Montréal – ein teures Vergnügen

Baukegel als Schlüsselanhänger: Montreals neuestes Wahrzeichen. Foto: Bopp

Entschuldigung, aber ich muss hier mal den Spielverderber spielen. Die Preise in Montreal sind einfach abartig. Das fällt einem natürlich besonders auf, wenn man zwischendurch mal für fünf Monate weg war wie wir.

Schon klar: Man kann Äpfel nicht mit Birnen vergleichen und spanische Oliven nicht mit Weintrauben aus Québec. Aber was mir seit unserer Rückkehr aus Mallorca an Preisen für ganz alltägliche Dinge wie Haushaltsgegenstände, aber auch Lebensmittel begegnet, macht mich sprachlos und irgendwo auch wütend.

Neulich vor dem Kino: Ein Glas Pino Grigio für SIE, ein stinknormales Bier für mich. Macht zusammen FÜNFUNDZWANZIG Dollar! Vorgestern: Zwei mittelmäßige Tassen Cappuccino mit Selbstbedienung in einem Café mit Schmuddeltoilette: NEUN Dollar! Gestern für einen dieser gelben Stroh-Kehrbesen made in China: SIEBZEHN Dollar. Eine Grapefruit in der Markthalle: ZWEI Dollar.

„Sündensteuer“ für Alkohol und Zigaretten

Alkohol und Zigaretten waren in Kanada schon immer mit der „Sündensteuer“ belegt (heißt im Volksmund tatsächlich „sin tax“). Aber was inzwischen als Ausgangspreis für eine ganz normale Flasche Prosecco verlangt wird, ist keine Sünde, sondern müsste bestraft werden: ACHTZEHN Dollar.

Nur: Wen soll man denn bestrafen? Die Wirte, die den Hals nicht voll bekommen? Die Regierung, die hier bei jedem Kauf gleich mit zwei Steuerforderungen hinlangt – Staat und Bundesland? Die Kunden, die das alles einfach so hinnehmen? Alle zusammen?

Gefängnisgitter statt Blumenkübel

Ganz ehrlich? Viele Gastronomen tun mir leid. In meinem Stadtteil ist seit Monaten die wichtigste Durchgangsstraße aufgerissen. Meterhohe Bauzäune ragen bedrohlich wie Gefängnisgitter in die Höhe. Statt Blumenkübel vor den Fenstern reihen sich Hunderte von „orange cones“ aneinander. Die Straßenmarkierungskegel gelten als das neue Wahrzeichen Montreals. Sie werden inzwischen – „Souvenir de Montréal“ – als Schlüsselanhänger angeboten. Aus Plastik. Made in China. Zum Stückpreis von VIER Dollar.

Keine Angst, Opa erzählt jetzt nicht vom Krieg. Aber interessant ist es trotzdem:

Als ich vor 35 Jahren nach Kanada ausgewandert bin, fielen mir als Erstes an den Tankstellen die „24“-Schilder auf. Ich dachte zunächst, es handle sich dabei um die „24 hours“-Schilder, denn von den irren Ladenöffnungszeiten hatte ich schon gehört. Aber nein. Die „24“ bezogen sich auf den Benzinpreis. Nicht für einen Liter. Für EINE GALLONE. Das sind ca. viereinhalb Liter. Die Preise hielten sich übrigens ziemlich konstant bis zur Ölkrise, dann kletterten sie langsam hoch, fielen aber später wieder stark zurück.

Noch vor wenigen Jahren konnte ich beim Inder meines Herzens ein dreigängiges Menü für unter zehn Dollar bestellen. Mit Vor- und Nachspeise, Kaffee inklusive.

Dann, fast über Nacht, kletterten die Preise für fast alles, was es hier zu kaufen gibt, ins Unermessliche. Das ist keine Übertreibung. Was nicht oder kaum gestiegen ist, sind Löhne und Gehälter. Und natürlich freut sich der Durchschnitts-Kanadier in seiner Bescheidenheit noch immer über seine zwei bis drei Wochen Jahresurlaub. Und meckert nicht, weil er es nicht anders kennt.

110 Dollar für den Osterbrunch – pro Person

Mein Freund Marc, kein schlechter Verdiener, lud seine komplette Familie, einschließlich Schwiegereltern, zum Oster-Brunch in einem – zugegeben – sehr ordentlichen Hotel ein. Die Rechnung: EINHUNDERTZEHN Dollar. Pro Person. Dass sich seine 83jährige Mutter für die 110 Dollar am Büffet mit einem Glas Orangensaft und einer Portion Rührei begnügte, ist zugegebenermaßen nicht dem Restaurant anzulasten.

Woher die Kohle für all die Anschaffungen kommt, erklärte mir neulich meine Nachbarin Vivi. Sie ist Bankerin und hat Preisentwicklungen im Blick. „Schulden“, sagt sie. „Die meisten Leute, die ich kenne, sind hoch verschuldet“. Für Immobilien sowieso, aber auch für Autos, Rasenmäher, E-Bikes und selbst Urlaubsreisen werden Kredite aufgenommen. Sie kenne Leute, bei denen sich bis zu zehn verschiedene Kreditkarten im Portemonnaie stapeln.

