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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Geständnis kurz vor Amsterdam

Nach fünf Stunden Smalltalk kommt mein Sitznachbar endlich zur Sache. Man könnte auch sagen: Eine Stunde vor der Landung in Schiphol knickt er ein: Kanadische Umweltpolitik? Katastrophe! Wirtschaftspolitik? Schrecklich! Gesundheitswesen? Völlig überfordert! Schulpolitik: Hinterwäldlerisch. Gesamturteil: „Wir haben zurzeit die schlechteste Regierung der kanadischen Geschichte“. Stammtischparolen? Nicht wirklich. Der Mann ist Wirtschaftswissenschaftler und arbeitet für die Regierung in Ottawa.

Dass mein Nebensitzer im Flugzeug für diese desaströse Bestandsaufnahme seine (nicht mitreisende) Ehefrau als Zitatgeberin heranziehen musste, sei ihm verziehen: Der Herr am Fenster steht bei genau dieser Regierung, an der er kein gutes Haar lässt, in Lohn und Brot. Als Ökonom ist er Mitglied eines Thinktanks und für kanadische Förderprojekte in den Westprovinzen Manitoba, Saskatchewan, Alberta und British Columbia zuständig.

Wenn der Sitz im Flieger zum Beichtstuhl wird

Auf Langstreckenflügen geht es schon mal ins Eingemachte. Da werden Kinder über den grünen Klee gelobt („Also der Alex, der ist jetzt zum dritten Mal hintereinander Schulsprecher geworden, wohlgemerkt SCHULsprecher, nicht zu verwechseln mit dem Klassensprecher!“) Oder die Schwiegermutter wird der Flugangst bezichtigt („Sonst würde ich sie gerne mal auf Geschäftsreise mitnehmen“). Ab und zu passiert es, dass man sich mit Mitreisenden anfreundet. Oder dass über den Wolken politisiert wird auf Teufelkommraus.

So wie jetzt beim jüngsten Transatlantikflug. Mein Nebensitzer, gebildet, Doktortitel, weltgereist, patent, leise, ziert sich zunächst, auf meine Seitenhiebe gegen die Regierung in Ottawa einzugehen. Den Konservativen seien die Hände gebunden, sagt er, die hätten von der liberalen Vorgänger-Regierung ein riesiges Schuldenpaket übernommen. Und überhaupt: So einen schlechten Job mache Premierminister Harper, sein Chef also, nun auch wieder nicht.

Der Mann an meiner Seite ist ein schlechter Lügner

Irgendwann, nach fünf Stunden Schönwettergeplänkel, platzt es aus ihm heraus. Er dürfe seinen Arbeitgeber zwar nicht in die Pfanne hauen. Aber er sei sich mit seiner Frau eigentlich immer einig. Und die werde nicht müde zu sagen, was für eine jämmerliche Politik da zurzeit in Ottawa Politik gemacht. Der Ausstieg aus Kyoto habe Kanada umweltpolitisch um Lichtjahre zurückgeworfen. Unfassbar, wie ein Umweltminister diese Entscheidung treffen könne, der früher, als Fernsehjournalist, vor der sich damals schon abzeichnenden Erderwärmung warnte und mit dem Kyoto-Ausstieg dann genau das Falsche tat. Und dass Kanada, die Wiege von Greenpeace, gerade mal eine einzige grüne Abgeordnete im Parlament habe, sei ein Skandal.

Lehrer: Gut gemeint, schlecht motiviert

Nur: Wo anfangen mit der Bewusstseinsbildung bei den Leuten? In den Schulen natürlich. Leider arbeiten dort, so mein Sitznachbar, zwar engagierte, aber oft schlecht ausgebildete und entsprechend schwach motivierte Lehrer. Was wiederum an den finanziellen Möglichkeiten der Provinzen liege, die für das Schulwesen in Kanada zuständig sind.

Und jetzt noch Stephen Harpers zögernde Haltung zu Europa: Entwicklungshilfe sei für arme Länder. Reiche Staaten bräuchten kein Almosen, sagte er neulich in einem CBC-Interview. Illoyaler geht’s nicht.

