontostand. Strom, Wasser und Kabelfernsehen wurden ordnungsgemäß abgebucht. Auch die vielen Restaurantbesuche haben nicht nur in Kilos und Pfund zu Buche geschlagen, sondern auch in Dollars und Cents. Und dann: Was ist das denn? Hat Donald Duck dir über Nacht etwa Kohle aufs Konto geschaufelt? Nein. Es ist die Rente. Die erste meines Lebens.

Genau genommen sind es sogar zwei Renten: eine aus Deutschland und eine aus Kanada. Viel ist es nicht, als Freiberufler ist es nie viel. Aber es ist ein Batzen, der jetzt dir gehört, ohne dafür auch nur einen Finger krumm machen zu müssen. Heute, morgen, übermorgen. Und hoffentlich auch noch in zehn, zwanzig Jahren. Denn, nicht wahr Herr Blüm, die Rente ist doch sicher?

Wobei: Ganz ohne einen Finger krumm zu machen, geht’s dann doch nicht. Kaum ist die erste Rentenzahlung da, flattert auch schon das Formular „Lebensbescheinigung“ ins Haus: „Sehr geehrter Herr, bitte teilen Sie uns mit, ob Sie noch leben. Widrigenfalls wir die Rentenzahlungen wieder einstellen müssen.“ Oder so ähnlich.

Das alles ist mir ziemlich fremd, das Rentnerfeeling geht mir völlig ab. Und ich denke nicht daran, dem deutschen Rentenamt den Gefallen zu tun, den Löffel abzugeben, der ja gerade erst durch monatliche Zahlungen ein kleines bisschen vergoldet wurde.

Die Kanadier sehen das übrigens lockerer: „Genießen Sie Ihren Ruhestand“ heißt es in der Broschüre von „Canada Pension“, die mit dem ersten Scheck im Postfach steckte. „Sie haben ihn sich verdient“.