Palma – Köln – Ummendorf

airplaneEigentlich ist es eine überschaubare Herausforderung: Wie komme ich im Januar von Mallorca aus nach Ummendorf? Eigentlich. Wenn es aber darum geht, den richtigen Flug zu buchen, kommst du schnell an deine Grenzen.

Im Sommer wäre das alles kein Problem: Du fliegst von Palma aus nach Memmingen oder Friedrichshafen, mietest einen Wagen und eine Stunde später bist du im Herzen Oberschwabens angekommen: Ummendorf. Dort lebt die Familie. Da will ich hin.

Aber wir sprechen vom Winter. Da haben weder Germanwings noch Air Berlin und nicht einmal der Allesflieger Ryanair Lust, das Allgäu fliegerisch ans Mittelmeer anzubinden. Du suchst und surfst und klickst und fragst – und kommst zwar auf tausend „Superangebote“. Nur leider passt kein einziges in deine Agenda.

Also machst du das, was man halt so macht, wenn man im Internet wohnt: Man besucht ein Forum. In diesem Fall das Mallorca Forum, das ich übrigens jedem empfehlen kann, der schon mal auf der Insel war, sie besuchen möchte oder sich kurz einen Inselfix holen will.

Im Mallorca Forum gibt es einen Thread, der nennt sich: „Es gibt sie noch, die preiswerten Flüge“. Kaum hast du deinen Wunsch gepostet, kommen sie rein, die Vorschläge.

Alle sind sie gut gemeint. Nur: So richtig weiter bringen sie dich auch nicht. Bis auf einen. Der geht so: Von Palma nach Köln. Dann 4.05 Stunden Aufenthalt. Danach mit dem Flieger nach Friedrichshafen. Komplette Flugzeit: 7 Std. 25 Minuten. Kommt die Weiterreise mit dem Mietwagen dazu, sind wir bei knapp unter neun Stunden.

Den nehme ich! Auch wenn die Flugdauer dem Trip von Montréal nach Frankfurt entspricht.

Aber wer will denn schon nach Frankfurt, wenn Ummendorf lockt!

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Zeit für ein bisschen Demut

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Nicht immer geht es auf der Überholspur durchs Leben. Manchmal wirst du ausgebremst und du lernst die Kunst der Entschleunigung kennen. Zwangsweise. So wie jetzt.

Ein chirurgischer Eingriff – Nase, Stirnhöhle – nichts Lebensbedrohliches, aber ernst genug, um dich nach der Vollnarkose ins Bett zu zwingen. Und damit zum Nachdenken.

Zum Beispiel darüber, was Männer und Frauen so leisten, die im Krankenhaus arbeiten. Menschen, die auch beim Anblick von Bettpfannen und schmutzigen Leintüchern noch ein Lächeln über die Lippen bringen, wenn nur der richtige Knopf gedrückt wird.

Ärzte, die klaglos jede Frage beantworten, die du ihnen stellst. Pfleger, denen kein Weg zu weit ist, um dir einen Rollstuhl ans Bett zu schieben, weil deine ohnehin eingeschränkte Mobilität sonst zum vollkommenen Stillstand kommen würde.

Putzkolonnen, denen Tag für Tag eingetrichtert wird, dass Hygiene im Krankenhaus weniger mit schön aussehen zu tun hat als mit Leben und Tod.

Aber auch das ist ein Teil des oft zurecht kritisierten kanadischen Gesundheitswesens: Kaum wachst du aus der Vollnarkose auf, wirst du nach Hause geschickt. „Metzgerei Montreal“, lästert ein vom deutschen Krankensystem verwöhnter Freund. „Bettenmangel“ lautet die offizielle Begründung in Kanada.

Wer das Glück hat, nach der Entlassung aus dem Krankenhaus im eigenen Heim weiter gepflegt zu werden, hat erst recht keinen Grund zum Jammern. Schokoriegel, wo sonst ein Joghurt wartet. Säfte zwar statt Sekt, aber wen juckt’s. „Darf’s noch ein Tässchen Tee sein?“.

Auch hier: Dankbarkeit und auch ein bisschen Demut.

Und dann die Entdeckung schlechthin: Fernsehen! Wer im Internet wohnt, vergisst manchmal, dass es noch andere Bespassungs-Medien gibt. Zum Beispiel den TV-on-demand-Sender NETFLIX. „Dexter“ gefällig? Kein Problem. Wenn’s sein muss drei Jahrgänge hintereinander. Eine Michael-Jackson-Biografie? Aber bitteschön. Oder doch lieber John Lennons letzte Tage in New York?

