Laugenbrezeln auf Mallorca

Brezeln_neuNoch sind wir in Montréal, da wird im Mallorca Forum bereits ein heikles Thema diskutiert: Wo gibt es auf der Insel die besten Laugenbrezeln? Heikel deshalb, weil man eine spanische Mittelmeerinsel nicht unbedingt mit schwäbischem Backwerk assoziiert. Peinlich? Keineswegs.

Als emigrierter Schwabokanadier, der seit mehr als 30 Jahren im Brezel-freien Ausland lebt, leiste ich mir den Luxus, auch auf Mallorca hin und wieder Speisen zu mir zu nehmen, die es zwar in Deutschland an jeder Ecke gibt, nicht jedoch in Kanada.

Durch die Vorliebe für Schwäbisches soll jedoch die Lust auf mallorquinisches Feingebäck wie Churros und Ensaimadas keineswegs geschmälert werden. Jedes ist ein Backgesamtkunstwerk für sich.

Die Antworten auf die Frage nach den besten Laugenbrezeln auf Mallorca sind so vielschichtig wie die Insel selbst. Eine Teilzeit-Residentin schlägt im Forum eine deutsche Bäckerei in Santanyi vor, eine freundliche Stuttgarterin empfiehlt gleich zwei Läden in Paguera.

Ein gewisser „Adultus“ erhebt Einspruch, als eine Foristin eine deutsche Bäckerei in Santa Ponsa empfiehlt: Sorry“, mahnt er „dass ich das hier so offen schreibe… aber wer sich „Deutsche Bäckerei“ nennt, der sollte auch annähernd eine deutsche Verkaufskultur vermitteln.“ Bingo.

Psssssst“, flüstert da „Micha“ allen potenziellen Mitessern im Forum seinen Geheimtipp zu: Brezeln gebe es bei Lidl, „zumindest am Sonntag früh.“

Logistisch also eine echte Herausforderung. Ehe wir demnächst für ein bisschen Gebäck die halbe Insel abklappern, gibt’s bei uns hausgemachte Laugenbrezeln – sowohl in Palma als auch in Montréal. Für den Teig ein wenig Mehl, Salz, Hefe und Wasser miteinander vermischen. Der Knackpunkt ist, neben der Knet-Akrobatik, die Lauge. Sie sorgt später für die unnachahmliche Bräune.

Das schwäbische Hexengebräu ist schnell angerührt – aus einem Gemisch aus Wasser und Haushaltsnatron. Jetzt kommt die Brezel ins Laugenbad und anschließend in den Ofen.

Ob auf Mallorca, in Montréal oder Ummendorf: Knackfrisch schmeckt die schwäbische Laugenbrezel immer am besten.

Old Man Winter ist hier

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Diesmal kam er auf leisen Sohlen. Gestern noch hatte es lediglich nach ein wenig Puderzuckerstaub ausgesehen. Heute früh dann eine Handvoll Schneeflocken. Und am Abend dann das volle Programm: Eis. Schnee. Kälte. Und kein Ende abzusehen. Kanada eben.

„Es gibt zwei Jahreszeiten in Kanada“, sagen die, die es wissen müssen: die Kanadier, „Winter und Baustellen“. Dieses Jahr kommt alles zusammen: Die Innenstadt gleicht mit Tausenden von Baustellenzylindern einem Fahrschulparcours. Und jetzt noch Eis und Schnee. Letzter Stand: Um die 30 cm. Gute Nachrichten für Abschleppunternehmen. Schlechte für den Rest von uns.

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Dass ausgerechnet heute der legendäre Jean Béliveau zu Grabe getragen wurde, passt. Nur Eishockey sorgt in Kanada für mehr Gesprächsstoff als das Wetter.

Und hier noch etwas zum Schmunzeln: Der kanadische Wetterdienst hat ein kurzes Video auf YouTube gestellt:

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Unfassbar! News aus Kanada!

