Leos Lächeln und Eltons Haar

Ich mag George Clooney. Er ist smart und schlau und soll dazu das Herz auf dem richtigen Fleck haben. Außerdem ist er ein hübscher Kerl. Aber hat der Film, mit dem er jetzt bei den Golden Globes abgeräumt hat, wirklich diese Auszeichnung verdient?

„The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten“ läuft demnächst auch in Deutschland an. Es ist eine schnulzige Familienkomödie, die sich von anderen schnulzigen Familienkomödien vor allem dadurch unterscheidet, dass sie auf Hawaii spielt. Aber dafür die zweithöchste Auszeichnung zu kassieren, die Hollywood – nach den Oscars – zu vergeben hat? Hmm.

George Clooney spielt einen gestressten Witwer, dessen Frau ihn noch kurz vor ihrem Tod nach Strich und Fragen betrogen hat. Jetzt muss sich Herr Clooney, im Privatleben kinderlos, plötzlich um seine Girls kümmern. Das gelingt ihm mehr schlecht als recht. Hin und wieder rettet eine gute Dosis Situationskomik die Szene. Dafür, das heißt für seine schauspielerischen Leistungen, hat George jetzt den Golden Globe erhalten. Übrigens hat eine von Georges Mitspielerinnen später gesagt, es sei vielleicht ganz gut so, dass Mr. Clooney im richtigen Leben keine Kinder habe. Er wäre vermutlich ein schrecklicher Vater.

golden globe awards websiteÜberhaupt, diese Glamour-Veranstaltungen! Keine Ahnung, warum ich mich immer wieder dabei ertappe, stundenlang vor der Glotze zu sitzen und mir Lobpreisungen anzuhören, die nicht nur den Produzenten einschließen, sondern auch noch den Caterer, den Wasserholer und den Hundesitter. Aber irgendwie hat es auch was, Madonna mit Muskelpaketen im Kurzärmeligen zu sehen. Oder Brad Pitt mit Angelina an einem Tisch, der unter so vielen Moët & Chandon-Flaschen beinahe in die Knie geht.

Ständig im Bild – und trotzdem kein Globe: Elton John

Und Elton John, wie sich seine Hand ausgerechnet dann im implantierten Haupthaar verirrt, wenn gerade mal wieder die Kamera auf ihn gerichtet ist. Das passierte am Sonntag übrigens laufend. In der Zeitung habe ich gelesen, kein Mensch sei während der dreistündigen Übertragung häufiger im Bild gewesen als Elton John. Dabei hat er nicht einmal einen Globe bekommen.

Rooney Mara? Wow! Man kennt sie ja bisher fast nur in der Hollywood-Version als Girl with the Dragon Tattoo. Ziemlich versaut und ganz schön krank. Und was macht sie bei den Globes? Lächelt mit Leo um die Wette und zeigt sich von einer wunderschönen Seite, die man nicht für möglich hält, wenn man nur den Film gesehen hat.

Ricky Gervais (Facebook)

Auch Ricky Gervais ist ein guter Typ. Das hat er als Moderator der Golden Globes jetzt schon zum dritten Mal bewiesen. Schade: Früher war er irgendwie kerniger. Mehr Speck um den Wanst, weniger Bleach an den Zähnen. Und überhaupt bissiger.

Nur zwei- oder dreimal wurden während der Live-Übertragung Teile seiner Zoten weggepiept. Noch im Vorjahr hat es Ricky geschafft, den Leuten im Saal die Schamesröte ins Gesicht zu zaubern. Diesmal haben die meisten von ihnen ziemlich gelangweilt in die Kamera geschaut. Ich glaube, Ricky Gervais ist, wie all die Anderen, in Hollywood angekommen.

Schade eigentlich.

Als „Playboy“-Reporter in Alaska

Hinter kleinen Meldungen stecken oft große Geschichten. Ein Trapper habe die Leiche eines jungen Mannes entdeckt, hieß es im Nachrichtenticker, irgendwo im Busch von Alaska. Bei dem Toten handle es sich um einen 24jährigen Aussteiger. Aus diesen dürren Worten ist die wohl spannendste Reportage meiner Korrespondenten-Zeit entstanden. Die Spurensuche für den „Playboy“ führte mich quer durch Amerika und endete in Alaska. Jahre später nahm sich Hollywood des Themas an. Daraus wurde „Into The Wild“ von Sean Penn.

