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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Dépanneur: Milch um Mitternacht

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Typischer Dépanneur im Montréaler Stadtteil St. Henri – Foto: Bopp

Es gibt immer noch Dinge in Québec, auf die man sich verlassen kann. Dazu gehören neben bröckelnden Brücken und überfüllten Notaufnahme-Stationen auch Mafiamorde, Schmiergeldaffären und der Dépanneur an der Ecke. Dépanneure sind Tante-Emma-Läden, die Pannenhilfe leisten, wenn Ebbe im Kühlschrank herrscht.

Auf Äußerlichkeiten legt der Dépanneur keinen besonders großen Wert. Schöner Einkaufen ist anders. Was zählt ist der Inhalt, nicht die Verpackung. Ein paar Regale, wenn überhaupt, und Stapel von Kisten, aus denen sich der Kunde selbst bedient.

Viele Dépanneure sind rund um die Uhr geöffnet. Sieben Tage die Woche, Weihnachten, Neujahr und Nationalfeiertage inklusive, sowohl kanadische als auch chinesische. Denn Dépanneure sind fast immer in asiatischer Hand. Männer und Frauen, oft mit ihren Kindern, stehen bis tief in die Nacht hinterm Ladentisch und geben durch ihre Schweigsamkeit den Ton an. Ein winziges Kopfnicken beim Bezahlen ist oft die einzige menschliche Regung, die sich so ein Dépanneur dem Kunden gegenuber gestattet. Unser Dépanneur an der Ecke lächelt immer und spricht nie.

Aber auch schweigend haben Dépanneure die Gabe, dich aus so ziemlich jeder Lebenslage zu retten. Geht dir für den Schlummertrunk der Wein aus – kein Problem. Es gibt ja den Dépanneur. Keine Kippen mehr? Der Dépanneur hält die Marke deines Herzens auch dann noch bereit, wenn andere längst schlafen. Zucker, Waschpulver, Wundpflaster, Bier, Mehl, Lottoscheine, Milch, Hundefutter und Schraubenzieher: Dem „Dépanneur“ fehlt es an nichts. Nur an Worten.

Immer geöffnet. Immer chinesisch. Immer an der Ecke.

Über seinen Dépanneur weiss man nur wenig. Glaubt man den Anekdoten, die sich Québecer untereinander erzaãhlen, dann war fast jeder chinesische Dépanneur in seinem Heimatland einmal Herzchirurg, Polizeichef, Universitätsprofessor oder zumindest Oberlehrer. In manchen Fällen mag das stimmen, in den meisten sicher nicht. Genauso wenig wie die Mähr zutrifft, dass in Paris jeder Taxifahrer ein Dichter ist, der von russischen Zaren abstammt.

Egal. Ohne den Dépanneur wäre mein Leben ärmer und mein Kühlschrank nur halb so gut bestückt.

Danke, Dépanneur!

Willkommen im Eisschrank!

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Wenn Sie glauben, in Deutschland sei die Eiszeit angebrochen, dann lade ich Sie ein, zum Trost einen Blick auf die Montrealer Wetterkarte (oben) zu werfen. Minus 30 Grad auf dem Thermometer, macht gefühlte minus 43. Und das noch bis zum Wochenende.

Eben kommen wir aus dem Kino. Zu Fuß natürlich. Die Temperatur lässt sich gut aushalten, wenn die Kleidung stimmt. „Schlechtes Wetter gibt es nicht“, sagen meine kanadischen Freunde. „Nur schlechte Kleidung“. Dabei geht man am besten nach dem Zwiebelschalen-Prinzip vor: Mehrere Schichten übereinander geben wärmer als ein dicker Parka.

Besonders hart trifft die Kältewelle Tausende von Obdachlosen. Nicht alle von ihnen haben ein Bett für die Nacht. Viele von ihnen kauern um diese Jahreszeit über Heizungsschächten oder in den Vorhallen der Montrealer Metro-Stationen, soweit diese überhaupt nachts geöffnet sind.