Die Kinder fragen: „Warum bist du noch dabei?“

Seine Kinder, gestand mir mein Nebensitzer, würden ihn immer wieder fragen, warum er, der Wirtschaftswissenschaftler mit britischem Hochschulabschluss, angesichts dieser politischen Entscheidungen der Regierung Harper noch immer die Stange halte. Ja, warum eigentlich? „Weil mir der Job trotz allem Spaß macht“, sagt mein Mitflieger. Und weil er die Hoffnung noch immer nicht aufgegeben habe, er könne etwas bewegen und die Regierung in Ottawa werde doch noch zur Vernunft kommen.

Wenn schon nicht die Regierung, dann zumindest die Wähler. Die nächsten Wahlen sind erst in drei Jahren. Leider.

 

Der „Schlächter von Montréal“ und die deutsche Gründlichkeit

Traurig, aber so ist es: Ausgerechnet einer der scheußlichsten Kriminalfälle der kanadischen Geschichte hat Deutschland nach langer Zeit endlich mal wieder positive Schlagzeilen in Kanada beschert. Die Festnahme des „Schlächters von Montreal“ in einem Berliner Internetcafé wird hier als eine großartige Leistung der deutschen Polizei gewürdigt.

Es ist in den letzten Monaten und Jahren nicht allzu oft passiert, dass Deutschland in den kanadischen Medien richtig gut weg kam. Da ist das Euro-Fiasko, das viele Kanadier, vor allem solche griechischer Abstammung, den Deutschen gerne in die Schuhe schieben. Dann das jahrelange Auslieferungs-Spektakel um den Waffenhändler Karlheinz Schreiber. Und auch die Neverending Story von den bösen deutschen Tierschützern, die neufundländischen Robbenjägern den Garaus machen wollen, sitzt tief. Für viele Kanadier geht es bei der Jagd auf Seehunde nicht um animalische Grausamkeiten sondern ums blanke Überleben einer gebeutelten Zunft.

Und jetzt kommt ausgerechnet ein Scheusal namens Luka Rocca Magnotta (29) und bringt Deutschland in der öffentlichen Meinung nach vorn. Der Kanadier war am Montag in einem Internetcafé in Neukölln von beherzten Polizeischülern und einem Gruppenführer festgenommen worden, als er, ganz der Narziss, im Netz nach Stories über sich suchte.

Magnotta, ein Porno-Darsteller mit einer jämmerlichen Vergangenheit, hatte vor etwas mehr als einer Woche einen in Montréal lebenden chinesischen Studenten vor laufender Webcam mit einem Eispickel erstochen, zerstückelt und Körperteile per Postsendung an zwei politische Parteien in Ottawa verschickt. Seit gestern gilt als fast sicher, dass er eine abgetrennte Hand und einen Fuß auch an zwei Schulen in Vancouver versandt hat.

Ein halber Tag Schwarz-Rot-Gold für den deutschen Fahndungserfolg in Berlin

Von Montréal aus war Magnotta nach der Tat zunächst nach Paris geflüchtet und von dort mit dem Bus nach Berlin gefahren. Dort wähnte er sich sicher genug, um sich in ein Internetcafé zu begeben, um stundenlang zu surfen. Dem Café-Besitzer Kadir Anlayisli ist es zu verdanken, dass der mutmaßliche Mörder und Kannibale Magnotta geschnappt wurde. So groß ist die Verehrung vor den deutschen, speziell den Berliner Strafverfolgungsbehörden, dass der Fernsehsender CTV auf seiner Internetseite über dem Bericht zum Fahndungserfolg in Berlin einen halben Tag lang die deutsche Flagge wehen liess. Derweil wurde die Montréaler Polizei nicht müde, die Gründlichkeit der deutschen Kollegen zu würdigen.

In Talkshows und Internetforen wird seither die „German Efficiency“ gelobt. Die Präzision, mit der die Polizeikadetten bei der Festnahme vorgegangen seien, wird gerühmt. Dass der Fahndungserfolg im Grunde genommen nicht der Polizei, sondern der Wachsamkeit eines Mannes namens Kadir Anlayisli zu verdanken war, wird zwar auch gewürdigt. Aber die offizielle Version heisst: Deutschland hat mal wieder alles im Griff. Oder so ähnlich.