Jeder Kanadier steckt mit 30.000 Dollar in der Kreide

Was die Überschuldung angeht: Vivi hat Recht. Zufälligerweise las ich am Morgen nach unserem Gespräch auf der Webseite der CBC: Im Schnitt ist jeder Kanadier mit 21,696 Dollar verschuldet. In dieser irrsinnigen Summe sind nicht einmal Hypotheken für Immobilien mit eingerechnet.

In Wirtschaftsfragen kenne ich mich über den Bierpreis hinaus nicht besonders gut aus. Aber das alles hört sich für mich nicht gesund an.

Man könnte es auch so formulieren wie mein Steuerberater: „Würde ich angesichts der abartigen Preise jedes Mal den Kopf schütteln, hätte ich permanent Nackenprobleme“.

Montréal: Wir sind angekommen!

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An Tagen wie diesen fällt es nicht schwer, sich nach fünf Monaten Mallorca wieder in Montréal heimisch zu fühlen.

Mallorca hat das Meer und die Berge. Aber Montréal immerhin den Sankt-Lorenz-Strom und den Mont-Royal.

Beim Blick von der 50 Meter hohen Jacques-Cartier-Brücke in die Tiefe des Flusses fühlt es sich an, als würde Old Man River an diesem Formel-Eins-Wochenende eigens für die angereisten Touristen aus aller Welt noch einen Zahn zulegen.

Hochsommerliche Temperaturen. Freundliche Menschen. Schrille Charaktere. Eine begnadete Skyline. Und immer dabei dieses berühmte Montrealer Je ne sais quoi.

„Ich hatte keine Ahnung“, sagt der erst vor drei Monaten zugewanderte Belgier bei einer zufälligen Begegnung auf der Casino-Brücke, „dass Montréal dieses internationale Flair einer Weltstadt-Metropole hat“. Jetzt weiss er es.

Wenn dann am Ende der 16 Kilometer langen Stadtwanderung noch ein zauberhaftes Essen bei der Stamm-Vietnamesin auf einen wartet, darf der Tag getrost unter der Rubrik „angekommen!“ abgehakt werden.

Ein paar Takte „Montréal zu Fuß“ finden Sie beim Anklicken der Bildergalerie.

Tag drei nach dem Aufprall

IMG_6814Dritter Tag nach der Rückkehr aus dem Winterdomizil auf Mallorca: Geht so. Keiner hat sich gemeldet, der die Wolken wegschieben möchte. Und die Batterie im Türöffner des Autos hat auch schlapp gemacht.

Dafür meldet sich die Alarmanlage. Sie glaubt im Ernst, es hätte einer den Versuch gemacht, den Wagen zu klauen. Meinen Wagen! Lassen sich eigentlich heutzutage keine Autotüren mehr mit dem Schlüssel öffnen, ohne gleich ein Heulen und Zetern auf dem Parkplatz beim Supermarkt zu entfachen? Wie peinlich!

Peinlich ist es auch, anschließend im Drogeriemarkt aufzutauchen, vermeintlich mit der Musterbatterie für den Türöffner in der Hand. Nur um an der Kasse festzustellen: Die Hand ist leer. Die Batterie hat irgendwo auf dem Parkplatz ihre letzte Ruhe gefunden.

Der begossene Pudel will unverrichteter Dinge wieder abziehen, doch die junge Verkäuferin hat ein Herz für vergessliche Snowbirds. „Atmen Sie jetzt einfach mal ganz tief durch … sooooo …“, sagt sie, und atmet ganz tief durch. „Dann werden wir die richtige Batterie schon finden“.

Und hat sie auch prompt gefunden. Nur um am nächsten Tag beim Kleenex-Kauf frech-süffisant zu fragen, ob heute alles in Ordnung sei. Die Gnade der Jugend.

Und sonst? Waren Behördengänge angesagt, bei denen natürlich das wichtigste Dokument fehlte. Wurde unmittelbar vor mir ein nagelneuer Lexus von einem Lkw zerlegt. War die Waschanlage meines Herzens geschlossen, weil kurz zuvor ein Kompressor explodiert war.

Und Allan von der Autowerkstatt um die Ecke freute sich wie ein Schneekönig, dass ich über einen Autodiebstahl Bescheid weiss, der sich im Februar auf seinem Hof ereignet hatte.

Der Schaden? „Nicht der Rede wert, zahlt die Versicherung“. Aber: „Hey Boys, Herby hier hat in Spanien davon gelesen. IN SPANIEN!!! Wie cool ist das denn?“ Und, ja, Allan weiss, dass es das Internet gibt. Er hatte es in der Aufregung um dieses globale Event einfach vergessen.

Und jetzt: Steuersachen erledigen. Vorher aber noch Batterien und Papierrolle in der Rechenmaschine austauschen.

Und in drei Stunden gibt’s ein Wiedersehen mit einem alten Freund. Nach fünf Monaten! Im Museums-Café.