Noch kälter als in Montreal ist es zurzeit in Yellowknife in den Northwest-Territories. Dort sinkt das Thermometer heute auf minus 36 Gard. Macht mit „windchill factor“ knackige minus 47 Grad.

Aber auch das ist noch weit entfernt von der Rekord-Tiefsttemperatur, die ich in Kanada je erlebt habe. Bis vor kurzem hing in meinem Büro eine gerahmte Urkunde. Sie wurde an Journalisten verteilt, die trotz Schneesturms zur Eröffnung des neuen Winnipeger Kongresszentrums gekommen waren. An diesem Abend hatte es minus 62 Grad. Celsius!

Messebesuch: Erotik und Ketten

Screen Shot 2013-01-20 at 9.13.25 PMNetzstrümpfe, High Heels und Tattoos. Lecker gebräunte Haut, frisch von der Sonnenbank. Das Publikum, das mit mir an der Kasse steht, um Tickets für die Messe zum Thema „Franchising“ zu kaufen, sieht so ganz anders aus als ich es mir vorgestellt hatte.

Kein Wunder: Die meisten von ihnen wollen zur Erotik-Messe. „Le Salon de l’Amour et de la Séduction“ findet parallel zur Handelsmesse statt, unmittelbar im Saal daneben. Da kommt es schon mal vor, dass ein Mädel im Mini an der Info-Theke der Kanadischen Handelskammer steht und ein Mann im Nadelgestreiften am Stand einer Firma, die Toys für Erwachsene anpreist. Hat man sich dann mal auf den richtigen Saal geeinigt, kann es endlich zur Sache gehen.

Sechs Ferraris und du bist dabei

Franchising ist etwas für Leute, die viel Geld und wenig eigene Ideen haben. Von beidem würde ich behaupten, dass es auf mich nicht zutrifft. Trotzdem ist es spannend, sich zu informieren, wie viel an Kohle nötig ist, um beispielsweise eine „Pizza Hut“-Niederlassung zu betreiben, oder auch eine Filiale von „Burger King“. Die Antwort: Es kommt auf die Lage an. Irgendwo zwischen 300 000 und einer Million. Dann gehört dir aber weder das Ladenlokal, noch die Einrichtung. Du legst zwischen zwei und sechs Ferraris auf den Tisch, um lediglich Namen, Logo, Marketing und Rezept eines etablierten Branchenriesen zu übernehmen.

Mein Fleisch gehört mir!

Für eigene Ideen bleibt wenig Freiraum. Solltest du also eine Quelle für besseres Fleisch auftun als das, das die Fastfood-Kette für dich ausgesucht hat, musst du leider passen. Den Betreibern der „Burger Kings“, „McDonalds“ und „Pizza Huts“ dieser Welt wird vorgeschrieben, von wem sie ihre Ware zu beziehen haben. Dadurch will sich der Franchise-Geber den Qualitätsstandard sichern.

Auf diesem Geschäftsmodell basiert allein in Montréal jeder vierte Anbieter von Fastfood. Die kleinen Diners gibt es zwar auch noch. Aber gegen die Riesen im Ring sind sie oft chancenlos. Schade eigentlch.

Eine Akademie für Nachhlfe-Unterricht

Franchises gibt es nicht nur in der Gastronomie. Auf der Messe haben unter anderem geworben: Ein Unternehmen für Luxus-Kreuzfahrten, eine Kette für Gebäudereinigung, Druckereien, Kaffeehäuser und ein Startup-Unternehmen für gefrorene Milchspeisen. Besonders innovativ fand ich das Angebot einer „Nachhilfe-Akademie“, die zwischen Vancouver und Halifax bereits mit mehr als 100 Franchises am Start ist – „super erfolgreich“ übrigens, wie mir My-name-is-Justin-und-wie-heißt-du? weismachen will.

So richtig warm geworden bin ich mit der Franchise-Idee also nicht. Vielleicht wäre ich doch lieber auf die Erotikmesse gegangen.