Mad Men“ und „Homeland“ waren gestern. Im Krankenbett entdeckt und seither süchtig danach: „Orange ist the new Black“. So also geht’s in amerikanischen Frauengefängnissen zu!

Dann schon lieber Krankenhaus. Oder noch besser: Genesung in den eigenen vier Wänden.

Danke!

Superstars zum Anfassen

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Fast wie das Original: Retro-Kopie Rod Stewart © Bopp

Neulich die Beatles, gestern Abend Neil Diamond und Rod Stewart: Konzerte, in denen unbekannte Musiker einstige Megastars kopieren, können unterhaltsam sein, aber auch ein bisschen traurig.

Er hat eine fantastische Stimme, dieser Mann, das muss man ihm lassen. Und wenn er sich bewegt, dann tut er dies mit der Brooklyner Lässigkeit eines Neil Diamond. Als Ladies Man weiss er, wie man sich in die Herzen älterer Damen einschmust: Mit viel Schmalz und auch ein bisschen Wehmut.

Einen gestandenen älteren Mann mit dieser großartigen Stimme von der Bühne schlendern zu sehen, nachdem er einen halben Abend lang ausschließlich Neil Diamond-Songs zum Besten gegeben hat, kann eine beklemmende Wirkung haben.

Gut, das Original ist 74 und tourt nicht mehr. So gesehen ist die Kopie das Beste, das sich Diamond-Fans wünschen können (zu denen ich übrigens nicht gehöre). Aber irgendwann ist alles über Neil Diamond gesagt, alles von ihm gesungen und auch sein letzter Doublestep getanzt. Und dann kommt die große Leere.

Der Mann mit dem Glitzerhemd und den schwarzen Hochbundhosen überm Bauchansatz lässt sich noch einmal von gefühlten Fünfundsiebzigjährigen berühren, bejubeln, feiern. Dann verschwindet der Star, der keiner ist, hinter der Bühne, nur um später in Begleitung seines wohl größten Fans, seiner eigenen Frau, den Saal zu verlassen.

Die ältere Dame an seiner Seite bewegt sich schleppend mit Gehhilfe fort. Der ältere Mann, der sich gerade noch für seine schnittigen Hits von gestern feiern ließ, nimmt seine Frau fürsorglich am Arm. Mit der anderen Hand trägt er den Gitarrenkoffer, der – wie der Künstler und seine Frau – auch schon bessere Zeiten gesehen hat.

Auch Rod Stewart hat seine Zukunft längst hinter sich. Zumindest der Rod Stewart, der sich gestern Abend im Montrealer „Rialto Theatre“ feiern ließ. In diesem traumhaft schönen Jugendstil-Ballsaal mit Emporen, Logen und Samtbestuhlung, tanzte, rockte und krächzte ein blonder Mann mit Stoppelhaar-Perücke, der dem richtigen Rod verteufelt ähnlich sah. Das Publikum liebt ihn, hat schließlich 55 Dollar pro Ticket bezahlt.

Darf man einem Menschen zujubeln, der es sich zum Lebensinhalt gemacht hat, einen anderen Menschen zu kopieren? Einem Idenditätendieb gewissermaßen? Einem, der sich als Star geriert, aber gar keiner ist?

Ja, darf man. Und wer Spaß dabei hat, muss sich nicht dafür entschuldigen. Nächsten Monat ist Michael Jackson dran.

Die Sache mit den Einschlägen

wolkenEin Freund ist gestorben, ein wunderbarer Kollege. Einer, dem man noch viele gute Jahre gewünscht hätte. Scheißkrebs. Mit 59. Er ist nicht der Einzige: Beklemmend viele Bekannte, Wegbegleiter, Kneipenbrüder sind in den letzten Monaten und Jahren gegangen. Die meisten von ihnen in einem Alter, in dem man gerade anfängt, einen Gang zurück zu fahren. Zu spät.

„Die Einschläge kommen näher“, sagte mein Vater jedes Mal, wenn wieder ein Freund, ein Nachbar oder auch nur ein ferner Bekannter starb. Irgendwann hörte er auf, sich an den Busfahrten ins Blaue zu beteiligen, die doch zum Highlight der Woche für ihn zählten. „Ich kenne ja keinen mehr“, sagte er dann.

