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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Palma: Kunst an fremden Wänden

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Wenn wildfremde Menschen wahllos die Wände anderer Leute bepinseln, heißt das in unserer Gesellschaft nicht Sachbeschädigung, sondern Graffiti. Graffitikunst gibt es in jeder Stadt der Welt: Politische, erotische, schöne, hässliche. Und viel unnütze. Mal wird mit „Tags“ gearbeitet, mit denen sich die „Künstler“ eine Art Copyright sichern. Oder es werden Plakate geklebt und nach Gusto wieder entfernt. Oder auch nicht.

In der Stadt, in der ich gewöhnlich lebe, geht man gegen Graffitikünstler rigoros vor. Im Haushaltsplan von Montréal werden jährlich mehr als 10 Millionen Dollar allein für die Beseitigung von Graffiti bereitgestellt. Ich finde das übertrieben.

Ich weiss nicht, welchen Stellenwert Graffiti bei der Stadtverwaltung von Palma hat. Vermutlich geht man gnädiger mit denen um, die Graffiti als Kunst betrachten. Viele der Objekte, die ich gestern und heute bei einem Gang durch Palma fotografiert habe, waren schon vor vier, fünf Jahren da. Das wäe in Montréal nur schwer vorstellbar.

Vielleicht liegt die längere Haltbarkeitsdauer der „Graffs“ aber auch nur am milden Klima auf Mallorca. So oder so: Bei manchen lohnt es sich, hinzuschauen. Viel Spass!

Einmal Mandelblüte und zurück

mandelnEs gibt vieles, um das man die Bewohner Mallorcas beneiden kann. Da sind die fantastische Landschaft, das tolle Essen, die wunderbaren Strände und natürlich das milde Klima. Da ist aber auch etwas, das mir als in Kanada lebender Deutscher besonders wohltuend auffällt: die kurzen Entfernungen.

Wer in Kanada von der Atlantik- zur Pazifikküste reisen möchte, ist mit dem Auto tage-, vielleicht sogar wochenlang unterwegs. Zwischen Halifax im Osten und Vancouver im Westen des Landes liegen fünfeinhalbtausend Kilometer. Das entspricht Luftlinie der Strecke von Madrid nach Montevideo.

Auf Mallorca sind es von Nord nach Süd gerade mal 75 Kilometer und von Ost nach West 100. Kurz Kaffee trinken und wieder zurück.

Nehmen wir den heutigen Samstag. Wetter: Herrlich. Zeit: Jede Menge. Neugierfaktor: Hundert. Pläne: Keine. Was also liegt da näher als eine Kurzreise nach Bunyola. Warum gerade Bunyola? Weil es ein schöner Name ist und gerade ein Bus dorthin fährt. 35 Minuten dauert die Fahrt in Richtung Tramuntana-Gebirge.

Es geht über eine Ausfallstraße in Richtung Norden, vorbei an Einkaufszentren und einem Gefängnis, das im Verhältnis zur eher überschaubaren Größe Mallorcas geradezu riesig erscheint. Vermutlich setzten die Planer auf Wachstum – ein schlechtes Omen für so eine friedliche Insel.

Zur Belohnung: Mandelkuchen.

Mallorquinischer Mandelkuchen

Irgendwann verlässt der Bus die Hauptstraße nach Sóller, tuckert auf schmalen Pfaden durch Dörfer, deren Namen ich vergessen habe. Dort gedeihen Orangen- und Zitronenbäume in den Vorgärten und du kommst nicht umhin, kurz an die Lieben daheim zu denken, wo es in diesem Moment gerade mal zu Eisblumen am Küchenfenster reicht, wahrend dir blühende Mandelbäume ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Wiesen, auf denen sich zwar nicht Fuchs und Hase gute Nacht sagen, aber – genau so gesehen – ein Feldhase sich mit einem Huhn die Zeit vertreibt.

Kaum hat man es sich im Autobus gemütlich gemacht, kommt schon die Endstation: Bunyola, ein liebliches Bergdorf, das seinen echten Charme vermutlich erst im Sommer so richtig ausspielt. Oder auch im Winter, wie ich mir sagen lasse. Denn dort oben ist die Luft rauer und ab und zu fällt Schnee.