„The Voice“ – gerne mit Akzent

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Szenen eines kleinen Künstlerlebens: Erst die Filmrolle im vorigen Herbst. Dann ein (erfolgloses) Foto-Casting für eine Werbekampagne. Und jetzt der Anruf der Agentin: Studiotermin für eine Sprecherrolle.

Das umständliche Auswahlverfahren möchte sich der Auftraggeber für das Firmenvideo ersparen. Er hatte sich bereits im Internet schlau gehört. Der Job ist mein. Eine Trefferquote von 2:1 im Talentwettbewerb reicht zwar nicht ganz fürs Dschungelcamp, kann sich aber in der Kreisliga, in der ich spiele, durchaus sehen lassen, finde ich.

 Opa war mal Filmschauspieler

Das vertrackte Beziehungsdrama, in dem ich im Oktober die Rolle eines deutschen Regisseurs spielen durfte, wird zurzeit geschnitten. Im Sommer soll der Film fertig sein. Ob Kino, Fernsehen oder Video-on-demand ist mir egal. Wichtig für die Nachfahren ist nur: Opa war mal Filmschauspieler.

Nach dem Dreh in den Bergen war erst mal Pause. Zeit für das richtige Leben: Job, Steuerkram, Reisevorbereitungen. Dann, als der Film schon wieder ganz weit weg war: Anruf der Agentin: Fotoshoting für ein Energieunternehmen.

Wie war das nochmal mit dem Brustumfang?

Casting in einem schicken Fabrikloft in Griffintown. Jungs mit weißeren Zähnen als ich, Mädels mit besseren Figuren sowieso. Und überhaupt: Was mache ich hier? Während meine Mitbewerber neben mir virtuos den Fragebogen mit ihren Körpermaßen ausfüllen, bringe ich gerade mal die Schuhgröße zu Papier. Taille: Hab ich eine? Brustumfang: Heftig. Augenfarbe geht klar. Bei der Haarfarbe wird’s schon wieder kompliziert. Braun oder Schwarz? Keines von beidem. Schreiben wir einfach mal „Salt and Pepper“.

Und dann das Shooting. Spätestens als der Stylist um die Abnahme meiner Brille bittet, ist mir klar: Das wird nix mit der Modelkarriere. Mal ehrlich: Wer guckt sich denn im Hochglanzprospekt schon gerne Tränensäcke in Körbchengröße 34a an?

„Die wollen Deinen Akzent!“

Neuer Kunde, neues Glück: „Mach dir nichts draus“, sagt die Agentin nach dem verpeilten Fotoshooting. Ein kanadisches Unternehmen sucht einen Sprecher für eine Firmen-Doku: „You are The Voice!“, macht mir die Agentin Mut. „Mag ja sein“, mime ich den Bedenkenträger, „aber die Stimme hat leider einen Akzent“. Das leuchtet auch der Agentin ein. Also trägt sie dem Kunden unsere Zweifel vor. Und zieht die Bewerbung für die Sprecherrolle wieder zurück.

Wenig später dann das Unfassbare: „Du hast den Job. Der Akzent! Die wollen deinen Akzent!“

Schon klar: Fremdsprachliche Akzente sind zurzeit beliebt wie nie zuvor. Der populärste DJ im Radiosender meines Herzens moderiert in einem Britisch, das die Queen alt aussehen lässt. Im englischsprachigen Fernsehen hier in Montreal gewinnen immer mehr Frankokanadier die Charme-Offensive. Und natürlich machen Akzente und fremde Sprachen auch nicht vor der Werbung Halt.

„Das Auto“, sagt eine sonore deutsche Stimme am Ende des kanadischen Werbespots für Volkswagen. Egal ob Englisch oder Französisch. Einfach „das Auto“.

Schatten über dem Sonnenzirkus

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© CTV/Cirque du Soleil

Wenn es den Leuten gut geht, sagte mein Vater immer, dann gehen sie in den Zirkus. Geht’s ihnen schlecht, dann gehen sie erst recht in den Zirkus. Jetzt geht es dem Zirkus nicht so gut und 400 Menschen schlecht. Sie verlieren in den nächsten Tagen und Wochen ihren Job.