Uns, die wir nicht in Kriegsvokabeln denken, fällt auf, dass älter werden zwar mit Gewinn an Erfahrung verbunden ist – welcher eigentlich? -, aber auch mit herben Verlusten. Nicht immer schafft es die Erfahrung, diese Verluste aufzuwiegen. Wer braucht schon die Erfahrung, dass ein guter Kerl mit 59 gehen muss?

Ein bisschen sehnt man sich an Tagen wie diesen wieder nach der Gnade der Jugend zurück: Man verliebt sich, heiratet, kriegt Kinder, leistet sich ein Häusle. Zielrichtung: vorne. Konstruktiv eben. Und natürlich versucht man beim Nestbau nicht daran zu denken, dass dieses Nest irgendwann wieder leer sein wird.

Plötzlich ist das Kind kein Kind mehr, zieht aus. Das Haus wird zu groß, der soziale Bierdeckel, auf dem man sich bewegt kleiner, weil immer mehr aus deinem Dunstkreis verschwinden. Sterben. Wegziehen. Nicht mehr wollen.

Im Englischen spricht man vom „empty nest syndrome“. Auch das haben wir hinter uns. Und entsprechend reagiert. Haus verkauft, uns verkleinert. Neue Ziele angesteuert und auch sonst ein paar Stolpersteine aus dem Weg geräumt.

Anstrengend war’s. Aber alles ist gut. Wir leben noch.

Plötzlich wieder Korrespondent

ottawa

© Screenshots: spiegel-online, n-tv.de, cbc.ca, sz.de

Dinge erklären zu müssen, die man selber nicht versteht – auch das gehört zu den Aufgaben des Journalisten. An diesem Tag, dem 22. Oktober 2014, trifft die Ansage meines ersten Chefredakteurs voll zu. Wie soll man Menschen erklären, dass ausgerechnet Kanada, eines der friedlichsten Länder der Welt, von (mutmaßlichen) Terroristen angegriffen wird?

Eine Antwort auf diese Frage konnte ich auch dem Fernsehsender n-tv nicht geben. Der hatte mich gleich für zwei Einspielfilme gebeten, über die Hintergründe des Attentats vor dem Parlamentsgebäude in Ottawa zu berichten.

Plötzlich war ich wieder Korrespondent. Dabei hatte ich mir vor Jahren geschworen, nicht mehr tagesaktuell zu arbeiten. „Die Bütt“, wie Journalisten die Plattform für Mikrofon und Kamera nennen, sollte den Jüngeren gehören. Tausende von Hörfunkbeiträgen in 25 Korrespondentenjahren müssten genügen.

Warum der Sinneswandel? Schuld daran ist ein treuer Blogleser, der als Journalist bei n-tv arbeitet. Wir kennen uns nicht, sind uns aber einig, dass Montréal ein guter Platz zum leben und arbeiten ist. Marcel spricht von seiner „Traumstadt“. Er war zum Studium hier.

Marcel war es, der mich unmittelbar nach den Schüssen in einem Livegespräch für seinen Sender um meine Einschätzung gebeten hatte. Meine Einschätzung? Schwer zu sagen. Terrorakte sind nie zu erklären. Wie erklärt man einem Kind, dass sein Vater, ein 24jähriger Soldat aus Hamilton/Ontario, kaltblütig erschossen wurde, während er die friedlichste aller friedlichen Stätten zu bewachen hatte: Das Denkmal für den unbekannten Soldaten vor dem Parlament in Ottawa?

Nach jahrelanger Pause wieder als Korrespondent zu arbeiten, ist ein interessanter Akt der Selbstwahrnehmung. Der Testosteronspiegel schnellt noch immer in die Höhe, wenn das rote Live-Lämpchen angeht. Die Gewalt der Sprache, der Stimme – das alles vergisst man leicht, wenn man statt im Studio jahrelang nur noch in Seminarsälen steht, um aus guten Journalisten noch bessere zu machen. Das Livegespräch verzeiht kein Zögern.

Regelmäßig wieder live aus dem richtigen Leben zu berichten, könnte eine spannende Art sein, den letzten Lebensabschnitt zu bestreiten. Nur leider beinhalten Live-Reortagen allzu häufig Katastrophen und menschliche Schicksale. Und Dinge erklären zu müssen, die man selbst nicht verstanden hat.

Auf all dies kann ich gut verzichten. Der Abschied von der Bütt war schon okay.