Nicht so gut schneiden bei diesem Trauerspiel übrigens die Franzosen ab. Die hatten den Killer zwar während seines Paris-Aufenthalts observiert, ihn dann aber wieder aus den Augen verloren.

So schön kann Liebe sein!

Nach diesem Video geraten Millionen Männer in aller Welt in Zugzwang. Wie ist so ein Heiratsantrag noch zu toppen? Isaak Lamb aus Portland/Oregon hat auf eine wohl einmalige Art um die Hand seiner Freundin Amy angehalten.

Vor ein paar Tagen hatte Isaak die Frau seiner Träume zum Haus seiner Eltern gebeten. Dort setzte Isaaks Bruder der ahnungslosen Freundin im offenen Kofferraum eines SUVs einen Kopfhörer auf. Zu dem Song „Marry You“ von Bruno Mars fährt das Auto langsam durch die Straße, während nach und nach Dutzende Freunde und Verwandte tanzend und singend zu der Straßenparade stoßen.

Es wurde ein Feelgood-Event der besonderen Art daraus. Sehen Sie selbst. Es lohnt sich. Mehr als zehn Millionen YouTube-User waren auch dieser Meinung.

Pot-Power auf Montréals Straßen

Dieses Video ist ein Kunstwerk. Beim Betrachten könnte man fast vergessen, dass es einen ernsten und manchmal gewalttätigen Hintergrund hat: Seit drei Monaten gehen Tausende von Montréalern Abend für Abend auf die Straße, um gegen die geplante Erhöhung der Studiengebühren in der Provinz Québec zu demonstrieren.

Zunächst waren es ausschließlich Studenten, die ihrem Unmut Luft machten. Hunderte von ihnen sind festgenommen worden. Inzwischen gibt es in vielen Teilen der Stadt jeden Abend Punkt 20 Uhr lautstarke Gegendemonstrationen. Junge, Alte, Frauen, Männer, Kinder sammeln sich und trommeln mit Kochlöffeln auf Töpfen und Bratpfannen. Sie stehen auf Balkonen und an der Straße, marschieren durch Parks und Wohngebiete. Und machen einen Höllenlärm.

Dabei geht es längst nicht mehr nur um die Erhöhung der Studiengebühren. Mit der Pot-Power-Bewegung machen die Montréaler vor allem ihrem Unmut gegen den Québecer Ministerpräsidenten Jean Charest Luft. Er hatte, als die Demonstrationen außer Rand und Band gerieten, ein umstrittenes Gesetzes zur Eindämmung der Studentenproteste verkündet und zusätzlich noch Öl auf das Feuer der Unzufriedenen gegossen. Warum machen Politiker eigentlich so oft so vieles falsch?

Die „Casserole“-Demos verliefen bisher immer friedlich. Ihren Ursprung haben die lautstarken Proteste übrigens in Chile. Anfang der 70er-Jahre demonstrierten Hunderttausende gegen die Militärdiktatur von Augusto Pinochet.

Das knapp unter vier Minuten lange Video wurde von einem jungen Montréaler namens Jeremie Battaglia zusammengeschnitten und mit Musik unterlegt. Es zeigt eindrucksvoll, wie die Bratpfannen-Demos inzwischen allabendlich das sommerliche Stadtbild dieser Dreieinhalb-Millionenstadt prägen.

Vom eigentlichen „Pot Banging“ ist auf dem Kunstvideo übrigens nicht viel zu hören. Wer sich den Krach im O-Ton antun möchte: Hier geht’s zu einem CBC-News-Video.

Die alten Männer und das Floß

Fünf Buchstaben nur und wir bekommen die Krise: Umzug. Kein großes Ding, eigentlich. Nur vom Land in die Stadt, gerade mal 45 Kilometer. Doch genau diese 45 Kilometer sind es, die jetzt schon seit Wochen unser Leben bestimmen. Was bleibt? Was geht? Was landet bei der Heilsarmee, was wird versilbert? Dabei hängt die Entscheidung meistens nicht vom monetären Wert des jeweiligen Gegenstands ab, sondern von seiner Geschichte.