Eiineinhalb Stunden später sitzt du wieder in deiner Lieblingsbar mitten in Palma und lässt die Busfahrt noch einmal Revue passieren. Auch wenn diesmal der Weg das Ziel war, hat sich die Reise in jeder Hinsicht gelohnt. Wo sonst bekommst du für 3.60 Euro – hin und zurück – in so kurzer Zeit so viel Fototapete geboten?

Ein Grund mehr, sich in diese Insel zu verlieben.

Ein bisschen Montréal in Palma

montpalmaJe länger ich auf Mallorca bin, desto mehr komme ich zu der Erkenntnis: Es gibt trotz der unterschiedlichen Klimazonen viele Ähnlichkeiten zwischen Montréal, wo ich lebe, und der wunderbaren Insel, auf der ich überwintere.

Dabei geht es nicht etwa um den Sprachenstreit Katalanisch/Spanisch – Englisch/Französisch. In den möchte ich mich als Gast in diesem Land ohnehin nicht einmischen. Nur so viel: Wenn sich Menschen wegen eines fehlenden Accents auf einem Buchstaben bekriegen, setzt mein Geschichtsbewusstsein aus. Es nervt.

Liebenswürdig mit sprödem Charme

Bei den Parallelen zwischen Québec und Mallorca geht es um viel schönere Dinge. Es geht um Menschen. Fangen wir mit einer subjektiven Beobachtung an: Hüben und drüben ist den Menschen eine manchmal etwas spröde Liebenswürdigkeit inne, die auf den ersten Blick schwer zu deuten ist, die ich als Ausländer aber sehr zu schätzen weiss. Sie hat etwas mit leben und leben lassen zu tun.

Es ist nicht diese „Howdy-nice-to-see-you“-High-Five-Attitüde vieler Amerikaner. Es ist vielmehr eine geerdete Freundlichkeit, die mir weitgehend authentisch erscheint. Mallorquiner und Québecer sind mit einem Temperament ausgestattet, das ihnen, je nach Laune und Anlass, schon mal nach unten oder oben entgleitet. Dabei versprühen sie einen speziellen Charme, den man an guten Tagen mit süß, an schlechten mit rau umschreiben könnte. Menschen aus dem richtigen Leben.

Sympathische Schlitzohren

Anderes Thema: Schlitzohrigkeit. Die ist in Mallorca nicht weniger verbreitet als in Québec. Man lässt schon mal eine Fünf grade sein, wenn es um den eigenen Vorteil geht. Wie im Supermarkt, wo die freundliche Verkäuferin noch ein paar Croissants „zum Sonderpreis“ anbietet. Erst bei genauem Hinsehen stellt der Kunde fest: Das Backwerk hat seine Zukunft längst hinter sich. Nicht weiter schlimm, aber eben auch nicht ganz in Ordnung.

Laissez-faire … und viele Beamte

Und dann dieses laissez-faire, das ich an meinen Québecer Freunden so liebe. Das finde ich auch hier auf Mallorca. Dass Mitte Februar die städtische Weihnachtsbeleuchtung noch immer hängt, ist nicht Palma-spezifisch. Das könnte in Montréal genau so passieren. Man lässt sich viel Zeit. Dabei scheint es an städtischen Arbeitern und Administratoren nicht zu mangeln. Im Gegenteil. Behörden mit den dazugehörigen Prachtbauten gibt es in Palma – und Montréal – fast so viele wie Kirchen. Über die hat Mark Twain einmal gelästert: Man könne in Montréal keinen Stein werfen, ohne zu riskieren, ein Kirchenfenster zu zertrümmern. Passt, Palma!

Es liegt also nicht nur am Klima und an der fantastischen Landschaft, dass ich als Fast-Montréaler immer wieder gerne nach Mallorca komme. Es liegt auch an den Menschen. Die sind mir nicht fremd. Ich mag sie und traue ihnen über den Weg.

Auch wenn eine alte Kräuterhexe am Passeig Marítim einmal versucht hat, Lore zu bestehlen. Aber das war vor einem Jahr. Fast schon vergessen. High Five!

