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Tschüss, alter Roadrunner!

Wer sich vorgenommen hat, sein Leben zu entrümpeln, muss auch loslassen können. Von Dingen, die sich im Laufe der Jahre so ansammeln. Was geht? Was bleibt? Und überhaupt: Wer soll denn schon (m)ein ausrangiertes Übertragungsgerät für Radioreporter kaufen? Zum Beispiel ein schrulliger Engländer. Auf ebay.
Er hat mir gute Dienste geleistet, mein „Roadrunner“. Ein grauer Kasten im Schuhschachtel-Format, der dazu diente, meine Radiobeiträge in Studioqualität an sämtliche ARD-Sender zu übermitteln. Tausende von Hörfunk-Reportagen aus Kanada, Alaska und anderen Teilen der Welt wurden durch diese Box geschleust, ehe sie in Deutschland im Radio zu hören waren. Doch wie das so ist mit der Technik: Die Zeiten ändern sich. Mein Roadrunner hatte das Ende der Straße erreicht und wurde ausrangiert.
Die Staubschicht wird dicker, die Neugier steigt
Zehn Jahre schlummert die Kiste im Keller. Als die Staubschicht immer dicker wird und das Internet immer ausgefeilter, kommt der junge Sohn auf eine Idee, auf die nur junge Söhne kommen können: „Verkauf die Kiste doch auf ebay“. Ebay? Ich? Der es nicht einmal schafft, ein drei Jahre altes Fitnessgerät zum Fünfzigstel des Einkaufspreis in der Lokalzeitung zu verscherbeln? Ohne mich.

Goldmine Roadrunner
Doch die Neugier siegt. Wer sich beruflich mit dem Internet befasst, sollte irgendwann in seinem Leben auch ebay-Erfahrung gesammelt haben. Also: Anzeige aufgesetzt. Foto rein. Bedienungsanleitung dazu. Fertig. Was fehlt, ist der Kaufpreis. Anruf beim Hersteller in den USA: „Was kann ich für den Roadrunner verlangen, ohne wegen Halsabschneiderei geteert und gefedert zu werden?“ – „Nichts“, sagt der freundliche Mensch vom Kundenservice des Nachfolge-Produkts fast entschuldigend. Und dann, meine Verzweiflung ahnend: „Sie können es ja mal mit 500 Dollar versuchen“.
Die Anzeige auf ebay lautet: Zu verkaufen: Roadrunner – Mindestangebot 500 Dollar. „Sehr lustig“, sagt die Frau an meiner Seite. „Sehr mutig“, meint der Sohn. Erster Tag: nichts. Zweiter Tag: nichts. Dritter, vierter, fünfter Tag: nichts. Sechster Tag: Ein Typ aus Florida bietet 800 Dollar. Achthundert Dollar? „Nicht verkaufen!“, feuert mich der Sohn an, seit Jahren routinierter ebay-Ein- und Verkäufer. „Dranbleiben, da kommt noch mehr!“ Ein 800-Dollar-Angebot für ein Produkt abzulehnen, das an Wertlosigkeit nicht zu unterbieten ist, grenzt an Dummheit. Weitere Kontaktanfragen gibt es nicht. Vergessen wir’s einfach.
2 750 Dollar für eine ausgemusterte Schuhschachtel
Zehnter Tag: Zahnarzttermin. Zwischen Spritze und Plombe ein Gedankenblitz: Was ist eigentlich mit dem Roadrunner? Nach der Rückkehr sofort ins Netz, ebay checken. Unglaublich! Menschen aus aller Welt balgen sich im Internet um meine digitale Schuhschachtel. In zehn Minuten läuft die Versteigerung ab. 1000 Dollar. 1200. 1600. 2000. 2500. Zweitausendsiebenhundertfünfzig Dollar! Ich fasse es nicht. Gerade mal 100 Dollar Wertverlust in zehn Jahren – ebay macht’s möglich.
Der Käufer, ein Engländer, sammelt Technik-Schnickschnack aus aller Welt. Ich stelle mir vor, dass mein Roadrunner jetzt einen Ehrenplatz zwischen dem ersten Apple-Computer und dem letzten Grundig-Röhrenradio hat.
Ein schöner Gedanke.
Abenteuer Online-Journalismus

