
Spass in der Drehpause: Schattenspiele am Set.
Das Beziehungsdrama am Filmset steuert seinem Höhepunkt entgegen. Der alte Mann und das Mädchen kommen sich näher. Schlüpfrigkeit macht sich breit. Und während Theodores Welt am Set zusammenbricht, spielen sich im richtigen Leben – meinem Leben – Dramen ab, über die der Regisseur keine Kontrolle mehr hat. Wasserschaden im Loft. Und ein Kind, das um sein Leben kämpft.
Die Dreharbeiten für „Belle“ sind, zumindest für mich, abgeschlossen. Acht intensive Tage und Nächte in einer Lodge in den Bergen nördlich von Montreal. Umgeben von einer Gruppe von kreativen Menschen aus Frankreich, Italien, Belgien, Griechenland und natürlich Kanada. Zwei Wochen lang zusammen leben, essen, arbeiten, diskutieren, singen, spielen, kochen, wandern … fühlen sich an wie Jugendfreizeit für Erwachsene.
Swimmingpool-Wasser im Entlüftungsschacht
Einen Tag vor dem regulären Ende der Dreharbeiten dann der Anruf aus der richtigen Welt: Wasserschaden im Loft. Nach einer S.O.S.-Kurzreise vom Filmset nach Montreal ist alles klar: Beim Entleeren des Swimmingpools auf der Dachterrasse im 5. Stock war Wasser in die Entlüftungsschächte geflossen. Warum das Salzwasser ausgerechnet bei uns wieder austrat, bleibt das Geheimnis des Großen Regisseurs. Was nützt das Lamentieren: Vier Tage werden die Instandsetzungsarbeiten dauern. Was wichtig und wertvoll ist, konnte Lore rechtzeitig in Sicherheit bringen. Keiner ist verletzt, keiner gestorben. Die Versicherung erledigt den Rest.
Abends dann wieder zurück zum Set. Partyszenen mit „den Kids“, wie wir unsere Schauspielertruppe im „Film im Film“ nennen. Ausgelassene Szenen mit lauter Musik, viel Alkohol (Traubensaft) und Drogen (Süßstofftabletten). Morgens um halb fünf ist der Dreh endlich abgeschlossen.
Zweiwöchige Achterbahnfahrt der Gefühle
Wieder in der vom Wasserschaden heimgesuchten Wohnung zurück, fühlen sich die vergangenen zwei Wochen an wie eine Achterbahnfahrt. Unwirkliche Szenen im Mondschein, bittere Kälte beim Picknick auf der Terrasse. Und permanent das Knistern zwischen „Theodore“, dem alten Botaniker, und „Mae“, der jungen Schauspielerin.
Drama in der alten Heimat
Und dann, als hätte Sterling, der Regisseur, seine Künste über den Film hinaus auf die Wirklichkeit ausgeweitet, das nächste Drama: Beim Surfen im Internet finde ich unser Haus wieder, in dem wir 25 Jahre gelebt und gearbeitet haben. Das zweijährige Kind der neuen Besitzer, die das Haus vor vier Monaten bezogen haben, kämpfte nach einem Epilepsieanfall mit dem Tode. Als der Krankenwagen dann endlich eintrifft, weigert sich der Rettungssanitäter, den besorgten Eltern den Zustand ihres Kindes auf Englisch zu erklären. „Wir sind hier in Quebec“, soll der Erste-Hilfe-Mann gesagt haben, „hier wird Französisch gesprochen“. Und, ja: Dem Kind geht es wieder gut.
Ein Skandal, in der Tat. Aber in der von separatistischem Gedankengut geprägten Provinz Quebec nichts Außergewöhnliches. Die empörten Eltern haben daraufhin die Medien alarmiert. Unser Haus, nein: unser früheres Haus, ist seither plötzlich in aller Munde und auf allen Bildschirmen.
Es sind verrückte Zeiten, die wir hier erleben. Ein bisschen wie im Film.
NACHTRAG: Die Geschichte mit dem Kind wird übrigens kein Nachspiel haben: Die Vereinigung der Rettungssanitäter ist der Meinung, der Erste-Hilfe-Mensch habe absolut richtig gehandelt. Es könne von einem Rettungssanitäter der Provinz Quebec nicht erwartet werden, dass er sich mit einer Familie auf Englisch unterhalte, egal, in welcher Notlage sie sich befindet. Ein Skandal! An Tagen wie diesen frage ich mich, warum ich noch immer in einem Land lebe, in dem ein poliitisch motivierter, kleingeistig ausgetragener Sprachenstreit wichtiger ist als die Gesundheit der Bevölkerung.

Die meisten im Team sind jung, zwischen Anfang 20 und Mitte 30. Dass das Zusammenleben zwischen ihnen, John und mir (er 65, ich 63) trotzdem wunderbar klappt, grenzt fast schon an ein Wunder. Es gäbe so viel Potential für Reibungsflächen, bedingt durch Zeitdruck, Logistik, Wetter, spezielle Befindlichkeiten – aber es hat bisher nicht ein einziges Mal im Getriebe geknirscht. Im Gegenteil, auch nach einem zwölfstündigen Drehtag sitzen wir gerne und ohne Not gemeinsam am Tisch, essen zusammen, surfen im Web, machen oder hören Musik und freuen uns über die vielen schönen Dinge die uns der Drehtag wieder beschert hat. Zickenfaktor: Null.
bestimmte Szenen so genannte „Marker“ gesetzt. Das sind Sandsäcke, die ein Entfernen aus dem Kamera-Aufnahmefeld schwierig machen. Und was macht ein blutiger Anfänger wie ich? Stolpert gleich bei der allerersten Szene über den Sandsack.

Zoë ist etwas beunruhigt. Sie versucht seit dem frühen Morgen den Mann in ihrem Leben anzurufen, er meldet sich nicht. Später erfährt sie: Er selbst, auch Schauspieler, musste kurzfristig zu einem Nachdreh nach Ottawa. Übermorgen heiraten die Beiden. 250 Gäste sind zur Feier in Montreal eingeladen. Am nächsten Abend geht’s zurück in die Lodge. Dann stehen uns noch drei, vier Drehtage bevor.
Zoë, 50, Halbgriechin, Fotografin mit beeindruckendem Portfolio. Hin und wieder mal eine kleine Filmrolle. Die Verschwiegene am Set. Vielleicht auch die Nachdenkliche. Am Samstag unterbricht sie die Dreharbeiten mal kurz für ihre Hochzeit. Einen Tag später wird sie bereits wieder hier sein. Wahnsinn, was manche Leute tun, um in einem Film mitspielen zu können.
„Belle“ ist nichts von alledem. Es ist ein Film im Film. Ein Kinofilm, der die Geschichte eines älteren Mannes (Theodore) erzählt, der sich bei Dreharbeiten in eine blutjunge Schauspielerin verliebt und dabei an den Folgen von so etwas wie Altersrassismus zu leiden hat. Vor allem ein Kollege am Set macht sich gerne lustig über den älteren Herrn, für den das Leben seit der Begegnung mit der jungen Schauspielerin „Mae“ erst richtig anzufangen scheint. Und das mit 62 Jahren.