Es war im Spätsommer 1992, als die Agenturmeldung über den Ticker kam. Tragisch zwar, wie viele guten Geschichten. Aber in der nachrichten-armen Zeit bestens geeignet für einen kurzen Radiobeitrag. Telefon-Recherche beim Sheriff in Fairbanks/Alaska – und fertig war das Stück. Am nächsten Tag berichtete ich für mehrere ARD-Sender über das tragische Schicksal des Christopher McCandless, der Tausende Kilometer von Zuhause tot aufgefunden worden war. Bis dahin: Reporter-Routine.

Abenteuer, Freiheit, Reisen, Frauen: Perfekt für eine „Playboy“-Reportage

Playboy-Ausgabe 11/1992

Dann passierte etwas Überraschendes: Ein Redakteur des Männermagazins „Playboy“ rief bei mir an. Er hatte den Beitrag auf (damals) SWF3 gehört. Der Kollege meinte, die Story enthalte sämtliche Elemente, die Playboy-Leser ansprechen: Abenteuer, Freiheit, Reisen. Und, wie sich später herausstellte, auch Frauen. Denn Christopher McCandless, der sich „Alex“ nannte, war ein Schwerenöter, den die Frauen liebten. Ob ich Lust hätte, fragte der Kollege aus München, für den Playboy zu recherchieren, wie aus dem Sohn einer wohlhabenden amerikanischen Familie ein Aussteiger geworden ist, der in Alaska, in the middle of nowhere, elendig zu Tode gekommen war.

Ein paar Tage später war ich on the road. Von Montréal aus führte mich die Reporterreise durch den amerikanischen Getreidegürtel nach South Dakota, Montana, Wyoming, später nach Seattle und von dort aus nach Alaska. In South Dakota verbrachte ich einige Tage mit dem Erntehelfer Wayne Westerberg, einem Navajo-Indianer, der von dänischen Eltern adoptiert worden war. Wayne war für Alex so etwas wie Vater-Ersatz. Alex, der kluge Kopf von der Ostküste. Wayne, der schlaue Fuchs aus South Dakota.

Mit Jack Daniels im Pickup-Truck durch die Prärie

Die Geschichte hinter der Geschichte habe ich den oft nächtelangen Gesprächen mit Wayne Westerberg zu verdanken. Zusammen fuhren wir in einem verbeulten Pickup-Truck durch die Prärie. In der linken Hand eine Flasche Jack Daniels, in der rechten das Lenkrad – so tuckerte ich mit diesem ungewöhnlichen Mann durch den mittleren Westen Amerikas.

Letzte Station meiner Reporter-Reise war Fairbanks/Alaska. Aufgrund der Tagebuch-Aufzeichnungen des jungen Aussteigers wusste ich, wer für mich als Zeitzeuge von Interesse sein könnte. Einer davon war Butch Killian, ein Fallensteller. Er war es, der den toten Alex in einem ausrangierten Stadtbus gefunden hatte – mitten im Busch.

Blockhüttenzauber beim Fallensteller in Alaska

Trapper Butch in Alaska

Fallensteller sind Nomaden ohne festen Wohnsitz. Den Trapper  Butch Killian in der Wildnis von Alaska zu finden, war eine der größten Herausforderungen meines Journalisten-Lebens. Eine zahnlose Indianerin hatte mir den Tipp in einem Coffee Shop am Highway #3 gegeben. Butch Killian lebte in einer Blockhütte im Wald.

Einsam, aber glücklich im Blockhaus

Als ich ihn antraf, tat er das, was Fallensteller so tun, wenn sie von der Trapline zurück kommen: Er häutete die Tiere, die er kurz zuvor gefangen hatte – kein schöner Anblick. Aber das stundenlange Gespräch mit diesem Naturburschen im Schein der Petroleumlampe machte mir einmal mehr deutlich: Es gibt mehr als eine Art zu leben. Butch Killian hatte ein einsames Leben gewählt. Aber, wie mir schien, ein glückliches.