Günther Jauch gehört nicht zu meinen Lieblings-Moderatoren. Trotzdem sehe ich mir seine Talkshow an. Als Livestream im Internet. So weiß ich, dass es am Sonntag im Gasometer um Schulkinder ging, die in Deutschland immer fetter werden. Herr Lauterbach, der Dauergast mit Fliege, ist mir inzwischen so vertraut, dass ich ihn gerne zum Kaffee einladen würde.
Wir könnten uns dann über all die anderen Talksendungen unterhalten, in denen er schon aufgetreten ist. Vielleicht würde er sich wundern, wie gut ich Bescheid weiß über sein Fernsehleben. Manchmal wundere ich mich selbst, warum ich mir all die deutschen Talkshows ansehe, wo wir doch seit 30 Jahren in Kanada leben. Ja, warum eigentlich? Ganz einfach: Weil ich’s kann. Das Internet macht’s möglich.

Damals: Zeitungsstapel vor dem Kiosk.
Wäre das schon vor 30 Jahren der Fall gewesen, hätte ich mir viel Mühe ersparen können. Vermutlich wäre mein Leben aber auch weniger bunt und abenteuerlich verlaufen.
Sperrig, mühsam und teuer
Die Suche nach täglich frischen Themen, die damit verbundene Recherche und schließlich die Übermittlung der fertigen Beiträge – das alles war damals sehr mühsam, teuer und aufwendig. Fernschreiber statt Fax und Email. Sperriges Aufnahmegerät statt digitales Flash-Mikrofon. Kamera statt Mausklicks.
Achtung, Opa erzählt aus dem Krieg: Als ich 1983 anfing, ARD-Sender mit Kanada-Themen zu beliefern, begann mein Tag oft schon um vier Uhr morgens. Mein Weg führte mich dann vor den Kiosk um die Ecke, wo die noch verschnürten Zeitungen jungfräulich darauf warteten, gelesen zu werden. Ich tat ihnen den Gefallen. Denn wo sonst sollte ich meine Themen herbekommen, die ich hinterher den Sendern anbieten würde?
Die Kanada-Exotik ist mit dem Internet abgeblättert
Internet gab es nicht und Kanada war damals noch weit weg in den Köpfen der meisten Deutschen. Wenn ich durch die Republik reiste, um in den Redaktions-Konferenzen Geschichten zu erzählen, die nach Abenteuer und Freiheit klangen, sah ich bei manchen Kollegen ein Leuchten in den Augen, das mir signalisierte: „Ich will auch!“ Heute eher: „Nicht schon wieder!“ Globalisierung auf Kosten der Exotik. Schuld daran ist das Internet. Was gestern noch wild, weit und fremd erschien, kann sich heute fast jeder mit einem Mausklick ins Haus holen.
Es war ein tolles Leben, das ich als junger, freischaffender Kanada-Korrespondent für die ARD führte: Montréaler Altbauwohnung im angesagten Stadtteil Notre-Dame-de-Grâce. Meist freie Hand bei der Themenauswahl. Mein Chef war der Anrufbeantworter. Ob der Korrespondent den Tag lieber im Büro, auf Reisen oder gar am Strand verbringen sollte – darüber entschied nicht selten der Blick auf den Kontoauszug. Nur wenige freie Journalisten im Ausland hatten damals das Glück, nicht nur überleben, sondern gut leben zu können. Die anderen Glücklichen, die ich kannte, waren ein Kollege in New York, einer in Los Angeles und später noch einer in Washington.
Mit der deutschen Nabelschau nahm die Kanada-Exotik ab
Doch irgendwann änderten sich die Zeiten. Die Budgets der Sender wurden kleiner, die Sendeplätze weniger. Themen, die noch vor kurzem den Telefonhörer zum Glühen gebracht hätten, blieben immer häufiger als Vorschläge in der Schublade. Plötzlich war Deutschland mehr mit sich selbst beschäftigt: Mauerfall, Spendenskandal, Ost-West-Zusammenführung. Und Internet. Keiner der freien Korrespondenten blieb von den Folgen der deutschen Nabelschau verschont. Die Auftragslage forderte uns zum Umdenken auf. Zeit für Plan B. Der hieß bei mir: Onlinejournalismus.