Der Nachmittag ist auch schon gebongt: Fernseh-Fußball mit dem Nachbar. Mit Wein und Fisch in der Salzkruste. Madrid wird’s schon richten.

 

Glücklich im alten Leben zurück

Was für ein Geschenk! Die vergangenen fünf Monate durften wir die Leichtigkeit des Mittelmeers verspüren, während hier in Montréal Eis, Schnee und Hochwasser das Leben lähmten. Jetzt ist aber auch gut: Wir sind wieder da!

Fünf Monate sind eine lange Zeit. In fünf Monaten sterben gute Freunde, trennen sich liebe Menschen, werden Brücken gesprengt und Hochhäuser gebaut, wechseln Leute Job, Haarfarbe, Wohnung und Auto. Fünf Monate Abwesenheit sind zu lange, um hinterher zu tun, als sei alles beim Alten geblieben.

„Fremdelst du noch“?, fragte SIE gerade mal eine Stunde nach der Rückkehr von Mallorca nach Montréal. „Ja“, musste ich kleinlaut zugeben. „Wo ist eigentlich die Butterdose“.

Die Butterdose zu finden, stellte sich als die kleinere Aufgabe heraus. Die großen Fische waren: Kein Internetanschluss, neue Hausverwaltung, kein Handyplan mehr und der Akku beim drahtlosen Telefon ist auch leer. Wie also den Internetprovider anrufen? Wie gut, dass der Sohn ein geladenes Handy hat.

Muss eigentlich die Hausärztin ausgerechnet jetzt in Pension gehen, während wir nicht da sind? Und überhaupt: Warum geht dieses verdammte Kofferschloss nicht auf?

Reisen bildet, stimmt. Aber es nervt auch. Und der Weg ist schon lange nicht mehr das Ziel. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da war ich so angefixt vom Kerosingestank, dass ich die ersten Minuten im Flugzeug regelrecht zelebrierte. Das Privileg, einer der wenigen Vielflieger in meinem Freundes- und Bekanntenkreis zu sein, musste gefeiert werden. Das war vor 40 Jahren.

Heute? Fliegt doch jeder irgendwie von Flensburg nach Timbuktu und lässt seinen Koffer längst nicht mehr nur in Berlin stehen, sondern auch in Barcelona oder Anchorage. Oder dort, wo All-Inklusive-Vacations angeboten werden.

Sich mit dem Bord-Entertainment im Flieger vertraut zu machen, ist inzwischen ein Kinderspiel, auch wenn das bei jeder Airline anders funktioniert. Sich dann aber als alter Digitalhase von dem jungen Spund auf dem Vordersitz sagen zu lassen: „Das ist ein Touch-Screen und kein Push-Screen!“, nur weil der sich beim Kanalwechsel zu heftig gedrückt fühlt, tut weh.

Achtung, Opa erzählt dir gleich was vom Krieg: „Danke, ich bin schon mal geflogen“. Die Reise kann ja heiter werden.

Wurde sie zwar nicht so richtig, aber angekommen sind wir trotzdem. Vor allem weitgehend gesund, diesmal auch ohne bleibende Hörschäden.

Und mit der Erkenntnis, dass fünf Monate Abwesenheit zu lang sind, um so zu tun, als bliebe immer alles beim Alten.

 

Zum Abschied geht’s in die Luft

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Dieses Video existiert nicht

Unser neunter Mallorca-Winter ist Geschichte. Nach fünf Monaten am Mittelmeer geht es zurück ins heimische Kanada. Mit einem Abschied, wie Sie ihn vermutlich noch nie erlebt haben.

Ein Freund hat von unserer Dachterrasse in der Calle San Miguel aus seine Drohne in den strahlenden Mallorca-Himmel geschickt. Herausgekommen ist dieses spektakuläre Video, das Palma noch einmal in seiner ganzen Schönheit zeigt. Lehnen Sie sich zurück und heben Sie mit uns ab.

Mallorca17 fing mit einer Schlechtwetterphase im Januar an, die viel Regen, Wind und Temperaturschwankungen brachte. Zur Belohnung wurde uns eine selten schöne Mandelblüte geschenkt, die sich wochenlang wie ein Teppich über die Hügel und Täler legte.

Und natürlich gab es auch diesmal wieder traumhafte Wanderungen, die uns in fast jeden Winkel der Insel führten. Fünf Monate ohne Auto, nur mit Bus, Bahn und zu Fuß. Geht doch!

Und dann: Wunderbare Begegnungen mit Menschen, die mir neu in mein Leben gespült wurden, oder die ich schon seit Jahren und Jahrzehnten kenne. Zwei Kurzbesuche in Deutschland waren dabei, jeder von ihnen mit der Erkenntnis: Es geht doch nichts über Familie und Freunde.

Palma im Frühling war dann laut, zum Bersten voll mit Touristen und zum Schluss noch heiß, wie wir die Insel nie zuvor erlebt hatten. Was uns nicht davon abhalten wird, wieder zu kommen. Eine bessere Alternative zu diesem herrlichen Flecken Erde muss mir erst einmal jemand zeigen.

Adios Mallorca. Bonjour Montréal. Life is beautiful 💚