Reden wir übers Klavier. Es bleibt bei den künftigen Besitzern unseres Hauses. Aber der dazu gehörige Hocker kommt mit uns. Alles hat seinen Grund. Das Kneipenklavier, auf eine Zeitungsanzeige hin gekauft, hat wenig Geschichte. Sieht man einmal davon ab, wie drei stämmige Quebecer und ein deutscher Lehrer das Ding in unser damals fast noch jungfräuliches Wohnzimmer gewuchtet haben.

Piano geht, Hocker bleibt.

Der Hocker dagegen kann viele Geschichten erzählen. Eine davon ist, wie ausgerechnet Doug, ein sonst eher nüchterner Freund, den Hocker ums Haar zerquetscht hätte, weil er meinte, in Partylaune Twist auf ihm tanzen zu müssen. Die andere Geschichte hat mit Bob zu tun, wieder ein Freund, dessen Aufgabe als Physikprofessor es jetzt nicht unbedingt war, Bewegungsabläufe auf Klavierhockern zu studieren und notfalls zu korrigieren. Aber er hat aus einem fast zertrümmerten Hocker in mühsamer Kleinarbeit ein wunderbares Kleinod geschaffen, das uns seit Bobs Tod vor einem Jahr noch mehr ans Herz gewachsen ist. Keine Frage: Der Hocker bleibt.

Biedermann auf Reisen: Von Waiblingen über Winnipeg nach Montréal

Reden wir über den Biedermeierschrank. Wuchtig und alt und schwer wie Hund. Aber ein Erbstück, weit über 150 Jahre alt. Vater hatte es mir mit auf den Weg gegeben, als ich damals in Waiblingen meine erste Bude möblieren musste. Als dann der Reporterjob in Winnipeg rief, füllte der Schrank fast die Hälfte des Umzugscontainers aus. Und natürlich musste er auch die anschließende Reise von Manitoba nach Montréal über sich ergehen lassen. Jetzt stellt er uns, als wäre er um die halbe Welt geschickt worden, um uns zu ärgern, wieder vor eine fast unlösbare Aufgabe. Eigentlich ist er viel zu klobig für die Wohnung in der Stadt. Aber er darf mit. Eiche eben. In Treue fest.

Nicht so das Apotheker-Schränkchen, die hölzerne Reisetruhe vom Flohmarkt und der TripTrap, der wohl berühmteste Kinderhochsitz der Welt. Nur: Es wird keine Kinder mehr in unserem Haushalt geben. Und doch will sich keiner vom TripTrap trennen. Auch nicht vom Apotheker-Schränkchen, von der hölzernen Koffertruhe und von der Spiegelkommode, die es bei Finnegan’s Flea Market einmal für gutes Geld gab. Und damit es all die lieb gewordenen Möbelstücke kuenftig besonders schoen haben, wurden sie jetzt auf eine abenteuerliche Reise zum Blockhaus am See geschickt.

Mit Sack und Pack über den Lac Dufresne

Dazu muss man wissen, dass unser Häuschen am Lac Dufresne tatsächlich an einem schwer zugänglichen Seeufer liegt und nicht mit dem Auto zu erreichen ist. Also musste ein kleines Transportfloß her, um Truhe, Schränkchen, TripTrap und tausend Kleinigkeiten unversehrt übers Wasser zu schippern. Zwei Männer in den Siebzigern, der eine ein ausgestiegener Richter, der andere ein ehemaliger Sonderschullehrer, der auf einer Insel im Lac Dufresne wohnt, packten mit an. Besser gesagt: Sie packten an, wir halfen mit. Huckleberry Finn lässt grüßen: Drei nicht mehr ganz junge Männer und (m)eine etwas jüngere Frau, umgeben von alten Möbelstücken und tausenden von Moskitos, treiben an einem schwülen Frühsommertag auf einem flachen Lastkahn über einen kanadischen Bergsee. Nach getaner Arbeit dann Pizza, Prosecco und auch etwas Pathos. Bis bald, Möbel!

Allein schon wegen dieser Geschichte musste dieser Umzug sein. Und ich habe das Gefühl, es werden noch weitere folgen. Umzüge. Und Geschichten.