Heute: Mausklick zur Recherche.
Weitsichtige und kluge Kollegen haben mir den Weg ins Internet als Geschäftsmodell geebnet. Jetzt waren Medienanalysen für Sender gefragt, Programm-Beobachtungen und multimediale Innovationen. Standen die Konzepte dann, wurden sie in Seminaren umgesetzt, die mich zu zahlreichen Hörfunk- und Fernsehsendern und Medienakademien führten. Viele KollegInnen, die es im Radio und Fernsehen bereits zu etwas gebracht hatten, mussten plötzlich umdenken. Tagesaktueller Journalismus im Internet ist eine neue Baustelle, die gelernt sein muss.
Ich hatte das Glück, von Anfang an dabei zu sein. Onlinejournalismus mag nicht ganz so aufregend sein wie Reporterreisen zu Cree-Indianern und nach Alaska. Aber es ist anders. Anders schön. Und auch anders aufregend. Für den Kick sorgt jetzt der Klick.
Danke, Stefan. Danke Frank. Danke Dorothee.
Erinnerungen an die Exxon Valdez
Die Bilder von der „Costa Concordia“ erinnern mich an Alaska. Am 24. März 1989 war die „Exxon Valdez“ auf ein Riff geprallt. Auch damals gab es heftige Vorwürfe gegen den Kapitän. Er lag betrunken in seiner Koje, als sein Öltanker die bis dahin schlimmste Umweltkatastrophe der amerikanischen Geschichte verursachte. Jahre später habe ich den Unglücksort an der Küste von Valdez erneut besucht. Hier ist mein Bericht:
Für die Inupiat-Indianer von Alaska ist der 24. März 1989 “der Tag, an dem das Wasser starb”. Für den Rest der Welt ist und bleibt es der “schwarze Karfreitag”. Eine Katastrophe mit bis dahin fast unermesslichen Ausmaßen hatte sich vor der Küste von Alaska ereignet: Kurz nach dem Verlassen des Hafens war der Suptertanker “Exxon Valdez” mit voller Kraft auf ein Riff geprallt. 42 Millionen Tonnen Rohöl flossen ins Wasser. Die Folge: 250-tausend Seevögel, rund dreitausend Seeotter, 300 Seehunde und 250 Adler verendeten nach der Umweltkatastrophe.
Tonnenweise ölhaltiger Fels musste abgetragen werden