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Screenshots © La Presse, The Gazette, CTV

Seien wir ehrlich: So richtig viel passiert in Kanada nicht. Das politische Geschehen ist überschaubar, man könnte auch sagen: langweilig. Selbst das mit den Wetter-Extremen ist dank global warming nicht mehr das, was es einmal war. Nagellack beim Trocknen zuzuschauen ist spannender als eine kanadische Nachrichtensendung.

Dann passiert das Unfassbare: Ein Hockeyspieler stirbt! Im gesegneten Alter von 83 Jahren! Eine Legende! Ein Gott! Und plötzlich bekommt der Nachrichten-Konsument den Eindruck: Nach dem Tod von Jean Béliveau wird Kanada nie mehr das sein, was es einmal war.

Nicht falsch verstehen: Wenn gute Menschen gehen, ist es immer zu früh. Monsieur Béllveau war bestimmt ein fantastischer Hockeyspieler und ein genau so großartiger Mensch. Aber muss der arme Mann deshalb gleich tagelang im offenen Sarg in einer der größten Eishockey-Arenen des Landes aufgebahrt werden, im Montrealer Molson-Centre?

Tausende stehen stundenlang in der Bibberkälte, um dem Mann seit zwei Tagen die letzte Ehre zu erweisen. Viele von ihnen mit Hockeyshirts, die nach dem Tod Jean Béliveaus auf den Markt geworfen wurden. Sie tragen, wie der Spieler zu seinen besten Zeiten, die Rückennummer 4.

Und dann die O-Töne: “It was wonderful,“ sagt ein Mann namens Dickie Moore dem Fernsehsender CTV, „I think Jean would love to stand up and say thank you”. Hat Mr. Moore das tatsächlich so gesagt? Ja, hat er. “Jean würde am liebsten aufstehen, um danke zu sagen”.

Man gewöhnt sich langsam daran, dass die Aufmacher in sämtlichen Montrealer Zeitungen seit genau einer Woche fast ausschließlich dem Tod Jean Béliveaus gewidmet sind, die Nachrichtensendungen mit den neuesten Béliveau-Anekdoten beginnen und die Flaggen in Québec auf Halbmast stehen.

Woran ich mich nicht gewöhnen mag, ist dies: Der Eishockeyspieler Jean Béliveau, der vor 43 Jahren das letzte Mal einen Puck gejagt hat, wird ein Staatsbegräbnis erhalten. Ganz offiziell und mit Trauergästen aus aller Welt.

Bei allem Respekt für einen verstorbenen Eishockeystar: Kann es sein, dass im nachrichtenarmen Kanada der Heißhunger auf News den Bick für die Realität leicht vernebelt hat?

R.I.P. Jean Béliveau.

Glücklich reisen: „Happy Trips“

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Preisfrage: Wo gibt’s den schönsten Glühwürmchen-Himmel? Antwort: In Neuseeland. Und wo findet einmal im Jahr das bekannteste Kamelrennen der Welt statt? Auf der Halbinsel Sinai. Und da wir gerade dabei sind: Wie heißt der (laut Klappentext) emotionalste Reiseführer des Jahres? „Happy Trips“. Von Anita Horn.

Rechtzeitig zum Fest bringt der Essener Verlag books&friends ein ausgesprochen hübsches Buch auf den Markt. Autorin ist Anita Horn, eine befreundete Kollegin aus dem Ruhrgebiet, die heute in Köln lebt. In ihrem etwas anderen Reiseführer beschränkt sie sich nicht auf Trips, sondern gibt auch Tipps für Events, Kurse und vieles, was sonst noch Spass macht und gut, aber nicht immer teuer ist.

Vor ein paar Jahren saß Anita Horn in einem meiner WDR-Seminare. Eine gute Journalistin war sie damals schon. Sie wollte noch eine bessere werden. Und jetzt also das Sahnehäubchen: Mit knapp 32 ihr erstes Buch. Von Waltrop über Köln in die weite Welt – Anita Horn zeigt im frisch-fröhlichen Schreibstil fast spielerisch wie’s geht.