Karneval unter Palmen

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Man muss kein Freund des Karnevals sein, um sich mit den Menschen von Palma freuen zu können. Ein liebevoll zusammengestellter Umzug lockte gestern und heute Tausende in die Straßen und Plätze der Innenstadt. Auch wenn nicht geschunkelt, getanzt und gegrölt wurde – es war ein heiteres Familienfest, das den sympathischen Menschen dieser wunderschönen Insel ganz offensichtlich Freude bereitete. Viele Fotos sind es nicht. Aber die paar, die ich gemacht habe, geben ein wenig von der Stimmung wieder, die hier heute Nachmittag beim Umzug und gestern Abend beim Kinderfest (siehe Bannerfoto) herrschte.

Die Mär vom Winter in Kanada

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Ein bisschen Wnter auf Mallorca.

Wenn es nach mir ginge, bräuchte ich keinen einzigen Tag Winter mehr. Mein Schnee-Soll ist nach 30 Jahren Kanada erfüllt. Die Minusgrade, die mir kanadische Winter in den vergangenen drei Jahrzehnten beschert haben, entsprechen zusammengerechnet ungefähr dem Haushaltsdefizit der Vereinigten Staaten. Und mit dem Streusalz, das sich während dieser Zeit an meinen Schuhsohlen angesammelt hat, könnte man leicht die Nordwestpassage zum Schmelzen bringen.

Der Mythos vom traumhaft schönen kanadischen Winter hält sich bei meinen deutschen Freunden hartnäckig. „Ihr habt wenigstens noch einen richtigen Winter“, höre ich oft, „nicht so ein Matschwetter wie wir“. Stimmt gar nicht. Häufig genug gibt es, zumindest auf dem Breitengrad, den ich mir zum Leben ausgesucht habe, plötzliche Wärmeeinbrüche. Die bringen, genau wie in Köln oder Kiel, Matschphasen mit sich, die nur entfernt an einen „knackigen Winter“ erinnern.

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Winter in Kanada.

Und auch das mit dem strahlend blauen Himmel zwischen November und April ist, zumindest in Montréal, eine Mär. Im Westen Kanadas, also Manitoba, Saskatchewan, Alberta, mag das anders sein. In unserem Teil des Landes finden Sonnenersatz-Lampen gegen Winterdepression reißenden Absatz.

Dabei ist es nicht einmal so sehr die Kälte, die mich am kanadischen Winter stört. Es ist die Länge. Im November geht die Klappe runter und mit etwas Glück Ende April wieder hoch. Dazwischen ist das Leben oft anstrengend und schwer.

Wie leicht der Alltag ohne Eis und Schnee sein kann, erleben wir zurzeit auf Mallorca. Hier heißt es vor dem Ausgehen nicht: Parka? Mütze? Schal? Handschuhe? Alles zusammen? Hier stellt dich das Wetter allenfalls vor die Entscheidung: Hemd oder Jacke? Mit so einem Winter kann ich leben.

Dabei herrscht auch hier noch Winter, im Tramatura-Gebirge hat es sogar geschneit. Aber im Großen und Ganzen ist das Klima lieblich und irgend etwas blüht immer (zurzeit sind es die Mandelbäume). Das Leben spielt sich auch während der so genannten „kalten“ Jahreszeit weitgehend im Freien ab. Noch nicht ein einziges Mal haben wir seit unserer Ankunft im Inneren eines Restaurants gegessen.

Meine kanadischen Freunde spielen Eishockey, um dem Winter etwas abzugewinnen. Oder fahren Langlaufski. Oder gehen Eisfischen. Oder jagen mit dem Snowmobil über zugefrorene Flüsse und Seen. Aber für mich hält sich der Spaßfaktor in Grenzen, wenn das Thermometer auf minus 25 Grad sinkt und sibirische Winde dir das Hirn wegblasen.

Mon pays ce n’est pas un pays, c’est l’hiver“, heißt es in einem Lied, das jeder Québecer kennt. „Mein Land ist kein Land, es ist der Winter“. Ich lebe gerne in Kanada und Montréal ist die Stadt meines Herzens. Und ich liebe die Menschen, die dort wohnen, ihre sympathische Lebensart, dieses unvergleichliche joie de vivre der Québecer.

Aber der kanadische Winter? Nein danke!