Küste von Valdez – Foto: noaafisheries
Auf den ersten Blick könnte man glauben, der Schwarze Karfreitag vom März 1989 sei spurlos an der Küste von Alaska vorbeigegangen. Die Häuser rund um die Bucht von Valdez wurden frisch getüncht. Und auch an den felsigen Stränden erinnert kaum noch etwas an die Tankerkatastrophe. Da mal eine verklebte Vogelfeder, dort ein öl-verkrusteter Stein – die Säuberungstrupps haben gute Arbeit geleistet. Tausende von Menschen waren damit beschäftigt, die Spuren der Ölpest zu verwischen. Stein für Stein musste damals vom Boden aufgehoben und mit Putzlappen abgerieben werden. Tonnenweise ölhaltiger Felsen wurde von der Küste abgetragen. Der Exxon-Konzern hat sich die Säuberung damals mehr als zwei Milliarden Dollar kosten lassen.
Lachse mit Tumoren, so groß wie eine Zitrone
Bis heute steht nicht eindeutig fest, ob nicht die eigentlichen Aufräumarbeiten schwerere Langzeitschäden angerichtet haben als das ausgelaufene Rohöl. Heißwasser-Duschen zerstörten empfindliche Organismen in bis zu dreißig Meter Tiefe. Nach der Havarie waren 250-tausend Seevögel, dreitausend Seeottern, dreihundert Robben und 250 Adler verendet. Zwar hat sich der Tierbestand inzwischen rein zahlenmäßig wieder erholt. Aber, so behaupten Meeresbiologen, viele der Lachse, die im Prinz-William-Sund gefangen werden, weisen noch heute zitronengroße Tumore auf.
Exxon drückte sich jahrelang vor der Verantwortung
Mancher der Fischer, die nach der Katastrophe arbeitslos geworden waren, hat sich eine goldene Nase verdient. Es gibt Leute, die für ihre Boote damals 5000 Dollar Miete pro Tag verlangten – und der Exxon-Konzern, immer um gute Public-Relations bemüht, zahlte willig – aber nur wenn es um die kleinen Brocken ging. Als dann die Milliardenklagen kamen, drückten sich die Texaner vor der Verantwortung. Dabei machten sie immer noch Geld wie Heu. Nach der Katastrophe hatten Insider damit gerechnet, dass das Public-Relations-Desaster dem Konzern enorme Schäden zufügen könnte. Dem war aber nicht so, im Gegenteil: Bereits ein Jahr nach der Havarie in Alaska machte der Exxon-Konzern einen Reingewinn von mehr als fünf Milliarden Dollar.

Hazelwood in TIME
Ein US-Bundesgericht hatte den Konzern zu einem Bußgeld von fünf Milliarden Dollar verurteilt. Dieses Geld sollte an die 35-tausend Betroffenen der Katastrophe ausgezahlt werden – Fischer, Hotelbesitzer, Privatleute. Aber zur vollständigen Auszahlung ist es nie gekommen. Exxon argumentierte, die Höhe der Zahlung sei unangemessen. Schließlich habe man bereits 2.2 Milliarden Dollar für die Reinigungsarbeiten ausgegeben. Außerdem seien Zahlungen in Höhe von einer Milliarde für Gerichtskosten und 300 Millionen für Verdienstausfälle erfolgt. Das müsse reichen, sagt Exxon – und legte vor einem Gericht in Seattle Berufung ein. Auch dass verschiedene andere Versprechungen nicht eingehalten wurden, wurde dem Exxon-Konzern übel genommen. So sollte entlang des Prinz-William-Sund ein Naturpark angelegt werden. Doch der besteht bislang nur auf dem Reißbrett.
Ganz ohne Folgen ist die Katastrophe auch fuer die Schiffahrts-Industrie nicht geblieben: Seit 1992 duerfen Öl-Tanker nur noch mit doppelter Aussenhaut ausgeliefert werden. Fuer alte Tankschiffe gilt eine Schonfrist bis zum Jahre 2026.
Der Kapitän wurde zum Papierkorb leeren beordert
Der Mann, der eine der schlimmsten Umweltkatastrophen der Geschichte zu verantworten hat, musste die Kommandobruecke gegen einen Schreibtisch in eintauschen: Der zur Zeit der Havarie betrunkene Kapitaen Joseph Hazelwood verrichtet heute in New-York einen Buerojob. Ein Gericht hatte ihn – neben einer Geldstrafe von 5000 Dollar – dazu verurteilt, eintausend Stunden gemeinnützige Arbeit abzuleisten. Hazelwoods Job: Entlang des Prinz-William-Sund sah man den ehemaligen Tankerkapitän Papierkörbe leeren.