„Happy Trips“ ist ein ungewöhnliches Buch mit ungewöhnlichen Tipps. Geschrieben von einer ungewöhnlichen Autorin mit einem Näschen für Nischen: Bergsteigen an der Zugspitze. Ölwrestling in der Türkei. Eine Schildkröten-Nachtwanderung in Costa Rica. Ein Easy Rider-Bike-Trip durch Vietnam. Und auch ein Crashkurs im Spritzwassertauchen, gemeinhin als „Arschbombe“ bekannt.

In appetitlichen Text-Häppchen beschreibt Anita Horn, wie man sich einen Dschungel-Marathon am Amazons vorstellen muss. Oder wo man in Südafrika am besten Pinguine erleben kann. Oder wo sich im kanadischen Churchill/Manitoba Eisbären bei der Rutschpartie filmen lassen.

Illustriert sind die „Happy Trips“ mit wunderschönen Fotos der Autorin, aber auch mit liebevoll ausgesuchtem Archivmaterial. Schade: Manche der Texte sind schwer lesbar. Text auf Bild funktioniert eben nicht immer – übrigens eine Ansage aus dem Seminar.

Ein Blogtipp für alle, die die Welt gerne aus einem neuen, manchmal frechen, aber immer unterhaltsamen Blickwinkel sehen wollen:

Happy TripsReisen, die glücklich machen

Autorin: Anita Horn – Verlag: books&friends Essen

240 Seiten mit 170 tollen Fotos und informativem Kartenmaterial

ISBN 978-3-9815335-9-0 –  € 16.99

Bei der Kohle hört der Spaß auf

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Der Kanadier an sich ist ein friedfertiger Mensch. Wenn es aber um die Kohle geht, platzt ihm schon mal der Kragen. Heute Nachmittag zum Beispiel. Da machten sich bei winterlichen Temperaturen Zehntausende Luft und demonstrierten gegen die Sparmaßnahmen der liberalen Provinzregierung von Québec.

Sie waren von überall her nach Montreal gekommen: Von der Gaspésie-Halbinsel, von den Laurentiden-Bergen, von den Ost-Kantonen um Magog und Sherbrooke. Selbst von den fast 1400 Kilometer entfernten Magdalenen-Inseln waren sie angereist.

Ganze Busladungen mit Demonstranten rollten mitten im Vorweihnachtstrubel in die Montrealer Innenstadt. Ihre Forderung: Die liberale Regierung soll aufhören, den Gürtel immer noch enger zu schnallen.

Doch drastische Sparmaßnahmen seien notwendig, behauptet Ministerpräsident Philippe Couillard. Nur wenn es gelinge, vier Milliarden Dollar zu streichen, sei ein einigermaßen ausgeglichener Etat für das nächste Haushaltsjahr möglich.

Treffen soll es vor allem diejenigen, die beim Staat angestellt sind. Leider auch Tausende, die in den ohnehin chronisch unterbesetzten Krankenhäusern arbeiten. Dort sollen allein 1000 „Manager“-Positionen sollen gestrichen werden.

In-vitro-Therapien will Québec nur noch in Ausnahmesituationen finanzieren. Und auch bei den staatlich subventionierten Kindertagesstätten soll der Rotstift angesetzt werden. Also gehen Eltern und solche, die es gerne wären, auf die Barrikaden.

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Sticker-Protest in Montreal

Besonders bockig reagieren Polizei und Feuerwehr. Ihre Rentenfonds sollen eingefroren werden. Die meisten Einsatzfahrzeuge sind schon seit Wochen mit Aufklebern verunstaltet.

Dutzenden von diensthabenden Polizisten schien der Protestmarsch gerade recht zu kommen. Viele von ihnen nutzten die Gelegenheit, sich mit aufgeklebten Proteststickern in die Reihen der Demonstranten zu mischen.

Besonders kreativ erwiesen sich die Polizisten des Montrealer Stadtteils LaSalle. Sie weigern sich strikt, ihre Dienstkleidung anzuziehen. Stattdessen verrichten sie ihren Job in eigens für diesen Zweck angeschafften Fantasie-Uniformen – inklusive Cowboyhut und Sheriff-Stern.