Hier geht’s zur kompletten Playboy-Reportage:

Die komplette Playboy-Reportage finden Sie hier. Ich habe oft daran gedacht, die Erlebnisse meiner Reise zu einem Buch zu verarbeiten. Aber als freier Reporter kannst du dich nicht einfach monatelang vom tagesaktuellen Journalismus ausklinken. Und weil solche Geschichten einfach erzählt werden müssen, hat sich viel später erst ein weltbekannter Schriftsteller des Themas angenommen. Jon Krakauer schrieb den Abenteuerroman „Into The Wild“. Ich fand ihn mäßig gut recherchiert und alles in allem nicht sehr authentisch.

Großes Kino: Sean Penn verfilmte die Geschichte von Alex McCandless

Anders der Film, den viele Jahre später Sean Penn als Regisseur für Hollywood drehte. Eine filmisch brillante Umsetzung der Story. Eine Erzählung, die den Aussteiger Alex McCandless als das schilderte, was er war: Ein Abenteurer, der erst sein blitzgefährliches Schicksal heraufbeschworen hatte, um ihm anschließend in den Hintern zu treten.

Kleine Pause für den Blog(ger)

Fünf Monate bloggen am Stück, jeden Tag ein neuer Beitrag – das zehrt dann doch ein bisschen am Akku. Deshalb gibt es von heute an nicht mehr täglich neue Blogposts. Das gibt Ihnen Gelegenheit, auch ältere Beiträge zu lesen, die Ihnen vielleicht entgangen sind. Und ich denke mir in der Zwischenzeit neue Themen aus. Geschichten gibt’s genug. Demnächst: Für den „Playboy“ in Alaska. Bis dann!

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Coole Idee: Heiße Nächte im Iglu

Eigentlich verrückt: Der Wind pfeift um die Ecke, die Außentemperatur beträgt minus 25 Grad. Und du bezahlst 14 Dollar Eintritt, damit du in einer Bar sitzen darfst, in der selbst die Hocker noch aus purem Eis sind. Willkommen im Snow Village! Auf einer Insel im Sankt-Lorenz-Strom bei Montréal haben findige Geschäftsleute eine Iglu-Siedlung mit Hotelzimmern, Restaurant, Bar und Kapelle aufgebaut. Wir wagten den Selbstversuch.

Der erste Gedanke beim Betreten der Stadt aus Eis und Schnee: Geht’s noch? Daheim könntest du jetzt gemütlich am Kaminofen sitzen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Und was machst du? Lässt dich auf den Vorschlag der Frau an deiner Seite ein, wanderst zum Eisdorf und bibberst dir einen ab. Doch dann die Erkenntnis: Was für eine coole Idee!

Das Snow Village besteht aus einem Labyrinth von Hotelzimmern. Die Betten sind aus kunstvoll gefrästen Eisblöcken. Darauf liegen warme Felle. Heiße Nächte im Kühlschrank? Schwer zu glauben. Nichts fühlt sich hier kuschelig an. Im Gegenteil: Die Kälte strömt aus allen Poren. Selbst die Sessel sind aus Eis, die Regale sowieso. In die Eiswand eingelassen sind exotische Blumen und wilde Gräser. Einige der Zimmer werden als „Theme Rooms“ angeboten. Und weil in Montréal der Cirque du Soleil zuhause ist, darf ein Clown neben dem Bett nicht fehlen. In Lebensgröße und hundertprozentig aus Eis.

Alles Eis: Eingang zum Iglu

150 Euro kostet die Übernachtung pro Person. Die Suite gar 230 Euro. Keine Ahnung, wer sich so etwas freiwillig antut. Aber die Zimmer seien ausgebucht, versichert uns der Hotelkellner in Parka und Fellmütze.