Wie kann das sein? Eine Milliarde Dollar Umsatz machte der Cirque du Soleil im vergangenen Jahr, 14.2 Millionen Tickets wurden verkauft. Noch nie hatte „le Cirque“, wie die Montrealer ihren Vorzeigezirkus nennen, so viele Produktionen gleichzeitig am Start. Neunzehn sind es zurzeit, von fest installierten Shows in Las Vegas bis zu Aufführungen im Libanon und Korea, in Marokko und Neuseeland.

Starker Dollar, schwacher Kurs: Der Zirkus verliert Geld

Wenn das vor 19 Jahren aufgebaute Unternehmen jetzt trotzdem den Gürtel enger schnallen muss, dann liegt das angeblich am starken kanadischen Dollar. Die meisten Beschäftigten, nämlich 2000, arbeiten in Montreal, müssen aber mit Geld bezahlt werden, das zu 99 Prozent im Ausland erwirtschaftet wird. Allein der durch einen ungünstigen Wechselkurs bedingte Verlust liegt bei 3 Millionen Dollar pro Jahr.

Drei Millionen sind eine Menge Geld. Aber Peanuts im Vergleich zu dem, was der Gründer und Eigentümer des Cirque du Soleil mal so kurz für eine Reise ins All ausgibt. 30 Millionen Dollar habe sich Guy Lalilberté das Abenteuer kosten lassen, an Bord einer Weltraumkapsel mitfliegen zu dürfen, heißt es.

Zu teuer für eine vierköpfge Familie

Egal. Es ist seine Kohle und er war es, der aus einer Chaotentruppe von Feuerspuckern, Fakiren und Rasierklingenschluckern ein Unternehmen von Weltruf aus dem Boden gestampft hat. Nur: Hat Monsieur Laliberté eigentlich vergessen, wie lange eine Familie mit zwei Kindern arbeiten muss, um sich die 400 Dollar für ein paar Stunden in der Manege leisten zu können?

Die Cirque-Vorstellungen, die oft in Montreal Premiere feiern, haben auch uns jahrelang fasziniert. Ob Saltimbanco oder Allegria oder wie sie sonst alle heißen – für uns gehörten die Shows im blau-gelb gestreiften Zelt zu den Highlights des Kultursommers in Montreal. (Ehrlich gesagt waren die Premierentickets umsonst. Als die „deutsche Stimme des Cirque du Soleil“ für Promotion-Videos gab es zum Sprecherhonorar fast immer noch Eintrittskarten für die ganze Familie).

Selbst die Textilfarben werden selbst hergestellt

Dass mein Herz noch immer für diesen wunderbaren Zirkus schlägt, hat noch einen anderen Grund: Selten habe ich in meinem Reporterleben Menschen getroffen, die mit einer solchen Begeisterung bei der Sache waren. Für eine Hörfunk-Reportage über den Cirque du Soleil bekam ich eine Führung durch die Montrealer Zentrale. Ich sah die Kostümnäherinnen und die Schuhmacher, die Gürtelschneider und Kettenschweisser.

Und ich aß mit Hochseilakrobaten und Zirkusmusikern im hauseigenen Restaurant, in dem ein Sternekoch den Löffel schwingt. Alles, wirklich alles, das zu einer Vorstellung gehört, stellt Le Cirque selbst her. Selbst der Farbstoff, mit dem die Kostüme der Akrobaten und Tänzerinnen eingefärbt werden, stammt aus eigener Produktion.

Guy Laliberté mag die Idee für dieses geniale Spektakel gehabt haben. Aber es sind die Menschen, die den „Zirkus ohne Tiere“ zu dem gemacht haben, was er heute ist: Ein Spasskonzern, der Tausende beschäftigt und Millionen beglückt. Vielleicht gelingt es Monsieur Laliberté ja doch noch, die Massenentlassungen zu verhindern. Verdient hätte es der Sonnenzirkus.

>>>   Hier geht’s zu meiner Hörfunkreportage über den Cirque du Soleil   <<<