Hochzeit: Weißer geht’s nicht

Auch Hochzeitspaare seien darunter. Bietet sich ja auch an: Wer schon immer ganz in Weiß heiraten wollte, lässt sich in der Iglu-Kapelle trauen. Weißer geht’s nicht. Verrückt, aber beeindruckend: Die Hotelbar, die Disko, das Restaurant, die Kirche – alles aus Eis. Selbst die Gläser, in denen der Cocktail in der Hotelbar serviert wird. Whisky nicht on the rocks, sondern in the rocks. Mehr als eineinhalb Millionen Euro haben sich die Macher des Snow Village den coolen Spaß kosten lassen.

Inspiriert von Finnen, Norwegern und Schweden soll das „Village des Neiges“ eine jährliche Winter-Attraktion werden – die erste dieser Art in Nordamerika. Die Betreiber erwarten zwischen Januar und Ende März hunderttausend Besucher. Ein reines Eishotel gibt es bereits seit Jahren in der Nähe von Québec-City. Auch dort sollen die Geschäfte florieren.

Gletscher-Schmelze in der Arktis

Wenn ich unterwegs bin, kann ich leider nicht täglich bloggen. Deshalb hin und wieder der Griff ins Archiv. Hier finden Sie Manuskripte meiner Hörfunk-Reportagen. O-Töne können hier leider nicht eingestellt werden.


Die Beiträge wurden nicht aktualisiert. Deshalb: Kein Anspruch auf Vollständigkeit!

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AUJUITUK / NUNAVUT

Neunzehntausend Quadratkilometer Eis und Schnee: Kein Baum, kein Strauch, nur Gletscher, soweit das Auge reicht. Das ist Aujuituk, der größte Nationalpark des kanadischen Nordens. In Inuktitut, der Sprache der Inuit, heißt Aujuituk „Das Land, das niemals schmilzt.“

Dorthin, nördlich des Polarkreises, zieht es jedes Jahr Tausende von Abenteuer-Touristen. Sie kommen hierher, nördlich des Polarkreises, um die wohl spektakulärsten Gletscher Nordamerikas zu bezwingen. Doch in diesem Sommer kommen die Gletscher-Touristen nicht auf ihre Kosten: Das Eis schmilzt und ist brüchig. Matsch statt Gefrorenes – die Amerikanerin Anita J. hat schon viele Gletscher bezwungen. Die jüngste Expedition durch den Aujuituk-Park wäre ihr beinahe zum Verhängnis geworden.

Keine Frage: Der Treibhaus-Effekt hat jetzt auch die kanadische Arktis erreicht. Wo gewöhnlich um diese Zeit meterdicke Eisschichten zum Wandern einladen, bilden sich reißende Flüsse. Und das, sagt Pauline Scott von der Nationalpark-Verwaltung in Pangnirtung, kann höllisch gefährlich werden.

Mehrere Touristen mussten seit Beginn der Urlaubssaison aus lebensgefährlichen Situationen gerettet werden: Ein Australier war beim Überqueren eines Flusses im Eis eingebrochen. Eine Kanadierin wurde unverhofft vom Schmelzwasser umzingelt. Drei Tage und Nächte lang war sie verschollen. Dann erst entdeckte ein Hubschrauber-Pilot die verzweifelte Frau.

 „Wer sich in Gletschergebiete begibt, muss damit rechnen, einzusinken“, warnt eine Sprecherin der kanadischen Nationalparks. Doch es droht noch eine andere Gefahr: Ungewöhnlich viele Eisbären streunen diesen Sommer durch die Gletscher-Gebiete des kanadischen Nordens. In der Nähe von Iqaluit haben Polarbären eine Gruppe von Bergarbeitern angefallen. Bei Pangnirtung konnten sich Wanderer vor streunenden Eisbären gerade noch rechtzeitig in Sicherheit bringen.

Wegen der zunehmenden Gefahr durch Polarbären erwägt die kanadische Regierung jetzt eine Sonderregelung für die Besucher der nördlichen Nationalparks: In bestimmten Fällen sollen Gletscher-Wanderer schon bald Schusswaffen mit sich fűhren dürfen.

(Sendung vom 13-8-2001)